Sprengsätze

BUCHVORSTELLUNG Ein Gedenkband für Wolfgang Harich

Zum Segen der Menschheit also" von Ulbricht "unterdrückt", schreibt Harich über Harich und meint das nicht ironisch. Der Satz ist Teil einer handschriftlichen Notiz des Philosophen, nachzulesen im Ersten Band einer Gedenkschrift, die die Wolfgang Harich-Gesellschaft - den Namen hat sie gerichtlich gegen die Witwe erstritten - zu seinem 5. Todestag präsentierte. Er bezieht sich auf seine Verurteilung von 1956, scheint zunächst eher kryptisch, enthält aber genau jenen Gedanken, von dem seine Mitstreiter aus dem Aufbau-Verlag und der Redaktion des SONNTAG damals mit Verachtung sprachen. Er, so argumentierten sie, Harich, hätte mit dieser Selbstbezichtigung das Werk der Verfolger vollendet. Dabei hatte er, wie heute feststeht, damit sein Todesurteil abgewendet. Später korrigierte er andere seiner 56er Positionen, diese nicht.

Die Sammlung von Erinnerungen, Auseinandersetzungen, philosophischen Traktaten enthält keine nachgelassenen Schriften - leider. Harich hat allerdings so viel streitbare Substanz, dass dennoch eine spannende Lektüre garantiert ist. Alles, was ihn betrifft, betraf den Jahrhundertstreit zwischen den Systemen, selbst das Private enthält diese Dimension. Freunde und Verwandte haben sie festgehalten. Eingefügt in die philosophische Debatte um sein Werk, den ganz realen Versuch, Ulbricht zu stürzen und sich dazu des Ostbüros der SPD zu versichern und den späteren Kommentaren seines frühen Werks, ergibt sich daraus das Profil nicht nur eines Quer-, sondern auch eines untaktischen Denkers. Eine Mischung, deren Brisanz dieses Leben aus den Fugen brachte.

Die Vorstellung des Bandes kurz vor Weihnachten spiegelte von all dem etwas: Gisela May sang und rezitierte Brecht-Texte, die für Harich die Hauptlinien eigenen Denkens streiften. Die heute in Italien lebende Ehefrau aus der Zeit der Haft lieferte mit Erinnerungen an das Verhältnis von Harich und Becher die private Dimension politischer Konflikte aus der Zeit des Kalten Kriegs, sonst eine Grauzone. Eine Tonbandpräsentation schließlich Harichs Kommentierung der Nachwendezeit. Die "neuen" Kommunisten, von denen André Brie anwesend war, hielt er für konzeptionslos, die Hauptfrage sei schließlich: "Wie stehen wir zum revolutionären Marxismus, wie zur stalinistischen Tradition, wie zur trotzkistischen, oder sind welche unter uns, die die Marktwirtschaft bejahen oder so'n Scheiß?" Keinerlei Anpassung an irgendein System, das machte es dem Nachfolger der beiden deutschen Staaten schwer, einen Umgang mit dieser Person zu finden. Zwar nannte Stefan Dornuf, einer der Mitarbeiter von Harich und zusammen mit dem österreichischen Philosophen Reinhard Pitsch auch Herausgeber, den Lukácsianer einen Vorläufer des Demokratischen Sozialismus, aber mit der Partei dieses Namens hatte er nicht viel im Sinn. In den fünfziger Jahren, als er die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes, der NVA, den Dritten Weg forderte, war er "ins offene Messer" gelaufen, so der Philosoph Peter Ruben. Harich hielt die deutsche Einheit für die Voraussetzung der sinnvollen Entfaltung des Sozialismus, was ihn prädestinierte in der Einheit sozialistische Veränderungen zu fordern. Der innovative Umgang mit der Marxschen Idee schloss für ihn das Festhalten an "Wahrheiten" ein. Egon Krenz - gerade erfolgreich seinem Hafttermin entronnen, unerschütterlich in seinen Idealen -, hätte ihm wohl eher gefallen als der Reformer Brie. Den rechnete er zu jenen Intellektuellen, die "Hegel verteidigen", aber gegenüber "der Menschheit" im Unrecht seien und deshalb, wie er selbst, zu bekämpfen wären. "Atheistisches Pfingstfest" hat der ehemalige Intendant des Berliner Ensembles Manfred Wekwerth seinen Beitrag für Harich genannt. Die Vorstellung des Ersten Bandes der Gedenkschrift könnte "Atheistisches Weihnachten" genannt werden.

Reinhard Pitsch et.al. (Hrsg): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Bd I. Verlag Müller Nerding (Dez. 1999), 488 Seiten

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