Der Sun Ra aus Manchester

Pop Mit Mouse on Mars hat der Mann, der The Fall war, nicht nur Musik gemacht. Persönliche Erinnerungen an Mark E. Smith von Andi Toma und Jan St. Werner. Ein Rough Mix

Mark E. Smith, Sänger der britischen Band The Fall, ist am 24. Januar dieses Jahres mit nur 60 Jahren gestorben. 2004 veröffentlichte Smith zusammen mit Andi Toma und Jan St. Werner von Mouse on Mars die 12″-Single "Wipe that Sound"/"Cut the Gain" auf dem Kölner sonig-Label. 2007 folgte – ebenfalls auf sonig und jetzt unter dem Namen von Südenfed – das Album Tromatic Reflexxions. Wir haben Mouse on Mars gebeten, uns über ihre Freundschaft mit Smith und die Arbeit mit dem Lieblingskünstler von John Peel – keine andere Band hat je mehr Peel Seesions eingespielt als The Fall – zu erzählen. Was folgt ist das fast ungeschnittene Protokoll eines Treffens in Berlin-Kreuzberg, nur wenige Tage nach Smiths Tod.

Geschichte wird gemacht

Jan St. Werner: Es ist eine eigenartige Zeit, weil jetzt Geschichte formuliert wird. Aus allen möglichen Richtungen. Und da setzt sich dann so eine Geschichte zusammen, ein paar Perspektiven setzen sich durch. Ich weiß nicht, nach welchen Algorithmen das passiert. Die Sachen, die am meisten wiederholt werden, die Klischees, die man schon vorher hatte, die dann noch einmal aus irgendwelchen Richtungen bestätigt werden? Oder nochmal so die ganz andere Sicht, die sich dann am Ende nach vorne schiebt? Ich weiß es nicht. Da gibt es so Zyklen. Ich hab mich gestern mit jemandem unterhalten drüber, wie schnell so etwas zum Ereignis wird und wie schnell es dann wieder weg ist. Ich hab aber das Gefühl, dass es mit Mark insofern anders ist, als dass wir die letzten Jahre gelernt haben, dass Figuren aus dieser Popwelt, doch irgendwie sterben können. Das hat man ein bisschen gelernt jetzt. Also bei manchen denkt man, die werden niemals abtreten, wie U2 oder die Rolling Stones. Die können das irgendwie nicht, obwohl man von denen definitiv genug abbekommen hat. Bei Mark dachte man, der will das einfach nicht, der spielt das Spiel der Sterblichkeit nicht, gerade, weil er dem Zerfall so nahe stand. Und das war meine erste Reaktion jetzt: das macht der nicht wirklich, das ist eine Falschinformation. Irgendwie hat mich das echt irritiert, weil wir das irgendwie schon dachten, dass es schwierig wird, wenn er Ellie nicht mehr um sich hat, seine Frau. Kann ich das so sagen, Andi?

Andi Toma: Ja, kannst Du.

JSW: Oder?

AT: Ja

JSW: Es steht uns doch zu zu, oder? Es war doch wohl offensichtlich, dass Ellie nicht mehr auf der Bühne steht und irgend so eine andere Person da den Mark fast schon mit so einer Geste des Wahnsinns auf die Bühne schubst.

Andi Toma lacht auf. Mark Edward Smith, geboren am 5. März 1967 in Broughton in der Grafschaft Lancashire im Nordwesten Englands, war in seinem Leben drei Mal verheiratet. 2001 heiratete Smith Elena Poulou, die 2002 bei The Fall einstieg. 2016 trennte sich das Paar. Zuletzt war Smith mit der Managerin der Band, Pamela Vander liiert.

JSW: Ich meine, Mark wollte auf die Bühne, es ist sein Ding halt, er war ja auch ein Performer und er hat ja auch im Leben immer performt. Dieses Spiel mit Wirklichkeit und Authentizität. Was erwartet man von ihm? Und wie reagiert er da drauf? Oder: Was erwartet man überhaupt von anderen Menschen in diesem täglichen Miteinander? Er hat das ja ständig gebrochen, hat sich immer auch gegen diese Regeln verhalten irgendwie. So ein paar Grundsätze hatte er auf jeden Fall. Also wir haben das gedacht, wir haben damit irgendwie gerechnet. Ganz komisch.

