Mit Ehrfurcht vor dem Leben

Albert Schweitzer Zeit seines Lebens machte sich der ­schrullige Universalgelehrte aus dem Elsass Gedanken über Leben und Ethik. Dabei wusste er geschickt mit der Öffentlichkeit umzugehen

Buch der Woche: Albert Schweitzer 1875-1965 - Eine Biographie von Nils Ole Oermann

gebunden, 367 Seiten
24,90 €,
C.H.Beck
ISBN 978-3-406-59127-3

Der Verlag zum Buch:

Nils Ole Oermann schildert anschaulich das vielseitige Leben Albert Schweitzers, der durch sein selbstloses Wirken als Arzt im afrikanischen Dschungel und als Pionier eines alle Kulturen übergreifenden Weltethos berühmt geworden ist. Diese erste große Schweitzer-Biographie erlaubt einen frischen Blick auf eine der großen Ikonen des 20. Jahrhunderts.

Der Orgelkünstler Albert Schweitzer konnte auch in seinem Leben verschiedene Register ziehen: Er war bedeutender Theologe, gütiger Urwalddoktor, Bestseller-Autor und Philosoph der Ehrfurcht vor dem Leben. Gerade in seiner Schlichtheit und Geradlinigkeit war der Friedensnobelpreisträger zudem ein Meister der Selbstinszenierung. Er verkehrte mit führenden Politikern und Denkern und war zugleich darauf bedacht, sich von den Großen und Mächtigen abzuheben. Er machte kein Aufheben um sein Äußeres und sah gerade darum aus "wie ein naher Verwandter des lieben Gottes" (Der Spiegel). Nils Ole Oermann beleuchtet auf der Grundlage bisher unbekannter Quellen das Leben Albert Schweitzers neu, etwa seine Schlüsselentscheidung, Mediziner zu werden, sein Verhältnis zu den Afrikanern oder seine politische Rolle in den fünfziger Jahren. So entsteht ein neues Bild von "einem der außergewöhnlichsten Menschen der Neuzeit" (Time Magazine).


Leseprobe:

Schweitzer hatte diesen Terminus „Ehrfurcht vor dem Leben“ bereits im Wintersemester 1911/12 für seine Studenten entwickelt. Er verstand ihn nicht als ­abstraktes Gebot, sondern als Formel, die in dem ­Bewusstsein ausgesprochen wird, dass Leben durch anderes Leben verdrängt wird. Dieser Ethik wurde vorgeworfen, sie sei zu stark am Denken Friedrich Nietzsches orientiert, während Schweitzer aus seiner Sicht hier lediglich die Goldene Regel radikalisierte. Für Schweitzer strebt jeder Mensch danach, sich zur Welt in ein Verhältnis zu setzen, und zwar tut er dies existentiell über das Denken und Wissen – wie Descartes’ Satz „Ich denke, also bin ich“ nahelegt. Den Weg Descartes’ lehnte Schweitzer jedoch ab, denn wenn die Beschreibung der eigenen Beziehung zur Welt beim abstrakten Denken ansetzt, gerät der Mensch „unrettbar in die Bahn des Abstrakten“. Schweitzer stellte dagegen fest, dass die unmittelbarste Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfaßt sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt. […] Nun hat sich der Mensch zu entscheiden, wie er sich zu seinem Willen zum Leben verhalten will...


© 2009 by Verlag C.H.Beck, München

Aufgrund von Absprachen mit den Verlagen, die uns die Leseproben zur Verfügung stellen, können wir diese nur für eine begrenzte Zeit online stellen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Nils Ole Oermann, geb. 1973, in Oxford ausgebildeter Historiker und Theologe, ist Direktor am Forschungsbereich Religion, Politics and Economics an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit seiner wirtschaftsethischen Arbeit Anständig Geld verdienen? (2007) ist er einer größeren Leserschaft bekannt geworden.

Das Buch ist am 31. August 2009 erschienen

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