Macht und Weiblichkeit

Figuren Melania, Michelle, Hillary – in der Politik müssen Frauen Mütter verkörpern
Peter Rehberg | Ausgabe 31/2016 35

Ohne die Figur des Kindes kommt der symbolische Raum des Politischen nicht aus, sagte der Queer-Theoretiker Lee Edelman. Das Kind verkörpert die Zukunft, auf die jedes politische Handeln bezogen sein muss.

Die Konvente der beiden großen US-amerikanischen Parteien waren zuletzt ein gutes Beispiel dafür, wie sehr das Politische seine Legitimität und Bedeutsamkeit mit dem Kind absichert: Egal ob in Cleveland bei den Republikanern oder in Philadelphia bei den Demokraten, kaum eine Rede, in der nicht irgendwann die Formel „children are our future“ als Pointe auftauchte.

Melania Trump gibt Anekdoten von der Erziehung ihres Sohns zum Besten. Michelle Obama erzählt stolz von ihren wohlgeratenen Töchtern, und es ist Chelsea Clinton, die ihre Mutter Hillary auf dem Parteitag der Demokraten vorstellt und dabei natürlich die Gelegenheit nutzt, ausführlich von ihren eigenen Kindern zu berichten. Die familiäre Ordnung wird zur natürlichen Ordnung des Politischen stilisiert. Frauen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Melania, Michelle und Hillary könnten allerdings kaum unterschiedlicher sein.

Bond-Girl der Republikaner

Melania Trumps Problem lässt sich zunächst so formulieren: Wie soll man auf einem Parteitag als Frau eines Kandidaten auftreten, der seinem Chauvinismus und seiner Frauenverachtung im Wahlkampf freien Lauf lässt und somit die eigene Sprecherinnenposition von vornherein disqualifiziert hat? Donald Trump beschwört permanent ein Geschlechterbild, das längst imaginär, aber nicht mehr real wirksam ist. Zwar wünschen sich amerikanische Männer mehrheitlich die Frau an den Herd, faktisch ist aber in 40 Prozent der US-Haushalten inzwischen die Frau die Hauptverdienerin. Mit seinen Hasstiraden gegen Hillary Clinton – „sperrt sie ein!“ – verkörpert Trump die Panik des weißen Heteromannes vor der weiblichen Machtübernahme.

Als Gegenmittel hilft da nur die attraktive Frau als trostspendende Trophäe. Trump hat seine Partnerinnen bereits zweimal gegen jüngere eingetauscht – jeweils Models. Der Popfeminismus von Madonna und ihren Schülerinnen hat bewiesen, dass die Frau ihre Fetischisierung als Objekt des Männerblicks auch im eigenen Interesse selbstbewusst einsetzen kann. Diese ironische Raffinesse des Spiels mit Bildern von Weiblichkeit ist im Auftritt von Melania Trump freilich nicht zu finden. Auf deprimierende Weise kommt ihr die Rolle zu, eine Männerfantasie zu verkörpern, in der weibliche Schönheit mit Machtlosigkeit einhergehen muss.

Was gibt es von dieser Position aus schon zu sagen? Eigentlich soll sich Melania Trump beim Parteitag der Republikaner nur zeigen und nicht mitteilen. Die Leere unter ihrer erotischen Hülle trat umso plakativer hervor, als herauskam, dass Teile ihrer Rede von Michelle Obama abgekupfert waren. Kurz darauf musste auch noch die Webseite von Melania Trump gelöscht werden. Sie präsentierte sich dort mit einem Collegeabschluss in Architektur und Design – ein Studium, das sie nie beendet hatte. Melania Trump ist die Komplizin in einer sexistischen Wertegemeinschaft: das Bond-Girl der Republikaner.

Entwaffnender ist ihr heimliches Vorbild Michelle Obama. Bei ihr nicht ins Schwärmen zu geraten, fällt schwer. Ihre Kombination von Intelligenz und Eleganz ist umwerfend. Einen solchen Glamour hat es seit Jackie Kennedy im Weißen Haus nicht gegeben. Glamour heißt hier eine Form von umfassender Attraktivität. Dafür braucht man sich nur einen kurzen Ausschnitt von Michelle Obamas Rede in Philadelphia angucken. Die Grazie und Stilsicherheit eines Supermodels werden hier mit Scharfsinnigkeit, Mut und Empathie verbunden. Die verordnete Formelhaftigkeit der politischen Rede mindert die Resonanz ihrer Äußerungen nicht. Sie findet die richtigen Worte und trifft den Ton. Ihre Hyperprofessionalität ist zugleich sehr persönlich. Kein Wunder, dass Melania Trump bei ihr abschreibt.

