Herr Plasberg und mein Hakenkreuzpulli

"Die ganze Chose" Lieber Herr Plasberg, ich möchte das so nicht stehen lassen und Ihnen gerne eine Geschichte über meinen Pulli erzählen. Einen Pulli mit Hakenkreuzen und die ganze Chose.
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Lieber Herr Plasberg, Ihre letzte Sendung habe ich nicht gesehen. Am Wochenende darauf jedoch die zahlreichen Kommentare vernommen. Neugierig über die ganze Aufregung habe ich mir dann selbst ein Bild gemacht und beschlossen diesen Text zu schreiben.

Wahrscheinlich werden Sie diese Zeilen hier niemals lesen. So, wie Sie den Großteil der nun über Sie hereinbrechenden Berichtserstattung, so nehme ich es jedenfalls an, nicht unbedingt im Einzelnen verfolgen werden. Ich möchte dennoch den Versuch unternehmen und Ihnen eine Geschichte erzählen.

Diese Geschichte spielt in der schönen Stadt Hamburg, in einem zentral gelegenen Einkaufszentrum mit dem Namen „Europa Passage“. Verkäufer kümmern sich in einem dort auf Herrenmode spezialisierten Geschäft um ihre Kunden. Einem Pärchen werden Gläser mit Sekt gereicht. Ein Mann probiert gerade einen schicken Anzug an. Vor ca. 7 Jahren betrete ich dieses Geschäft mit dem Wunsch einen zuvor erworbenen Pullover zu reklamieren. Auf den Knöpfen sind unverkennbar Hakenkreuze drauf.

In einem Café auf dem Unicampus wurde am selben Tag einige Zeit zuvor ein Gespräch von mir unterbrochen. Die an mich gerichteten Worte meinte ich zunächst missverstanden zu haben. „Sag mal, hast du da etwa wirklich Hakenkreuze auf deinem Pulli?“ Ein grauer Strickpulli mit leichten Farbakzenten, V-Ausschnitt und Lederknöpfen. Auf jedem einzelnen von denen, prangte jedoch ganz unverkennbar ein Hakenkreuz. "Mein Gott, du hast ja Recht", schoss mir durch den Kopf.

Eine kurze Online Recherche ergab, dass zwei Modeketten in jüngster Zeit wohl etwas Vergleichbares auf den Markt brachten. Kataloge wurden zurückgerufen. Zeitungsartikel berichteten. Auf den Bildern sind die Hakenkreuze jedoch nicht ganz so eindeutig wie auf meinem Pulli. Eher ein wenig abstrahiert. Die Assoziation jedoch auch da schon zweifelsfrei. In dem Glauben die Modekette, dessen Name übrigens „WORMLAND“ ist, vor einem ähnlichen Fauxpas wie zuvor die anderen zu bewahren und in der festen Absicht den Pullover zurückzugeben, machte ich mich auf den Weg. Dass mich auf der Straße in den Tagen zuvor noch keiner angespuckt hat oder gar Schlimmeres, habe ich mir auf dem Weg gedacht.

In dem Laden angekommen sprach ich direkt einen der Verkäufer an. Ich berichtete ihm, den Pullover kürzlich in dem Haus erworben zu haben, von Freunden auf die Knöpfe aufmerksam gemacht worden zu sein und unter diesem Umstand vom Kauf zurücktreten zu wollen. Den Kaufbeleg bereithaltend erkundigte ich mich nach den Hintergründen. Der Verkäufer zunächst irritiert, begutachtete die Knöpfe. Ja, stimmt, sollte so nicht aussehen, hieß es dann. Ein wenig leicht verzerrt sei das alttraditionelle und inhaltlich komplett losgelöste Muster schon. Produktionsfehler wohl. Wie sehen denn die anderen aus, wollte ich daraufhin wissen. Wir gingen rüber und ja, die ganze Auslage lag da, mit Hakenkreuzen auf den Knöpfen. Der Verkäufer, erstaunlich gelassen, sich wundernd was nun mein Problem sei. Er habe doch bereits erklärt, es sei was Anderes gemeint. Kann sein, erwiderte ich darauf, meinen Pullover möchte ich dennoch nicht mehr haben und andere, die es wie ich wohl erst nach dem Kauf bemerken würden, wahrscheinlich auch nicht. Gewohnt daran, dass Rückgaben an sich auch gänzlich ohne Gründe laufen, war ich fest überzeugt hier einen nachvollziehbaren Grund zu haben. Der Verkäufer teilte meine Meinung nicht. Den Pullover könne er so nicht mehr zurücknehmen. Er sei ja schon getragen. Wenn überhaupt, dann solle ich ihn doch bitte vorher erstmal Waschen. Und dann im Nebensatz, so beiläufig mit einem Hauch von Arroganz: „Und überhaupt, die ganze Chose ist ja schon über 60 Jahre her. Man kann es auch mal gut sein lassen.“.

Es folgte eine Argumentation, die mich erstarren ließ. Der Pullover trat für mich nun in den Hintergrund. Der Mann versteht nicht. Ich konfrontierte ihn. Das kann man so nicht stehen lassen. Genervt brach er die Unterhaltung ab und wandte sich der Arbeit zu. Immer noch im Besitz des Pullis ging ich nach dem Wortgefecht direkt zur Polizei. Ja, unverkennbar Hakenkreuze hieß es da. „Thor Steinar?“ fragte man mich dann. „Nein, WORMLAND, direkt hier neben an. Rücknahme verweigert“. Wir unterhielten uns, ich gab den vollen Wortwechsel wieder. Womöglich strafrechtlich relevant hieß es dann aus dem Munde eines Polizisten. Man werde recherchieren. Ich bekam ein Kärtchen. Weiter folgte nichts.

Am nächsten Tag verlangte ich den Manager. Ich gab erneut alles wieder. Den Besuch bei der Polizei geleich nebenan am Rathaus, den Wortwechsel mit dem Mitarbeiter am Tag zuvor, wie sehr mich das persönlich trifft. Selbst meine Großmutter brachte ich ins Spiel. „Denken Sie mal daran, ich sitze da bei ihr am Tisch in diesem Pulli.“ Einsichtig, wahrscheinlich geschäftsschädigenden Ärger ahnend, einigten wir uns darauf, dass man mir neue Knöpfe an den Pullover näht.

Beim Abholen einige Tage später konnte sich die Dame an der Kasse den Kommentar nicht nehmen lassen „Man sieht ja, was man sehen will“, zischte es verächtlich in meine Richtung. Die Belegschaft hat es wohl thematisiert. Zuvor gab mir der Geschäftsführer eine CD mit Weihnachtsliedern als Geschenk. Eine Entschuldigung, wie ernst gemeint kann ich nicht sagen. Die Pullis lagen weiterhin noch da. Den Laden habe ich seitdem nie wieder mehr betreten.

Ich finde nicht, dass man das einfach so stehen lassen kann, Herr Plasberg. Nicht vor 7 Jahren und schon gar nicht jetzt. Sie müssten es eigentlich besser wissen.

17:34 20.10.2019
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