Natur ist Krieg

Interview Robin Lane Fox hat Oliver Stone beraten. Und Generationen von Lesern, die Hilfe beim Gärtnern brauchen. Eichhörnchen hasst er

Nur einen Steinwurf vom New College im englischen Oxford entfernt: Robin Lane Fox hat hier jahrelang nicht nur gelehrt, er ist auch für die Gartenanlagen zuständig. Wir könnten auch deutsch reden, sagt er auf Deutsch. Doch wir entscheiden uns für Englisch. Neben seinem Stuhl: eine zerschlissene Tüte von Lidl, übervoll mit Büchern. Lane Fox trinkt Kaffee, keinen Tee.

der Freitag: Professor Lane Fox, haben Ihre Landsleute die Gartenbaukunst erfunden?

Robin Lane Fox: Das glauben nur die Engländer. Wir haben das richtige Klima, es gab keine Revolution, jedenfalls bis jetzt nicht, nie eine Invasion, bei der alles zerstört worden wäre. Gärten haben einen festen Ort in der englischen Kultur. Aber die Engländer sind manchmal ein bisschen zu stolz darauf. Es gibt großartige Gärtner überall auf der Welt. Gartenbaukunst ist universell. Wir sind nicht immer die Besten in allem.

Wird sich das englische Gärtnern durch den Brexit verändern?

Im Prinzip nicht. Viele Gartencenter kaufen ihre Pflanzen in Belgien und Holland. Die Preise steigen. Blumenzwiebeln, etwa für Narzissen, werden alle aus den Niederlanden importiert, weil die Erde dort so gut ist. Ansonsten ist der Brexit eine wirtschaftliche Sache, die mit Sprache, Kultur und Freundschaften nichts zu tun hat. Viele meiner Freunde meinen, das sei das Ende der Welt. Das ist Blödsinn.

Sind Sie etwa ein Brexiteer?

Nein. Ich bedaure den Brexit sehr. Wirtschaftlich ist er ein Desaster. Sehr, sehr dumm. Es ist, als ob Sie eine alte Magnolie bis auf den Stumpf herunterschneiden.

Wie schützen Sie Ihren Garten gegen schädliche Einflüsse? Pflanzenschutzmittel sind ja sehr in Verruf geraten und gerade die EU scheint im Kampf gegen sie an vorderster Front zu stehen.

Fangen Sie bloß nicht damit an! Es gibt hier eine Kampagne gegen Imidacloprid, ein Pflanzenschutzmittel von Bayer. Wenn Sie eine Biene in ein Glas sperren und sie wieder und wieder und wieder mit dem Insektizid besprühen, dann wird sie ein bisschen desorientiert werden. Wenn Sie eine Gartenpflanze haben und ein kleines bisschen Imidacloprid um sie herum streuen, damit andere Insekten sie nicht zerstören, kann die Biene Pollen sammeln. Wenn Sie das Imidacloprid nicht in einer idiotischen Menge verwendet haben, ist alles okay.

Trotzdem ungesund, oder?

Alle Tomaten, alle Zitronen, die meisten Früchte aus Ostasien, die wir essen, werden mit diesem Mittel, das so hilfreich ist wie Aspirin, behandelt. Aber in den Tests benutzt man enorme Mengen. Und dann beschließt ein Komitee der EU – Gott steh uns bei! –, das für Gärtner zu verbieten. Warum? Der Gebrauch in Gärten ist minimal. Ich benutze es für meine einjährigen Pflanzen, meine Petunien. Und dann kommen die Freunde der Erde und sagen: Oh, wunderschön! Und dann gehen sie Zitronen kaufen, die es gar nicht gäbe ohne Pflanzenschutzmittel.

Garten und Natur sind zwei verschiedene Dinge?

Ja. Ich sage nicht, dass wir keine Tiere wollen, im Wald und im ganzen Rest von England. Wenn Sie Insekten wollen: bitte sehr. Aber ein Garten ist etwas Künstliches. Wenn Sie einen Garten haben wollen, müssen Sie den Bestand von Kaninchen, Hasen, Rehen kontrollieren. Wenn nicht: auch schön, Sie können auch ein Stück Wald haben.

Sie halten nichts vom nachhaltigen Gärtnern?

Gartenbau ist nicht der ökologische Traum, wie er jetzt so vielen Menschen verkauft wird. Wir wollen Lilien. Sie mögen doch Lilien, oder? Sie können keine Lilien ziehen, wenn Sie sie nicht gegen Lilienhähnchen schützen. Sie mögen Rosen? Jeder liebt Rosen. Aber die ziehen grüne Insekten an. Also müssen Sie sie besprühen. Wenn Sie einen nachhaltigen Garten wollen, dann ziehen Sie Straußgräser, Giersch, Nesseln. Was meinen Sie, was die Königliche Gartenbaugesellschaft macht, wenn sie einen Dachs in ihren Gärten findet?

