"Liebe und Familie sind heute so funktional"

Generation 1975 Sie sind in den siebziger Jahren in der DDR geboren und im wiedervereinigten Deutschland erwachsen geworden. Eine von ihnen: Antje Lüdemann-Dundua, geboren 1978 in Berlin

Für mich ist es selbstverständlich, ein Kind zu haben und in Vollzeit zu arbeiten. In Hamburg aber ist diese Haltung eher die Ausnahme. Wenn ich mein Kind um 18 Uhr aus der Kita abhole, sind nur noch drei Kinder da. Von 300! Andere Mütter fragen mich oft: „Wie machst du das?!“ Das klingt für mich wie: „Liebst du dein Kind wirklich?!“ Da schwingen Vorurteile und Unverständnis mit, manchmal aber auch Bewunderung. Ich habe dann das Gefühl, mich für mein Lebenskonzept rechtfertigen zu müssen. Aber es ist einfach Teil meiner Ost-Sozialisation, dass ich mich beruflich verwirklichen möchte und gleichzeitig meine Kinder großziehe.

./resolveuid/845a4ae1ea6a52ecf99681592c9c1e49In meiner eigenen Kindheit war das so: Meine Eltern haben beide gearbeitet, ich wurde um 7.30 Uhr in den Kindergarten gebracht und um 17 Uhr abgeholt. Eine Familie zu haben, war nichts Besonderes. Sie konnte gut ins Berufsleben integriert werden. Zum Beispiel wurden Kinder wie selbstverständlich zur Weihnachtsfeier in den Betrieb der Eltern eingeladen.

In Hamburg erlebe ich den Nachwuchs der anderen dagegen oft wie eine Art schmückendes Beiwerk. Die Frauen arbeiten halbtags und kümmern sich um alles; die Männer bleiben 14 Stunden im Büro. Wenn man mich bewundernd fragt: „Wie schaffst du das bloß?“, dann finde ich das doof. So besonders ist das nun auch nicht.

Kürzlich ließ die Bundesregierung verlauten: „Mehr Frauen müssen in Führungspositionen“. Die Idee aber war: Wir schaffen mehr Chefs in Teilzeit. Wir brauen aber nicht immer neue Kompromisse, wir brauchen mehr Krippenangebote, mehr Personal für die Kitas, ein flexibleres Umfeld. Warum heißt die Zeit von 16 bis 18 Uhr im Kindergarten „Spätdienst“? Da schwingt doch immer „Zuspätdienst“ mit.

Ich wünsche mir, dass man Familien am Arbeitsplatz mehr entgegenkommt und arbeitenden Eltern spezielle Angebote macht: eine besonders flexible Gleitzeit, mehr Freizeitangebote für Kinder auch am Wochenende, oder statt eines Mama-Kind-Samstags im Sportverein einen Papa-Kind-Samstag.

Überhaupt empfinde ich viele Liebesbeziehungen als funktional und rational. Es wird ständig ver­glichen, wer mehr macht, und hinterher wird auf­gerechnet. Das ist mir fremd. Ich finde, man sollte bereit sein, etwas für den anderen zu tun.

Protokoll: Mikael Krogerus

Antje Lüdemann-Dundua, geboren 1978 in Berlin, arbeitet bei der Hilfsorganisation Plan International und lebt mit ihrer Familie in Hamburg

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