Moderne Hähnchenkämpfe

Ritual der Woche Mit der moralischen Integrität des Fußballs ist es nach dem neuen Wettskandal vorbei. Dabei gehört Schummeln zum Ritual des Wettens dazu. Sonst wär`s ja auch langweilig

Auf dass der Bessere gewinne? Tja, nicht mal mehr beim Fußball ist die Welt noch in Ordnung! Ausdauer. Disziplin. Talent und natürlich Sportsgeist. Das sollten eigentlich die Zutaten für einen fairen sportlichen Wettkampf sein. Keine bestechlichen Spieler und Schiedsrichter jedenfalls. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit eben. Verursacht hat den jetzigen Skandal allerdings weniger der Sport Fußball an sich, als ein weit älteres Ritual: das Wetten. Und die damit einhergehenden moralischen Verwerfungen.

Prototyp der Wette ist der Hahnenkampf. Vor über 3.000 Jahren aus Asien importiert, erfreut sich die blutige und unter ethischen Gesichtspunkten recht bedenkliche Sitte auch in Europa einer langen Geschichte, obwohl sie heute aus Gründen des Tierschutzes hier und in Nordamerika weitestgehend verboten ist. Beim Hahnenkampf hacken – wie der Name schon sagt – zwei Hähne so lange aufeinander ein, bis einer davon aufgibt, sprich schwer verwundet oder tot ist. Verbunden ist und war das Prozedere schon immer mit hohen Wetteinsätzen – allerdings ging es dabei nicht ausschließlich um materielle Gewinnchancen. Der Ethnologe Cliffort Geertz untersuchte 1972 Hahnenkämpfe auf Bali und kam dabei zu dem Schluss, dass die Kämpfe vor allem einen Austragungsort sozialer Konflikte darstellten: So wurde streng nach Loyalitäten auf den einen oder anderen Hahn gesetzt (man unterstützt die eigene Familie respektive das Dorf). Gewinn oder Verlust bei der Wette waren nicht nur von materieller Bedeutung, sondern zogen auch einen Prestigegewinn oder -verlust nach sich.

Abstieg heißt Gesichtsverlust

Auch beim Hahnenkampf wird ganz gern gemogelt: Die Tiere werden beispielsweise mit messerscharfen Metallsporen getunt. Einen Hahn zu „kaufen“, dürfte allerdings schwierig sein, wohingegen man Fußballspieler oder Schiedsrichter verhältnismäßig einfach schmieren kann. Der Pfusch beim Sport kann deshalb auf eine lange Tradition zurückblicken: England zum Beispiel wurde bereits 1915 vom ersten Skandal in Sachen Sportwetten erschüttert. Damals kämpfte Manchester United mit dem FC Liverpool um den Abstieg und gewann – mit erkaufter Unterstützung von vier Spielern auf Seiten Liverpools. Dabei ging es noch nicht vornehmlich um Geld: Vielmehr ist der Abstieg in eine untere Liga im Fußball gleichbedeutend mit einem Gesichtsverlust.

So wie der Kapitalismus stetig voranschritt (und wie sich diese vermeintliche Weiterentwicklung auswirkte, wissen wir spätestens seit Oktober vorigen Jahres nur allzu gut), so tat es auch der Betrug im Sport: Bald ging es vor allem um Geld. Sportwetten sind ein lukratives Geschäft. Nicht zuletzt deshalb, weil der sportliche Wettkampf auf Tatsachenentscheidungen beruht: Ist ein Spiel einmal abgepfiffen, wird im Nachhinein nichts mehr revidiert, egal, wie eindeutig sich ein Betrugsfall nachweisen lassen mag. Zu einfach wäre es, nach wichtigen Spielen einen Manipulationsvorwurf zu erheben und entsprechende Zeugen zu kaufen – keine Spieltabelle wäre auch nur mehr einen Pfifferling wert. Globalisierung und Internet verkomplizieren das Wettgenre noch zusätzlich: Vom heimischen PC aus kann man sein Geld heute ebenso gut auf Borussia Dortmund setzen wie auf eine serbische Underdog-Mannschaft. Auch Ex-Innenminister und Überwachungsgenie Wolfgang Schäuble dürfte so seine Probleme damit haben, die Online-Wetten zu kontrollieren.

Plasmafernseher essen Seele auf

Wenn man der Medienberichterstattung glauben möchte, ist der Profifußball in Deutschland dieser Tage zu einem Trauerspiel im wahrsten Sinne des Wortes verkommen. Ob das Gefühl der persönlichen Betroffenheit in der Bevölkerung daher rühren mag, dass Fußball die wohl heiligste Kuh der Deutschen ist? Und dass man heiligen Kühen eben gerne die Hörner vergoldet, aber nicht gern in ihre Fladen treten möchte?

Es geht um Geld, ja, aber – genau wie beim balinesischen Hahnenkampf – auch ums Prestige. Umso schlimmer ist die ganze Chose nämlich deshalb, weil der aktuelle Skandal zwar zunehmend seine europaweite Dimension offenbart, sich die Protagonisten aber vor allem in Deutschland ausgetobt haben. Ausgerechnet! Groß ist die Empörung auch darüber, dass die Causa Wettbetrug nach der Verurteilung von Ante Sapina und Robert Hoyzer 2005 nicht wie geglaubt ausgestanden war: Wenigstens war es ein Kroate, der damals die Integrität deutscher Schiedsrichter mit Plasmafernsehern untergrub. Der unbelehrbare Sapina soll auch diesmal wieder kräftig mitgemischt haben.

Pfuschen ist systemimmanent

In Deutschland hat das Wetten nach wie vor den Beigeschmack des Verruchten. An den Anblick von Wettbüros hat man sich zwar notgedrungen gewöhnt, allerdings hauptsächlich in sozialen Brennpunkten wie Berlin-Neukölln. Und wenn bei den Engländern, Franzosen oder Italienern gemogelt wird, erlaubt das den Deutschen immerhin eine wohlige Entrüstung. Das alles (Ausland, Unterschicht, Immigranten) ist weit genug weg vom braven deutschen Steuerzahler, für den eine Sportwette möglichst kein moralisches Äquivalent zu einem Abstecher ins Rotlichtmilieu werden soll. Schließlich muss man sich ja nicht in eine dunkle Spelunke zum Buchmacher begeben: Direkt neben der Bild-Zeitung liegen am Kiosk die Scheine der staatlichen Sportwette Oddset aus. Aber ach – auch die ist angeblich nicht frei vom Pfusch! Auf was ist eigentlich noch Verlass heutzutage?

Auf den Eintritt des Erfolges bei einer Wette jedenfalls nicht. Beim Wetten geht es nicht um das Vertrauen in spezifische Fähigkeiten der Kontrahenten (wenn dem so wäre, würde wohl nie jemand auf Hertha BSC setzen) – es geht um Glück. Die Ungewissheit fasziniert die Menschheit ebenso, wie sie ihr Angst macht. Damit ist Pfusch beim Wetten systemimmanent: Der Mensch hilft seinem Glück nun mal gern auf die Sprünge, wenn nötig mit unlauteren Mitteln. Gerade dann, wenn es nicht nur um Geld und Plasmafernseher geht. Und womöglich war die Welt sowieso noch nie so richtig in Ordnung.

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18:00 25.11.2009
Geschrieben von

Nele Jensch

Autorin des Freitag
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