„System von Scham und Schande“

Interview Saleem Haddad erzählt von den Schwierigkeiten, im Nahen Osten eine homosexuelle Identität zu entwickeln

Wir sitzen im Garten des Literarischen Colloquiums Berlin. Saleem Haddad wurde in diesem Sommer als Stipendiat in die Villa am Wannsee eingeladen. In verschiedenen deutschen Großstädten stellt er zudem seinen im Frühjahr übersetzten Erstlingsroman vor. Guapa (Albino Verlag, 400 S., 16,99 €) erzählt vom queeren Leben in einer fiktiven Großstadt des Nahen Ostens nach dem Arabischen Frühling.

Der Freitag: Herr Haddad, auf die „sexuelle Rückständigkeit“ des Nahen Ostens hinzuweisen, ist ein orientalistischer Gemeinplatz. Auf der anderen Seite stimmt es, dass die Unterdrückung von Frauen und sexuellen Minderheiten im Nahen Osten auf gewaltsamere Art stattfindet als in Europa. Wie kann man diese Diskussion produktiv führen?

Saleem Haddad: Für mich ist es sehr wichtig, zu verstehen, dass die sexual politics der Region mit weiter reichenden Unterdrückungssystemen verbunden sind. Politische Unterdrückung, ökonomische Unterdrückung, vom Staat getragene Unterdrückung. Die Geschichte des Kolonialismus, die Geschichte autoritärer Herrschaft, der ökonomische Neoliberalismus. So habe ich jedenfalls darüber gedacht, als ich meinen Roman geschrieben habe. Das eine ließ sich nicht ohne das andere darstellen. Gleichzeitig denke ich aber, wir sollten nicht versuchen, die Kritik an der Unterdrückung von Frauen und sexuellen Minderheiten zu vermeiden.

Ein Begriff, der im Roman an mehreren Stellen diskutiert wird, ist „eib“. Sie übersetzen ihn mit „Scham“ oder „Schande“. Können Sie etwas über die Bedeutung des Wortes in Ihrem Buch sagen?

Die Häufigkeit, mit der es in Diskussionen im Nahen Osten benutzt wird, ist bemerkenswert. Jedes Mal, wenn du dich mit jemandem unterhältst, fragst du: „Wäre das eine Schande?“ Dinge werden danach bemessen, ob man sich für sie schämen muss: Was werden die Leute sagen? Was werden sie über dich sagen, und was werden sie über deine Familie sagen?

Warum spielt diese moralische Orientierung eine so große Rolle?

Ich würde das wieder mit ökonomischen und politischen Fragen verbinden. In jeder politischen Kultur gibt es Systeme von Scham und Schande, die die Mitglieder der Gemeinschaft aneinanderbinden. Aber die Gemeinschaften haben nur deswegen so viel Macht, weil die Regierungen so schwach sind. Du bekommst keine Unterstützung, wenn du deinen Job verlierst. Die Regierung bietet dir keine Hilfe an. Du bist von deiner Familie und deiner Community abhängig. Ein Outcast zu sein hat gravierende Folgen, nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich.

Zur Person

Saleem Haddad wurde 1983 als Sohn einer deutsch-irakischen Mutter und eines palästinensisch-libanesischen Vaters geboren. Er ist in mehreren Ländern des Nahen Ostens aufgewachsen und lebt heute in London

Foto: Sami Haddad

Sie sind der Ansicht, dass das Risiko, eine orientalistische Perspektive einzunehmen, größer ist, wenn wir die Fragen nach Sexualität und Gender isolieren?

Potenziell ja. Ich sage das auch, weil der westliche Diskurs, zum Beispiel die Kritik am Hidschab, diesen sehr oft aus dem Kontext reißt. Wenn man zum Beispiel ein Land wie Tunesien nimmt, kann man keine ergiebige Diskussion über den Hidschab führen ohne ein Verständnis des politischen Kontexts und der Klassenunterschiede, in denen Frauen den Hidschab verstehen und erfahren.

Wird in Großbritannien, wo Sie leben, oder in Deutschland absichtlich ein falsches Bild von Gender und Sexualität in der arabischen Welt aufgebaut?

