Daddy’s Boy

USA Milo Yiannopoulos feiert Donald Trump und hetzt als Schwuler gegen Lesben, Schwarze und Muslime. Wie geht denn das zusammen?

Schon mit seinem Bühnennamen behauptet er sich als Ikone der Trump-Anhänger: „Ivana Wall“ tritt mit blonder Perücke, weißem Abendkleid und Stöckelschuhen vors Mikrofon. Dazu wird seine Erkennungsmelodie, der Song Milo, My Love gespielt. Später singt er selber, die US-Nationalhymne The Star Spangled Banner und America the Beautiful. Ästhetisch ist die Drag-Performance auf den ersten Blick nicht weit entfernt von Lady Gagas Auftritt beim Super Bowl. Bis auf die in Gold eingebundene Bibel unterm Arm.

Milo Yiannopoulos nennt sich nicht homo- oder metrosexuell, sondern milosexual, um seine Position abseits der schwulen Community zu markieren. Solidarität ist nicht sein Ding. Anscheinend hat er auch keine Probleme damit, dass es zu den ersten Amtshandlungen Donald Trumps im Weißen Haus gehörte, die LGBT-Informationsseite zu löschen, und dass Vize Mike Pence ein Befürworter der Umerziehungstherapie für Schwule ist.

Maskuline Schwule zeigten historisch immer mal wieder eine Nähe zu faschistischen oder rechtspopulistischen Bewegungen, der bekannteste Fall war der SA-Chef Ernst Röhm. Aber dass Schwule, die im Fummel auftreten, rechte Positionen einnehmen, ist neu. Bei Yiannopoulos’ Shows gibt es zwar Kostümwechsel, mal trägt er Anzug, mal eine Polizeiuniform mit schusssicherer Weste, aber ein maskuliner Homo ist er nicht. Sexuell zeigt er sich offensiv passiv. Ungefragt erzählt Yiannopoulos davon, wie er von seinem black muslim boyfriend gefickt werde. In Anspielung auf Reality-TV-Star Kim Kardashians bekannte Vorliebe für Schwarze sagt Yiannopoulos: „Ich hatte mehr schwarze Schwänze in meinem Leben als die ganze Kardashian-Familie zusammen.“ Auf seiner Webseite gibt es Kissen zu kaufen, die ihn nackt unter der Dusche zeigen, als wäre er ein Pornostar.

Wenn der Spaß vorbei ist

Die Widersprüchlichkeit dieses sexuellen und politischen Spektakels lässt sich am besten mit der hybriden Kultur des Internets erklären. Wie Donald Trump, den Yiannopoulos liebevoll – oder anzüglich – „Daddy“ nennt, ist auch Yiannopoulos’ Popularität nicht vorstellbar ohne Twitter und Youtube. Er hat als Redakteur und Internettrollmaster für Stephen Bannons Breitbart News gearbeitet und ist für seine beleidigenden Tweets berüchtigt. Als er vergangenen Sommer die afroamerikanische Schauspielerin Leslie Jones, die die Geisterjäger-Hauptrolle in der Ghostbusters-Neuverfilmung spielte, in einer Tirade von Tweets als Mannweib verhöhnte, wurde sein Twitter-Account gesperrt. Zu Beginn seiner Vorträge stellt er sich gern als „Milo, der Internetbösewicht“ vor. Ist Yiannopoulos einfach eine böse Tunte?

Paradoxien und Brüche in der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit gehören zur Geschichte lesbischer und schwuler Kultur und sind oft als queer gefeiert worden. Aber im Internet laufen die von den Gender Studies minutiös nachverfolgten Strategien der Subversion oft ins Leere. Als sozialer und kommunikativer Raum bietet das Netz keine verbindliche Metaerzählung, deren Normativität attackiert werden könnte. Indem sie nicht länger als feinsinnige Strategien funktionieren, mit denen sich gerade Minderheiten immer wieder kulturelle Räume erobert haben, werden Ironie und Witz hier zu groben Instrumenten eines Gemetzels aus Bildern und Worten. Mit den weitverbreiteten Manövern von Exhibitionismus und Herabwürdigung geht es um etwas anderes.

Auf den Plattformen der sozialen Netzwerke wird ein Krieg der Zeichen geführt, in dem es vor allem um eine Währung geht: Aufmerksamkeit. Gewinnen kann man hier mit einer Überbietungslogik des Spektakulären, Anstößigen oder Trashigen. Jenseits von Moral und Logik. In diesem Kontext ist die Widersprüchlichkeit von Yiannopoulos als Figur, die eigentlich keinen Sinn ergibt, kein Makel, sondern sein Kapital. Als femininer, sexuell offensiver, rechter Schwuler bieten sich im Internet viele Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu generieren. Als groteske Figur wird Yiannopoulos selbst hier zum Meme: zu einem irren digitalen Informationsschnipsel, der sich viral ausbreitet. Die Kunst des schwulen Camps degeneriert dabei zum Brüller.