AT: Ja klar. Also irgendwo in meinem Hinterkopf hab ich mir überlegt, der Mark kommt da wieder raus, er ist ja aus so vielen Geschichten, die wir nicht überlebt hätten, die wir uns gar nicht vorstellen können, zu meistern, immer wieder rausgekommen, irgendwie hat er es doch immer wieder geschafft. Aber es hat sich jetzt ja, also aus gesundheitlicher Sicht so zugespitzt, dass es schon zu erwarten war, dass er das nicht schafft. Ich fand halt auch wahnsinnig beeindruckend, dass er trotz seines schlechten Zustandes auf der Bühne performt hat. Also das letzte, was ich dann gesehen hab, war das mit dem Rollstuhl, festgebunden, was mich extrem beeindruckt hat. Weil eigentlich ist er ja sehr eitel, aber dass er sich dann doch so präsentiert hat. Na ja, es war halt auch sein Leben, das war halt auch sehr wichtig, die Performance.

JSW: Also irre ist eigentlich die Stimme von Mark, dadurch transzendiert sich eigentlich alles. Er hatte zwar so einen Style. Wie Andi schon sagt, er war auch echt eitel. Und er hat auch bei uns immer drauf geachtet, wie wir angezogen sind, aber eigentlich war’s die Stimme, die alles gerechtfertigt hat, jedes Verhalten, jede Geste, jede Form von Erscheinungen, zum Teil war es ja auch nicht so schön, womit man da manchmal umgehen musste. Teils absichtlich provokativ, teils nicht. Aber das Schöne war, also die Stimme, auch noch am Schluss, hatte diese unfassbare Power.

AT: Ja, das hat mich auch weggehauen.

JSW: Und das war halt, was ich glaube, warum das echt funktioniert hat, also da ging es echt um Sound und da ging es gar nicht drum, wie man jetzt so aussieht oder wo man herkommt, ob man jetzt wirklich cool ist. Ich mein, wir haben den Mark nie verstanden. Er hat auch uns nie verstanden.

AT (lacht): Ja ich musste öfters mal nachfragen

In welchen Situationen kam es denn zu Verständnisproblemen ?

AT: Das ist halt sein Slang. Ich hab ja eine Produktion, ich habe ja damals hier eine The Fall-Platte produziert. Nach ein paar Wochen dauerhafter Kommunikationsversuche, da kommt man da so langsam rein. Man weißt dann schon so eher, was so im Detail gemeint ist.

Mit The Fall hat Mark E. Smith von 1979 bis 2017 32 LPs aufgenommen, dutzende Liveaufnahmen, offiziell und inoffiziell, existieren, 24 Peel-Sessions nahm die Band auf. 2007 war Andi Toma einer der Produzenten des 26. Studioalbums von The Fall. Ende April 2008 erschien Imperial Wax Solvent auf dem britischen Label Castle.

JSW: Ich meine aber auch mit „verstanden“ auch so, eher so ...

AT: … auch jetzt inhaltlich, ja, Wobei, ich hatte jetzt schon das Gefühl, so als Person…

JSW: ... ja, der hatte Dich wahnsinnig lieb, der mochte Dich. Der mochte uns. Aber bei Mark und mir, da hat der immer gelacht, ich hab da manchmal was nicht verstanden und ich hab's halt wiederholt, da hat er sich totgelacht. Manchmal war auch irgendwas, die Situation sollte kontrovers sein und die ist so an uns komplett vorbeigezischt. Oder wir wollten irgendwas und er wusste irgendwie nicht was wir meinen, aber es war auch irgendwie okay, es war eine interessante Begegnung und ich glaube, dass das so der Sound war.

"Und Ellie ist jetzt einfach in Manchester zusammen mit Mark"

Wie war die musikalische Zusammenarbeit?

AT: Also rein auf unsere Arbeit, musikalische Arbeit bezogen, war er, würde ich mal sagen, 100%. Man brauchte gar nicht diese Kommunikationen über Details, weil, wir haben im Prinzip unser Ding gemacht. Und Mark hatte halt ein außergewöhnliches Gefühl für Timing. Wir haben dem ein paar Mikrofone an alle möglichen Ecken hingestellt und gesagt: wir machen so einfach. Und dann, wenn er soweit ist, nimmt er sich ein Mikrofon und es war auch immer so, dass halt in einem bestimmten Moment, dass er dann gesagt hat: so, jetzt will er was machen. Und es hat auch sofort immer gesessen, wir haben nicht einmal einen Take gehabt, den er nochmal gesungen hat. Das sind alles nur die Takes, der Gesang ist eins zu eins. Den haben wir natürlich teilweise auch editiert bei ein paar Sachen.

