Sweet Home

MUSTERHAUSSIEDLUNG Die Deichtorhallen eröffneten den Hamburger Architektursommer

Als ich neulich mal wieder durch die Eschersheimer Straße in Berlin-Neukölln lief, fielen mir dort sofort die neuen Balkone mit Leerdamer-Löchern aus einer Eisen-Stahl-Konstruktion vor den ebenfalls neu, käsegelb verputzten sechziger Jahre Nachkriegsblöcken auf. Etwa hundert Meter weiter verwies ein großes Schild auf eine "Musterwohnung" in einem der Häuser.

Nicht immer kommt die Kunst zum Bau. Die Geschichte des Hauses in der Kunst dürfte ebenso alt sein wie die Baukunst selbst. In den Hamburger Deichtorhallen hat das jetzt zum Auftakt eines ganzen Architektursommers zur "HausSchau" geführt. "Das Haus in der Kunst" - in den letzten 30 Jahren - hat streckenweise den Charme einer Musterhaussiedlung. Wer gelegentlich die Ausfallstraßen größerer Städte der Republik entlang fährt, findet sich plötzlich inmitten dieser künstlichen Welten neben Wohnwagen-Verkaufsparks wieder. Ähnlich artifiziell geht es auch in der Deichtorhalle zu. Von der Puppenstube bis zum Caravan wird jede Seh(n)sucht bedient. Nur soll man bitte kein Haus anfassen oder betreten. Andrea Zittel hat vor ihr "Yard Yacht" genanntes Wohnmobil eine Kordel gehängt und demonstrativ auf dem Tisch ihrer fahrbaren Wohnblechdose, ausgeschlagen mit Ebenholz, das Schild "privat" platziert.

An die Idee von Adams Urhütte erinnert in der Ausstellung Cosima von Bonins geflochtene Korbhütte, die wie Rosemarie Trockels und Carsten Höllers Haus für Schweine und Menschen auf der letzten documenta ebenfalls mit der Indifferenz von Haus, Stall und Käfig spielt. Der Titel "1980 Dickinson College-New Student Orientation" könnte zweierlei bedeuten: Wer sich in die Klauen eines Studiums begibt, landet in den Fängen der Institution Universität. Oder aber: Wer sich in den Tempel der Wissenschaft einkerkert, bleibt am Ende Gefangener seiner selbst. Dagegen wirkt Frank Ackermanns knallbuntes Inferno ein paar Räume zuvor fast wie ein Befreiungsschlag aus den einengenden Wänden eines Hauses. Seine zweidimensionale Pop-Architektur zerbirst durch einen einstürzenden Helicopter.

Vom "Home, Sweet Home", wie noch vor drei Jahren eine Ausstellung der Deichtorhallen hieß, ist nichts zu sehen. Monica Bonvicinis nackte Hausfrau rennt sich den Kopf im trauten Heim ein, und Martha Roslers bekannter Bilderkommentar "Bringing the war home" zum Vietnamkrieg wirkt ein Jahr nach dem Krieg im Kosovo wieder ziemlich aktuell. Schöner Wohnen mit dem Krieg versprach Ende der Sechziger ihr zynischer Beitrag von Schützengräben hinterm Vorhang, heute klingt das nicht anders.

Dagegen wirken Andreas Schulzes "Häuser" in Kinderstubengröße, die aussehen, als wären sie gerade aus Chagall-Bildern geplumpst, aber als Faltsatz bei IKEA zu erstehen sind, wie reines Spielzeug. Und mehr sind sie auch nicht. Wie ein Trotzkopf, der nicht teilen will, hat der Künstler gleich fünf der neun Pappschachteln mit seinem Namen für sich besetzt. Auch die "Burg Hohenzollern" aus einem Bastelbogen von Hermann Pitz, 1980 zusammengeklebt, scheint nicht mehr als das Relikt eines Spieltriebs. Aus dem Kind im Künstler wurde ein Mann, der heute eine Kamera besitzt und damit seine Burg in experimentellen Fotografien kunstvoll verzerrt. Musterhäuser, schön, aber wozu? Auch Hubert Kiecols Glashaus "Was geht mich das an?", das zu allen Seiten und Decken geöffnet ist, will ja nichts anderes sagen als "wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen". Diese Weisheit ist doch mittlerweile recht altbacken.

Was geht das eigentlich den Besucher an? In der HausSchau wird weder mit Steinen geworfen, noch mit harten Bandagen um das Konzept Haus gerungen. Lediglich Bonvicinis Hausfrau wirft zum Beispiel Fragen nach dem Haus als Sinnbild des Weiblichen und der Welt als Metapher des Männlichen auf. Dagegen wirkt Rachel Whitereads "House"-Projekt von 1994 tatsächlich nur wie ein undurchdringlicher Betonkopf. Aus Protest gegen den Umbau und Kahlschlag der Londoner City hatte sie ein altes entkerntes Haus mit Gips aufgefüllt. Nach dem Abbruch der Fassade kehrte das Haus sein Inneres nach außen. Doch was blieb, war auch nur toter Stein in gähnender Stadtwüste drumherum. Bis auch Whitereads Mahnmal der Abrissbirne zum Opfer fiel. Zurecht hinterließ zuvor noch ein Sprayer die Frage "Wot for" auf ihrer Skulptur. Vielleicht hat ein paar Antworten darauf noch der kommende Hamburger Sommer. Diese Schwalbe in den Deichtorhallen macht jedenfalls noch keinen.

Deichtorhallen Hamburg, bis 17. September.

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