Sarah Rudolph
12.08.2011 | 17:30 10

"Die Debatte erreicht ein anderes Niveau"

Deutsche Slutwalks Künstlerin Ulrike Rosenbach, die sich seit den Siebziger Jahren mit dem Bild des Frauenkörpers in der Öffentlichkeit beschäftigt, sieht in den Slutwalks eine Chance

Seit Wochen gibt es Diskussionen, Streits und Gespräche über sogenannte Slutwalks (Schlampenmärsche), neue Ansichten und alte Reflexe wurden ausgetauscht, viele Fragen konnten noch nicht abschließend geklärt werden. Am morgigen Samstag nun ist es soweit: Slutwalks werden durch verschiedene deutsche Städte ziehen. Geplant sind die Demonstrationen gegen Vergewaltigungsmythen und Victimblaming unter anderem in Berlin, Bremen, Frankfurt, Hamburg, Köln, Leipzig, München, Stuttgart und den Ruhrgebiet. Der Großteil der Demonstrationen startet um 15 Uhr, in Berlin ist der Startpunkt am Wittenbergplatz. Alle Orte, Treffpunkte und Zeiten, genauere Informationen und Links finden sich auf der Übersichtsseite zum SlutwalkUnited.

Viel wurde über Sinn und Unsinn eines solchen "Schlampenspaziergangs" gesprochen. Die Künstlerin und Professorin für Medienkunst Ulrike Rosenbach hält dies "für eine sehr spaßige Form des Protests, die die ganze Debatte auf ein anderes Niveau bringt", sagte sie dem Freitag. Rosenbach, geboren 1943, beschäftigt sich seit den siebziger Jahren mit dem Bild des Frauenkörpers in der Öffentlichkeit. "Das enthebt das ganze der Agitation, wie sie in den Siebziger Jahren üblich war. Dieses Konzept 'Mein Körper gehört mir und ich kann damit machen was ich will' stammt ja aus der Girlie-Bewegung in den neunziger Jahren und darauf scheint auch dieser Protest zu beruhen. Unsere Gesellschaft ist so konditioniert, dass den Körper zu zeigen immer auch sexuelle Bereitschaft signalisiert. Eine Bewusstmachung und vielleicht auch Dekonditionierung zu erreichen, wäre doch ein tolles Ziel, das auch erreicht werden kann.”

Sicher ist: Ein Slutwalk kann keine Lösung sein, sondern nur einen Stein ins Rollen bringen. Was sich daraus dann ergibt, wird sich zeigen, offenbar ist jedoch, dass bisher ein recht einseitiges Bild von Zielen und Form des Protestes gezeichnet wird. Ein großer Teil der Debatten, auch beim Freitag offenbart, dass vielen bis jetzt nicht klar ist, wofür konkret die Demonstranten und Demonstrantinnen auf die Straße gehen.

Das liegt zu einem großen Teil an der bisherigen Berichterstattung. Sieht man fast ausschließlich Bilder von halbnackten Frauen, ist es leicht zu denken, dass es in erster Linie um ein Recht auf Sexyness geht. Doch statt einem “Walk” von Schlampen, leichtbekleideter Frauen mit "loser Sexualmoral", handelt es sich vielmehr um eine Demonstration, die sich auf das Konzept der Schlampe bezieht, darauf, dass Frauen als solche gebrandmarkt werden. Es gibt weder eine Kleiderordnung, noch werden ausschließlich junge Frauen angesprochen. Auch Männer sind nicht nur erlaubt, sondern eindeutig erwünscht, ist es doch auch in ihrem Sinne, nicht nur auf triebgesteuerte Tiere reduziert zu werden, die “gar nicht anders können”, als sich auf leichtbekleidete Frauen zu stürzen. So sind die Demonstrationen, die im April in Toronto ihren Anfang genommen haben und seit dem in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt stattfanden, genau so bunt, wie jeder andere, zu jedem anderen Thema, mit Teilnehmern in Alltagskleidung und Slogans auf Protestplakaten.

Rosenbach hält die einseitige mediale Darstellung für ganz normal: “Natürlich stürzen sich die Medien weniger auf die Inhalte als eben auf das gebrochene Tabu und zeigen vor allem Bilder von leichtbekleideten 'Schlampen'.”
Ob das nicht dem ganzen Protest schadet? "Dass es als billige Provokation missverstanden wird und somit vielleicht sinnlos ist, ist natürlich immer die Gefahr." Auch daran ist in ihren Augen die Wertekonditionierung schuld. Davon solle sich aber niemand vom Demonstrieren abhalten lassen: “Wenn die Teilnehmerinnen Spaß an der Sache haben, es also einen inneren Wert hat, dann ist es richtig das zu tun.”