JSW: Aber auch bei The Fall meinst Du jetzt, als Du produziert hast.

AT: Ne.

JSW: Bei von Südenfed meinst Du. Von Südenfed war eh phänomenal, weil er, ja, eigentlich Angst hatte, daß heißt, er hat dem Computer nicht getraut. Er wollte immer, dass wir das backupen, also sofort auf Kassette ziehen, dann ist es sicher so

AT: Der hat auch manchmal so gesagt: "Put this down" oder so was, und hat das dann auch auf seinen Kassettenrecorder, wo er immer seinen Text rein gesprochen hat, wo er so Notizen gemacht hat, aufgenommen.

Der hatte so ein Diktiergerät?

AT: Jaja, er hätte das auch auf Platte so gepresst. Über so’n Diktaphon. Es war auch letztendlich so, dass er dann dummerweise den Rechner berührt hat, so dass wirklich alle Informationen weg waren, das war dann letztendlich auch passiert. Die Platte ist zu 90% die Rough-Mixe, die wir so zwischendurch gemacht haben.

Ihr habt 2004 zum ersten Mal zusammen aufgenommen, aber Ihr kanntet Euch schon länger, oder?

JSW: Also es ist so: Die Geschichte des ganzen beginnt in Köln irgendwann in den Neunzigerjahren. Wo Mark sehr viel mit Tommy, DJ Lobotomy, der lebt jetzt auch schon lange in Berlin und legt hier auf, der 'ne Riesen Plattensammlung hatte, und wir haben im gleichen Haus gewohnt, zu tun hatte. Tommy, Ellie und Danuta , die hatten so ne Dreier-WG und da war eigentlich immer 24 Stunden Aktivität. Und ich hab drüber gewohnt. Und ich war so für mich, eher so der Bedroom Producer aber ich hab auch mit denen mal aufgenommen oder denen geholfen, die hatten so eine Punkband, die Zen-Faschisten. Das war sehr angenehm, weil ich gerne mittendrin bin, aber dann finde ich es auch gut, wenn ich einen Rückzugsort hab. Und das war eigentlich auch so. Ich bin dann halt mal runter und immer war einer wach oder Alec Empire war da und Mark E. Smith ist dann auch mit Tommy rumgezogen, wenn der in Berlin war. Und damals ging schon diese Verbindung zu Ellie los und er hat wirklich um sie geworben und hat sie dann auch nach langen Jahren des Werbens für sich gewinnen können. Und dann, so Anfang der Zweitausender war klar, Ellie und Mark, die sind jetzt ein Paar. Und ja, das war schon alles völlig irre und Ellie zieht nach Manchester und dann war dann eh schon die Veränderung und Tommy war schon in Berlin und Danuta glaub ich auch und das war dann halt diese neue Konstellation und Ellie ist jetzt einfach in Manchester zusammen mit Mark. Irgendwann kamen die zusammen zu einem Gig von uns in London, der Laden hieß, glaub ich, The End, kann das sein? Ich kann mich erinnern, dass die so einen Riesen Speaker hatten am Ende von so einem Korridor...

