Der weise Mann aus Bossdom

Eine Dichterlegende Eine Erinnerung zum Geburtstag des erfolgreichen DDR-Schriftstellers Erwin Strittmatter
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der weise Mann aus Bossdom
Erwin Strittmatter bei einer Lesung 1992

Foto: fossiphoto/imago

Die Literaturlegende Erwin Strittmatter würde am 14. August seinen Geburtstag begehen. Der literarische Vater von Stanilaus Büdner, Ole Bienkopp und Esau Matt prägte ganze Generationen von Lesern in Ostdeutschland und weit darüber hinaus. Seine Bücher erschienen in 40 Sprachen, wurden nur leider nie „ins Westdeutsche übersetzt“, wie Strittmatter selbst bekundete. Die Werke waren begehrt, so manches zu Zeiten der DDR nur als „Bückware“ erhältlich. Und wer sich einmal in den Kosmos der Strittmatter-Literatur begeben und umgesehen hat, wird sich dort wohlfühlen und die Bücher immer wieder mit großem Genuss und Gewinn lesen. Egal, ob die kurzen Kalendergeschichten, die Erzählungen oder die meist mehrbändigen Romane, Erwin Strittmatters Literatur ist voller Poesie, die Figuren sind aus dem Leben gegriffen und die Gegenstände der Handlungen greif- und fassbar. Strittmatter beschrieb unser Leben, unsere Zeit und unsere Umstände. Seine Werke sind tief im (ost)deutschen Volk verwurzelt.

Erwin Strittmatter erblickte 1912 in Spremberg das Licht der Welt, wuchs im beschaulichen Lausitzer Heideort Bohsdorf auf, das er später, als altersweiser Mann in seiner Romantrilogie „Der Laden“ als Bossdom poetisierte. Die Verfilmung des Ladens durch Regisseur Jo Beier erreichte 1998 ein Millionenpublikum und wurde mehrfach ausgezeichnet. Im Jahr 1994 starb Erwin Strittmatter am 31. Januar und wurde in seinem brandenburgischen Wohn-, Arbeits- und Lebensort Schulzenhof bei Dollgow beerdigt. Er hinterließ sieben leibliche Söhne und einen Adoptivsohn, seine dritte Ehefrau, die Lyrikerin Eva Strittmatter starb im Jahr 2011.

Und obwohl man in den letzten Jahren Strittmatters Rolle im Zweiten Weltkrieg einer kritischen Wertung unterzog, weil das Polizeiregiment, dem er angehörte, der SS angegliedert wurde und Strittmatter darüber schwieg, wird seine literarische Wirkung in keiner Weise geschmälert. Allen, die dem Literaten am Zeug flicken wollten und wollen sei gesagt: Wer glaubt, aus einem Krieg in Unschuld heimkehren zu können, der irrt, und zwar gewaltig!

Aus seinen Tagebüchern wissen wir ziemlich gut, wie der Schriftsteller über die Kriegsschuld seiner Generation dachte. Und wir wissen um seine innere Emigration in der DDR, die ihn immer weiter von der offiziellen Politik im Staat entfernte, mit der er am Anfang aber im Einverständnis lebte.

Erwin Strittmatter war offenbar ein Mensch mit Ecken, Kanten und Widersprüchen. Und vielleicht war gerade das die Quelle seiner so poesievollen Sprache, seiner liebenswerten Figuren und seiner Lebensweisheit. Als Mensch streitbar, als Schriftsteller unstrittig.

Strittmatters Literatur wird bleiben und auch weiterhin für viele Leser Lebens- und Überlebenshilfe sein.

Die alte Bibliothek
(zur Erinnerung an Erwin Strittmatter)

Erkenntnisse, Wissen und Weisheit,
Beschlossen im geschriebenen Wort.
Buchstaben, zerfallen zu Staub,
Trägt der Wind mit sich fort.

In Leder gebundene Einsicht
Auf gilbende Blätter geschrieben.
Oft abgerungen dem Leben,
Manchmal von Ehrgeiz getrieben.

Von Hoffnung durchsonnt auf Beständigkeit,
Welten, auf Papier gebannt,
Zu Poesie geword‘ne Erfahrung,
Im Feuer der Zeiten verbrannt.

Ihr könnt die Worte auslöschen,
Versenken in finstere Nacht,
Die Einsichten bleiben von Dauer,
Sind sie erst einmal gemacht.

Gedicht „Die alte Bibliothek“ aus Renate Brucke und Matthias Stark (Hrsg.) „Von Bohsdorf nach Schulzenhof – Auf den Spuren von Eva und Erwin Strittmatter“,
SEW-Verlag Dresden 2016, ISBN 978-3-936203-28-8

(Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des SEW-Verlages Dresden)

18:44 11.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 1