Kommentare (10)

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karlitos 12.08.2011 | 21:48

hahaha, wirklich niedlich dieses vermeintliche aufbegehren und das aufblasen von wasserbomben zu heißluftballons... könnte es sein, dass die berichterstattung und insgesamte wahrnehmung von dem event und den dahinterstehenden motiven sich so oberflächlich darstellt wie sie meinen, weil das angeblich hintergründige problem gar nicht existiert? gerne zugegebenermaßen gab es auch in meinem umfeld an der schule und sogar an der uni menschen, die leichtfertig den begriff schlampen (oder derbere ausdrücke) benutzten. dieses allerdings als eine vermeintlich zu geringe wertschätzung von frauen im allgemeinen zu bezeichnen ist grober unfug. vielmehr ist es proletischer ausdruck von unsicherheit, unkanalisierter und unreflektierter geilheit aufgrund der fortschreitenden pornographisierung der medien, oder einfach nur ausdruck einer persönlichen fixierung auf sexualität beim umgang mit frauen aus welchem grund auch immer.

wo in der westlichen gesellschaft sehen sie bitte eine tatsächlichen tendenz zur allgemeinen herabwertung von frauen als schlampen???

Witzig finde ich, dass ausgerechnet aus der Ecke, aus der Männer immer als triebgesteuerte Tiere reduziert zu werden, die “gar nicht anders können” bezeichnet werden, die Aufforderung kommt, sich mit den Feministinnen gemein zu machen, um diesem Stempel zu entgehen...

"Unsere Gesellschaft ist so konditioniert, dass den Körper zu zeigen immer auch sexuelle Bereitschaft signalisiert."

Frage: Plädieren sie für FKK im urbanen Raum oder stört sie etwas an der natürlichen Sexualität, die bei den meisten eher durch nackte Haut, als durch viel und Silhouettenverschleiernde Bekleidung angeregt wird? Wird das Baden im Bikin anstatt in voller Jeansmontur tatsächlich gesellschaftlich als Zeichen sexueller Bereitschaft (abgesehen von vielleicht muslimischen Menschen) betrachtet?

"Eine Bewusstmachung und vielleicht auch Dekonditionierung zu erreichen, wäre doch ein tolles Ziel, das auch erreicht werden kann.”

Was dient denn besser der dekonditionierung als die überreizung durch fortschreitende pornographisierung der gesellschaft. ein slutwalk mit vielen sexuellen anreizen scheint in dieser hinsicht logisch, allerdings würde ich sagen... you are a little late to the party!

"([...] und zeigen vor allem Bilder von leichtbekleideten 'Schlampen'.” Ob das nicht dem ganzen Protest schadet? "Dass es als billige Provokation missverstanden wird und somit vielleicht sinnlos ist, ist natürlich immer die Gefahr." Auch daran ist in ihren Augen die Wertekonditionierung schuld. Davon solle sich aber niemand vom Demonstrieren abhalten lassen: “Wenn die Teilnehmerinnen Spaß an der Sache haben, es also einen inneren Wert hat, dann ist es richtig das zu tun.”)"

verstehe ich das richtig?:

sie finden die pornographisierung der gesellschaft und deren - nach ihrer Auffassung - Wirkung zur herabstufung von Frauen als Schlampen anstößig und versuchen nun dem problem damit beizukommen, sich als schlampe zu verkleiden, damit der von ihnen kritisierten wertekonditionierung 'verkleideter weise' zu entsprechen, und obendrauf zu argumentieren, dass wenn man spaß dabei hat, als schlampe durch die gegend zu laufen, dann haben wir unseren zweck schon erfüllt....!?!?

cool

luggi 13.08.2011 | 00:46

liebe leelah,
ich würde die Aussage,
"Unsere Gesellschaft ist so konditioniert, dass den Körper zu zeigen immer auch sexuelle Bereitschaft signalisiert. "
und andere Statements mal überdenken.

Ja himmelsherrgottssakrament, das sind doch primitive Busch- und Stammtischparolen.

“Wenn die Teilnehmerinnen Spaß an der Sache haben, es also einen inneren Wert hat, dann ist es richtig das zu tun.” Dem ist an belehrenden Worten nichts mehr hinzuzufügen.

Angelia 13.08.2011 | 01:52

Eine spaßige Form des Protestes...hmm.. Jedenfalls ist es gewagt ein ernsthaftes Anliegen, wie das gegen Vergewaltigungen, in eine spaßige Form bringen zu wollen. Darum geht es doch primär. Also um sexuelle Gewalt. Wie man sich kleidet, bzw. stylt und somit u.a. seine Persönlichkeit ausdrückt, ist sekundär. Künstlerisch betrachtet mag der Slutwalk megakreativ sein. Und lustig. Aber Vergewaltigungen und sexuelle Belästigungen kommen zwar gelegentlich auch auf Karnevalsveranstaltungen, oder wie bei uns vor ein paar Wochen in unserer zur Partymeile heruntergekommenen Altstadt vor. Aber eine Vergewaltigung ist für die Betroffenen weder eine lustige und spaßige Angelegenheit, noch hat es etwas mit Kunst und Kreativität zu tun.