AT: ... ja, das waren diese... Dingsda-One

JSW: Und ich kann mich noch erinnern, dass Four Tet gespielt hat, was Mark weniger interessierte, und bei uns ging er irgendwie ab. Der kannte so Sachen von uns und für ihn war das immer so lustige Robotermusik die wir machen und bei dem Gig da war aber in ihm ein Feuer entfacht worden und er meinte, wir bleiben da jetzt mal dran und wir haben nur gedacht der quatscht halt, ja, und dann meinte er das halt ernst. Und dann lief es über Ellie, die das eigentlich auch die Jahre danach sehr liebevoll und sehr elegant zusammengehalten hat, dass das funktioniert hat. Nicht nur Von Südenfed, vor allem auch The Fall. Es ist ja auch mit uns nicht immer so einfach dass es dann, also ja dass es dann so läuft. Wir beide wir arbeiten ja schon so ewig zusammen aber es ist auch nicht so dass man mit uns dann auch in der Konstellation immer jeder so klar kommt. Manche Leute denken, wir veräppeln sie oder wir meinen es nicht ernst und Andi verschwindet ja auch öfter mal. Ellie kannte uns ja schon lange und sie kannte auch Mark und sie wußte, wenn die jetzt wirklich zusammen was machen wollen, dann muss man das irgendwie so und so arrangieren. Und dann kam Mark nach Düsseldorf, da war er auf Tour mit The Fall, zu uns ins Studio und da haben wir eigentlich direkt eine Session gemacht und aufgenommen und das funktionierte. Wir haben aus diesem Session-Material Grundlagen für Stücke entwickelt. Dann kam Mark wieder und wir haben die Songs umgebaut und dann ging das so Stück für Stück. Und das war auch irgendwie echt , was soll man sagen, das war auch so eine Reise, eine psychologische Reise, ich hab keine Ahnung, das war eine sehr spezielle Zeit, ich kam früh ins Studio und ich hab erzählt, ich hab so intensiv geträumt, ich wollte unbedingt mal DJ sein und hatte diesen Club gebucht, für viel Geld hab ich den Club gebucht und dann kommt so ein DJ und die Veranstalter sagen: Das ist der DJ und dann sage ich, ne, das bin doch ich, und dann sagen die ne ne, Du hast den Club gebucht aber der DJ ist immer der gleiche hier. Wir haben einen und der macht das. Und dann bin ich so ausgeflippt, dass ich den ganzen Club geflutet hab und das hab ich dem Mark erzählt und der hat sich echt so abgelacht über diesen Traum...

Jetzt lacht sich Andi Toma ab

JSW: ...weil für den war das also 'ne Metapher, dass ich ins Bett gepinkelt hab und überhaupt dass man so eine Verlierer ist, das fand der total genial.

AT: Und dann hat der gefragt: What's a German DJ name?

JSW: ...und dann haben wir gesagt Sven Väth. Und Mark sagt, das gibt's doch nicht.

AT: Da war der Damm gebrochen, da hat der nur noch abgeschrien

JSW: Sven Farth

AT: This is fucking bad

Mouse on Mars sind Jan St. Werner und Andi Toma. Seit 1993 machen sie gemeinsam expirimentelle elektronische Musik. 1997 gründete man mit dem Kölner Autor und Musiker Frank Dommert das sonig -Label. 2004 kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Fall-Sänger Mark E. Smith, 2007 erschien unter dem Namen von Südenfed das gemeinsame Album Tromatic Reflexxions. Für April 2018 ist mit Dimensional People (Thrill Jockey) ein neues Mouse on Mars-Album angekündigt.

AT: Aber so gesehen, also auch für die Themen, der hat auch immer so nachgefragt, So'n bisschen wie diese arabischen Sänger die so ihre Leute ins Publikum schicken und die Leute zu fragen und der lässt sich das dann bringen und er setzt das dann um. Diese Hochzeitssänger dort.

Ein surrealistischer Salon

JSW: Eines Tages, der war mit Ellie im Zoo und wir haben an der Platte gearbeitet und dann kam der zurück und wir wollten was aufnehmen und dann meinte er, nimm mal auf: Das Rhinozeros hat ein goldenes Kettchen um.

AT: A Nickel neckless.

Andi Toma singt: "The Rhino …"

JSW: Das war das Fazit des Tages, „The Rhino had a nickel necklace“ Und das war alles, dann nur noch so'n bisschen bab bab babab, fertig war der Song.

AT: Ja, wir hatten eigentlich nur so’n Groove.

JSW: Wir hatten gar nichts und dann hat Andi komplett so eine ganze Welt da drum gebaut. Ich hab bei dem Lied nicht viel gemacht. Also ein paar Sequenzen vielleicht.

AT: Das war der Song und der ganz letzte Song, wo er irgendwie über seine gestorbenen Freunde – da war er auch irgendwie sehr melancholisch, der hatte keine Power – und ich hatte diesen eigentlich sehr lieblichen Juju Song mit Gitarren und den fand er super gut.

JSW: Den hatten wir ein bisschen vorbereitet, weil der ist aus einer Acid-Line entstanden.

AT: Ja genau.