Ich denke, insbesondere seit 2001 gibt es die Tendenz, vor allem die Unterdrückung von Frauen, in jüngerer Zeit auch die von sexuellen Minderheiten, als Teil einer Taktik zu gebrauchen, die Araber und Muslime als unmenschlich erscheinen lässt: Das sind zurückgebliebene Kulturen, weil sie Frauen unterdrücken und Schwule von Häuserdächern stoßen. In dem Diskurs geht es sehr stark darum, Araber und Muslime als „Andere“ erscheinen zu lassen. In Deutschland sieht man es an dem Diskurs der Hypersexualisierung arabischer Männer, der auf die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln folgte. Daraus speist sich eine Mediendarstellung, die von politischem und militärischem Nutzen ist. Das ist für mich sehr deutlich.

Wie sieht die Medienreaktion auf Ihr Buch in Deutschland aus? Werden Sie in eine Ecke gerückt?

Ja, andauernd. Die meisten Fragen, die ich bekomme, betreffen den Islam. Und die Leute scheinen enttäuscht zu sein, dass ich erstens gar kein Muslim bin. Und zweitens nicht daran interessiert bin, über den Islam zu diskutieren.

Ihr Vater ist ein christlicher Palästinenser ...

Ja, und ich bin katholisch erzogen worden. Obwohl ich in einem muslimischen Land groß geworden bin und länger dort gelebt habe. Von mir wird oft erwartet, den „schwulen Muslim“ zu geben. Es ist merkwürdig, oft wird von mir verlangt, repräsentativ zu sein, und dann werde ich dafür kritisiert, nicht repräsentativ genug zu sein. Ich bin Schriftsteller, ich repräsentiere niemanden.

Warum haben Sie einen muslimischen Erzähler gewählt?

So ist er mir erschienen. Die ersten Bilder, die ich von ihm hatte, waren Bilder in einer Moschee. Wie er in der Moschee betet und sich von den Männern um ihn herum angezogen fühlt. Darum war er für mich muslimisch. Ich komme aus einem christlichen Umfeld. Christliche Familien sind oft genauso homophob wie muslimische Familien. Homophobie ist nicht nur eine muslimische Angelegenheit.

Als Ihre Hauptfigur Rasa das Coming-out von George Michael im Fernsehen sieht, hört er zum ersten Mal das Wort „gay“. Darauf steht er vor dem Badezimmer-Spiegel und nennt sich selbst „gay“. In dem Moment glaubt Rasa, er habe die richtige Bezeichnung für sich gefunden. Er weiß jetzt, wer er ist. Ist westliche Popkultur die beste Form der Unterstützung für Schwule im Nahen Osten, ganz einfach, weil sie massenmedial verfügbar ist?

Was Rasa macht, vor dem Spiegel zu stehen und sich verschiedene Worte zuzuflüstern, habe ich so selbst erlebt, als ich groß geworden bin. Rasas Gefühle sind seine Gefühle, aber wie er sie verarbeitet und versteht, geschieht durch diese allmähliche Konstruktion einer Identität. Er nimmt sich verschiedene Labels und probiert sie aus. Und jedes Label kommt mit seiner eigenen sozialen und kulturellen Geschichte. Er muss dann versuchen, da hineinzupassen, und unabhängig davon, wo wir leben, machen wir das alle durch.

Mit dem Überstülpen westlicher Kategorien sexueller Identität auf den Orient verschwinden andere Formen von Queerness – so der Vorwurf des Politikwissenschaftlers Joseph Massad gegenüber einer internationalen Homosexuellenbewegung und ihrer Politik universeller Menschenrechte. Teilen Sie diese Kritik?

Ich kann hier nur für meine Generation sprechen, die in den 1990er Jahren aufwuchs, als sich die Märkte im Nahen Osten öffneten. Plötzlich waren wir mit amerikanischem Fernsehen und Büchern konfrontiert. Wir sind in einer Umgebung groß geworden, in der diese beiden Kulturen aufeinandertrafen. Für Rasa war es also zwangsläufig, dass seine Identität aus einem Mischmasch von lokalen Begriffen und jenen, die von außerhalb kamen, konstruiert wurde. Während des gesamten Romans war ich sehr daran interessiert, dieses Binäre – Ost-West – zu durchbrechen. Hier sehe ich die Begrenzung von Massads Analyse von Identität. Diese Komplexität schlägt sich bei ihm nicht nieder.

