Globaler Bauernhof

Crowdfarming In Schweden hat ein Somali eine App entwickelt, mit der man nicht nur Ziegen in Afrika besitzen, sondern auch die Nomaden dort unterstützen kann

Tiere besitzen in einem Land, das Tausende von Kilometern entfernt liegt? Nach einem Gespräch mit Start-up-Unternehmer Mohamed Jimale klingt das nicht mehr ganz so abwegig. Das liegt auch daran, dass die Geschäftsidee, die er hatte, seinen Kunden nicht nur ermöglicht, über digitale Kanäle eine fast persönliche Beziehung zu ihrem Vieh aufzubauen. Sie unterstützen mit diesem Crowdfarming auch Nomaden in Jimales Herkunftsland Somalia.

der Freitag: Herr Jimale, Sie haben die App Ari.farm gegründet, mit der Kunden auf der ganzen Welt Ziegen und Schafe aus Somalia kaufen und mit ihnen handeln können. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Mohamed Jimale: Ich wollte den somalischen Nomaden helfen und habe darüber nachgedacht, wie das am besten geht. Ich wollte keine NGO gründen, weil es schon so viele gibt. Ich wollte etwas Nachhaltigeres. Außerdem bin ich ein Typ, der Technologie mag. Und dann habe ich geschaut, was die Menschen in Somalia haben. Offensichtlich haben sie Tiere, weil das schon ein großer Markt ist. Dann habe ich mir andere Projekte und Plattformen auf der Welt angeschaut. Letztes Jahr fand ich dieses Unternehmen in Indonesien, das eine Online-Plattform gegründet hat, wo man in Früchte investieren kann. Da bin ich auf die Idee gekommen, dass man das auch mit Tieren machen könnte.

Gibt es anderswo einen ähnlichen Online-Markt mit Tieren?

Nein, nur ein Projekt in Südafrika, aber das ist lokal.

Sie sind selbst als Nomade aufgewachsen. Was war prägend für Sie in dieser Zeit?

Die Hälfte der somalischen Bevölkerung lebt nomadisch. Wir hatten Tiere und sind von einem Ort zum anderen gezogen. Dabei haben wir uns nach dem Niederschlag gerichtet. Das Leben der Nomaden dreht sich viel um die Tiere, wo sie das beste Gras finden und Wasser.

Welche Tiere hatten Sie?

Wir hatten 300 Ziegen, Schafe und Kamele.

Ich schätze, das ist ein sehr mühsames Leben, für Sie aber war das Normalität.

Ja, es ist mühsam, aber auch sehr einfach. Nomaden nutzen, was die Natur ihnen gibt. Wenn es keinen Regen gibt, ist es sehr schwierig.

Haben Sie damals Tiere verkauft?

Ja. Normalerweise tauschen Nomaden ihre Tiere gegen andere Lebensmittel. Ein- oder zweimal im Monat gehen sie zu einem nahe gelegenen Dorf und tauschen. Früher gab es kein Geld. Heute hat man Mobiltelefone, was Geldzahlungen möglich macht. Jetzt gibt es Händler, die die Tiere aufkaufen. Die Tiere werden entweder innerhalb des Landes weiterverkauft und gegessen oder exportiert. Viehwirtschaft ist sehr wichtig in Somalia. Nicht so wichtig wie in Europa, wo ganze Unternehmen Tiere züchten und verkaufen, aber dennoch sehr wichtig.

Sieht man in Somalia auf die Nomaden herab?

Jeder ist von jedem abhängig. Die in den Städten von den Nomaden und andersherum. Wenn die Nomaden keine Tiere haben, haben auch die Stadtbewohner Probleme. Die Nomaden sehen sich selbst nicht als arm oder als untere Klasse. Sie sind sehr stolze Menschen. Sie sehen sich selbst als reich an. Und sie sind auch reich, weil sie viele Tiere haben.

Wann haben Sie das Nomadenleben hinter sich gelassen?