JSW: So’n Soca Beat. Und das hatte ich nämlich gemacht und du hast dann diese Gitarre draufgespielt und er ist auf diese Gitarre abgegangen und dann habt ihr dieses Juju-Lied, dieses traurige Lied gemacht und ich weiß noch, ich kam irgendwann wieder rein und dachte, was ist denn jetzt, wir wollten doch so’n Soca-Lied machen mit so geilen Tk- Tk-K- Beats und so und dann hatten die noch die Konversation zwischen Mark und Andi, wo Mark irgendwie im Aufnahmeraum ist und Andi noch das Studio staubsaugt. Da war so ein Staubsauger.

AT: Ne, wir haben über die Situation bei ihm zu Hause geredet.

JSW: Die Handwerker!

AT: Ja, da waren immer so polnische Handwerker und dann kam er halt auf die Idee, das wie so’n Hörspiel zu machen und dann hab ich halt diesen Rasenmäher-Sound gehabt, den hatte ich irgendwie da liegen, und dann haben wir dann die Konversation so aus Spaß geführt, also er war dann derjenige, der gefragt hat "Wer issen dein Chef?" und dann hat er mir immer so’n Text, den ich sagen sollte, zugeflüstert, aber ich wusste überhaupt nicht, worum es geht und er hat sich auch kaputtgelacht. Der hat dann Sachen auch so auf seine Art inszeniert.

JSW: Es war ein surrealistischer Salon und es waren eigentlich auch immer so Séancen mit Mark, und es wurde immer was heraufbeschworen. Irgendwie so Kräfte. Und das absurde – was in unserer Welt irgendwie auch Alltag ist – hat Mark überhaupt nicht irritiert. Da hat der immer noch einen draufgesetzt.

AT: Das hatte so was Schamanistisches auch, so wie er seine Stimme timed, also das Timing von seinem gesamten Gesang, seiner Sprache, das war immer unglaublich auf den Punkt. Finde ich.

JSW: Der Mark war die ganze Zeit eigentlich gechannelt. Der hat eigentlich immer darauf gewartet, dass irgendwas reinhaut. Der konnte auch ganz lange nichts machen. Der saß eigentlich einfach nur da bei 'nem Bier, nichtstuend. Und wir kamen zu ihm und fragten: Mark, sollen wir dir noch was bringen, willst Du was trinken? Wir sind hier noch am Arbeiten. Es dauert noch. Und er so: Macht dein Ding. Lass mich. Passt schon. Und irgendwann steht er so auf und (pfeift). Er hat ja immer so komisch gepfiffen (eher ein Zischen).

AT: Eigentlich jedes S-Geräusch war ein Pfeiffer

JSW: Ja, der spazierte so rum (pfeifft wieder).

AT: Aber was ich eigentlich erzählen wollte, mit diesem Song: Da war der so melancholisch. Der hatte auch keine Stimme mehr. Die Stimme klang plötzlich so alt, das war echt nicht Mark. Und dann mussten Drogen her und (schnalzt mit dem Finger), der hat irgendwie Drogen genommen und zack, war die Stimme da, wie so jungfräulich.

JSW: Genau umgekehrt wie bei uns wahrscheinlich.

AT: Und der hat dann das genommen und gesungen.

Was hat er genommen?

AT: Amphetamine, Zeugs zum Pushen.

JSW: Ich glaub es ging immer um die Kombination und Timing und so.

AT: Und das war auch was, was Ellie echt sehr gut steuern konnte. Je nachdem wie Mark reagiert hat sie irgendwie wie so’n Gesundheitsmechanismus gut abschätzen können und hat das dann irgendwie so arrangiert, dass dann einfach auf einem guten Level war. Das ist ja auch einfach mit Mark, als sie sich dann getrennt hatten, und das auseinanderging, da hat es ja ein paar Monate nur gebraucht, bis er ganz unten war.

JSW: Ja ganz heimlich haben wir das Gefühl, vielleicht hat er das auch gemacht, weil er auch gar nicht wollte, dass sie dieses Ende miterlebt.

