1990: Jeder für sich

Zeitgeschichte Vor 25 Jahren brach der Bund der Kommunisten Jugoslawiens auseinander. Bald war der Zerfall des föderativen Staats so wenig aufzuhalten wie ein desaströser Bürgerkrieg

An einem Abend voller Schreiduelle und Beleidigungen erhebt sich gegen halb elf der slowenische Parteichef Milan Kučan aus seinem Sessel in der ersten Reihe der Sava-Kongresshalle in Belgrad, packt seine Unterlagen zusammen, verabschiedet sich knapp vom Vorsitzenden des Zentralkomitees und wendet sich dem Ausgang zu. Ihm folgen zuerst Sonja Lokar, die junge Hoffnung der Partei, und Kučans Sekretär Štefan Korošec; Lokar weinend, auch Korošec zerdrückt eine Träne. Von irgendwo aus dem Plenum kommt ein Ruf: „Da gehen sie und heulen um ihre Sessel!“. Spontan stehen die meisten serbischen Delegierten auf, um den Auszug Kučans und aller 106 slowenische Delegierten mit höhnischem Applaus zu begleiten. Die Szene sagt alles Wichtige über den Zerfall Jugoslawiens: Es waren tatsächlich die Slowenen, die dem Bundesstaat Lebewohl sagten. Es ist aber ein Mythos, zu glauben, die Serben hätten ihn erhalten wollen. Und man muss auf den Ton achten, wenn man das Geschehen damals verstehen will, mehr als auf die Worte.

Der 14. außerordentliche Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens Ende Januar 1990 markiert noch nicht das Ende des Vielvölkerstaats, auch nicht den Anfang vom Ende. Er bildet aber einen Wendepunkt. Bis zum Kongress haben die serbischen Kommunisten unter Slobodan Milošević auf der Zentralisierung des kompliziert föderalen Staatswesens bestanden. „Ein Mensch – eine Stimme“, so ihre Formel für die anstehenden ersten Mehrparteienwahlen. Die Slowenen dagegen beharren auf der geltenden Formel „Eine Republik – eine Stimme“. Wahlen sollten nur in den sechs Teilrepubliken einzeln stattfinden.

Nachdem Serbien die Autonomie der beiden Provinzen Kosovo und Vojvodina aufgehoben hat, kann Milošević auf alle Delegierten seiner Republik, auf die Montenegriner, einen Teil der Mazedonier und auf die bosnischen Serben rechnen. Damit verfügt der „serbische Block“ auf dem Kongress über eine knappe Mehrheit, denn auf Parteitagen wird seit vorföderalen Zeiten nicht nach Republiken, sondern nach Delegierten abgestimmt. Der serbische Block hat bis dahin alles überstimmt, was aus Slowenien kam, auch wenn es nichts mit Autonomie zu tun hatte – auch den Antrag, politische „Verbaldelikte“ aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Der Block zeigt mit seinem Abstimmungsverhalten: Mit dem Prinzip „Ein Mensch – eine Stimme“ soll kein demokratischer Nationalstaat begründet werden, sondern die Herrschaft der einen Nation über die andere. Das Muster frisst sich fort. Wie der serbische Block im Sava-Zentrum agieren später Bosniaken und Kroaten in Bosnien, als sie gegen die 33 Prozent Serben im Land die Unabhängigkeit beschließen.

Der Streit ging nicht um Ideologie. Die jugoslawischen Kommunisten waren immer liberaler als ihre Genossen im Warschauer Pakt. Die „sanften Revolutionen“ in den Ostblockländern forderten sie im Prinzip nicht übermäßig heraus. Eine Planwirtschaft gab es nicht. Meinungsstreit war in Grenzen erlaubt. Die Theorie-Debatten der Jugoslawen strahlten zeitweise weit nach Westen aus. Die „Praxis-Gruppe“ aus undogmatischen Marxisten setzte sich in ihrer Sommerschule auf der Insel Korčula mit Otto Bauer und Antonio Gramsci auseinander. Zum Redaktionsrat ihrer Zeitschrift zählten Persönlichkeiten wie Jürgen Habermas, Ernst Bloch, Georg Lukács und Herbert Marcuse.

Jede Republik für sich

1990 aber gilt die Partei allen, Serben wie Slowenen, nur noch als Herrschaftsapparat, nicht mehr als Gesinnungsgemeinschaft. Die Eckwerte des jugoslawischen Modells, sozialistische Marktwirtschaft, Arbeiterselbstverwaltung, Blockfreiheit, „Brüderlichkeit und Einheit“ zwischen den Volksgruppen, werden zehn Jahre nach Titos Tod, wenn überhaupt, nur noch ironisch zitiert. Die schwache Zentralregierung unter dem „letzten Jugoslawen“ Ante Marković hat umfängliche Privatisierungen und die Bindung des Dinar an die D-Mark eingeleitet. Dass an einem Mehrparteiensystem nach westlichem Vorbild kein Weg vorbeiführt, ist allen Kontrahenten klar, erst recht Milošević, der in Serbien als großer Reformer gilt. Nicht was man reformieren will, ist umstritten, sondern wer es tun soll: ein einiges, serbisch dominiertes Jugoslawien? Oder jede Republik für sich?

