Tobias Schwarz
06.03.2016 | 06:00 4

Als Ort der Arbeit neu gedacht

Wandel Bibliotheken werden in einer digitalisierenden Gesellschaft zu einem sich neu erfindenden Raum. Noch sieht das nicht jeder, darunter auch so manche Bibliothek

In Deutschland, dem Land von Goethe und Schiller, hatten Bibliotheken schon immer eine besondere Stellung. Doch diese Wissensinstitute wandeln sich, den Kern dieser Transformation begreifen jedoch die wenigsten Kommentatoren dieses Wandels. Die Verschiebung – von lokal gesammeltem Wissen zu Informationen erlebbar machenden Orten der Arbeit – vermögen sowohl negative als auch positive Superlative kaum angemessen zu beschreiben. Die Bibliothek wird zu einem der wichtigsten Orte in einer sich digitalisierenden Gesellschaft.

Hagner und Ball – zwei Pole am gleiche Ende des Irrtums

Mitte Februar löste der an der ETH Zürich tätige Wissenschaftsforscher Prof. Dr. Michael Hagner durch einen Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung eine Debatte über die Zukunft von Bibliotheken in einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft aus. Hagner meint, nur in Bibliotheken mit Büchern einen Ausdruck von Zivilisation zu erkennen. Doch dies sind Bibliotheken auch ohne Bücher – und noch so vieles mehr.

Hagner want vor einer möglichen Alternative zu Bibliotheken durch “einen einzigen nationalen Server (…) auf dem sich jeder bedienen kann, und alle Bücher des Landes, da sie ja ohnehin niemanden mehr interessieren, in einem gigantischen Alpenbunker” gelagert sind. Er lehnt diesen Gedanken ab, ohne aber ein Argument dagegen formuliert zu haben. Dass er an nationale Server denkt, zeigt schon eine gewisse Rückständigkeit in seinem Denken. Wer das Internet mit Grenzen denkt, hat das Wesen eines globalen Netzwerks nicht verstanden.

Ähnlich sieht es aus bei Rafael Ball, dem Chef der ETH-Bibliothek. Er sieht Bibliotheken als reine Wissensspeicher an und erklärt sie für unnütz. Ball macht den vermeintlich häufigsten Fehler progressiver Entwicklungen: er vergisst den historisch gewachsenen Sinn einer Bibliothek. Beide verkennen, dass Bibliotheken mehr sind als Speicher gedruckten Wissens und andere Qualitäten gegenüber dem Internet entwickelt haben, die in einer digitalisierten Gesellschaft eine noch nicht geahnte Bedeutung erlangen werden.

Orte, die Wissen schaffen: Bibliotheken als Makerspaces

Ende letzten Jahres besuchte ich die Kölner Stadtbibliothek und lernte den Ort Bibliothek als etwas vollkommen Neues kennen. Die Bibliothek als Makerspace, wo ich Zugang zu Wissen erhalte, in dem ich es miterschaffe und nutze, statt nur in Büchern herum zu blättern oder das Internet danach zu durchsuchen. Hier könnten Hagner und Ball ihren Irrtum gut erkennen. Der Kerngedanke einer Bibliothek ist noch genauso erkennbar, wie die neuen Möglichkeiten als Makerspace. Das Bücherregal steht hier neben dem 3D-Drucker.

Die Kölner Stadtbibliothek bietet auf einer Ebene eine Mischung aus digitaler Werkstatt und Makerspace an. In Kursen für jedes Alter, besonders natürlich für Kinder, wird in Workshops Wissen über Social Media gelehrt, man kann erfahren, wie man online Informationen recherchieren kann, bekommt Fotobearbeitung und vieles mehr erklärt. Wissen wird hier auch außerhalb von zwei Buchdeckeln vermittelt. Deshalb hat mich das Makerspace persönlich am meisten beeindruckt. Kinder können hier lernen, wie man kleine Roboter programmiert und ihnen Bewegung beibringt. Musikinstrumente wie beispielsweise ein Piano oder verschiedenen Gitarren sind zugänglich, aber auch zwei 3D-Drucker und Virtual-Reality-Brillen.

Wissen wird hier zu etwas, dass einen Prozess auslöst und so zu neuen Erkenntnissen führt. In dieser Bibliothek wirkt Wissen nicht statisch. Es waren viele Menschen vor Ort, testeten die verschiedenen Geräte aus, schufen Neues und lernten, mit den neuen Informationen und Möglichkeiten umzugehen. Dies ist ein offener Raum für neue Ideen, Potenziale und Do-It-Yourself-Projekte. Und einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem ich einmal nicht darüber nachdenken musste, wie sehr dieses Land eine weitere wichtige Entwicklung, Bibliotheken als Orte des Wissens zum anfassen in einer digitalisierten Gesellschaft, verpasst.