Einerseits gibt es die George-Michael-Szene, andererseits probiert Rasa verschiedene arabische Begriffe aus, zum Beispiel „Khawal“, das sich auf eher feminine Schwule bezieht. Können Sie etwas über diese Praktiken der Selbstbezeichnung in schwulen und queeren Subkulturen im Nahen Osten sagen?

Innerhalb der LGBT-Community gibt es eine große Debatte über die Begrifflichkeit. Es geht darum, wie du in der Gesellschaft verstanden wirst. LGBT-Aktivisten haben den Begriff mithli stark gemacht – was im Prinzip „homo“ bedeutet – als das Wort, das in den Medien und von Politikern benutzt werden sollte. Aber man würde immer eher sagen, man sei „gay“. Das erscheint als Selbstbezeichnung viel lebendiger. Am Ende des Buchs guckt Rasa wieder in den Spiegel, und er sagt zu sich selbst shaath, was „Perverser“ heißt, und das Wort gefällt ihm. Als ich eine Lesung in Jordanien hatte, war da ein junger Schwuler, der sagte: „Ich bin nicht einverstanden damit, dass er das Wort shaath verwendet, es ist noch zu verletzend. Es ist ein wirklich schreckliches Wort. Es ist noch zu früh, um es sich wieder anzueignen.“ Diese Diskussionen finden jetzt statt.

Was ist die Funktion von Literatur in diesem Kontext?

Literatur spielt hier eine sehr wichtige Rolle. In der arabischen Literatur gab es immer schwule Charaktere, und über Homosexualität wird jetzt mehr und mehr geschrieben. Ich denke aber, dass die Aktivisten den Hauptteil der Arbeit machen.

An wen denken Sie dabei?

Die Aktivisten in Palästina und im Libanon spielen die Hauptrolle in diesen Diskussionen. Gruppen wie Qaws in Palästina. Sie haben zum Beispiel ein Wörterbuch über Gender und Sexualität herausgebracht.

Ein Wörterbuch in Arabisch ...

Ja, es ist in Arabisch und Englisch. Die Idee ist, den Leuten das Vokabular dafür zu geben, über sich selbst in Arabisch zu sprechen, was wir sehr lang nicht konnten. Diese kleinen Schritte sind sehr wichtig.

Auch wenn Ihr Roman nicht optimistisch ist, gibt es doch einen Geist der Offenheit, den der Arabische Frühling mit sich gebracht hat. Damit ist auch ein neuer Diskursraum für Sexualität entstanden. Welches Verhältnis existiert heute zwischen diesen Bewegungen und den Staaten im Nahen Osten, mehr als fünf Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings?

Wenn man sich ein Land wie Ägypten anguckt, gibt es dort im Moment keinen Platz für gesellschaftliche Debatten, auch nicht über Sexualität. Aber Syrien ist ein interessanter Fall. Dort gab es eine gewisse Toleranz, zwar nicht für schwulen Aktivismus, aber für homosexuelle Begegnungen. Es gab Orte, die als schwule Cafés bekannt waren. Zu Beginn der Revolution passierte dann so viel, es gab so viel Aktivismus, der aus Syrien kam. Zum Beispiel Videos, bei denen es um Diversität von Gender und Sexualität ging. Viele LGBT-Aktivisten im Nahen Osten wählten diese Form, um sich auszudrücken. Die Revolution führte dazu, dass viele Leute sich zu Wort meldeten und frei darüber sprechen konnten. Der Punkt, an dem wir jetzt sind, lässt sich so beschreiben: Auch wenn wir keine Kontrolle über die politische Situation haben, haben wir doch die Freiheit, die Kontrolle über unseren eigenen Körper zu übernehmen. Dadurch wird ein anderer, individualistischer Aktivismus angetrieben.

06:00 30.08.2017

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