Was machen die?

Die fangen ihn ein.

Und dann?

Sie bringen ihn weg.

Was machen Sie, wenn Sie einen Dachs in Ihrem Garten finden?

Ich stecke ihn in einen Sack und bringe ihn nach Cambridge.

Wie steht’s mit Eichhörnchen?

Eine verdammte Landplage.

In Deutschland haben wir nur die roten, kleinen Eichhörnchen

Eichkätzchen! Die liebe ich! In meiner Münchener Zeit saß ich immer auf meiner Bank im Botanischen Garten mit meinem Lunch. Links mein Sweetheart, rechts mein anderes Sweetheart. Zwei Eichkätzchen, denen ich meine Sandwiches gefüttert habe. Aber hier haben wir die grauen Ratten.

Sind die eingewandert?

Ich weiß es nicht. Ich glaube schon. Aber sie vertreiben die roten. Und sie sind sehr schlau. Sie fressen Blumenzwiebeln. In meinem College gibt es keine Tulpen, weil die Eichhörnchen sie auffressen.

Was macht man dagegen?

Man muss den Bestand kontrollieren. In einem Jahr habe ich 15 abgeschossen. Ich habe überlegt, ob ich sie an ihren Schwänzen an die Tür unserer Kapelle nageln soll.

Als Warnung für andere Eichhörnchen?

Meine 15 Thesen!

Toulouse-Lautrec aß häufig Eichhörnchen, schreiben Sie im „Englischen Gärtner“. Er fand sie „erfreulich pikant“. Haben Sie auch schon welche gegessen?

Ja, natürlich.

Pikant?

Ziemlich nussig. Ich habe auch schon Dachs gegessen.

Ist das nicht ein Raubtier?

In den 1950ern in Sommerset, ich war ein kleiner Junge, gab es jeden Sommer ein Fest im Dorf: „The Badger’s Supper“. Dachsabend. Der Dachs wurde am Spieß geröstet. Aus dem Fell wurden Rasierpinsel gemacht. Wir haben das Fleisch bekommen. Das war bio, aus Freilandhaltung, es schmeckte wie geräucherter Schinken. Jetzt stehen die Dachse unter Naturschutz. Und es gibt viel zu viele von ihnen.

In Deutschland sehen wir selten Dachse. Zumindest in der Stadt.

Das wird kommen. Sie sind eine Plage und verursachen große Schäden. Sie rotten den Igel aus!

Sind Igel nützlich für den Garten?

Nicht nutzlos. Aber mein Punkt ist: Natur ist Krieg. Die Tierarten kämpfen alle gegeneinander. Wenn eine unter Schutz gestellt wird, dann werden andere vernichtet.

Wie wurden Sie zum Gärtner?

Meine Eltern hatten einen schönen Garten. Und einen Gärtner. Ein großartiger Mann. Ich habe mich gefragt: „Was mach ich in den Ferien?“ Sportlich war ich nicht, Auto fahren durfte ich nicht. Also habe ich mich im Gärtnern versucht. Mit Erfolg. Glauben Sie mir: Schon mit zehn liebte ich es über alles. Ich kenne andere, bei denen war es ähnlich. Ich hatte einen Teil des Gartens für mich allein. Im Alter von 13, 14 war das eine sehr ernste Sache für mich geworden.

Heute gibt es ja eine Menge Magazine, die das Gärtnern als Hobby anpreisen.

Wir nennen das Garten-Pornografie. Die zeigen Ihnen einen Mythos von einem perfekten Garten. Doch Sie müssen sich immer fragen: „Wie sieht dieser Garten in zwei Wochen aus?“ Autoren, die ihre Texte mit blühenden Löwenzahnfeldern illustrieren, haben keine Ahnung. Das sieht für drei Wochen wunderschön aus und dann ist es in alle Winde zerstreut.

Für Sie ist das Gärtnern eine Lebensform, kein Lifestyle?

Ich genieße die Gartenarbeit und ich verstehe, dass sie ein Prozess ist. Aber ich verstehe auch, dass viele Leute das nicht mögen. Viele Leute wollen einen Garten einfach nur anschauen. Ein Leser sagte mir einmal: „Ich will einen Garten, den man leicht managen kann.“

Nichts für Sie?

Sie können doch keinen Garten managen! Ich will, dass mein Garten so aussieht, als wäre ich vor sechs Wochen gestorben. Das ist am Anfang des Jahres leicht, aber nicht mehr so leicht gegen Jahresende. Echte Gärtner verstehen das.

Haben Sie eine Lieblingsjahreszeit?

