Eine Art Befreiungsschlag

Kein Held Florian Havemann arbeitet sich mit einem Buch an seinem Über-Vater ab

Es ist ein Kreuz mit den Helden, woher sie auch kommen mögen. Kaum auf dem Sockel, stürzen sie oder sollen doch gestürzt werden. Gerade eben rüttelt Florian Havemann am Thron seines Vaters als Dissidentenobervater der DDR-Opposition. Sein Buch Havemann sucht nach den dunklen Flecken im Leben dieses Übervaters und - natürlich - findet er sie. Das ist das gute Recht eines Sohns, der ein Leben lang zwischen Liebe und der Angst vor Liebesentzug schwankte. Er hat das in vielen Gesprächen - auch mit dieser Zeitung (Freitag 12/1999) - ausgebreitet.

Der Sohn genügte den rigorosen Ansprüchen des Vaters nie. Auch dann nicht, als er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings offen protestierte, dafür in den DDR-Knast ging und sich anschließend Richtung Westen davon machte. Da schrieen Vater und Zweitvateridol Biermann "Verrat am Sozialismus", Biermann dichtete "Wer abhaut aus dem Osten/ der ist auf unsre Kosten/ von sich selber abgehauen". Das galt nicht mehr, als er selber wegging (ohne vorher im Knast gewesen zu sein), was den Havemannsohn bis heute erbost. Gespaltene Persönlichkeit diagnostiziert er schon lange für Biermann, im Buch mit ein paar nachgereichten Anekdoten und Geschichtchen unterstrichen.

Und nun auch der Vater gespalten. Denn die Familiengeschichte weist einen Großvater aus, der sowohl in der NSDAP gewesen ist, wie später in der SED, und einen Vater, der antisemitische Briefe schrieb, obwohl er doch wegen seiner Arbeit für die im Untergrund agierende "Europäische Union" zur Rettung jüdischer Bürger beinahe hingerichtet worden wäre. Und dann wäre da auch noch der Wissenschaftler R. H., der als Giftgasexperte angeblich der Wehrmacht dienstbar war und so dem Fallbeil entging. Das auszubreiten, mag dem Sohn eine Art Befreiungsschlag vom Vaterkomplex sein, für alle anderen ist es, was sie auch von anderen historischen Persönlichkeiten kennen: Die haben Meinungen korrigieren müssen, weil ihre ideale Vorstellung von der Umsetzung einer Idee mit der real erlebten so vehement kollidierte, dass steife Treue einem Verbrechen gleich gekommen wäre.

Ein solches Verhalten führt schon lange nicht mehr zu Entsetzensschreien, wenn es um die führenden Männer des 20. Juli geht. Sie hatten als glühende Nationalisten den faschistischen Angriffskrieg mit geplant und die Stiefel knallenden Überfälle der SS auf jüdische Geschäfte, Synagogen oder einzelne Bürger als unvermeidlich getragen, ehe sie vor den Ausrottungsmaschinerien, den Deportationen jüdischer, polnischer, russischer Menschen 1944 in die Knie gingen und Möglichkeiten des Widerstands ausloteten. Der bleibt aller Ehren wert. Angst sollten uns diejenigen machen, die sich selbst für unfehlbar halten, unter allen Umständen und zu jeder Zeit. Sie kontern eine Doktrin, indem sie sich als Verfechter einer neuen ähnlich rigoroser Mittel bedienen. Das wirft man zu Recht einigen jener Antifaschisten vor, die 1945 als Überlebende aus den Zuchthäusern und Konzentrationslagern kamen und auf Andersdenkende doch nur mit Wegsperren und Terror reagierten. Was auch Robert Havemann traf.

Es hatte mit seiner Arbeit als Kommunist im antifaschistischen Untergrund der Jahre bis 1945 nur insofern zu tun, als es einer ähnlichen Geisteshaltung entsprach und ihm das Übelste - die Haft - ersparte. Untergrundarbeit hieß für ihn bei den Nazis, unerkennbar zu bleiben, auch durch scheinbare Anpassung, was den Sohn erschreckt. Vielleicht folgte den antisemitischen Briefen aber auch ein Lernprozess, der schließlich zur Mitarbeit an der Rettung jüdischer Menschen führte? Untergrundarbeit in der DDR hieß für ihn, sich Verbündete und Publikationsmöglichkeiten, meist im Westen, suchen, um "seine Idee" vor Schaden zu bewahren. Was würde er heute tun, um das Verbale vom Tatsächlichen zu unterscheiden, auch bei der Bewertung von ehemaligen Dissidenten? Wohl dem Volk, das keine Helden braucht, ließe sich, frei nach Brecht, angesichts dieser Debatte seufzen.

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