"Eigentlich müsste Ellie die Geschichte schreiben." Elena Poulou und Mark E. Smith 2007 im Hammersmith Palais, London

Foto: Jim Dyson/Getty Images

JSW: Das Blöde ist, dass wir gar nicht wissen, was wir jetzt erzählen sollen. Was uns aber echt am Herzen liegt ist, zu erzählen, wie wichtig Ellie war. Für dieses ganze Fall-Ding, für Mark, für von Südenfed. Die Ellie war irgendwie so eine Magiern, die die Sachen echt auch gut gemanaged hat und Mark gelassen hat und ihm gleichzeitig auch so’n Schub gegeben hat, so dass es auch für ihn weiter ging. Weil der Mark eigentlich immer so drauf war, so wie wir ihn kennengelernt haben, dass eigentlich alles immer ein Neuanfang war. Vergangenheit interessierte eigentlich gar nicht, aber auch nicht wirklich, was so vor einem liegt. Es ging eigentlich immer ums Jetzt und daß es eigentlich ständig jetzt kicken und neu sein muss. Das war natürlich auch toll, so zu denken.

AT: Ich glaub schon so, dass Mark, so wie er Sachen kanalisiert, bestimmte Sachen nicht annahm, nicht arrogant er hat bestimmt auch ein sehr starkes Unterbewusstseins-Ding – und es kann sein, dass er das eigentlich irgendwie so gespürt hat und sich dann … zurückgezogen hat.

JSW: Also er war halt auch schon sehr krank.

AT: Der hatte mehrere komische Attacken, so ein schwarzes Bein.

JSW: Da dachte man immer wieder mal, dass es jetzt vorbei ist.

AT: Bei der Produktion (das Fall-Album), wo ich dachte, das war’s jetzt. Da waren ja auch immer wieder so Sachen.

JSW: Mark bricht sich die Hüfte auf dem Flughafen oder irgendwas.

AT: Ich hab den ins Krankenhaus gebracht. Die wollten nicht in England ins Krankenhaus. Ich hab Mark und Ellie ins Krankenhaus gefahren. Dann hieß es erst mal, er darf nicht rauchen im Zimmer und er darf auch keine Alkoholgetränke haben. Am nächsten Morgen hatte sich Mark im Krankenhaus die Hüfte gebrochen, weil er sich Alkohol und Zigaretten besorgen wollte. Zack, Operation, Hüfte: Er liegt im Bett mit Aschenbecher und seiner Minibar. Weil die vom Krankenhaus haben gesagt, bevor der sich hier noch den Hals bricht, kriegt der halt seine Sachen.

Wann habt Ihr Euch zuletzt getroffen?

JSW: 2016 hatte ich eine Installation im Cornerhouse in Manchester, einer Gallery für zeitgenössische Kunst, Film, Theater. Da habe ich eine Soundinstallation gemacht. Da ging es um einen Meditationsraum und ich hatte Mark gefragt, ob er die Meditation sprechen will. Und da hat er Bock drauf gehabt. Und das ist natürlich eine völlig absurde Meditation, die auch jetzt nicht funktioniert als Beruhigung in dem Sinne. Trotzdem war das toll, es war wie eine Messe, das war so ein ganz weißer Raum, mit einem eigenartigen Schattenspiel an der halbtransparenten Außenwand. Ich hatte den Raum auch gestaltet. Und man konnte da so drinsitzen. Und wir haben dann Session gemacht und auch Sounds, Feedback. Ich hab auch das Tape noch, das er dann immer wieder benutzt hat. Mark war schon ein super Collageur. Also Sprechen, dann plötzlich ein Tape laufen lassen, was dann so mit rein kommt in die Aufnahme ...

AT: ...ja, da ging es um Timing ...

JSW: ... das war hammermäßig, der konnte echt Sound machen. Das Tape hat er mir dann auch geschenkt. Er meinte, ich kann das ruhig rausbringen und die Musik von der Installation, die gibt’s eigentlich auch noch. Aber es war eigentlich eine Mehrkanalgeschichte. Das war, glaub ich, 2016. Da war Mark auch nicht im Rollstuhl. Da war aber auch Mark noch mit Ellie zusammen. Molecular Meditation hieß das.

AT: Mark hatte schon so seine Arbeitsweise. Keine Platte, die wir je gemacht haben, haben wir so schnell gemacht wie diese Platte. Erst einmal weil Mark sehr konzentriert gearbeitete hat. Bei der Platte, die ich mit The Fall gemacht habe, wollte Mark eigentlich mit seiner amerikanischen Band kommen. Die sind aber kurz vor der Studiosession abgesprungen. Und Mark kam ohne Band. Und ohne Songs. Und dann hab ich im Prinzip alle Instrumente gespielt, also von etwa sechs Songs, also im Prinzip alles allein gemacht, damit überhaupt was passiert und dann kam irgendwann der Bassist, dieser ...