Mit dem Auszug der Slowenen ist die Frage entschieden: Jede für sich. Milošević ist mit seinem Zentralisierungsprogramm, das er durch Einschüchterung anderer Volksgruppen, der Slowenen, Kroaten und Kosovo-Albaner, durchsetzen wollte, gescheitert.

Als Kučan und seine Leute den Saal verlassen haben, will der junge Tagungspräsident Momir Bulatović weitermachen. Aber die Kroaten protestieren, dann die Mazedonier und die Bosnier. Schließlich unterbricht der Montenegriner den Kongress „für eine Viertelstunde“. Förmlich beendet wird der Parteitag nie. Die Viertelstunde Pause dauert bis heute an.

Begonnen hatte der Zerfall schleichend. Vor allem in Serbien datieren Historiker den Anfang vom Ende Jugoslawiens gern auf 1974, das Jahr, in dem das Land seine extrem föderale Verfassung bekam. Andere nehmen als Urknall den Tod Titos im Mai 1980 – ein eher triviales Datum, denn dass der 88-Jährige ewig leben würde, konnten nicht einmal seine dümmsten Anhänger behaupten. In Kroatien und Bosnien werden wahlweise der Amtsantritt Miloševićs als Parteichef in Serbien 1986, das nationale Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste oder die berühmte achte Sitzung des serbischen ZK im Jahr darauf hergenommen. Anfang 1990 jedenfalls, beim 14. Kongress, war der Konflikt schon voll entbrannt. Sogar Gewalt lag in der Luft. Als sich Slowenien im Jahr zuvor per Verfassungsänderung ein Sezessionsrecht zugesprochen hatte, wurde in Belgrad der Ausnahmezustand diskutiert. Für die ZK-Sitzung im September 1989 hegten die Slowenen schon düstere Befürchtungen: Statt mit dem Flugzeug kamen sie mit Autos; eine potenzielle Fluchtroute sollte nicht über die Autobahn nach Zagreb, sondern über Bulgarien führen.

Alles, was nach dem Januar 1990 in Jugoslawien geschah, vollzog die Entwicklung auf dem Parteikongress nur nach; erst rechtlich, dann blutig. Slowenien und Kroatien machten im April und Mai den Anfang mit Mehrparteienwahlen. Bis zum Jahresende folgten alle anderen Republiken. Als erste Republik zog im Jahr darauf Slowenien, dann Kroatien, dann Mazedonien, dann Bosnien aus dem Staatsverband aus. Krieg geführt wurde zwischen den Republiken nicht um den Erhalt Jugoslawiens, sondern um die Verteilung der anfallenden Konkursmasse, des Territoriums. Mit den „ethnischen Säuberungen“ sollten homogene Staaten geschaffen werden. Der kurze Krieg nach der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens Ende Juni 1991 war schon ein Anachronismus: Nicht Milošević stand dahinter, sondern die Armee, die nach dem Zerfall der Partei als einzige gesamtjugoslawische Kraft übrig geblieben war.

Die grundsätzlichen Fragen, die schon auf dem Kongress im Januar 1990 in wüsten Beschimpfungen untergingen, sind bis heute nicht gründlich erörtert worden. Was war falsch daran, dass Milošević dem Land das bewährte Prinzip „Ein Mensch – eine Stimme“ verordnen wollte? Gab ihm der Zerfall des Staats nicht nachträglich Recht?

Milošević war tatsächlich nicht der brüllende Löwe des serbischen Nationalismus. Er ließ brüllen. Seine Absicht war es, das schlafende Raubtier mit gezielten kleinen Steinwürfen zu wecken – mit seiner berühmten Rede auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989, mit seinen serbischen „Meetings“ in Republiken außerhalb Serbiens, wo die Mythologen und Chauvinisten die alten Lieder sangen, die alten Uniformen trugen und ihrem Hass auf die anderen freien Lauf ließen. „Demokratie, das ist Wahlen plus Privatisierung“, hat der serbische Bosnier Ljubomir Stojanović in Abwandlung eines Lenin-Spruchs die Haltung glossiert, die in Jugoslawien auf allen Seiten herrschte. In Wirklichkeit aber, meinte der weise Mann aus Sarajevo, sei sie wohl Mehrheit plus Respekt.

06:00 11.02.2015

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