Sophie Elmenthaler
Ausgabe 2815 | 09.07.2015 | 06:00 4

Das Vermächtnis des Herrn Lüderitz

Erbe Vor 100 Jahren zogen die Deutschen aus dem heutigen Namibia ab. Für die Gräuel der Kolonialzeit wurde das Land bis heute nicht entschädigt

Als Israel Kaunatjike vor über 30 Jahren zum ersten Mal die Lüderitzstraße im Berliner Stadtteil Wedding entdeckte, freute er sich. Lüderitz ist eine Stadt in Namibia, dem Land, aus dem Kaunatjike wegen seines Kampfes gegen die Apartheid hatte fliehen müssen. Erst als Namibia 1990 seine Unabhängigkeit erlangte, beschäftigte sich Israel Kaunatjike intensiver mit der Geschichte seines Landes. Wenn er heute durch die Lüderitzstraße geht, kann er sich nicht mehr freuen, denn Adolf Lüderitz war der Gründer der deutschen Kolonie Südwestafrika.

Es ist ein Sommertag mit weitem Himmel in Berlin, der Wind rauscht in den Bäumen, alle paar Minuten verstärkt vom Rauschen der Flugzeuge, die am Flughafen Tegel starten. Israel Kaunatjike trägt ein weißes Hemd und grüne Leinenschuhe, wenn er spricht, knistert die Klarsichtfolie in seiner linken Hand, darin aktuelle Unterlagen seines Kampfes für die Anerkennung der deutschen Kolonialgeschichte. „Lüderitz war ein Kaufmann aus Bremen, der aus einer Tabakfamilie kam“, erzählt Kaunatjike. „Eigentlich hatten sie in Mexiko angefangen mit ihren Geschäften, aber das war nicht so erfolgreich.“

Als Lüderitz hörte, dass es in Südwestafrika vermutlich Bodenschätze gebe, kaufte er Land vom Nama-Häuptling Joseph Frederiks. Der hielt den Deal für ein gutes Geschäft: Er ging davon aus, dass es sich dabei um fünf englische Meilen von 1,6 Kilometern Länge handelte. Lüderitz aber bestand auf deutschen Meilen von 7,5 Kilometern Länge. Das Täuschungsmanöver ging als Meilenschwindel in die Annalen ein.

Israel Kaunatjike kämpft seit einigen Jahren mit dem Bündnis „Berlin Postkolonial“ dafür, dass die Lüderitzstraße umbenannt wird. Das sogenannte Afrikanische Viertel, in dem sie liegt, soll ein Lernort für die deutsche Kolonialgeschichte werden. Direkt hinter der Lüderitzstraße liegt der Schrebergartenverein Togo. Früher hieß er „Dauerkolonie Togo“, die Umbenennung war ein erster Erfolg der Aktivisten. Ihr Engagement passt nicht jedem. Wann immer Israel Kaunatjike oder einer seiner Mitstreiter das Kleingartenidyll betreten, hisst jemand im hinteren Teil des Areals eine Reichskriegsflagge – die Version, die zwischen 1933 und 35 in Gebrauch war. Auch heute weht sie wieder über der wohlgeordneten Blumen- und Gemüsepracht, trotz Verwarnung des Bezirks. Sie sieht ausgebleicht aus, als würde sie öfter dort hängen. „Das empfinden wir als Provokation gegenüber unserer Arbeit, die wir hier im Wedding machen“, sagt Kaunatjike ärgerlich. „Viele von den Bürgern, die hier leben, sind ein bisschen sauer, dass sie irgendwann ihre Adressen ändern müssen. Sie haben überhaupt kein Verständnis für unser Anliegen, wenn wir sagen, dass Lüderitz ein Betrüger war.“

Ein weicher Gouverneur

Nach der Berliner Kongo-Konferenz 1885, auf der die europäischen Großmächte die Grundzüge für die Aufteilung des afrikanischen Kontinents beschlossen, wurde Namibia deutsche Kolonie. „Und dann kamen natürlich die Truppen und die Siedler nach Namibia, und da hat die ganze Geschichte angefangen mit Landraub, Vergewaltigung, Konzentrationslagern und dem Aufstand der Hereros gegen die deutsche Besatzungsmacht“, sagt Israel Kaunatjike.

Israel Kaunatjike ist selbst Herero, er wuchs bei seiner Großmutter auf dem Land auf, bis er zur Mutter nach Windhoek zog. Wie er vor einigen Jahren herausfand, sind zwei seiner Großväter Deutsche, er weiß aber nichts über sie.

Mit den Hereros hatten die deutschen Kolonialisten von Anfang an die meisten Probleme, sie beschwerten sich über ihren „mangelnden Untertanengeist“. Die Hereros lebten traditionell vor allem von Rinderzucht. Als ein Großteil der Tiere 1897 nach einer Dürre und einer Rinderpest verendet war, drängten die deutschen Siedler wegen der hohen Fleischpreise auf den Markt. „Dann haben die Hereros gesagt, wenn die Deutschen so weitermachen und uns das Land wegnehmen, dann haben wir nachher nichts mehr. Das heißt, wir müssen uns organisieren und Widerstand leisten“, erzählt Kaunatjike.