JSW: ... Dave.

AT: Genau, Dave, und dann hab ich mit ihm gearbeitet und dann kam der Schlagzeuger der jetzt immer noch dabei ist. Aber da war er eigentlich vollkommen entspannt und irgendwie passiert auch immer wieder was. Und er ist dann so konzentriert und lässt eigentlich die Musik passieren, weil es ihm im Grunde egal ist, was man da für ihn produziert. Es könnte ein Barpianist sein und der singt da drüber, das wäre Mark E. Smith. Es könnte einfach nur ein Klangstück sein oder eine Installation wie bei Jan und es ist er.

Mark E. Smith war Mark E. Smith

The Fall war eigentlich Mark E. Smith?

AT: Das ist komplett nur er.

JSW. Mark E. Smith war er.

AT (lacht): Mark E. Smith war er, ja.

Über 40 Bandmitglieder hat Mark E. Smith in seiner Karriere verschlissen. "Smith betrieb seine Band wie eine kleine Fabrik, er stellte Leute ein und feuerte sie aus einer Laune heraus", schrieb der britische Musikjournalist Dave Simpson unlängst im Freitag: "Fast alle sagten, sie seien an der Erfahrung in der Band gewachsen und die meisten erklärten, sie wären sofort wieder dabei. Mit Sicherheit gilt das nicht für jenen Gitarristen, der preisgab, wie eine komplette Bandbesetzung Smith und seine damals aktuelle Frau sitzen ließ, nachdem er ihrem Busfahrer bei 80 Meilen die Stunde sein Bier über den Kopf geleert hatte. " Auch bei dieser Episode scheinen sich Elena Poulous Qualitäten bestätigt zu haben: "The irony of that whole period is", schreibt Smith in seiner Autobiographie Renegade von 2008, "that Elena, the wife, was more of a man than any of them. That's always been the case. She didn't carve in. She took on a lot after they fucked of with the money, the van and the driver."

AT: Aber die hat er jetzt ziemlich lang gehabt, Dave….

JSW: Eigentlich müsste Ellie die Geschichte schreiben.

AT: Als Ellie dazu kam, ging es auch wieder bergauf. Ja, die hat auch das ganze Business drum herum auch wieder ganz gut in Form gebracht. Und diese letzte Freundin oder Lebensgefährtin: Das hat dann nicht sehr lange gehalten.

Vor ein paar Jahren gab es ein Video, in dem Mark E. Smith, soweit man ihn verstehen kann, etwas abschätzig über syrische Flüchtlinge äußert ...

AT: Jaja, die sollen doch kämpfen, so irgendwie.

Ja, so ein bisschen im Stil des alternden Morrissey

JSW: Sagen wir mal so, was erstaunlich war: Wenn immer man irgendwo hin kam, einen Gig hatte oder auch in den Pub ging, dann war der Mark derjenige, der denen, die da gearbeitet haben, die Hand gegeben hat, sich vorgestellt hat, er kannte die, in Manchester, im Pub , das waren seine Leute. Auch in einem Laden, die Putzfrau, wenn er in einen Club reingeht, der gab die Hand und hat sich vorgestellt. So seine Vorstellung von jemandem der arbeitet, der ein Arbeiter ist, das ist eigentlich für ihn die Realität. Und dass es so eine Realität gibt, in der Menschen gezwungen werden, ihr Land zu verlassen und politischen Umständen zufolge so zu handeln, wie sie nicht handeln wollen, das war für ihn fast so eine Art Unmöglichkeit. Aber das ist natürlich eine gewisse kindliche Betrachtung. Rassistisch? Weiß ich nicht, kann ich nicht sagen, hab ich einfach nie erlebt, oder kam nie vor. Aber gut, wenn Du in Düsseldorf sitzt…

AT: Ich schätz das so ein, dass es keinen rassistischen Hintergrund hatte sondern er einfach davon ausgeht, Du musst halt dafür kämpfen und geradestehen...

JSW: Er war ja auch so , bevor ihn jemand verpflanzt oder ihm jemand was vorschreibt, stirbt er lieber. Ich glaube, so hat er das 1 zu 1 übertragen.