Eigentlich hat das Thema slutwalk nicht das Geringste mit Vergewaltigungen zu tun. Es scheint doch mehr darum zu gehen, das einige Frauen ihr ohnehin vorhandenes Recht auf das Ausleben ihrer fassettenreichen, eben nicht asexuellen Persönlichkeit, bis hin zur Kleiderwahl noch mal in Erinnerung bringen wollen. Und zwar ohne dafür schief angeguckt, sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu werden.... Der Schlampenspaziergang ist aber ursprünglich als politisches und nicht als künstlerisches Projekt gedacht gewesen.

Das Kunst auch politisch sein kann, ist klar. Nur, mit der Kunst ist das so eine Sache. Oder auch so eine Sache geworden. Kunst kommt heute nicht mehr von Können. Kunst ist weitestgehend kommerzialisiert, wird konsumiert, wie ein ekeliger Hamburger runtergeschlungen und eine künstlerische Botschaft muss sich erst mal durch den ganzen Schund durchwühlen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das Groteske, das Erschütternde, das Ästhetische, das Skurrile, das Leise, das Billige, das Alberne, das Lustige, das Ernsthafte, das Leichte, das Schmerzhafte, Lustvolle usw. kreativ so zu transportieren, dass es auch politisch verstanden und angenommen wird, dass ist eine sehr hohe Kunst und ich meine, man sollte den Slutwalkerinnen diese Bürde nicht auch noch aufhalsen.

Sie haben m.E. schon genug mit sich und ihrem selbst gesetzten Ziel zu tun. Sie sollen experimentieren, sich ausprobieren und dann schauen, wie es ihnen damit geht, ob sie was und was sie erreicht haben. Dem Satz: “Wenn die Teilnehmerinnen Spaß an der Sache haben, es also einen inneren Wert (für sie) hat, dann ist es richtig das zu tun.” kann ich jedenfalls zustimmen.

Angelia 13.08.2011 | 02:04

übrigens... als Existienzialistin möchte ich nur mal drauf hinweisen, dass Freiheit nicht nur bedeutet alles tun und lassen zu können was man will. Man trägt nicht nur die Verantwortung für sich, sondern meistens auch die Konsequenzen des eigenen Handelns.

Jedenfalls würde ich meiner Tochter immer raten gut auf sich aufzupassen und sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben. Da können die Slutwalkerinnen noch so sehr auf ihr Recht pochen. Mütter fahren morgens in der Zone 30 vor der Schule auch meistens 50km/h. Und das obwohl ihre Kinder ein Recht auf Rücksichtsichtnahme haben.

kamunar 13.08.2011 | 23:38

@ karlitos:

"Wird das Baden im Bikin anstatt in voller Jeansmontur tatsächlich gesellschaftlich als Zeichen sexueller Bereitschaft (abgesehen von vielleicht muslimischen Menschen) betrachtet?"

weiß ich nicht.

wird das herum laufen oben ohne allgemein als solche betrachtet?

wird da ein unterschied gemacht, zwischen einem mann, der oben ohne herum läuft und zwischen einer frau, die oben ohne herum läuft?

falls ja, warum?

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karlitos 14.08.2011 | 03:15

hä?
verstehe nicht, worauf sie hinauswollen...

nur zur aufhellung meiner intention beim kommenter:

"wird baden im bikini..." - nach meiner auffassung unserer gesellschaft (mittlerweile muß man leider hinzufügen - außer bestimmter gruppen) nicht.

"wird das herum laufen oben ohne allgemein als solche betrachtet?" - wer läuft oben ohne irgendwo rum außer am strand oder im rotlichtmilieu... was wollen sie sagen?

"wird ein unterschied zwischen mann und frau gemacht" - hm, sicherlich ist die blanke brust einer frau eher zu sexueller reizung fähig als die männliche, warum tragen männer sonst keine bikinis - sind es nur praktische gründe (stichwort sport-bh)?

kamunar 14.08.2011 | 20:39

also, wenn ich mir meine brust ansehe, dann fühle ich mich nicht gereizt. und wenn ich oben ohne herum laufe, dann tue ich das nicht, um andere zu reizen. ich trage übrigens nie bh und gerade im sommer sieht man doch auch männer oben ohne z.b. in der stadt auf der wiese liegen. da gaffen keine frauen auf die männerbrust, pfeifen dem kerl auch nicht hinterher und anfassen sowieso nicht. mache ich das, dann ist es im "glücklichsten" fall gaffen und blöde sprüche.

das stört mich und ich hätte gerne, dass männer sich dessen bewusst werden, dass dieses "aufreizend" in ihrem kopf statt findet - sie finden es aufreizend, ich nicht und es ist von mir auch nicht so beabsichtig.

und um das klar zu machen finden gerade slutwalks statt, nach dem motto, gewöhn dich dran, halbnackte, nackte, "schlampenhaft gekleidete" zu sehen und lern dich angemessen zu verhalten.