Die Welt wird zur Dose

Eventkritik In Nivea-Häusern kann man „spontane Wohlfühlmomente“ erleben. In Dubai. In Hamburg. In Berlin. Bald überall. Sind wir nicht alle längst ein bisschen Wellness?

Das Leben kann schon verdammt hart sein. Besonders in der Vorweihnachtszeit, wenn der Wohlstandsmensch dem Konsumterror noch hilfloser ausgesetzt ist als sonst: „Da sucht man die ganze Stadt nach einem neuen Paar Schuhe ab und am Ende des Tages tun die Füße vom vielen Laufen weh.“

Zum Glück gibt es jemanden, der sich dieses Problems angenommen hat: Nivea, eigentlich Spezialist für wundgelegene Baby-Hintern, wirbt mit dem Hinweis auf wundgelaufene Füße für seine „Nivea-Häuser“. In ihnen soll man sich vom nervenaufreibenden Shopping erholen und „spontane Wohlfühlmomente“ erleben – mittels Massagen, Kaffee und Kosmetikbehandlungen. Wellness für jedermann und jederzeit, sozusagen.

Fronturlaub in der "Wohlfühloase"

Drei Nivea-Häuser gibt es bereits, in Hamburg, Dubai (!) und seit April diesen Jahres auch an Berlins Neubaublock "Upper East Side", Ecke Friedrichstraße und Unter den Linden. Und da herrscht momentan Krieg. Mühsam muss ich mich durch die geschenkegeilen Massen im Weihnachtsstress boxen, die sich unter rücksichtslosem Einsatz von Ellbögen und notfalls auch Spazierstöcken über die Bürgersteige schieben.


Völlig erschöpft erreiche ich schließlich die neue „Wohlfühloase“. Ich brauche dringend Entspannung. Sobald ich die breite Glastür passiert habe, soll es eigentlich losgehen: „Die Eingangsebene lässt den Besucher in eine Stimmung wie an der Nord- oder Ostsee ein­tauchen“, verspricht die Nivea-Website. Tatsächlich: Um mich herum nichts als strahlendes Make-Up, blauer Mascara und eine leichte Brise mit Creme-Aroma.

Wenn die deutschen Küsten seit Neuestem wie ein Highclass-Drogeriemarkt aussehen, haben die PR-Strategen nicht gelogen. Ich fühle mich wie in einer riesigen Nivea-Dose: Das Design ist in schlichtem Creme-Weiß gehalten, es gibt alle Nivea-Produkte dieser Welt, und für das richtige Feeling kosten sie etwas mehr als in einer gewöhnlichen Drogerie. Man soll sich ja auch mal was gönnen.

Im hinteren Teil des Erdgeschosses geht es dann endlich wirklich los mit dem Entspannen. An der „Wohlfühltheke“ ordere ich einen „Latte-Massagio“: eine zehnminütige Nacken- und Schultermassage für zwölf Euro inklusive Heiß- oder Kaltgetränk nach Wahl. Ich nehme eine Bionade, die gibt es hier sogar in allen Sorten, was ja keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Ich bekomme eine blaue „Wohlfühlkugel“ mit Nivea-Schriftzug in die Hand gedrückt und dazu die Anweisung, mir doch bis zum Beginn meiner Behandlung im Shop-Bereich die Zeit zu vertreiben, das sei „nicht so langweilig“ wie an einem der vielen kleinen Tische mit den elegant geschwungenen Stühlen zu warten. Wenn meine Masseurin bereit sei, werde die Wohlfühlkugel rot aufleuchten.

Männer-Parkplätze bei Jogi Löw

Den Übergang zwischen Kaffeelounge und Shop bewacht eine beinahe lebensgroße Jogi Löw-Pappfigur. Der Nationaltrainer macht gerade mit Fußball-Metaphern Werbung für Nivea Men. Neben Jogi sind blaue Sessel an der Wand montiert, die wie überdimensionale Kindersitze fürs Auto aussehen. „Da kann man den Mann abladen“, erklärt Empfangsdame Jennifer und kichert.