Sehr schwer zu sagen. Ich mag den Februar. Da werde ich ganz aufgeregt. Natürlich liebe ich den Juni. Oh wie ich ihn liebe! August ist schwierig. Ich liebe den späten September. Wir haben ja großes Glück.

Warum haben wir Glück?

Weil es in England jetzt das ganze Jahr über wärmer ist. Vielleicht liegt das am Klimawandel. Im Januar hatte ich schon Narzissen. Sehr frühe Januar-Narzissen. Und Seidenblast! Und Schneeglöckchen! Früher hätte ich bis Februar warten müssen. Das geht jetzt bis zum 20. November so.

Sie sind ein Klimagewinner?

Absolut. Im Moment zumindest. Natürlich ist mein Garten nicht wichtig, wenn man auf das große Ganze schaut. Aber für mich ist der Klimawandel das Beste, was passieren konnte.

Mehr Sonne?

Ja. Allerdings mag ich höchstens einmal im Sommer einen klaren, blauen Himmel. Was ich am meisten liebe ist das gebrochene Licht durch die Wolken. Und abends ein bisschen Regen.

Wetter spielt für Sie nur in Bezug auf Ihren Garten eine Rolle?

Oh Gott, ja.

Ist Gärtnern nicht etwas für Wohlhabende und Gebildete?

Absoluter Blödsinn. Ich kannte wundervolle Gärtner, von denen ich glaube, dass sie tolle Freunde sind. Ich könnte ihnen keinen Brief schreiben, weil ich weiß, dass sie ihn nicht lesen können.

Aber Geld kostet es doch.

Natürlich können Sie 25 Pfund für einen Magnolienbaum ausgeben. Wenn Sie einen Garten wollen, kaufen Sie sich eine Packung Samen, das kostet wenig.

Was halten Sie davon, dass in den Städten immer mehr Menschen öffentliche Flächen bepflanzen?

Jedes Gärtnern ist gut. Es muss kein privater Grund und Boden sein. Öffentliches Gärtnern ist ein großer Spaß! Man spricht miteinander, arbeitet zusammen.

Gut für die Charakterbildung?

Es gibt Leute, die die kleinsten Details an der Kleidung anderer wahrnehmen. Oder Leute, die sehr musikalisch sind. Aber wo auch immer ich hinkomme, schaue ich auf das Grün. Oder darauf, dass es fehlt. Zweitens gibt Ihnen das Gärtnern immer etwas, worauf Sie sich freuen können. Schon im Januar denke ich an den Juli. Und fange an zu planen. Das ist wundervoll.

Es gibt dem Leben einen Sinn?

Es bedeutet: Sie wollen nicht sterben. Letztes Jahr saß ich in meinem Garten und dachte: „Ich darf niemals sterben. Ich kann es nicht ertragen, dass ich das alles nicht mehr sehe. Aber natürlich werde ich sterben“ Und dann habe ich gedacht: „Vielleicht auch nicht.“

Weltreiche, Kavallerie und Pflanzen

Man kann ihn einen Gartenschriftsteller nennen. Der im Oktober 1946 geborene Robin Lane Fox lernte und lehrte an der Universität Oxford. Nach dem Besuch der Eliteschule Eton absolvierte er mit 18 Jahren ein Praktikum im Alpinum des Münchner Botanischen Gartens.

Er begann 1970 am Magdalen College Oxford ein Studium in Literae Humaniores (Alte Geschichte) und blieb als Professor und Gartenmeister für die Gartenanlagen des New College in Oxford. Seit fast 50 Jahren schreibt Robin Lane Fox eine wöchentliche Kolumne über Garten- und Landschaftsgestaltung in der Financial Times.
Seine Bücher über die klassische Welt und ihre Helden, Alexander oder Augustinus, machten ihn weltberühmt. Seine Biografie Alexander der Große aus dem Jahre 1973 ist ein Heldenlied auf den mazedonischen Weltreichbegründer. Lane Fox war der Fachberater für Regisseur Oliver Stone und hatte in dessen Alexander-Film (2004) eine Statistenrolle.

Außerdem ist Lane Fox ein hervorragender Reiter und Pferdekenner – was ihm zum besonderen Verständnis der antiken Kavallerie verhalf. Ein halbes Dutzend der althistorischen Bücher von Robin Lane Fox sind auch auf Deutsch erschienen, u. a. Die klassische Welt. Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian (Klett-Cotta 2010). In seinem neuesten Buch Der englische Gärtner. Leben und Arbeiten im Garten (Klett-Cotta 2018) erzählt Lane Fox auf mehr als 400 Seiten vom Gärtnern und gibt praktische Tipps für Gärtner.

06:00 24.06.2019
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