Am Weltaußenraum des Kapitals

Briefmarkensammlung Bernd und Hilla Becher zeigen in Berlin ihre "Typologien industrieller Bauten"

Peter-Klaus Schuster kann es kaum glauben. Etwas irritiert hakt der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin noch einmal nach: "Sie haben Empfindungen?". Seine Gesprächspartnerin ist amüsiert. "Ja", heißt es schließlich, "das kann man so sagen". Normal ist das nicht. Weder, dass der Leiter eines großen deutschen Museums sich nach den Emotionen in Anbetracht des kreativen Aktes erkundigt, noch dass dessen Gegenüber zu solchen Gefühlsausbrüchen in der Lage ist. Denn bei der so Befragten handelt es sich um Hilla Becher; weibliches Pendant eines renommierten Professors für Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie. Zusammen mit diesem bildet sie das bekannteste deutsche Fotografenduo. Unter dem Label "die Bechers" ist es längst in die internationale Kunstgeschichte eingegangen.

Es war nur ein Verdacht. Doch dass Bernd und Hilla Becher angesichts der unzähligen Fördertürme, Hochöfen und Kohlebunker, die sie im Laufe von über vierzig Jahren ihres künstlerischen Schaffensprozesses fotografiert haben, zu Empathie gegenüber dem Objekt fähig wären, hatte man eigentlich nie vermutet. Zur Eröffnung ihrer Ausstellung Typologien industrieller Bauten im Hamburger Bahnhof in Berlin jedoch plaudert Hilla Becher ganz offen. Sie etwa möge am liebsten Hochöfen. Die wären auch stets am schwersten ins Bild zu setzen gewesen. Im Gegensatz etwa zu französischen Wassertürmen: Die habe man ja "stets überall pflücken können wie Pilze".

Eine kleine Überraschung ist das schon. Jahrelang haben Kritiker in Anbetracht dieser leidenschaftslosen Motive vom "trägen Blick" oder von einer "industriellen Archäologie" gesprochen; und jetzt erfährt man von solcher Beglückung. Dabei hatte Hilla Becher bereits vor Jahren in einem Aufsatz von "rein visuellem Vergnügen" gesprochen, das sie und ihr Mann beim Fotografieren von anonymen Industrieanlagen suchten. Wie genau man sich das vorstellen muss, ist dem Fotografenduo dann aber doch nicht zu entlocken. Vermutlich ergeht es ihnen wie einem Spieler, der beim Quartett auch noch die letzte Karte einer Reihe abzugreifen weiß.

Die über 1000 Bilder jedenfalls, die fein säuberlich nach typologischen Blöcken von neun, zwölf oder mehr Fotografien an den Wänden des Hamburger Bahnhofs hängen, erinnern stark an jenen spielerischen Leistungsvergleich, mit dem sich kleine Jungs gern Bus- und Bahnfahrten verkürzen. Da gibt es amerikanische Getreidesilos und deutsche Förderturmköpfe, Gerüstbauten mit und Gerüstbauten ohne Streben, runde Wassertürme und lange mit Spitzdach. Hier ist die ganze Formwelt einer architektonischen Population versammelt, wie sie seit der Industrialisierung in Europa und den Vereinigten Staaten zu finden ist.

Das hat die Minimalerotik einer Briefmarkensammlung. Und vielleicht sind Bernd und Hilla Becher auch weniger große Fotografen als große Sammler. Ihre "verkleinerten Gegenstände", wie sie selbst einmal ihre unzähligen Bilder von verblühenden Spezien des funktionalen Bauens bezeichnet haben, sind stets bedacht auf Vollständigkeit. Wann immer sie von Industrielandschaften hörten, die Gefahr liefen, dem Strukturwandel zum Opfer zu fallen, fuhren sie hin und packten ihr schweres Equipment aus.

Der Akt des Fotografierens selbst war dann fast nur noch eine Formsache. Ein jahrzehntelang eingeübtes Zeremoniell, das nach immer gleichen Regeln ablief. Meist von leicht erhöhter Position und vor bewölktem Himmel stellten sie ihre Plattenkamera so vor die Bauten, dass sie in Parallelperspektive die Bildmitte zierten. Ziel war es stets, alles Konkrete aus den Bildern herauszufiltern. Zeit, Ort und Umwelt wurden solange bearbeitet, bis sie aus dem Raster der Formen und Graustufen verschwanden. Meistens war das kein Problem. Bewegliche Gegenstände, die nicht von vorn herein Opfer der langen Belichtungszeiten wurden, ließ man aus den "essentiellen optischen Wahrheiten" herausschaffen. Nicht selten geschah dies mit der Aussicht auf eine Kiste Bier. Auf diese Weise entstand eine Ästhetik der Entsprechung. Wesentlich Gleiches hatte ein Recht, gleich fotografiert zu werden.