Bibliotheken adaptieren Coworking-Elemente

“Mit einer Bücherei aus den Neunzigerjahren hat das kaum noch etwas zu tun”, wird die Leiterin Hannelore Vogt von der Wirtschaftswoche zitiert. Köln ist hier Vorreiter, die Stadtbibliothek im vergangenen Jahr, als “Bibliothek des Jahres” ausgezeichnet. Doch eine bestimmte Entwicklung lässt sich in vielen Bibliotheken des Landes beobachten: die Bibliothek wird zu einem Ort der Arbeit. Das kann bewusst passieren und gezielt gefördert werden, wie in Köln, oder zufällig und ohne Kenntnis des Hauses, wie in der Bezirksbibliothek Friedrichshain, meinem Wohnort. Hier treffen sich beispielsweise regelmäßig die Mitglieder eine Meetup-Gruppe zum Coworking.

Konrad Fischer von der Wirtschaftswoche nennt Bibliotheken deshalb gleich kostenlose Coworking Spaces. Soweit würde ich nicht gehen, ein Coworking Space ist mehr als ein frei zugänglicher Tisch in einem Raum mit WLAN, aber es sind durchaus Elemente des Coworking in modernen Bibliotheken zu finden. Im Lesesaal werden nicht nur Zeitungen auf Papier gelesen, auch Laptops finden ihren Platz auf dem Tisch. In Köln treffen sich Lerngruppen voll von SchülerInnen, aber auch geflüchteten Menschen, die hier neben Zugang zu Wissen auch eine Möglichkeit finden, digital zu kommunizieren.

Das mehr als 150 Jahre alte Ideal der Bibliothek als Ort der sozialen Chancengerechtigkeit, an dem alle Menschen den gleichen Arbeitsplatz und die gleichen Möglichkeiten haben, wird so neu entdeckt. Und in Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Lebens, ist die Bibliothek “der nicht kommerzielle und für jedermann zugängliche Treffpunkt in der Stadt”, sagt Vogt. Und sie kann noch mehr sein, ein Ort an dem Innovationen geschaffen werden, an dem die Gesellschaft neue Wege austestet, und Wissen als etwas sowohl von Nationen als auch Medien befreites Gut begreifen und erfahren lernen können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Netzpiloten.de

Tobias Schwarz ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit

Kommentare (4)

Krysztof Daletski 06.03.2016 | 20:18

Kinder können hier lernen, wie man kleine Roboter programmiert und ihnen Bewegung beibringt.

Das ist nett, hat aber wenig mit den Aufgaben einer Bibliothek zu tun und ist aus Sicht der Bibliothek lediglich ein Addon, oder ein Marketing -Gimmick.

Bei aller Begeisterung über die Digitalisierung darf nicht vergessen werden, dass der Zugriff auf digitale Werke urheberrechtlich erheblich restriktiver geregelt ist als auf gedruckte Bücher. Z.B. ist keine Fernleihe erlaubt, kein "Kopienversand auf Betsellung" und auch die Privatkopie ist verboten, wenn der Verwerter "technisch wirksame Maßnahmen" (Kopierschutz) vorgesehen hat. Wenn also z.B. Fachzeitschriften nicht mehr gedruckt, sondern nur noch elektronisch vorliegen, führt das groteskerweise dazu, dass nur noch der darauf zugreifen kann, der sich in die Bibliothek begibt und von ferneren Orten ist der Zugriff verwehrt.

Jetzt mag man einwenden, dass das ja künstlich durch das Urheberrecht erst in den letzten Jahren eingeführte Barrieren sind, die man auch wieder ändern kann. Allerdings hat ja schon die Einführung dieser Zugriffsbarrieren gezeigt, wer den größten Einfluss auf die Gesetzgebung hat (Hinweis: nicht die Allgemeinheit und auch nicht die Bibliothekare). Da wäre ich also nicht allzu optimistisch.

miauxx 07.03.2016 | 18:03

"(...) sobald die Stadtväter (-mütter) zu ahnen beginnen, dass die Selbstermächtigung der Unterprivilegierten nicht in ihrem Sinn sein könnte."

Diesen Argwohn gab es mit dem Aufkommen der ersten öffentlichen Bibliotheken im deutschen Raum ja tatsächlich. Ist aber auch sehr lange her und die öffentl. Bibliothek hat es trotzdem geschafft. Heute droht die Abschaffung aus ganz anderen Gründen als der Angst, die "Unterprivilegierten" könnten von hier aus die Revolution starten.