Meine Schwester hat mich mit elf zu meinen Brüdern nach Mogadischu geschickt, weil sie meinte, ich sei schlau. Dort bin ich dann zur Schule gegangen. Nomadenkinder gehen eigentlich nicht zur Schule. Meine Familie ist später nachgekommen.

Zur Person

Mohamed Jimale ist als Nomade in Somalia aufgewachsen. Anders als viele konnte er dort zur Schule gehen und studieren. Als Flüchtling kam er später nach Schweden, um dort zum Pionier des Crowdfarmings zu werden

Foto: Ari.Farm

Gibt es heute weniger Nomaden als früher?

Ja, es gibt eine große Urbanisierungsbewegung in Somalia. Das Leben als Nomade wird immer schwieriger, weil es immer trockener wird.

Und wie ging es mit Ihnen weiter?

Ich habe in Somalia und Indien Informatik studiert. Dann habe ich in Katar als IT-Administrator gearbeitet. Und 2010 bin ich als Flüchtling nach Schweden gekommen. Es gab in dieser Zeit viele somalische Flüchtlinge in Schweden. In Somalia war es sehr gefährlich.

Wie schwierig war es, ein Visum zu bekommen?

Nicht so sehr. Es hat weniger als zwei Monate gedauert.

Und dann haben Sie dort angefangen zu arbeiten?

Ich habe bei kleinen Projekten und Start-ups mitgemacht, weil ich erst mal keinen Job gefunden habe. Dann habe ich für den UNHCR gearbeitet, bis Ende letzten Jahres. Wir haben mit Geflüchteten aus Ostafrika gearbeitet und versucht, deren Route nach Europa nachzuzeichnen. Mitte letzten Jahres habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet.

Ganz alleine?

Ja. Ich habe die Webseite selbst gebaut. Ich habe Programmierer von den Philippinen, die ich bezahle. Ganz am Anfang war ich aber alleine.

Wie hat es angefangen mit dem Unternehmen?

Wir haben eine Farm gegründet, eine kleine, für 400 Tiere. Ich habe dort Leute angeheuert, die Tiere kaufen und mir Fotos schicken. Dann haben wir die App entwickelt. In kurzer Zeit haben wir Hunderte von Tieren verkauft. Wir haben die Farm dann sehr bald wieder geschlossen, weil uns klar wurde, dass das so nicht funktioniert, weil die Leute die Tiere normalerweise nicht nur an einem Ort lassen. Wir haben dann alle Tiere an die Nomaden gegeben.

Haben die Smartphones?

Nein, das müssen sie auch nicht, weil wir Leute anstellen, die die Tiere fotografieren und nach ihnen sehen. Koordinatoren.

Bekommen die Nomaden Geld?

Ja. Wir kaufen die Tiere von den Nomaden und sie kümmern sich für uns um sie. Und dafür werden sie auch bezahlt.

Mit wie vielen arbeiten Sie?

Wir arbeiten mit sechs Familien.

Inwiefern helfen Sie ihnen?

Die, mit denen wir arbeiten, haben ein gutes Leben. Sie müssen nicht verhungern. In Somalia gibt es jetzt ein großes Hungerproblem, vor allem für Nomaden.

Haben die Nomaden derzeit Probleme, ihre Tiere vor Ort zu verkaufen?

Ja, weil sich das Klima verändert. Im Frühling zum Beispiel und im Herbst geht der Preis hoch, da gibt es mehr Nachfrage. Im Winter fällt der Preis und die Nomaden haben Probleme, Kunden zu finden. Die Tiere sind dazu gedacht, gegessen zu werden oder exportiert zu werden. Während der trockenen Phasen sind sie mager und schwach und dann will sie niemand mehr kaufen. Uns können sie die Tiere verkaufen, weil wir sie nicht essen.

Wie haben Sie auf der anderen Seite eine Nachfrage kreiert?

Wir haben eine große Nachfrage. Ich habe die Idee bei unterschiedlichen Start-up-Events präsentiert. Wir wollen eigentlich gar nicht so viel Aufmerksamkeit gerade, weil jetzt Trockenzeit ist. Es ist zu riskant, gerade jetzt Tiere zu kaufen.