Wer von beiden dann am Ende welches Bild gemacht hatte, war egal. Oft wissen sie es heute selber nicht mehr. Ebenso vergessen dürften auch die zahlreichen Gehilfen sein. Denn nicht selten haben Absolventen der angesehenen Becher-Klassen der Düsseldorfer Kunsthochschule vor den gigantischen Skeletten der Industrieanlagen erste Lektionen im nüchternen Sehen bekommen. Da wäre man gerne dabei gewesen. Man stelle sich vor, wie die Gurskys, Höfers und Struths dem Meister einst die Tasche getragen haben. Die Becherschule auf Klassenfahrt; Episoden von kunsthistorischem Wert.

Davon erzählen Fotografien nichts mehr. Denn so sehr es stimmt, dass die Bechers rechtmäßige Nachfahren einer Neuen Sachlichkeit sind, so irreführend ist diese Einordnung auch. Bernd und Hilla Bechers gesammelte industrielle Morphologie konserviert etwas, was es so nie gegeben hat. In den sechziger Jahren, als die Bechers langsam ihre ersten Erfolge feierten, wurden sie einmal vom Time-Magazin gebeten, ihre Kunst des Sehens in Farbe zu erproben. Das Ergebnis war erschreckend. "Lächerlich", sagt Hilla Becher heute. "Die Kühltürme sahen aus wie Kuchen. Das ganze war eine bunte Kirmes".

Die "Typologien industrieller Bauten" leben einzig von ihrer bis zur Vollkommenheit getriebenen Abstraktion. Sie sind der Versuch, Ordnung in eine Umwelt zu bekommen, die zunehmend aus den Fugen gerät. Mit ihrer Fixierung auf Objekte, die beim Anblick auch immer noch etwas von ihrer Funktion preisgeben, dokumentieren sie eine Welt im Wandel. Es ist die Schwelle vom Fordismus zum Postfordismus, den Bernd und Hilla Bechers Fotografien beschreiben. Damals schien der Kapitalismus noch nach Kriterien von Ordnung und Übersichtlichkeit zu funktionieren. In den neuen Kathedralen der Produktion hingegen ist er zu einem Geheimnis geworden.

Allem Gerede einer neuen transparenten Architektur zum Trotz: Die Fabrikation von Waren vollzieht sich für den Konsumenten zunehmend unsichtbar. Waren die Bauten auf den Bildern der Bechers noch Orte der Offenbarung, so sind die neuen Werkhallen zu Räumen des Mysteriums geworden. An ihrer äußeren Erscheinung lässt sich längst nicht mehr ablesen, was in ihrem Inneren geschieht. Diese Reduktion architektonischer Muster von der Vielfalt zur Einfalt korrelliert mit dem Wandel der Produkte. Denn im neuen Kapitalismus ist die Ware längst zum religiösen Fetisch geworden. Diese Konsekration geschieht im innersten Heiligtum. So wird das zentrale Element eines quasi-religiösen Kapitalismus, wie ihn etwa Walter Benjamin beschrieben hat, mehr und mehr zum okkulten Wunderwerk.

Anders noch die Welt auf den unzähligen Bildtafeln von Bernd und Hilla Becher. Zwar erscheinen auch ihre Bauten wie die eigentlichen Heiligtümer des Industriezeitalters; der Kultus aber ist noch für jedermann sichtbar. So wie der Pott noch qualmte, so schien auch noch eine direkte Verbindung zwischen Menschen und Göttern zu bestehen. Doch bald nach Entstehung dieser Bilder ist Schluss. Die fordistischen Mächte scheinen nicht nur zunehmend außer Kontrolle zu geraten, sie wollen auch anders besänftigt werden. Und wie so oft, wenn eine Welt zerbricht, holt man sich seinen letzten Halt aus einer Zwangsneurose. Vielleicht ist dies die eigentliche Faszination der unzähligen Familien und Arten industrieller Bauten, die Bernd und Hilla Becher über Dekaden zusammengetragen haben. Sie gaukeln im kapitalistischen Gefüge eine Ordnung vor, die es so schon längst nicht mehr gibt.

Bernd und Hilla Becher: Typologien industrieller Bauten. Hamburger Bahnhof. Berlin. Noch bis zum 8. Januar 2006. Katalog: Schirmer und Mosel, 30,- EUR


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