Die Toten leben weiter

#Grenzdebatte Die Aktion #DieTotenkommen ist bemerkenswert. Dennoch gilt: "Im Anfang war die Tat"; und nicht: "Kinder, die schreien, werden groß".
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Ort des Widerspruchs

Ein touristisches Idyll wie der Reichstag erträgt sich nur schwer in Banalität. Allein die Geschichte des Gebäudes widerspricht grundlegend etwas, das man als Alltag bezeichnen würde. Für ParlamentarierInnen jedoch ist es genau das, die routinierte Arbeitsstelle. Man stelle sich vor dort zu arbeiten: stündlich kommen BesucherInnen; in Hundertscharen, aufgeregt, hemdsärmelig mit Kind und Kamera, oder auch technophil mit Selfie-Stange und Segway. Es herrscht eigenartiges Treiben, sowohl innen als auch außen; ein geschäftiges Idyll, ein Oxymoron. Der Reichstag, ein Ort des Widerspruchs?

Ist dem so, verwundert es nicht, dass jene Symbolik der Kuppel bei so manchem Politikum auch nach „bestem Wissen und Gewissen“ grotesk wirkt. Es sind die Geschehnisse in und um diesen zentralen Nervenkörper herum, die, setzten wir sie in Verbindung, grotesk erschienen. Ist beispielsweise das Innen im Reichstag geschäftig, ist ein undefiniertes Innen für Geflüchtete ein imaginiertes Idyll. Und während für ParlamentarierInnen das Außen ein touristisches Idyll ist, ist ein Außen für Geflüchtete ein mörderischer Kampf, worin die schwächsten noch am jämmerlichsten verrecken. Jegliche andere sprachliche Ausdrucksform wäre euphemistisch und daher „nicht befriedigend“. So ist es die Wahrnehmung, die die Umwelt bestimmt und vice versa.

Deutungshoheitliche Auseinandersetzungen

Jene Wahrnehmung zu redefinieren war sicherlich auch ein Ziel der Protestbewegung #DieTotenkommen, zu der das Künstlerkollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" aufgerufen hatte. Darin fand vergangenen Sonntag der "Marsch der Entschlossenen" statt. Beginnend in Unter den Linden, zogen Tausende im bunten Trauerflor gen Reichstag, um symbolisch die verreckten Geflüchteten zu bestatten. Das Groteske wurde um seinen Komparativ ergänzt. Als "pietätlos" bzw. "respektlos" wurde die Aktion von ParlamentarierInnen denunziert. Fürwahr, namenlosen, toten Geflüchteten die letzte Ehre zu erweisen ist weder andächtig noch respektvoll. Selbst für PolitikerInnen sind solche Aussagen ungewöhnlich schizophren.

„Im Anfang war die Tat“, und mehr bedarf es zu einer Geste nicht. Die entstandenen Bilder sollten zusätzlich Empathie dort erzeugen, wo die Routine transparent abgeschirmt eine Macht bündelt, Menschen zu helfen. Die Geste, ein Politikum. Und so kam es, dass die Historizität des Reichstags um ein Novum erweitert wurde, das sie in dieser Form zuvor noch nicht gesehen hatte. Ja man muss sich vorstellen, dass sich in massenmedialen Zeiten BürgerInnen zusätzlich genötigt sehen, einen Friedhof auszuheben um für das Außen einen Wahrnehmungssinn zu konstruieren und es somit in das Innere zu transformieren.


Und doch verhallt die Aktion in den Winden der vielen Stimmen. Die 'Schnappatmigkeit' der Medien hatte die Aktion längst verschlungen, beharrten einige brüllende, weggeschleppte AktivistInnen auf überflüssigem Stolz. So war es unnötig der Aktion polizeiliche Erfolge zu gewähren: „50 Festnahmen“. Einen 'Fukushima-Effekt' wird dies nicht mit sich bringen, handelte es sich bei dieser Aktion eben nicht um einen künstlichen Kataklysmus, sondern um eine demonstrative Geste: fordernder, brachialer, grotesker; sich entfaltend in der Stille.