Wer kauft die Tiere und wie viele Kunden haben Sie aktuell?

Siebzig Prozent unserer Kunden sind aus Schweden. Insgesamt kommen die Kunden aus 15 unterschiedlichen Ländern. Darunter auch Australien, China und Deutschland. 700 Kunden sind auf unserer Plattform registriert. Die Hälfte besitzt auch Tiere.

Gibt es auch Somalis?

Ja, aber da müssen wir noch ein bisschen mehr machen.

Wie viele Tiere besitzen Kunden normalerweise?

Manche eins und manche 20 Tiere.

Wie lange besitzen die Kunden sie?

Die meisten verkaufen ihre Tiere gar nicht mehr.

Sie mögen sie so sehr?

Ja.

Gibt es auch einen Chat mit den Tieren?

Daran arbeiten wir. Wir versuchen, die Kunden emotional in Verbindung zu setzen mit ihrem Tier.

Jemand in Europa kauft ein Tier, das sehr weit weg in Somalia ist. Warum macht man das?

Erstens sehen sie das als Investitionsmöglichkeit. Heute kann man Aktien kaufen oder in andere Dinge investieren. Man kann auch in Tierbestand investieren. Zweitens wollen viele unserer Kunden etwas auf der Welt verändern. Den Nomaden helfen. Sie spenden kein Geld, sie investieren.

Wem gehören die Tiere am Ende?

Sie bleiben bei den Nomaden, aber sie gehören ihnen nicht mehr. Dieses Modell ist übrigens gar nicht neu. In Somalia war es schon immer so, dass Menschen in den Städten Tiere von den Nomaden kauften, die sich dann um die Tiere kümmerten. Was ich gemacht habe, war einfach, das zu digitalisieren und für die Welt zu öffnen.

Können Kunden auch entscheiden, wie oft gefüttert wird?

Nein. Das überlassen wir den Nomaden. Die Tiere wachsen natürlich auf, da greifen wir nicht ein. Aber wenn ein europäischer Kunde sein Tier haben will, kann er kommen und es mitnehmen.

In den Nutzungsbedingungen der App steht, dass es eine Garantieleistung gibt, wenn das Tier stirbt, bevor es die ersten Nachkommen hatte. Oder wenn es nach einem Jahr keine hat. Wie stehen Sie zum Wert des Lebewesens? Wird das Tier zum Objekt?

Glaube ich nicht. Das Tier ist immer noch, wo es vorher war. Es bekommt die Fürsorge, die es braucht. Ihm ist egal, was jemand mit einer App macht. Es bleibt in seiner natürlichen Umgebung. Ich sehe das Tier nicht als Objekt. Aber in Somalia sind Tiere eine Ware. Diese Ware bringe ich online.

Was passiert mit einem Tier, das nach einem Jahr keinen Nachwuchs hat?

Dasselbe, was passieren würde, wenn es den Nomaden gehören würde. Es wird normalerweise auf dem lokalen Markt verkauft, wahrscheinlich, um gegessen zu werden. In Somalia werden Tiere nicht gequält. Darauf bin ich sehr stolz. In Europa passiert das.

Hier gibt es Haustiere und die Besitzer posten Bilder im Internet.

Denken Sie mal an die Katzen und Hunde. Wollen die wirklich im Haus leben? Haben wir sie gefragt? Das Problem ist nicht, ein Bild von einem Tier zu posten. Das Problem ist, wenn jemand tausend Kühe in einer Fabrik einsperrt. Das gibt es nicht in Somalia.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich möchte einen Schritt weiterdenken und einen größeren Markt erschließen. Ich möchte eine noch größere Zahl von Nomaden unterstützen, damit weniger Menschen hungern. Außerdem soll sichergestellt werden, dass der Markt das gesamte Jahr über funktioniert. Ich sehe diese Plattform auch als globales Projekt, wo Farmer in anderen Ländern ihre Tiere verkaufen können.

06:00 05.07.2017

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