Wenn Michelle Obama davon erzählt, wie sie ihre beiden Töchter Sasha und Malia im Weißen Haus aufwachsen sah – einem Haus, das von Sklaven erbaut worden ist, wie sie uns erinnert –, bleibt kein Auge trocken. Ihr gelang es wie sonst niemandem auf dem Parteitag, das Versprechen des Amerikanischen Traums, also der unbegrenzten sozialen Mobilität, glaubhaft zu erneuern. Es ist nicht nur möglich, dass Schwarze, Weiße und Latinos, Frauen und Männer, nichtbehinderte und behinderte Menschen, Heteros, Homos und Transmenschen in diesem Land – „the greatest country on earth“, wie Amerikaner gern sagen – friedlich zusammenleben, sondern sie teilen sich auch die Macht. Wie ihr Mann hat auch Michelle Obama die Gabe, Hoffnung zu verkörpern.

Man möchte Michelle sofort zur besten Freundin haben oder zumindest im Auto eine Runde mit ihr drehen, so wie der britische Comedian James Corden beim Carpool-Karaoke, bei dem auch noch die Rapperin Missy Elliott mit von der Partie ist. Die medialen Anforderungen von Konsumierbarkeit und Unterhaltung, denen gerade in ihrer Position nicht leicht zu begegnen ist, sind für Michelle Obama ganz einfach zu erfüllen. Wie auch während ihrer Rede in Philadelphia: Es sind magische Momente.

Diesen Spielraum, den Michelle Obama so geschickt und überzeugend nutzt, besitzt sie jedoch nur, weil ihre Macht als First Lady vor allem symbolisch ist. Wird mit Hillary Clinton im November zum ersten Mal in der Geschichte der USA eine Frau als Staatsoberhaupt gewählt, geht es aber darum, wer die Regierungsgeschäfte leitet und die Oberbefehlsmacht über die Armee des immer noch mächtigsten Lands der Erde hat. Deshalb hat es Hillary Clinton, die eigentliche Hauptperson des demokratischen Parteitags, naturgemäß schwerer.

Als Frau befindet sich Clinton damit in einem klassischen double bind, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt: Um politische Macht glaubhaft zu repräsentieren, darf sie sich nicht den Inszenierungen von Weiblichkeit einer Melania Trump oder auch einer Michelle Obama hingeben. In einem patriarchal strukturierten Feld wie der Politik stünde sie unter einem Verdacht von Frivolität, der nicht wiedergutzumachen wäre. Gleichzeitig wird ihr das notwendige Herunterspielen ihres Geschlechts permanent zum Vorwurf gemacht. Die heterosexuelle Männerperspektive warf ihr Unattraktivität, ja sogar Falschheit vor.

Qua Geschlecht ungeeignet

Ihre „mangelnde Weiblichkeit“ wurde im Lauf ihrer Karriere auf volkstümliche Art als Verdacht des Lesbischseins übersetzt. Für die sexuelle Untreue ihres Mannes wurde sie verantwortlich gemacht: frigide, lesbisch, männerhassend – kurzum, eine Verräterin, der man niemals vertrauen, geschweige denn die Geschicke des Landes in die Hände legen darf. Mit diesen Zuschreibungen muss eine Frau, die nach politischer Macht strebt, leben. Qua Geschlecht ist Hillary Clinton für den Job des Präsidenten einfach ungeeignet – so sehen es immer noch viele US-Amerikaner, und so unumwunden spricht es Donald Trump aus.

Es ist schwer vorstellbar, welche Charakterstärke Hillary Clinton besitzen muss, um diese Anfeindungen in der politischen Öffentlichkeit seit nunmehr 35 Jahren auszuhalten. Ihr Umgang damit ist tatsächlich eher dem Stil von Angela Merkel verwandt. Vernunft und Sachverstand sollen ihr Gender transzendieren, wie die verhüllende, nahezu geschlechtsneutrale Kleidung schon ankündigt. Clintons Alter, sie ist 68 Jahre alt, hilft ihr inzwischen, diese Gegensätze zu überwinden. Dennoch wird sie für ihre hölzernen Versuche, mit Wählerinnen Kontakt herzustellen, abgestraft.

Einen Ausweg, Macht und Weiblichkeit zu versöhnen, also eine für Männer erträgliche Form weiblicher Macht zu verkörpern, scheint es zu geben. Es ist eine Strategie, die diese drei so unterschiedlichen Frauen miteinander verbindet. Denn in erster Linie präsentierten sich Melania Trump, Michelle Obama und Hillary Clinton in den vergangenen beiden Wochen als Mütter – und in Clintons Fall auch als Großmutter.

Das hat mit der Bedeutung der Figur des Kindes für den politischen Raum zu tun. Wenn Frauen in der Politik, egal ob als Präsidentin oder als First Lady, in Erscheinung treten, dann als Mütter.

06:00 04.08.2016

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