Paul Hildebrandt
04.11.2016 | 19:00 8

Mitläufer gesucht

Fortbildung 2.0 Nicht strahlende Lehrervorbilder verändern den Regelunterricht. Sondern jene Pädagogen, die sich eines Vergehens schuldig machen – der Nachahmung

Mitläufer gesucht

Obwohl der Alltag der deutschen Schüler längst digitalisiert ist, findet der Unterricht in den Klassenzimmern oft noch analog statt

Foto: MUJAHID SAFODIEN/AFP/Getty Images

Nur weil Maike Schubert auf ihre Schüler hörte, machte ihre Schule einen großen Schritt Richtung Zukunft. Im September 2014 forderte die Schülervertretung: „Schluss mit dem Smartphone-Verbot.“ Handys waren in der Freiherr-vom-Stein-Gesamtschule in Neumünster bis dahin nicht erlaubt. Am selben Abend änderte die Schulleiterin die Stopp-Smartphone-Regel – eine Entscheidung mit Folgen. Heute sind Smartphones und Tablets fester Bestandteil des Unterrichts. „Selbst die skeptischen Lehrer arbeiten jetzt mit dem digitalen Angebot“, sagt Maike Schubert.

Obwohl der Alltag der deutschen Schüler längst digitalisiert ist, findet der Unterricht in den Klassenzimmern oft noch analog statt. Arbeitsblätter statt Websites, Frontalunterricht statt Lernvideos – bei vielen Lehrern ist die Digitalisierung sehr weit weg. Mit Methoden von gestern wollen sie Kinder von heute auf die Welt von morgen vorbereiten. Wie könnten die Pä­dagogen umlernen?

„Die meisten Lehrer wollen ihren Unterricht digitaler gestalten“, ist Simone Fleischmann überzeugt, „aber es fehlt an technischer Unterstützung.“ Fleischmann ist Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands, der sich seit Längerem mit Digitalisierung an Schulen auseinandersetzt. Die fünf Milliarden Euro, die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka für technische Infrastruktur und Endgeräte zur Verfügung stellen will, sind für Fleischmann nur ein Anfang. „WLAN und Tablets alleine schaffen keine Veränderung – wir brauchen eine Gesamtstrategie.“ Lehrer müssen aus einem breiten Angebot an Fortbildungen wählen können, es braucht Experten von außen, die die Pädagogen unterstützen.

Mehr Schatten als Begeisterung

Ähnlich sieht das Felix Schaumburg, Lehrer an einer Wuppertaler Gesamtschule. Die Lehrer sind der Schlüssel für das Lernen mit digitalen Geräten und Plattformen. „Aber über die klassische Lehrerfortbildung schaffen wir das nicht.“ Schaumburg weiß, wie solche Fortbildungen funktionieren. Es kommt von außen jemand und informiert die Lehrer als Allwissender über die neuen Möglichkeiten. Aber die Lehrer einer Schule übernähmen die neuen Möglichkeiten erst, wenn einer ihrer eigenen Kollegen sich auf Tablets, Blogs und Lern-Apps eingelassen hat. „Der Typ Leuchtturm, der den anderen mit schicken Geräten vormacht, wie Lernen 2.0 geht, strahlt oft viel zu hell“, sagt Schaumburg. „Er produziert mehr Schatten und Scham als Begeisterung.“ Die Schlüsselpersonen sind für Schaumburg die ersten Nachahmer. Diese Lehrer importieren Tablets in ihren Unterricht – und entwickeln Projekte und didaktische Konzepte. Etwa indem sie mit ihren Schülern E-Books mit Filmen und Tönen herstellen.

Die Freiherr-vom-Stein-Schule in Neumünster hat sich für einen radikalen Wandel entschieden. Die Schulleitung hat die klassische Lernsituation aufgehoben und Lerngruppen eingeführt. Der Lehrer ist dort ein Lernbegleiter, die Schüler lernen in Eigenverantwortung. Wie aber geht man mit Lehrern um, die keine Lust haben, ihren Unterricht so radikal zu ändern? „Ich glaube, wenn die Schulen ein digitales Konzept haben – dann ziehen auch die Lehrer mit“, sagt Simone Fleischmann. Schulleiter müssten es schaffen, ihre Lehrer zu begeistern. Klappt das nicht, müsse die Lehrkraft vielleicht über einen Schulwechsel nachdenken. „Hat ein Lehrer keine Lust, dann helfen auch keine Fortbildungen“, sagt Fleischmann. Auch Schulleiterin Maike Schubert hält nichts von verpflichtenden Fortbildungen: „In Zukunft müssen Lehrer zu Selbstlernern werden. Sie müssen sich selbst darum kümmern, bei der Digitalisierung Schritt zu halten.“