Im Nivea-Haus werden drei Geschäftsmodelle miteinander verknüpft: profanes Shopping wird zum Wellness- und urbanem Kaffeelounge-Erlebnis. Bei Nivea soll man eben nicht mehr an Baby-Ärsche denken, sondern an einen Nachmittag im „Wohlfühlhimmel“. „Die Marke erlebbar, fast physisch anfassbar zu machen“ – das sei es, worum es im Nivea-Haus geht, sagt Vorstand Pieter Nota im Werbefilm.

Lovemarks-Konzept nennen Marketing-Experten diese emotionale Aufladung von Marken: Der Kunde entscheidet nicht mehr rational, ob er etwas kauft oder nicht, sondern lässt sich zumindest teilweise von seinen Gefühlen leiten. Ich habe auch sofort das Gefühl, dass ich dringend eine Haut- und Haaranalyse für zehn Euro brauche – welcher Laie weiß schon so genau, ob Locken auch wirklich Locken sind und die Haut nicht doch eher fettig als trocken ist? Zum Glück beginnt gerade gerade noch rechtzeitig die blaue Zauberkugel in meiner Hand sanft zu vibrieren.

Im Wohlfühlhimmel mit Latte-Massagio

An der Wohlfühltheke erwartet mich Vaida, meine Masseurin. Sie lächelt und weist mich an, mir einen Platz im Bereich der Kaffeelounge auszusuchen. „Gehen wir nicht nach oben?“, frage ich etwas enttäuscht. Laut Website hat die obere Etage des Nivea-Hauses das „Leitthema Himmel“ – nach der glanzvollen Umsetzung vom „Strand“ bin ich ziemlich gespannt.

„Oben ist nur für Ganzkörpermassage und Pediküre“, lächelt Vaida. „Bitte suchen Sie sich einen Platz hier, aber nicht auf den weißen Stühlen, nur auf den dunklen.“ Ich traue mich nicht zu fragen, warum die weißen Stühle tabu sind. Vielleicht werden sie auch als Männer-Parkplätze gebraucht, wenn bei Jogi mal nichts mehr frei sein sollte.

„Lassen sich denn auch Männer massieren?“, erkundige ich mich. „Ja, wir haben genug Männer“, bestätigt Vaida mit leichtem osteuropäischen Akzent. „Sie kommen gerne, weil sie hier ihre eigene Sache haben.“ Sie meint nicht die Kindersitze, sondern wortwörtlich die „Männersache“, eine Gesichtsbehandlung für den Mann, 20 Minuten, 19 Euro, Getränk inklusive.

Einzementiertes Lächeln

Vaida knetet meine Schultern durch. Leider klappt es bei mir mit der „spontanen Entspannung“ nicht so richtig. Vielleicht liegt es an der dezenten, aber doch unüberhörbaren Weihnachtsmusik – „Last Chrismas“ hat mich noch nie beruhigt. Außerdem fühle ich mich wie auf dem Präsentierteller: Um uns herum sitzen vereinzelt Damen mittleren Alters, alle allein, alle mit Plastiktüten aus diversen Boutiquen.

Nach zehn Minuten ist Vaida fertig. „Ist immer so schnell vorbei, nicht wahr?“, fragt sie. Ihr Lächeln ist wie einzementiert. „Viele Kunden nehmen nach den zehn Minuten gleich noch einmal zehn oder zwanzig.“ Ich kann nicht entscheiden, ob das als Information oder als Aufforderung gemeint ist.

Nachdem sie herausgefunden hat, dass ich kein Tourist bin, lächelt sie zum Abschied: „Vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder.“ „Ja, vielleicht.“ Ich stürze mich wieder in das Einkaufsscharmützel auf der Friedrichstraße.

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Geschrieben von

Nele Jensch

Autorin des Freitag
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