"Ich wende mich an einen unabhängigen Leser, der seine eigenen Schlüsse zieht, ich mache ihm Angebote", sagte Siegfried Lenz, befragt nach seinem Hauptwerk Deutschstunde. Vielleicht ist damit beschrieben, warum der am 17. März achtzig Jahre alte Autor zu einem der meistgelesenen Schriftsteller der Nachkriegszeit werden konnte. Meinung oder Wertung oder Angebot waren für die Kriegsgeneration fast Fremdwörter. Für sie galt Befehl und Verordnung und Verlautbarung. Heldenkult deformierte die Sätze, die meisten Literaten hatten das Land verlassen. Den Leser als Partner ernst nehmen, ihm die Deutung dessen überlassen, was ein Autor sagt, befreite nicht nur Literatur und Leser, es befreite die deutsche Sprache von der Schmach schmetternder Großartigkeit - kein Schwelgen in Superlativen mehr, kein Walhalla, keine Reichsbesoffenheit.
Die Generation um Lenz führte Sprache und damit Literatur zurück in die Kunst, sie wurde wieder beides: Verständigungs- und Kunstmittel. Leistete, wie immer sie ausfiel, notwenige Auseinandersetzung mit der Gefühlslage der Menschen zwischen ´33 und ´45 und den Jahren kurz danach. Sie hielt die Deformationen, die Verletzungen, die Zweifel, kleinen Lieben und die große Schuld fest. Unterschiedlich in Stil und Weitsicht, in Thematik und Fabelführung verdanken die nachfolgenden Generationen auch den Autoren der unmittelbaren Nachkriegszeit, den Borcherts und Bölls und Lenz´ und Grass´, einem Jurek Becker, einem Kant und einer Christa Wolf, zusammen mit vielen anderen, dass Literatur wieder lesbar wurde, Lyrik wieder möglich. Dass die Verbrechen des deutschen Faschismus nicht zur dauerhaften Ächtung von Volk und Sprache führten. Diese Literaten erwarben zurück, was der Faschismus zerstört hatte, den Blick auf Wirklichkeit. Dazu gehörten Genauigkeit, Präzision, Schnörkellosigkeit.
Alles Markenzeichen der Literatur von Siegfried Lenz. Vor allem aber Phantasie - natürlich. Mit ihr formt er Erfahrenes um, konstruiert den besonderen Fall. Ist also kein Chronist, sondern Bewahrer von Wesensmerkmalen der Zeit, die literarische Exempel werden. Wie jeder Autor nutzt auch er die eigene Biografie. Allerdings so, dass Übereinstimmungen nur hin und wieder zu benennen sind. Einer, der schreiben musste, weil es ihm darauf "ankam ... gemachte Erfahrung in der Erzählung wieder zu beleben und sie einem Leser zum Vergleich anzubieten. ... Niemand kann die präzise Wiederholbarkeit erfahrener Augenblicke garantieren. Erst durch Verwandlung und das heißt durch Erfindung, erhält Erfahrung eine Chance, auf langfristige Weise wahr zu werden." Schreibt er in dem kleinen Heftchen Wie ich begann. Lenz misstraut dem Erlebten solange, wie er es nicht durch phantastische Beifügungen ergänzt, überprüft und in einen Kontext gestellt hat. Leben ist für ihn Material, Phantasie aber das wichtigste Werkzeug des Schriftstellers. Erst in der Einheit von Realität und Phantasie manifestiert sich für ihn Hoffnung, auch für die Literatur.
Er weiß einen Teil seiner Wurzeln noch im Nationalen - als Pimpf und Schüler schrie er wie die anderen Parolen der Nazis, hatte das Glück, das später versenkte Panzerschiff "Admiral Scheer" rechtzeitig verlassen zu dürfen und vom Kriegsende noch während der Ausbildung überholt zu werden. Er kennt die Verführungen des Gleichschritts. Und erfährt zugleich den Reiz des Verborgenen - die nachmittäglichen Stunden des Deutschlehrers über die, deren Bücher zwischen ´33 und ´45 brannten. Dennoch ist für Lenz "die inspirierende Quelle der Literatur - wie überhaupt der Kultur - nicht die Welt, sondern die Region, der überschaubare Ort, die erfahrbare Nähe", Heimat also. Für ihn umschreibt der Begriff allerdings nicht Geburtsort, eine bestimmte Natur, sondern Sprache und die Möglichkeit zu leben. Für ihn ist Region Teil des Globalen, streng abgegrenzt gegen das Nationalistische. Ein in der Nachkriegszeit, vielleicht sogar bis heute durchaus politischer Begriff von Heimat.
Im umfangreichen Gesamtwerk des Autors scheint jeder Gedanke, jeder Lebensabschnitt beschrieben, es gibt die autobiografische Skizze Ich zum Beispiel. Dennoch stellt Erich Maletzke, Journalist und Autor aus Dithmarschen, fest, es gibt keine Biographie. Dem hilft er zum 80. Geburtstag mit einer "Annäherung" ab. Unterhaltsam, vor allem deshalb, weil er sich der Mühe unterzieht, Unterschiede und Übereinstimmungen zwischen Literatur und Leben aufzuspüren, dabei bislang ganz Unbekanntes zutage fördert und es mit nachvollziehbarer Lust beschreibt.
Erich Maletzke: Siegfried Lenz - Eine biographische Annäherung. zu Klampen, Göttingen 2006, 204 S., 16,80 EUR
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