Felix Schaumburg aus Wuppertal mag das Wort Fortbildung gar nicht mehr benutzen. Es gehe ja nicht nur darum, dass Lehrer die digitale Technologie bedienen können. Für ihn steht eine neue Haltung im Mittelpunkt. Die Möglichkeiten des Netzes machen die Schüler zu Produzenten. Das heißt, der Wissensspeicher Schulbuch tritt in den Hintergrund und die Rolle des Lehrers ändert sich. „Wer so etwas beeinflussen will, muss tief in die Lehr- und Lernphilosophie der Lehrpersonen einwirken – und er muss zugleich die Organisation Schule umbauen. Fortbildung zum Lehrer 2.0 ist in Wahrheit Coaching und Schulentwicklung.“ Das bedeutet: Der Fortbildner ist ein externer Moderator, der über längere Zeit die Schule begleitet. Er führt in die Technik ein, aber bringt vor allem methodische und didaktische Konzepte mit.

Die neuen Lehrmittel verändern die Stellung des Lehrers, findet Simone Fleischmann. Jugendliche finden sich oft leichter in der digitalen Welt zurecht als die Erwachsenen. Das führt zu Kontrollverlust. „Es gibt nichts Schlimmeres als einen verunsicherten Lehrer.“ Fleischmann glaubt daher, dass der Unterricht sich ändern muss. Frontalunterricht und ein Lehrer als einzige Wissensquelle – das ist nicht mehr zeitgemäß.

In Neumünster leitete kein Geldregen den digitalen Wandel ein, sondern engagierte Lehrer. Anstatt die Geräte zu verteufeln, nutzten sie die Technik. Als auch Schüler begannen, mit ihren Smartphones im Internet zu recherchieren und sich Lernvideos anzuschauen, riss das die anderen Lehrer mit. Als sie merkten, dass ihre Schüler mit den Geräten nicht nur spielten, griffen auch sie auf die tech­nischen Möglichkeiten zurück – ein Nachahme­effekt setzte ein. Um alle Lehrer auf den gleichen Stand zu bringen, machte die Schulleitung daraufhin Fortbildungen und richtete Trainingsgruppen ein. Sie lud Experten zum Thema Datenschutz ein und organisierte Workshops, in denen die Lehrer digitale Methoden ausprobieren konnten. Heute geben sich die Kollegen in kleinen Lehrerteams untereinander ihr Wissen weiter.

der Freitag Bildung 2.0

Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage der Freitag Mediengesellschaft

Kommentare (8)

Fred123 05.11.2016 | 08:32

In Finnland nennt man Smartphones ungefähr übersetzt "Handhirn":-)....

und dort gab und gibt es, wissenschaftlich interdisziplinär begleitet, mit "gut Geld" ausgestattete Schulversuche in dieser Richtung.

Ergebnis: Über die Fachbuchseiten als PDF & Arbeitsblätter auf dem Schulserver usw. hat sich "in mehreren Jahren nix" verändert.

Statt Papier zu bedrucken, (von dem wir ja so reichlich haben, das wir das in Massen verkaufen müssen) fallen jetzt Bandbreiten-, Server- usw. -kosten an, veraltet Technik sehr schnell, ist eine beliebte Ausrede für Terminüberschreitungen usw. "Stromausfall", (viel Freileitungen durch noch mehr Wald),Hardware-, Netzprobleme..... gibt es das digitale "Langzeit-Archivproblem" für Schüler/Schule usw.

Kurz, "Lernen" findet dort, in einem sehr technikaffinen Land, (wir haben den Holzvollernter VOR der Motorsäge benutzt, geht das Gerücht:-) ) immer noch "analog" in "Lerngruppen", an Schulen, von Grund -, .... Fachhochschule/Uni mit wirklichen Lehrern und Medienmix in der HAUPTSACHE in sozialer Interaktion statt.

Zum Negativen geändert hat sich der Wartungsaufwand und die Kosten (wenigstens in der Grund-, bis Oberstufe=Schule). Selbst in einer Gesellschaft, die alle "Filme" nur im Orginal mit Untertiteln sieht (es lohnt sich nicht, die finnisch zu "sycronisieren") in der jeder Schüler in der Oberstufe wenigstens 4sprachig (fin, swe, engl + 4. Sprache) ist, ist das Netz nicht zum "Teacher" geworden, bleibt "bebildertes, einfach zugreifbares Lexicon" oft weniger.

