Joseph Lichterman
27.02.2016 | 06:00

Senkrecht ist Trend

Kulturtechnik Vertikale Videos haben einen ganz besonderen Charakter, ob man diesen nun mag oder nicht. Die Schwierigkeit liegt jedoch in ihrer Produktion

Während sie durch die Hügel über Otta wanderten – eine Stadt in Norwegen mit 1700 Einwohnern, die ungefähr vier Stunden von Oslo entfernt liegt – stellte ein Team des norwegischen Senders NRK fest, dass sie einen neuen Ansatz brauchen, um den Ausblick für ihre aktuelle interaktive Dokumentation zu filmen.

Als Teil der unternehmensweiten Mühen zur Verbesserung der mobilen Strategien wurde die Dokumentation, die davon handelt, wie Otta sich an das Flüchtlingszentrum anpasst, das in einem verlassenen Hotel eröffnet wurde, einfach vertikal gefilmt. Dafür wurde die Kamera um 90 Grad zur Seite gedreht. Mitarbeiter konstruierten einen speziellen Griff, um die Kamera stabil seitwärts zu halten.

“Wenn du hoch in die norwegischen Berge gehst, ist es wunderschön und du bist daran gewöhnt die Landschaft vertikal zu sehen”, erzählte mir Projektleiter Kim Jansson von NRK.“ Man muss seine Art zu Denken anpassen. ‘OK, wir müssen die linke und die rechte Seite abschneiden, was können wir noch tun, damit es vertikal funktioniert?‘ Wir haben Bäume benutzt, um den Leuten Höhe und Weite zu demonstrieren: Wie hoch die Berge sind, wie hoch die Häuser sind“, erläuterte er. „Du bekommst eine andere Sicht. Man muss nur seine Denkrichtung ein wenig ändern, um die Möglichkeiten zu sehen, die man mit horizontalen Filmen nicht hat.”

Tendenz steigend

Mit der zunehmenden Nutzung von Mobilgeräten wenden sich Nachrichtenagenturen, besonders solche, die auf Snapchat Discover veröffentlichen, ebenso dem vertikalen Video zu, um ihre Inhalte für Smartphone-Bildschirme zu optimieren – einem Format, das früher oft verspottet wurde.

Laut der Analystin Mary Meeker nutzen User vertikale Geräte zu fast 30 %, 2010 waren es noch 5% der Anwenderfälle. Und mehr als 7 Milliarden Videos werden täglich auf Snapchat angesehen, das speziell für die vertikale Nutzung konzipiert wurde.

Aber wenngleich Nachrichtenagenturen, von National Geographic über Mashable bis hin zu Vox vertikale Videos herstellen, gibt es noch immer keine Einigkeit darüber, wie sie am besten produziert werden sollten. Manche Organisationen wie NRK haben sich entschieden, die Kamera direkt zu drehen und vertikal zu filmen, während andere lieber auf die traditionelle Art filmen und im Anschluss das Material an einen vertikalen Bildschirm anpassen.

Neben der Tatsache, dass vertikales Filmen häufig einfache logistische Probleme mit sich bringt (wie sichert man am besten eine Kamera seitwärts auf einem Stativ?), zwingt die unorthodoxe Orientierung die Produzenten dazu, ihre Kompositionen und Techniken zu ändern, unabhängig davon, wie das Video gefilmt wird.

“Für jeden, der versucht, mit einer traditionellen Kamera ein vertikales Video zu erstellen, hat das System gewisse Stolperfallen”, sagte Adam Sébire, Mitbegründer des Vertical Film Festivals in Australien, das einen Leitfaden zum Filmen von vertikalen Videos veröffentlicht hat.

Neben der Herstellung des Videos kann auch seine Präsentation eine Herausforderung bedeuten. Der Videoplayer von NRK konnte keine vertikalen Videos abspielen, daher mussten die Entwickler für den Film über Flüchtlinge einen neuen entwickeln. YouTube hat erst im letzten Sommer seine Smartphone-App aktualisiert, sodass es jetzt möglich ist, vertikale Videos auf dem ganzen Bildschirm zu sehen.

Snapchats problemlose Handhabung vertikaler Videos ist einer der Gründe, warum sich Publisher immer mehr auf die Plattform konzentrieren. National Geographic war einer der ersten Publisher auf Snapchat Discover, aber erst seit letztem September werden ausnahmslos alle Videos vertikal präsentiert, meint James Williams, der beim national Geographic für digitale Videos verantwoortlich ist.

Der National Geographic hat horizontale Videos für Snapchat wiederverwendet, filmt aber einige Videos auch vertikal, beispielsweise die ganz alltägliche Quizsendung. Nachdem Williams über die geistige Blockade, “ein Video so zu filmen, wie meine Mutter ihren Hund im Garten filmt”, hinweg war, musste das Digital-Team herausfinden, wie es vertikale Geschichten am besten umsetzen sollte.