1904 bliesen die Hereros zum Aufstand, und es sah zunächst so aus, als ob ihr Befreiungskrieg Erfolg haben könnte, die deutschen Siedler waren völlig überrascht. Als die Niederschlagung des Aufstandes stockte, beorderte die Reichskommandantur schließlich General Lothar von Trotha nach Deutsch-Südwestafrika, der das Problem anstelle des als „zu weich“ geltenden Gouverneurs Theodor Leutwein lösen sollte. Von Trothas „Lösung“ bestand darin, einen Vernichtungsbefehl gegen die Hereros auszusprechen. Als die Kaiserliche Schutztruppe die Aufständigen bei der Schlacht am Waterberg 1904 geschlagen hatte, vertrieben die Deutschen die verbliebenen Hereros in die Omaheke-Wüste und schnitten ihnen den Zugang zu Wasser ab. Die überlebenden Hereros wurden in Konzentrationslager gesteckt. Nach diesen Gräueln wechselten die Nama, die bis dahin für die Deutschen gekämpft hatten, die Seiten. Erst 1908 gelang es der Kolonialmacht, den Aufstand niederzuschlagen. Bis 1911 kamen um die 85.000 Hereros und 10.000 Nama ums Leben, nach den Kriterien der Vereinten Nationen ein Völkermord.

Harte Haltung

Deutschland hat es bisher vermieden, das anzuerkennen, nun hat zumindest Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) von einem „Völkermord“ gesprochen. Es ist auch ein Erfolg der jahrelangen Bemühungen von Bündnissen wie „Völkermord verjährt nicht!“ und namibischen Opferverbänden, die Kaunatjike in Deutschland vertritt. Er steht jetzt in der Swakopmunder Straße, zwei Blocks hinter dem Schrebergartenverein. Eine verschlafene Ecke ist das hier; niedrige, hellgelb gestrichene Wohnhäuser aus den 50er Jahren liegen in diagonalen Reihen. Swakopmund war der wichtigste Hafen in Deutsch-Südwestafrika. „In Swakopmund war eins der großen Konzentrationslager in Namibia, von hier wurden Schädel für pseudowissenschaftliche Untersuchungen nach Deutschland verschifft, das waren rassenbiologische Forschungen, an denen unter anderem der spätere KZ-Arzt Josef Mengele beteiligt war. Der hat in Namibia angefangen”, sagt Israel Kaunatjike.

Die Forscher waren damals überzeugt, dass Schwarze gegenüber Weißen minderwertig seien und suchten an den Schädeln nach biologischen Beweisen dafür. Viele der Schädel und Gebeine lagern bis heute in deutschen Forschungseinrichtungen, ein Teil wurde mittlerweile an Namibia zurückgegeben. Bei keiner der Übergaben sah sich Deutschland bemüßigt, etwas wie einen Staatsakt zu organisieren, während die Repatriierung in Namibia als nationales Großereignis gefeiert wurde. In Deutschland fehlt offensichtlich die Einsicht, dass die koloniale Vergangenheit ebenso aufgearbeitet werden sollte wie die NS-Zeit. Es zeigt sich im Kleinen, an den Straßen, die nach Kolonialherren benannt sind. Es zeigt sich aber auch im Großen, an dem fehlenden Respekt der Bundesregierung und der Vorstellung, die Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia sei mit Entwicklungszusammenarbeit abgegolten.

Israel Kaunatjike holt einige der Blätter aus der Klarsichtfolie, die er die ganze Zeit bei sich trägt. Es ist eine Kopie des Briefs, den er kürzlich zusammen mit offiziellen Vertretern der Hereros und Nama aus Namibia an Bundespräsident Joachim Gauck übergeben hat. Darin fordern sie zum 100. Jahrestag des Endes von Deutsch-Südwestafrika am 9. Juli 2015, endlich auch den Völkermord an den Hereros und Nama anzuerkennen. Außerdem drängen die Unterzeichnenden auf eine offizielle Bitte um Entschuldigung, zur Rückgabe der verbliebenen menschlichen Überreste und zur direkten Einbeziehung der Hereros und Nama in die Verhandlungen über Versöhnungsmaßnahmen, denn bisher verhandelt die Bundesregierung nur mit der namibischen Regierung. „Man denkt immer, wenn wir Wiedergutmachung verlangen, heißt dass, das wir nur Geld haben wollen“, sagt Israel Kaunatjike. „Wir wollen aber vor allem Versöhnung, denn wir leben heute in einer Welt, wo wir gemeinsame Kinder haben. Wenn Deutschland sich nicht entschuldigt, dann können wir uns mit denen überhaupt nicht versöhnen.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 28/15.

Kommentare (4)

h.yuren 11.07.2015 | 22:04

was den teutschen nachrichtenredaktionen so glatt über die lippen geht, als wäre der sinn der vokabel allen hörern deutlich, ist hier im text in seinem ursprünglichen kontext erwähnt: die schutztruppe. wen sie schützte im deutschen schutzgebiet oder später protektorat, muss nicht erläutert werden.

die philosophie, besser: ideologie, des gegenwärtigen gebrauchs des wortes schutztruppe hat natürlich mit der geschichte des wortes zu tun. es ist ebenso verräterisch wie so ein straßenname nach lüderitz. deutsch stabreimt sich nicht von ungefähr auf dumm. und dreist.