Vom Geruch des Wissens

Schnüffelplatz Kolumne

Einer, der die Freiheit der Gedanken einforderte, ließ sich zu eben diesen durch den faulenden Apfel auf seinem Schreibtisch treiben. Einen anderen, der längere Zeit auf der Suche nach Verlorenem gewesen, erinnerte der Duft frischer Madeleines an seine Kindheit. Ein dritter, selbst ohne Geruch, erschloss sich die Welt durch seinen absoluten Geruchssinn.

Dass Gerüche längst Verlorengeglaubtes mit Wucht in unser Erleben zurückbringen können, dass uns der Mief der Welt nicht gleichgültig ist, sind vielleicht nicht mehr als Gemeinplätze - geteiltes Erfahrungswissen, das denn auch längst Eingang gefunden hat in unsere Sprache. Wie ohnehin unsere Alltagssprache dem Geruch durchaus den Raum eingeräumt hat, der ihm als einem der aufdringlichsten der menschlichen Sinne zusteht: Wir können einander nicht riechen, wohl aber die Lunte; wir haben die Nase voll und glauben, allein Geld stinke nicht. Al Pacino ließ sich verführen vom Duft der Frauen, und sicherlich nicht nur er.

Einzig im septischen Leben des Intellektuellen scheint nichts zu gelten als Augenmaß und reine Vernunft. Die Stichhaltigkeit der Thesen, die Kühnheit des Entwurfs sollen es sein, die über Sympathie, Bewunderung oder Verriss entscheiden. Sicherlich, werden wir uns wohl eingestehen, die Gewandtheit der Sprache, im Grenzfall gar die Schönheit des Bucheinbands werden unser Urteil wohl oder übel auch beeinflussen - aber der Geruch der Seiten?

Ganze Entwicklungsabteilungen beschäftigen sich damit, den Duft der Luxuslimousinen im Cockpit des Opel Astra zu simulieren, zwischen zwei Buchdeckeln jedoch herrscht scheinbar nichts als der sanfte Zwang des besseren Arguments. Doch die Dekonstruktion jener Fiktion ist längst im Gange, wir wollen nicht hintanstehen und sie um ihre olfaktorische Dimension bereichern.

Als Beispiel sticht ein intellektueller Bestseller in der Nase: Toni Negris und Michael Hardts Empire in der gebundenen deutschen Erstausgabe. Ich erinnere mich noch gut an den Erstkontakt im Buchladen: Da liegt es, seriös blau-grün, eher an Managementliteratur erinnernd als an das Kommunistische Manifest. Ermutigt durch die Kritiken greife ich dennoch zu und sehe - verdammt - Campus-Verlag. Das stinkt doch bestimmt wieder? Tatsächlich, ein rasches Durchblättern verströmt den Pesthauch des sonst doch unschuldigen Verlags. Eine unerträgliche Buttersäurekopfnote. Während Spinoza und Marx zu jenem feinen Faden der Dissidenz verwoben werden, aus dem Negris Träume sind, umweht es den Leser weit weniger inspirierend und recht irdisch: es riecht nach Käsefuß.

Nicht viel besser steht es um die DVA: Parmesan im Foucault-Reader. Vielleicht lässt man beim selben Buchbinder fertigen? Wohltuend neutral dagegen Suhrkamp (gestestet: st und stw); gar nicht fischig sondern durchaus frisch präsentiert sich auch Fischer Taschenbuch. Die Adorno-Gesamtausgabe bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft verströmt selbst als Taschenbuch noch einen Hauch vom Geruch teurer italienischer Lederschuhe - wie die das wohl machen? Hannah Arendt in der Serie Piper riecht holzig und damit ein wenig wie die Lustigen Taschenbücher von Walt Disney, für mich persönlich die kleinbürgerlich-neuzeitliche Version der Madeleine.

Übrigens sind auch erklärte Gegner der Kulturindustrie und des Kleinbürgertums betroffen vom Geruch ihres Werks. Ich bin da unlängst auf eines dieser roten "rowohlt - das neue Buch"-Bändchen gestoßen: Das obszöne Werk von Bataille ... Da sitzt er nun, der heimliche Leser, und kämpft mit Erregung ob des Inhalts und Übelkeit ob des Holzanteils. Dass eine Philosophie der Verschwendung aber auch ausgerechnet in solch piefiger Form publiziert werden musste.

Kommen wir zu den geruchlich angenehmeren Seiten der geistigen Landschaft: Bildbände, und vor allem: Ausstellungskataloge, frisch gedruckt. Der von der Ignoranz rein inhaltsfixierter Verlage gebeutelte Leser findet hier, wonach er suchte, seit er das Uhu-Schnüffeln mit dem Ende der Schulzeit aufgeben musste und der Spritpreis die Tankstellenbesuche seltener werden lässt: kleine Freuden für den disziplinierten, in der Lektürehaltung verleugneten Körper.

Hatte ich schon vom Geruch frisch angespitzter Bleistifte erzählt ...?


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