„Der Einzelne kann wenig machen“

Interview Dauerhafte Unsicherheit kann bei Beschäftigten sogar zur Angststörung führen. Arbeitsschutz-Expertin Lena Hünefeld weiß Abhilfe
„Der Einzelne kann wenig machen“
Befristet oder arbeitslos sind heutzutage häufig die einzigen Alternativen
Foto: Photothek/Imago

der Freitag: Frau Hünefeld, Sie haben für eine Studie Daten zu atypischen Beschäftigungsformen aus den vergangenen 15 Jahren analysiert. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Lena Hünefeld: Die Arbeitswelt ist insgesamt flexibler geworden. Atypische Beschäftigungsformen sind ein Teil davon. Dazu gehören Solo-Selbstständigkeit, Leiharbeit und Befristung. Deren Verbreitung wurde von politischer Seite her zunehmend begünstigt, mit dem Arbeitsrechtlichen Beschäftigungsförderungsgesetz von 1996 etwa oder über die Hartz-Gesetze. Grund dafür ist der wachsende Druck auf dem Markt durch die voranschreitende Globalisierung und Digitalisierung. Die Politik hat den Unternehmen mehr Freiheiten gegeben, sich diesem Druck anzupassen. Gleichzeitig ist die soziale Ungleichheit gestiegen. Ein Zusammenhang mit der Flexibilisierung ist erkennbar.

Welche Rolle spielt Befristung?

Es ist die am stärksten verbreitete Form der Flexibilisierung und dadurch sehr sichtbar. Auch weil sie sich durch alle möglichen Branchen und Sektoren zieht. Die Datenlage könnte jedoch besser sein. Es mangelt vor allem an Langzeitbeobachtungen. Fakt ist, dass es zwischen 2000 und 2011 einen starken Zuwachs an befristeten Verträgen gegeben hat. Seitdem ist das Maß relativ gleichbleibend.

Woran liegt das?

Das Land hat die Wirtschaftskrise gut überstanden und bewegt sich wieder auf einen Aufschwung zu. Die Notwendigkeit, Arbeitnehmer befristet einzustellen, scheint für die Unternehmen geringer geworden zu sein. Außerdem hat die wachsende öffentliche Debatte zu dem Thema zu einer größeren Sensibilisierung beigetragen, auch in der Wirtschaft.

Was sind denn die Folgen von dauerhafter Befristung?

Grundsätzlich muss Befristung keine gesundheitlichen Folgen nach sich ziehen. Aber wenn sie das tut, können verschiedenste psychosoziale Symptome auftreten: von Müdigkeit und Schlafproblemen über Unwohlsein, Depression hin zu Verhaltens- und Angststörungen. Psychische Krankheiten nehmen allerdings allgemein zu. Inwiefern es einen direkten Zusammenhang zu atypischen Beschäftigungen gibt, das ist schwer zu sagen.

Zur Person

Lena Hünefeld, 33, hat Soziologie sowie Psychologie studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Kürzlich wurde ihr Arbeitsvertrag entfristet

Foto: Presse

Wovon hängt es ab, ob sich eine Befristung negativ auf die Gesundheit auswirkt?

Auf individueller Ebene spielen Faktoren wie die Lebenssituation und die Persönlichkeit eine Rolle. Einige bevorzugen befristete Beschäftigungsverhältnisse sogar, weil sie die Flexibilität persönlich als Vorteil begreifen. Das gilt vor allem für Jüngere und Kinderlose. Für Jüngere ist eine befristete Stelle außerdem oft der Einstieg in den Arbeitsmarkt. Für Ältere wiederum kann eine dauerhafte Befristung in eine Sackgasse mit gesundheitlichen Folgen führen. Das gilt besonders für Geringqualifizierte und somit mehrfach Benachteiligte. Befristung ist also insgesamt ambivalent und birgt je nach gesellschaftlicher Gruppe sowohl Chancen als auch Risiken.

Was genau ist es dann, das die Gesundheit beeinträchtigen kann?

Der Umgang damit ist entscheidend. Von Arbeitgeberseite ist es wichtig aufzuzeigen, ob es eine Perspektive im Unternehmen gibt und wenn nicht, dies auch deutlich zu kommunizieren. Dauerhafte Planungsunsicherheit geht mit Stress einher und kann zu gesundheitlichen Folgen führen. Hangelt sich jemand von Befristung zu Befristung, kann sich die Arbeitszufriedenheit und die Motivation der Mitarbeiter verschlechtern. Es ist also vor allem eine Frage der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen. Stimmt das Verhältnis zwischen Lohn und Arbeitszeit? Wird mir Wertschätzung entgegengebracht? Kann ich meine Bedürfnisse äußern und werden diese ernst genommen? Handlungsspielräume und das Lohnverhältnis sind da wichtige Pufferfaktoren.

Unternehmer argumentieren ja des Öfteren, dass Befristung die Motivation erhöhe, wegen der verstärkten Konkurrenz.