Es geht um Unterhaltung um jeden Preis. Aber es ist ein kaltherziger Humor, bei dem alles der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Konsequenzen eines direkten Gegenübers sind ja allein vor dem Bildschirm nicht zu befürchten. Als ein Fernsehjournalist beim Livetreffen Yiannopoulos an den Kopf wirft, er sei ein Idiot, verliert der sonst so coole Sunnyboy die Fassung und zeigt sich ebenso hysterisch-aggressiv wie sein Daddy im Weißen Haus. Die im Internet antrainierte kommunikative Arroganz funktioniert nur als Monolog. Wenn der Spaß vorbei ist, ist der Weg vom Witz zur unhaltbaren Behauptung nicht weit.

Yiannopoulos kokettiert mit der Rolle des Rebellen. Dangerous ist der Titel seines ersten Buchs, das im März herauskommt. Dangerous Faggot – „gefährliche Schwuchtel“ heißt auch seine Vortragstour an britischen und US-amerikanischen Universitäten. Er stilisiert sich zum permanenten Tabubrecher und nennt sich einen Free Speech Fundamentalist. Als sein Vortrag an der Universität Berkeley Anfang Februar wegen Protesten abgesagt wurde, meldete sich gleich Trump selbst zu Wort und drohte der Hochschule, die Gelder auf Bundesebene zu streichen.

Aber bei Milo Yiannopoulos’ Sprüchen handelt es sich um gar keine Amoralität, die in ihrer Radikalität jede Ideologie – in der Tradition von Oscar Wilde oder Jean Genet – hinter sich lassen würde. Verstehen wir Yiannopoulos als Internet-Celebrity, sieht es zwar manchmal so aus, als wären hier alle Verbindungen zu politischen Programmen oder Weltanschauungen gekappt. Wie seine widersprüchliche Person zeigt, hat er die Strategien verstanden, ein Publikum zu bedienen. Aber die virtuelle Welt der Trolle und Memes ist in Wirklichkeit eine von jungen weißen Männern dominierte Szene. Neben Muslimen und Schwarzen sind Feministinnen und Lesben Yiannopoulos’ liebste Angriffsziele. Über Abwertung baut er eine Gruppenidentität auf.

Tatsächlich gefährlich

Und so einfallslos und vorhersehbar Yiannopoulos’ Beschimpfungen hier auch sind (Lesben sind „fettleibig“, „arm“, „hässlich“ und „unbefriedigt“), ist es doch interessant, zu fragen, warum seine Pöbeleien dieses Echo auslösen. Wie Rechtspopulisten in Deutschland,fantasiert Milo Yiannopoulos davon, dass es ein „linksreaktionäres“ gesellschaftliches Meinungsdiktat politischer Korrektheit gebe und ein „Gesetz des Feminismus“. Als wären zum Beispiel das Recht auf Abtreibung oder der Schutz sexueller Minderheiten nicht etwas, das immer wieder neu erstritten und verteidigt werden müsste.

Aber entscheidender als die Frage, wer hier gerade die Diskursherrschaft hat, ist vielleicht eine andere. Yiannopoulos’ Selbststilisierung als Provokateur ist nur möglich, weil in westlichen Gesellschaften historisch die Forderungen nach Minderheitenrechten ihr Transgressionspotenzial verloren haben. Für die Rechte von Lesben und Schwulen auf die Straße zu gehen, ist kein Schocker mehr. Diesem Appell an soziale Gerechtigkeit kann sich auch der gesellschaftliche Mainstream nur schwer entziehen. In diesem Sinn hat Yiannopoulos recht mit der Einschätzung, dass Feminismus, Toleranz gegenüber Homosexuellen und Antirassismus – wie weit sie auch verwirklicht verankert sein mögen oder nicht – zur neuen Moral geworden sind.

Rechtspopulisten haben demgegenüber den strategischen Vorteil, als Tabubrecher auftreten zu können – eine Rolle, die die Linken eingebüßt haben. Deswegen arbeitet das Internet mit seinem Hunger nach Skandalen und Aufregung den Rechten in die Hände. Die Möglichkeiten von Onlinebeleidigungen korrespondieren mit den Grenzüberschreitungen der Rechten im öffentlichen Raum. So ist ja auch Donald Trump, der sich auf Twitter wie ein Internettroll verhält, nicht trotz, sondern wegen seines Sexismus und Rassismus gewählt worden. Und Yiannopoulos ist gerade wegen der irritierenden Bühnenshows und verletzenden Tweets populär. Er übernimmt damit Trumps Rolle für die jüngere Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist.

Als Ideologe der neuen Rechten hat er eine wichtige Zwitterstellung. Seinen jugendlichen Fans bietet er mit der widersprüchlichen Figur Ivana Wall den Genuss des permanenten Skandals. Gemeinsam genießen sie das Vergnügen Pubertierender, einfach schockierende und verletzende Dinge zu sagen. Gleichzeitig übernimmt Milo Yiannopoulos dabei aber die Aufgabe, neue Anhänger für die Trump-Bewegung zu rekrutieren – insofern ist er tatsächlich eine „gefährliche Schwuchtel“. Und dabei zieht er seine Fans, die ihm als Ivana Wall auf der Bühne zugrölen, zu jungen Männern heran, die ihn womöglich zusammenschlagen würden, wenn sie ihm nachts auf der Straße begegneten.

06:00 16.02.2017

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