Neue Dimensionen für großartige Geschichten

“Wenn man in seiner Karriere fortschreitet, gewöhnt man sich daran, in bestimmten Maßen zu kommunizieren”, erklärte Williams. “Man lernt, wie man den Platz am effektivsten nutzt, was die Kompositionen angeht, oder wie man ein Subjekt im Fokus richtig platziert. Plötzlich die Seiten abzuschneiden und ganz neu darüber nachzudenken, wie du Dinge gestaltest – das war für mich die größte Herausforderung. Es gab eine Phase des Experimentierens und dann das Gefühl von Erleichterung, dass wir auch in neuen Dimensionen großartige Geschichten erzählen können.”

Für die vertikal gefilmten Videos montiert National Geographic die Kamera seitlich, doch es gibt keine Möglichkeit, das Video zuzuschneiden oder seine Dimensionen zu verändern. Während ein horizontal gefilmtes Video, das vertikal zugeschnitten wird, auf verschiedene Arten genutzt werden kann. “Man ist festgelegt”, sagt Williams.

Mashable hat sich entschieden, dass es am einfachsten ist, horizontal zu filmen. Als sie bei Snapchat Discover anfingen, versuchte Mashable mit einer Handykamera und mit einer auf die Seite gedrehten DSLR Kamera zu filmen. Später entschieden sie alle, ihre Videos mit einer horizontal orientierten Kamera zu filmen, sagt der Direktor von Mashable, Jeff Petriello.

“Bezüglich der Qualität und damit der Inhalt in so vielen Formen wie möglich weiterlebt, hat es sich als effizient erwiesen, mindestens mit einer 4K Kamera horizontal zu filmen”, sagt er.

Petriello schätzt, dass nur ein Drittel der vertikalen Inhalte, die Mashable gestaltet, wirklich eine Kamera benötigt. Der Rest wird durch Animation und Design mit Programmen wie Adobe After Effects kreiert.

Vox nutzt für seinen Snapchat Discover Kanal ebenso größtenteils Animationen. Und Yvonne Leow, Chefredakteurin bei Snapchat von Vox, sagt, man hätte “mehr oder weniger dazu gelernt”, während die Vox-Designer den besten Weg ausknobelten, um Grafiken und andere Visualisierungen für den vertikalen Bildschirm zu erschaffen.

Wenn Livevideos auf Snapchat Discover genutzt werden, filmt Vox in der Horizontalen. Beim Filmen eines Interviews im Studio setzt der Kameramann die Person so in das Zentrum des Bildes, dass das Video einfach an das vertikale Bildformat angepasst werden kann.

Vox legt zudem Grafiken über seine Interviews. Bei einer auf das Zentrum fixierten Aufnahme ist es möglich, diese der finalen vertikal orientierten Version anzupassen.

Ein Video – drei Versionen

Die New York Times nutzte diesen Ansatz im letzten Jahr, als sie ein Video über die Zusammenarbeit von Justin Bieber, Skrillex und Diplo produzierte. Sie machten drei verschiedene Versionen des Videos – eine in 16:9 für ihren eigenen Player und YouTube, 3:4 für Tablets und 9:16 für eine vertikale Orientierung auf Handys – und passten die Grafiken jeder der Versionen an.

Die beste Art der Darstellung vertikaler Videos auf einem Bildschirm herauszufinden, wenn es kein Handydisplay ist, erfordert ein wenig Einfallsreichtum.

Mashable hat ein paar vertikale Videos außerhalb von Snapchat Discover veröffentlicht. Wenn diese auf einem regulären Bildschirm angesehen werden, sind sie in die linke Spalte der Story eingebunden.

Für sein interaktives Video über die Flüchtlinge zeigte NRK große Zitate neben den Videobildern. Der Sender schätzt aber, dass etwa 66% der Zuschauer das Video auf ihrem Handy angesehen haben. Die interaktive Geschichte war eine der am häufigsten gesehen Berichte des Jahres 2015, obwohl sie erst in der letzten Dezemberwoche veröffentlicht wurde.

Janssons Team wird sich diesen Monat wieder nach draußen begeben, um seine nächste vertikale Dokumentation zu drehen. Dieses Mal wird es versuchen, mehr Bewegungen in das Video zu bringen. „Im letzten Video ist nicht viel passiert”, sagt er. „Wir werden sehen ob es möglich ist, dieses Mal ein bisschen bessere Arbeit zu leisten. Aber wir machen mehr oder weniger die gleiche Sache. Wir haben es bis jetzt erst einmal durchgezogen und brauchen mehr Übung.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Netzpiloten.de bzw. auf “NiemanLab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Joseph Lichterman schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit