Der Erbverwalter

Verteidigung Beim Namen Peter Sloterdijk kriegen viele Linke das Fleckfieber. Trotzdem lohnt es sich, sein neues Buch zu lesen
Nils Markwardt | Ausgabe 34/2014 14

In kapitalismuskritischen Kreisen rangieren die Sympathiewerte des Karlsruher Philosophen noch auf dem Level von J.R. Ewing. In seinen 2012 publizierten Tagebüchern hat Sloterdijk diesen Umstand in seiner eigenwilligen Diktion selbst auf den Punkt gebracht: „Nach allem, was man hört, ist meine Imago in ihrer dunklen Hälfte ein anmaßendes Unding, ein Hybrid aus Dieter Bohlen, Muammar al-Gaddafi und Carl Schmitt […] Da ist wieder einer, der die Schwefeldämpfe des Elitismus atmet. Er besucht Oswald Spengler in der Hölle und feiert kaltherzige Champagnerfeste mit den Bösmenschen.“

Nun hat Sloterdijk, der sich einmal als „lebenslanger Sozialdemokrat“ bezeichnete, hart an dieser Reputation gearbeitet. Allen voran mit seinem Vorschlag, das sozialstaatliche Transfersystem von verbrieften Rechten auf philanthropische Almosen umzustellen („Revolution der gebenden Hand“). Überhaupt ist Sloterdijk immer dort schwach, wo er seiner Devise folgt, dass Philosophie nicht mit Diakonie zu verwechseln sei. Spricht er von Krankenkassen als „Wellness-Dienstleistern“, klingt er wie eine schlechte Parodie von FDP-Chef Christian Lindner – der wiederum eine durchaus passable Sloterdijk-Parodie in petto haben soll. Andererseits lohnt es sich dennoch, fast immer, seine Bücher zu lesen. Sein Œuvre ist wesentlich vielschichtiger und ambivalenter, als unterstellt wird. Und bei der Verhandlung linker Ideen gibt er oft den scharfsichtigen Advocatus Diaboli.

So ist Sloterdijk nicht nur ein Virtuose zeitdiagnostischer Sottisen („Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum“), er liefert im Rahmen seines Entwurfs einer Allgemeinen Immunologie auch eine Fülle von Argumenten gegen die sicherheitspolitisch kostümierte Demontage von Bürgerrechten. Vor allem aber zeichnet sich sein Werk – besonders sein Bestseller Du musst dein Leben ändern – durch die Formulierung einer Lerntheorie aus, die die in marxistischen Zusammenhängen unterbelichtete Tatsache unterstreicht, dass das Individuum einen athletischen Eigensinn besitzt, der sich auch außerhalb der Produktionsverhältnisse bewirtschaften lässt.

Wenn Sloterdijk konstatiert, dass „jedes Lebewesen der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte des Etwas-tun-Könnens ist“, verweist er damit auf eine Ethik der Selbststeigerung, die in psychopolitischer Hinsicht das Gegenteil von neoliberalen Optimierungsimperativen darstellt. Seine Einlassungen sind somit weniger als nietzscheanische Kraftmeierei denn vielmehr als Aufruf zu einem Denksportlertum zu verstehen, ohne das eine kritische Zivilgesellschaft nicht zu haben ist. Sloterdijk, der einst mit rotem Gewand und Holzperlenkette nach Pune pilgerte, um als Jünger Bhagwans die Frankfurter Sozialphilosophie gegen indische Erkenntnistheorie einzutauschen, liefert in seinen guten Momenten deshalb das Korrektiv zu jenem flottierenden Fatalismus, der sich einem Diktum Jean Genets verpflichtet fühlt: „Ich möchte, dass die Welt sich nicht ändert, damit ich mir erlauben kann, gegen die Welt zu sein.“ Als Lehrer für Psychogymnastik vollzieht Sloterdijk somit den methodischen Kurzschluss zwischen Sokrates und Jürgen Klopp.

Vor diesem Hintergrund wirkt sein neues Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit zunächst ungewohnt kulturpessimistisch. Auf 500 glänzend geschriebenen Seiten werden die Trümmer der Moderne eingesammelt. Entstanden ist so ein Katalog der fortwährenden Verwüstung, den Sloterdijk mit einem berühmten Bonmot der Marquise de Pompadour belegt, der Geliebten Ludwigs XV. und Schattenkönigin Frankreichs: après nous, le déluge. Für kommende Zeiten sollte die achselzuckende Prophezeiung der kommenden Sintflut chronische Wirklichkeit werden. Von der Guillotine über die leninistische „Vermählung von Razzia und Bürokratie“ bis zum zeitgenössischen Terrorismus erklinge die Grundmelodie der Moderne als ein anschwellender Totentanz.

Schuld daran sei die zunehmende Destabilisierung genealogischer Kreisläufe durch jene „schrecklichen Kinder“, die bereit sind, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen. Wo Nachfahren ihr komplettes Erbe ausschlagen, gerate Zukunft zur „Probebohrung des Bodenlosen“. Ideengeschichtlich gesehen, gehen die ersten Schritte dieser aufsässigen Brut von Nazareth aus. Schließlich war es Jesus, „Gottes-Bastard“ und „schrecklichstes Kind der Weltgeschichte“, der mit der Gründung seiner „vitalistischen Wandersekte“ die welthistorische Option des „spirituellen Filiarchats“ eröffnete. Er, der die Herkunft zur Glaubenssache erklärt und die Herrschaft der Söhne ausruft, wird nach seiner Kreuzigung scharenweise „Autodidakten der Himmelfahrt“ rekrutieren, die seine auto-ikonoklastische Botschaft in die Welt tragen. Nach Sloterdijk nimmt in diesen antiken Tagen somit jener „zivilisationsdynamische Hauptsatz“ Gestalt an, der sich in der Moderne vollends verfestigen wird: „Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können.“ Das hieße also, dass dort, wo der genealogische Transmissionsriemen reißt, der zivilisatorische Massencrash an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Werden deregulierte Ambitionen für kollektive Weltfluchten eingespannt, entpuppt sich dem Denker zufolge die versprochene Zukunft als „Deponie für die Illusionsabfälle einer überforderten Gegenwart“. Meint wiederum, dass „die Kluft zwischen Verlierern und Gewinnern im großen Spiel der immer riskanteren Instabilitätskonstrukte“ stetig weiter aufreißt.

In neoliberalen Zeiten

Ralf Fücks, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung, hat kürzlich in der Welt darauf hingewiesen, dass die Schwäche des Buchs darin bestehe, die emanzipatorischen Errungenschaften der Moderne vernachlässigt zu haben. Prinzipiell hat Fücks damit zwar recht, verkennt aber zwei wesentliche Punkte. Zum einen verhehlt Sloterdijk nicht, dass es sich um ein dialektisches Phänomen handelt. Macht er doch deutlich, dass nicht nur der abendländische Individualismus auf der Möglichkeit von Wahlverwandtschaften beruht, sondern auch die moderne Demokratie nichts anderes ist als die „Propagierung eines psychopolitischen Interesses an den Vorteilen der genealogischen Diskontinuität“. Er problematisiert also nicht den Kulturbruch als solchen, sondern seine Permanenz, zweifelt nicht am Fortschritt, sondern am Vorteil der eschatologischen Instrumentalisierung. Zum anderen sind Die schrecklichen Kinder der Neuzeit zwar kulturkonservativ imprägniert, aber Sloterdijk spielt in keinem Moment die reaktionäre Karte, indem er die „schrecklichen Kinder“ etwa aufs Vaterland verpflichten wollte. Vielmehr schließt er mit einem Plädoyer für mehr gesellschaftliche Widerstandskraft.

Angesichts unserer katastrophischen Gegenwart (Ukraine, Syrien ...) scheint der Ruf nach weniger chaotischen Übergängen nun nicht völlig unplausibel. Darüber hinaus zeigt sich aber auch, dass Sloterdijks Appell zur Regulierung maximal beschleunigter Weltverhältnisse nicht allzu weit von linker Zeitdiagnostik entfernt ist. Offenbart sich doch gerade der Neoliberalismus als Zentrifuge des Realen, in der alles Ständische und Stehende verdampft – von jahrhundertelang erkämpften Arbeitsrechten bis zur humboldtschen Bildungsidee. Frei nach Walter Benjamin, dass die Revolution keine Lokomotive, sondern vielmehr deren Notbremse sei, verfügen heute viele links-ökologische Zukunftsstrategien, vom Postwachstum bis zum Nachhaltigkeitsgedanken, über einen konservierenden Impetus.

Kurzum: Wer Auskunft über emanzipatorische Gesellschaftsentwürfe sucht, ist bei Sloterdijk falsch verbunden. Wer sich hingegen über die Risiken und Nebenwirkungen chronischer Kulturbrüche informieren will, wird gern durchgestellt. Hat der große Ökonom John Maynard Keynes einmal konstatiert: „Nichts führt eine gesellschaftliche Einrichtung mit größerer Sicherheit zum Verfall als ihre Fesselung an den Grundsatz der Vererbung“, so ist dies in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht richtig. Dass es in kulturdynamischer Perspektive womöglich anders aussieht, dafür liefert Peter Sloterdijk ein paar gute Argumente.

Die schrecklichen Kinder der Neuzeit Peter Sloterdijk Suhrkamp 2014, 489 S., 26,95 €

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06:00 26.08.2014
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Ausgabe 39/2020

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