"Yoga löst keine Probleme"

Interview "Heute spricht jeder über seinen Zen-Meister": Meditationslehrer Abdi Assadi über seine Arbeit mit Sting und Sheryl Crow – und die neue Wellness-Spiritualität

Der Freitag: Herr Assadi, sind Sie ein Guru?

Abdi Assadi:

Nein, ich bin kein Guru. Mit diesem grassierenden Guru-Kult kann ich nicht viel anfangen. Ich biete Meditationen an, arbeite als Akupunkteur, vielleicht auch ein wenig als Psychotherapeut in meiner Praxis in New York.

Sie haben illustre Kundschaft, Sting und Sheryl Crow gehören dazu. Arbeiten sie nur für die New Yorker Upper Class?

Nein, ich biete seit über zwanzig Jahren auch kostenlose Meditationsgruppen an. Die Leute können kommen, wenn sie wollen. Ich arbeite mit Menschen, die sich meine Tarife nicht leisten können – und genauso mit Millionären. Deren Leiden ist sogar meist noch schlimmer. In unserer Kultur herrscht der Glaube, dass mit Berühmtheit und Reichtum Glückseligkeit einhergeht. Aber diese Leute haben alles und leiden deshalb umso mehr.

Sie selbst hatten eine eher einfache Kindheit.

Ja, meine Eltern stammen aus dem Iran. Mein Vater arbeitete für UNICEF, daher reisten wir viel. Ich verbrachte meine Kindheit in Nigeria, Pakistan, Indien und Afghanistan, bevor wir 1977 nach New York zogen. Das war ein Schock für mich. In New York war das Leben viel schneller als alles, was ich bis dahin kannte.

Wie hat Sie das geprägt?

Mit 18 Jahren zog ich bei meinen Eltern aus. Ich wurde ein Punk und nahm auch Heroin. Zu der Zeit lebte ich in der Lower East Side, ein Ort voller Hausbesetzer und Migranten. Es gab eine großartige Musik- und eine lebendige Kunstszene. Mein erstes Konzert damals war Patti Smith im CBGB. Die Zeit zwischen 79 und 84 in New York war magisch.

Das blieb aber nicht so.

Heute zahlt man für ein Appartement dort 2.000 Dollar Miete. Das Faszinierende an der amerikanischen Konsumkultur ist, dass sie jedes neue Phänomen aufgreift und sich zu eigen macht. Erst die Beatniks, dann die Hippies, schließlich die Punks. Alles wird konsumierbar.

Mitte der Achtziger war die Party vorbei?

Es war der Beginn der Reagan-Ära. Man machte die Stadtviertel ‚sicherer‘ und zerstörte sie damit. Ich will die Zeit im Rückblick nicht glorifizieren: Ich sah damals auch viele Freunde an Drogen sterben. Deshalb beschloss ich, clean zu werden. Später arbeitete ich dann selbst in der Bronx mit Drogenabhängigen.

Sie wurden erneut mit extremer Armut konfrontiert.

Ja, als Kind hatte ich bereits viel Armut erlebt. Wir lebten eine Zeit lang in Biafra, das heute wieder zu Nigeria gehört. Ich erinnere mich, wie mein Vater mir damals Bilder vom Land zeigte, auf denen hungernde Kinder mit aufgeblähten Bäuchen zu sehen waren. Zugleich gab es viele Partys in Biafra. Die Menschen dort warfen ihre Essensreste alle weg.

Und in der Bronx?

Die Situation war natürlich eine andere, aber es gab auch diese krassen Kontraste zwischen Reich und Arm. Und das Einzige, was dort passierte, war, dass die Klinik, in der ich arbeitete, einmal im Monat gratis Essen ausgab, das du keinem streunenden Hund geben würdest. Dazu kam, dass es Mitte der Achtziger bei der Arbeit mit Drogenabhängigen so war, dass man bald jede Woche auf 20 Beerdigungen ging. AIDS wurde kaum behandelt. Ich spürte damals ziemlich viel Wut in mir.

Was taten Sie, um mit dieser Wut fertig zu werden?

Ich fuhr Motorradrennen. Das mache ich bis heute. Es ist für mich die beste Möglichkeit, meinen Kopf frei zu bekommen, dieser Rausch der Geschwindigkeit. Das ist eine Form der Freiheit, die ich als Teenager in den Büchern Jack Kerouacs kennenlernt hatte.

Aber wie passt Motorradfahren zum asketischen Lebensstil?

Ich würde mich nicht als Asket bezeichnen. Während ich mit Meditation und Akupunktur zu arbeiten begann, versuchte ich sanfter zu werden und Yoga zu machen. Aber ich wurde damals zunehmend aggressiver. Das Sanfte allein reichte mir nicht. Es musste sich etwas ändern. Ich habe dann Kampfsport als Ausgleich angefangen. Und eben die Motorradrennen.

Sie warnen vor einer Wellness-Spiritualität, die alle Probleme mit positivem Denken und ein paar Yoga-Stunden lösen will.

Ja, ich habe das selbst erlebt. Ende der Achtziger gab es diese verrückte spirituelle Bewegung. Oprah Winfrey sagte den Leuten, dass sie allein durch positive Gedanken glücklich würden. Währenddessen sah ich dabei zu, wie junge AIDS-Patienten starben. Was sollten die mit diesem Schrott? Die konnten ihre Krankheit nicht durch positive Gedanken ändern.

Was halten Sie von dem aktuellen Yoga-Boom?

Es ist beängstigend. Die amerikanische Konsumkultur hat sich auch diese spirituelle Bewegung angeeignet. Yoga ist inzwischen eine Mode-Erscheinung. Das Problem dabei ist: Wenn du drogenabhängig bist, merkst du wahrscheinlich, dass du ein Problem hast. Wenn du Yoga machst, merkst du das nicht. Yoga ist fantastisch, es ist gut für die Gesundheit. Wenn man aber glaubt, dass durch Yoga-Übungen die Erleuchtung kommt und alle persönlichen Probleme gelöst werden, ist das Schwachsinn. Es hat nichts damit zu tun, seine persönlichen Verletzungen aufzuarbeiten. Das versuche ich meinen Patienten zu erklären.

Ist Yoga nicht für viele auch ein Art moderner Ablassbrief? Abbitte leisten auf der Matte?

Das ist eine gute Metapher. Für viele ist Yoga ein neues Statussymbol. Früher gab man mit seinem Tennis-Club an, heute spricht jeder über seinen Zen-Meister. In den USA halte ich Vorträge in Yoga-Schulen und weise darauf hin. Manchmal bekomme ich danach Morddrohungen. Was ich sage, passt vielen nicht.

Abdi Assadi arbeitet als Therapeut und Meditations-Lehrer in New York. Zu seinen Kunden zählen viele Prominente. Ehrenamtlich kümmert er sich um Drogensüchtige. In seinem gerade erschienenen Buch Schatten auf dem Pfad (Theseus Verlag) warnt er vor einer im Zuge des Yoga-Booms um sich greifenden Wellness-Spiritualität

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 02.04.2011
Geschrieben von

Nico Schmidt

Freier Journalist
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Ausgabe 43/2021

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