Der PKK droht ein Fäulnisprozess

Im Gespräch Der Öcalan-Kritiker Selahattin Celik über einsame Beschlüsse auf der

Vor genau einem Jahr - am 16. Februar 1999 - wurde der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan vom türkischen Geheimdienst in Nairobi gekidnappt und auf die Gefängnisinsel Imrali verschleppt. Zwölf Monate später hat sich die Kurdische Arbeiterpartei auf ihrem VII. Kongress, der drei Wochen lang an einem geheim gehaltenen Ort im Iran stattfand, endgültig vom bewaffneten Kampf distanziert. Doch der neue Kurs ist sowohl in der Türkei als auch im Exil umstritten. Zu den bekanntesten Kritikern zählt der in Köln lebende Publizist und Buchautor Selahattin Celik. Das langjährige Mitglied des Zentralkomitees der PKK wurde im Sommer 1999 in seiner Wohnung überfallen und vor weiterer Kritik an der Partei gewarnt.

FREITAG: Seit Abdullah Öcalan in Haft ist, wird in Erklärungen der PKK ein neuer Ton angeschlagen. Jetzt gibt es sogar die Forderung nach einer EU-Aufnahme der Türkei. Wie erklären Sie diesen Schwenk?

SELAHATTIN CELIK: Die PKK hat nicht nur über 15 Jahre den längsten Guerillakrieg in der Geschichte Kurdistans geführt. In dieser Zeit haben sich auch Millionen Menschen politisiert. Die PKK war in allen Kreisen der Bevölkerung präsent.

Sie sagen war - die PKK meint, sie sei das bis heute ...

Nein, die Krise begann bereits in den neunziger Jahren mit der Massenbewegung der kurdischen Bevölkerung, die zu Aufständen und Streiks gegen die türkische Politik führte, was von der Armee gewaltsam gestoppt wurde. Dadurch haben sich die Sozialstrukturen in Kurdistan grundlegend verändert. Als die PKK ihren Kampf begann, war Kurdistan eine überwiegend agrarische Gesellschaft. Durch den schmutzigen Krieg des türkischen Militärs sind viele Kurden in die Großstädte abgewandert. Die PKK-Kämpfer selbst wurden zusehends vom Territorium der Türkei nach Südkurdistan - auf irakisches Gebiet - abgedrängt. So kam es, dass zuletzt ein Großteil der getöteten Guerilleros nicht mehr im Kampf mit der türkischen Armee, sondern mit anderen kurdischen Gruppierungen umkam. Auf diese gravierend veränderten Bedingungen hat die PKK nie eine Antwort gefunden.

Welche Auswirkungen hatte es, als vor zehn Jahren das sozialistische Lager ausfiel?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die USA als einzige Weltmacht übrig und in ihren Plänen gab es für ein unabhängiges Kurdistan absolut keinen Platz. Die immer schon schwache türkische Linke verlor nach 1989 noch mehr an Boden, während der türkische Chauvinismus gleichzeitig enorm an Zuspruch gewann. Die im PKK-Programm propagierte Allianz mit linken Kräften verlor zugunsten von taktischen Bündnissen mit Staaten wie Syrien oder dem russischen Nationalisten Wladimir Schirinowski an Bedeutung, bei dem Öcalan während seiner Flucht nach Russland im Herbst 1998 Unterschlupf fand.

Welche Verantwortung trägt Öcalan selbst für die von Ihnen skizzierte Entwicklung?

Er war seit 25 Jahren der charismatische Führer - die Partei war von an Anfang an auf ihn zugeschnitten. Ohne seine Zustimmung konnten in der PKK keine Entscheidungen gefällt werden und niemand Karriere machen. Das Zentralkomitee wurde nach Öcalans Willen verändert oder auch ganz abgesetzt. Selbst in die Arbeit des kurdischen Senders MED-TV mischte sich Öcalan ein. Auf einen Anruf von ihm hin wurde das gesamte Redaktionsteam entlassen. - So wurde die PKK-Programmatik zunehmend in eine Öcalan-Ideologie umgewandelt. In den kurdischen Exilgemeinden fanden sich immer genügend Intellektuelle und Scheinintellektuelle, die Öcalan nach dem Mund redeten.

Wie wirkte sich das nach seiner Verhaftung aus?

Ganz einfach, die Militärs sagten ihm, du hast die PKK gegründet, und du wirst sie wieder auflösen. Es gibt keine Verhandlungen zwischen dem türkischen Staat und Öcalan. Es gibt nur Forderungen - und Öcalan führt sie aus. Er sagte vor Gericht, die Kurden hätten nie für ihre Unabhängigkeit gekämpft und der bewaffnete Widerstand sei von Anfang an falsch gewesen. Was bisher nur der türkische Generalstab verlautbarte, hören wir nun aus seinem Mund. Das hat unter den Kurden natürlich gewaltige Verwirrung ausgelöst.

Aber welche Alternativen hätte es gegeben?

Die PKK wäre fähig gewesen, demokratische Alternativen zu Öcalan zu entwickeln, wenn es unter den kurdischen Intellektuellen eine freie Diskussion gegeben hätte. Vor seiner Verhaftung erklärte Öcalan mehrfach: "Wenn mir etwas zustößt, ist für die Sache der Kurden alles verloren". Aber Vorkehrungen dafür hat er nie getroffen. Es ist ein fataler Fehler, dass Öcalan weiterhin als PKK-Vorsitzender alle Entscheidungen trifft, obwohl ihn der Feind in der Hand hat. Jede andere Armee hätte längst einen neuen Oberkommandierenden und würde die Erklärungen von der Gefängnisinsel Imrali ignorieren. So meinte denn auch das PKK-Führungsgremium zunächst: "Öcalan ist unser Vorsitzender, aber gefangen. Seine Beschlüsse sind daher nicht mehr bindend." Unverständlicher Weise ist man davon wieder abgerückt. Die Führung hat schlichtweg Angst, Verantwortung zu übernehmen.

Mehrere PKK-Gefangene distanzieren sich von der neuen Linie, ganze Guerillaeinheiten verweigern eine Demobilisierung. Welche Chancen hat eine PKK-Opposition?

Die neue politische Linie der PKK wird sowohl von der NATO, der Hadep (*) sowie einem Großteil der kriegsmüden kurdischen Bevölkerung unterstützt. Andere hoffen, dass sich die Lage verbessert. Die Opposition hingegen ist eine verschwindende Minderheit. Deshalb wird die PKK-Opposition nicht viel bewirken. Ich befürchte eher, dass es in der Partei einen langandauernden Fäulnisprozess geben wird.

Das Gespräch führte Peter Nowak

(*) legale kurdische Partei

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01:00 18.02.2000
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Ausgabe 42/2021

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