Fazit: Lernen ist (ohne jetzt eine Dis. daraus zu machen) immer noch "soziale Interaktion & Hirntraining=DENKEN", welches unabhängig vom Medium intra- und interpersonell stattfindet!

Die Ergebnisse des "Basis-, Grundlagenlernen" bei Papier, Bleistift, Tafel versus Phon, Tablett, Laptop hängen immer noch auschließlich von der "Lerngruppe" ab, den Personen, der Interaktion! (Benutze jetz mal "Lernender", Ockham's Razor:-) )

Ein Navi ersetzt nicht das "Orientierungsvermögen", ein Smartphone, Tablett, Laptop nicht eigenständiges Denken, erst recht nicht mühevolles analoges "Lernen". Technik ist Werkzeug, das Arbeit erleichtern kann, aber nicht "siehe Überschrift"!

Wissen lässt sich recht einfach akkumulieren, lernen ist ein langandauernder Prozess. (Über Bildung will ich gar nicht erst anfangen:-( )

So wenig wie ein NUR vorhandener Bücherschrank, eine Bibliothek "Wissen vermittelt", ohne lesen, verstehen&lernen geht das nicht, verändert das Medium, auch wenn es von "interessierter Seite" immer wieder behauptet, doch nie belegt wird, den Lernprozess, -erfolg.

Gruss Sikasuu

Ps. Das "lernen dürfen" im Gegensatz zu "lernen MÜSSEN" Spaß machen kann, ist wohl einen Binse. Das die Verpackung des Inhalts wichtiger als der Inhalt ist, der, leider immer wieder vorgetragene Trugschluß in fast allen Bereichen! (Jetzt wird es sozial-&gesellschaftskritisch, andere Baustelle:-) )

Toll, dass die Kids "in der Schule" ihre Smartphones nutzen dürfen! Ob das aber allgemeingültig zu mehr "Lernerfolg" führt ist nicht belegt.

BTW. Wird "Schule" jetzt, neben der professionellen Lan-/W-Lan/Server Infrastruktur komplett mit Klassensätzen Tabletts/Smartphones ausgerüstet, hat jeder Lehrer den Dienstlaptop, werden die Clientgeräte& Schulserver von Fachleuten gewartet, wer trägt die Bandbreitenkosten, usw....

Gemein solche Fragen ?... Ne mMn. sehr wichtig, wenn ein neues Medium, wie hier im Artikel, recht unreflektiert abgefeiert wird.

"Schule" sprich formalisiertes lernen von zivilisatorischen Grundlagen ist mMn. (Vergl. fossiler Individual-Verkehr) ein Gesamtsystem. Wenn ein Parameter geändert wird, muss man die ANDEREN anpassen, sonst kippt das System!

Eule 05.11.2016 | 11:16

Die Idee der Digitalisierung als Allheilmittel für jegliche Probleme im Schulwesen scheint doch etwas überzogen. Wird es das Tablet schaffen 15-jährige zu motivieren ständig dem Unterricht zu folgen und ihre Hausaufgaben zu machen? Nein, mit Sicherheit nicht, denn mit 15 dreht sich das Leben um Sex, Drugs and Rock'n'Roll, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Neu ist nicht gleich auch normativ, neu ist zu erst einmal eine reine Veränderung. Es kann Vor- aber auch Nachteile bieten. Sollte man deswegen an alten Strukturen krampfhaft festhalten? Nein. Sollte man deswegen seit Jahren bewährte Konzepte ohne langfristige empirische Studien über den Haufen werfen? Nein.

pleifel 05.11.2016 | 21:27

"Die Möglichkeiten des Netzes machen die Schüler zu Produzenten." Gute Zustandsbeschreibung unserer neuen Gesellschaft.

Medienkompetenz erfordert erst eine vorausgehende Kompetenz, um sich der Informationsflut überhaupt stellen zu können. Siehe Raus mit den Computern, zumindest für eine angemessene Zeit.

Wer sich der Suchmaschinen zu dem Thema bedient, findet nicht überraschend immer wieder Bertelsmann ganz oben. Das ist kein Zufall, denn hier eröffnet sich ein ganz neuer Markt, falls die Digitalisierung endlich Einzug in die Schulen hält. Denn was ist prägender, als der frühzeitige Einfluss von Werbung!