AT: Er hat die Relationen einfach nicht begriffen, was so in einem Land wie Syrien vor sich geht, dass man da schon den Entschluss fasst, sich zu retten

JSW: Das ist sowieso schon so eine Vorstellung, was so ein Flüchtling ist und dass man sich das so hinredet , dass das bei allen die gleiche Biographie hat. Ich mein, der Großteil der Menschen haben ja auch gar keinen Ort mehr, die haben ja gar nichts wofür, wogegen sie kämpfen könnten. Der Mark war ja auch immer wo er war voll da. Wie gesagt, der saß manchmal stundenlang irgendwo und war zufrieden, es war noch nicht einmal so wahnsinnig gemütlich, der hatte ja gepfiffen und geraucht und Bier getrunken. In Düsseldorf hatte der auch so eine Stammkneipe um die Ecke, direkt am ersten Tag war die klar, und der meinte dann immer ich geh mal rüber, wenn ihr mich braucht, holt mich einfach. Er hatte ja auch Arbeitszeiten. Gewerkschaftliche. Der hat sich selbst gewerkschaftlich organisiert.

Hat er sich für Politik interessiert überhaupt?

JSW: Er hat nie diesen Begriff Working Class benutzt, aber der reale, kleine Mann (lacht) sozusagen war für ihn real. Und alles andere..

AT: Ja, es war schwer zu erkennen, was für eine Art Weltsicht er hatte. In politischer Hinsicht oder auf so einer abstrakteren Organisationsebene. Er hatte so schon seine eigene, echt spezielle, sehr spezielle Wahrnehmung. Ich glaub anders gäbe es auch diese Texte nicht. Anders könnst Du’s so nicht schreiben denk ich mir. Er hat sich so was bewahrt, wie auch bei Kindern, die so absurde Verbindungen herstellen mit Sprache, das hatte er dann eigentlich auch noch auf geniale Weise

Seid Ihr, bevor Ihr Mark E. Smith persönlich kanntet, Fans von The Fall gewesen? Also war The Fall irgendwie wichtig für euch?

Beide:

JSW: Also das fand man schon cool.

AT: Naja, auch noch jetzt nicht so wirklich.

JSW: Naja, sagen wir es mal so, auf ne Art war der Mark, der war immer für uns so ein bisschen sowie der Sun Ra aus Manchester, und The Fall war so wie das Arkestra, wo man auch nicht immer wusste, wer spielt denn da überhaupt mit jetzt, und wie viele sind da jetzt überhaupt drin. So war das. Aber dieser Sound durfte nie zu Ende gehen. Das hatte nicht eine kosmische Dimension, das hatte so eine Dimension die direkt ergriffen hat. Das hatte es auch für uns, also ich hatte The Fall-Musik, das war so ein Teil von meinem Interesse von Musik. Das kam aber erst später , dass man diese Dimension erkannt hat, so wie es ist. So wie man bei Sun Ra Platten hat und man weiß es nicht, hat man jetzt die beste Platte oder die wichtigste Platte von Sun Ra, es ist scheißegal, du holst dir halt ein paar Sun Ra-Platten und wenn du Bock hast, holst Du dir einfach noch ein paar mehr. Es gibt ja auch noch schräge Pressungen und vielleicht… Das war sehr ähnlich mit The Fall.

John Peel hat einmal gesagt, wer die 5 besten Songs und die 5 besten Alben von The Fall aufzählen kann, hat The Fall nicht begriffen.

AT: Ja, das stimmt: Es ist eigentlich egal, welche Platte man sich nimmt, die Stimme ist so stark.

JSW: Und auch dieser Sound, der direkt irgendwo rein will, so wie bei Sun Ra. So eine Dimension des direkten Erschließens, so eine Verknüpfung mit dem, was außerhalb von mir ist.

Jan St. Werner und Andi Toma müsssen los. Dass es mit der Popmusik jetzt vorbei ist, sagt St. Werner noch, da läuft das Band nicht mehr. Klar gebe ist noch die Stones, aber... Pop und Popmusik, das sei immer etwas gewesen, wo jeder mitmachen konnte, aber dabei sein ganz eigenes Ding machen. In einer Art etwas ganz anderes, als all die identitären Diskurse, die jetzt en vogue seien. Die Dich festlegen wollen. Mit Mark E. Smith könnte mehr gegangen sein, als nur ein Musiker.

12:00 12.02.2018
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