Das kann kurzfristig so funktionieren, ja. Aber das Entscheidende ist, ob ich ein Arbeits- oder Lebensmodell selbst wähle oder ob die Gesetze des Marktes mich dazu zwingen. Die Forschungslage zeigt, dass Befristung insgesamt als Unsicherheit wahrgenommen wird und somit ein Stressfaktor ist.

Wer ist besonders betroffen?

In Bezug auf gesellschaftliche Gruppen sind Frauen, Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund allgemein häufiger von atypischen Arbeitsverhältnissen betroffen. Da sind die Ressourcen insgesamt ungleich verteilt: weniger Einkommen, Handlungsspielräume und Arbeitsplatzsicherheit.

In Bezug auf Branchen ist Befristung vor allem im Dienstleistungssektor, insbesondere der Gastronomie, und im öffentlichen Dienst im Bereich Bildung und Wissenschaft verbreitet. Es ist immer die Frage, ob eine Befristung dem Projektanlass angemessen ist. Die medial schon öfter thematisierten Kettenverträge im Halbjahresrhythmus sind oft ungerechtfertigt. Vor allem dann, wenn mit Projektlaufzeiten argumentiert wird, obwohl es sich eigentlich um Langzeitbeschäftigungen handelt.

Ist die soziale Ungleichheit ausschlaggebend für mehr Befristung oder ist es andersherum?

Das ist eine komplexe Frage. Frauen zum Beispiel sind allgemein mehr in Branchen beschäftigt, in denen Befristungen üblich sind, etwa in der Erziehung oder im Bildungsbereich. Jüngere wiederum wachsen in den Arbeitsmarkt rein und müssen mit den Bedingungen umgehen, die sie vorfinden. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Viele sind nach ihrer Ausbildung erst mal arbeitslos. Das gilt auch für Hochqualifizierte oder Leute mit Abschlüssen, mit denen man früher direkt in den Arbeitsmarkt integriert wurde. Heute wählt man oft nicht mehr zwischen befristet und unbefristet, sondern zwischen Befristung und Arbeitslosigkeit.

Wie können sich Betroffene gegen diesen Druck wehren?

Die Gewerkschaften haben bereits einiges angestoßen. Sonst bleibt in Unternehmen immer auch der Personal- oder Betriebsrat. Auch die Qualifikation spielt oft eine entscheidende Rolle. Je schwieriger es für den Arbeitgeber ist, einen Mitarbeiter auf dessen Position zu ersetzen, desto größer sind die Chancen darauf, entfristet zu werden. Grundsätzlich aber ist das Thema eine politische Frage. Denn für das Individuum sind die Handlungsspielräume insgesamt sehr begrenzt. Der Einzelne kann wenig machen.

Es geht hier also um Macht. Man ist ersetzbar, soll sich glücklich schätzen, einen Job zu haben, wehe, man ist mal krank. Setzen Arbeitgeber Unsicherheit und Angst gezielt ein?

Studien haben jedenfalls ergeben, dass Befristete weniger Fehlzeiten haben. Eine Erklärung dafür ist, dass Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen besonderem Leistungsdruck ausgesetzt sind und im Krankheitsfall aus Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren, lieber trotzdem arbeiten gehen. Sie befinden sich in einer andauernden Bewährungssituation und knüpfen alle Hoffnung auf Weiterbeschäftigung an gute Leistung, sprich: „Performance“.

Kann das Gesundheitssystem da gegensteuern?

Ja, das tut es bereits. Vor allem im Bereich der Prävention. Viele Forschungen beschäftigen sich mit der Gestaltung von Arbeitsbedingungen und zeigen Wege auf, wie man die Arbeit besser organisieren kann. Zudem setzen Präventionsmaßnahmen auch direkt beim Individuum an, mit geförderten Stressabbau- und Achtsamkeitstrainings für den Arbeitnehmer zum Beispiel.

Gibt es die vollkommene Sicherheit überhaupt?

Eigentlich gab es die nie so wirklich, aber das gesellschaftliche Bedürfnis danach ist groß. Die Entwicklungen des Marktes werden oft als ein von den Menschen getrenntes Phänomen wahrgenommen. Dabei sind diese Veränderungen natürlich menschengemacht. Nur kommen viele mit deren wachsender Geschwindigkeit nicht zurecht. Anpassungsprozesse brauchen Zeit, Ressourcen müssen aufgebaut werden. Ebenso brauchen politische Prozesse ihre Zeit, deswegen kommen Regulierungen oft erst wesentlich später nach den technologischen Entwicklungen.

Ist die Flexibilisierung am Ende also ein unabwendbares Übel?

Die Frage ist, wie sie gestaltet wird. Der Arbeitnehmer darf nicht die Risiken für ein Unternehmen auf seinen Schultern tragen, sondern das Unternehmen muss sich so verändern, dass es dem Druck des Marktes standhalten kann. Hier ist die Politik gefragt, wie man die Menschen dabei unterstützen kann. Flexibilisierung muss ein bestimmtes Maß haben und darf die Arbeitnehmer nicht überfordern. Darum geht es ja jetzt gerade: Wie kann nachjustiert und das Maß der Befristung beschränkt werden?

06:00 26.07.2017

Kommentare 10