Sodann lag die wirkliche Schönheit aber in der Spontaneität selbst und nicht in der intendierten Aufmerksamkeit. Es war nicht geplant die Zäune des abgesperrten 'Platz der Republik' niederzureißen. Die Gestaltung eines Friedhofs durch die kollektive Anonymität wurde vielmehr zum Schauplatz impulsiver Empathien. "Wo liegen deine größten Gefahren?" fragte sich Nietzsche einmal; "im Mitleiden" hatte er geantwortet.

Den Kairos verpasst

Einzelne begannen mit ihren Händen zu buddeln, nutzten Stifte, Kerzen, Papier, Rasen, Blumen, Farben, Stoffe und Stöckchen die zusammen mit Grabmusik zu einer 'Missa pro defunctis' kulminierten. Selbst die PolizistInnen konnten zunächst an der Festnahme von AktivistInnen gehindert werden. Das Zusammensein verschiedener Menschen, die - obwohl sich fremd - solidar eine gemeinsame Handlung verfolgten und geeint waren in ihrer Entrüstung über die Flüchtlingspolitik.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt war die Geste vollkommen, und alle Beteiligten hatten ihre Interessen befriedigt: die Medien ihre ökonomischen, die Schaulustigen ihre hedonistischen, die gewalttätige Polizei ihre ordnungshütenden, die DiskuttantInnen ihre deutungshoheitlichen und die AktivistInnen ihre subversiven. Aber Kunst, ebenso wie Staatsmacht, alles überschreitet irgendwann einen Zenit. Die radikale Linke weiß das, sie verharrt nicht an den Orten ihrer Aktionen. So spontan der Friedhof entstand, so spontan hätten die AktivistInnen und alle Beteiligten anschließend verpuffen können. Das Bizarre für sich selbst sprechen lassen - einen Friedhof auf dem Platz der Republik.

Respektlose Beseitigung

Den Menschen zeichnet in Helmut Plessners Worten eine „exzentrische Positionalität“ aus. Rein und raus, andere Orte aufsuchen, die Dynamik aufgreifen und nutzen. Weitermachen, gleich einer Guerilla. So tauchen derzeit in ganz Europa Gräber für 'unknown refugees' auf. Sie sind Teil dieser intensiven Geste. In Zeiten medialer Fluktuationen sind stille Aktionen manchmal Tat genug. Demnach war es bezeichnend, dass PolizistInnen in Stahlkappen anschließend bemüht waren, die Gräber nicht zu betreten. Wenn OrdnungshüterInnen mit nachdenklichen Gesichtern hinterlassen werden, sie voller Pietät auf das Erschaffene blicken, dann gebührt der Tat Respekt. Letztendlich erinnert eben das an eine Beerdigung: demütig den Heimweg antreten, den Toten Gedenken. Bodenständig eben - wie BürgerInnen nun mal sind. Der Aufmerksamkeit entsagen, denn es ging um die verreckten Geflüchteten allein, die Botschaften selbst sind unlängst manifest.

Am darauf folgenden Tag dann, erdige Braunflächen auf dem Areal vor dem Reichstag. Die Epitaphien sind zu Müllbergen gehäuft. Wieso eigentlich wurde die Geste beseitigt? Hatte man Angst vor der Wirkmächtigkeit des Friedhofes? So aber steht das idyllische Außen dem geschäftigen Innen erneut gegenüber. TouristInnen wissen nichts von der Aktion, die ParlamentarierInnen dagegen bestimmt. Nichts eint das Innen und das Außen. Dabei hätten sie gemeinsam auf den Friedhof blicken können. Einen Gemeinsinn erzeugen, der im Inneren zusammenhält und im Außen in Bildern andauert. Die Geste wurde gelöscht. Das ist pietätlos, das ist respektlos. Nahtloser Übergang in die Banalität; die Toten leben weiter.

14:43 24.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Felx

Interessen: Kino/TV, BigData, Gesellschaft.
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