„Ich hänge nicht an der x-Form“

Interview Lann Hornscheidt lehrt Gender Studies und möchte geschlechtsneutral als Professx angeredet werden. Die Folge: üble Briefe, aggressive Medienberichte und Gewaltandrohung
Sophie Elmenthaler | Ausgabe 48/2014 150
„Ich hänge nicht an der x-Form“
Nicht „Herr“ oder „Frau Professor“, sondern „Professx“
Illustration: der Freitag

Freitag: Guten Tag, Lann Hornscheidt. Wie geht es Ihnen aktuell? Seit Sie die Wortendung -X vorgeschlagen haben, um geschlechterneutrale Substantive in der deutschen Sprache zu schaffen, wurden Sie verbal massiv angegriffen. Haben sich die Wogen etwas geglättet?

Lann Hornscheidt: Die Diskussion war vor einem halben Jahr schon einmal sehr stark, als ich mit der AG Sprachkritik der Humboldt-Universität einen Leitfaden zu feministischem Sprachhandeln herausgab. Jetzt hat sich alles neu daran entzündet, dass ich auf meiner Homepage stehen habe, wie ich persönlich bitte angeredet werden möchte, nämlich nicht als „Herr“ oder „Frau Professor“, sondern als „Professx“. Geglättet haben sich die Wogen noch gar nicht. Im Gegenteil: Gerade ist ein absurder offener Brief an die Universität und die Senatorin für Bildung gegangen, dass ich meiner Professur enthoben werden solle.

War denn die Professx-Form vorher noch nie irgendwo zu lesen? Haben Sie das jetzt neu auf Ihre Webseite geschrieben?

Nein. Ich bin ja auch nicht die einzige Person, die sich in den gängigen Sprachformen nicht wiederfindet. Was die Leute irritiert, ist, dass ich eine statushohe Person bin, die beim Staat angestellt ist. Wenn das Künstlxs machen, oder Personen, die Aktivismus betreiben, etwa in NGOs, dann scheint das eher okay zu sein.

Der offene Brief wurde von dem Bildungsforscher Michael Klein und der Soziologin Heike Diefenbach online bei sciencefiles.org veröffentlicht. Fast 70 Menschen, die meisten ebenfalls aus der Wissenschaft, haben ihn unterzeichnet. Man wirft Ihnen da „Dienstvergehen“ vor. Ihr Verhalten mache den Berufsstand „lächerlich“, heißt es.

Ja, so ist es dort formuliert. Wie gesagt: absurd. Vor einem halben Jahr, als unser Leitfaden zum Sprachhandeln herauskam (Anm. d. Red.: Der Freitag berichtete in der Ausgabe 11/2014), gab es ungefähr 800 Hate-Mails – und das war es. Jetzt bekomme ich aber immerhin auch sehr viele positive Zuschriften. Und das sind nicht alles Leute, die unbedingt die x-Form benutzen wollen, sondern Leute, die einfach sagen: „Ich finde es wichtig, dass hier zum Nachdenken angeregt wird.“

Halten sich Hass-Mails und positive Nachrichten die Waage?

Ich glaube, dass wir in einer Kultur leben, die es sehr einfach macht, andere Leute fertigzumachen, sie in einer nicht-produktiven Form zu kritisieren. Warum kann ich Differenzen nicht stehen lassen? Warum kann ich mich dadurch nicht bereichert fühlen? Warum muss ich denken, dass alle Menschen gleich sein müssen? Viele schrieben mir jetzt, wie wichtig sie den Vorstoß finden, vor allem Inter- und Transpersonen schrieben das. Es geht mir darum, für diese Leute Räume zu schaffen. Dass sie es wagen, sich selber neue Namen zu geben und sich zu sagen: „Vielleicht kann ich mir mein Leben und meine Identität noch einmal neu aneignen." Sprache ist sehr wichtig, gerade um eine widerständige Wirklichkeitsvorstellung auszudrücken.

Stimmt es, dass Ihnen sogar körperliche Gewal t angedroht wurde? Gibt es von Seiten der Universität Unterstützung?

Vor allem aus dem Ausland habe ich viel Unterstützung bekommen. Auch von verschiedenen deutschen Unis kam von unterschiedlichsten Leuten einiges an Support. Studierx von der HU sind ebenfalls sehr aktiv, schreiben mir E-Mails. Je höher der Status im Unibetrieb, desto weniger solidarisch sind die Rückmeldungen. Die stellvertretende Pressesprecherin der HU nimmt sich der Sache aber sehr souverän an, und dafür bin ich dankbar.

Wie erklären Sie sich, dass da so wenig Haltung vorhanden ist?

Ich glaube, die Frage, ob es da noch mehr gibt als nur Frauen und Männer, und mein Umgang mit dieser Frage fordern auch im Unibetrieb viele Personen stark heraus. Jenseits dessen sind natürlich viele Leute auch überarbeitet und haben das alles vielleicht gar nicht mitbekommen.

Stimmt es, dass Briefe kamen, die Ihnen nun noch mal zu beweisen versuchten, dass es nur zwei Geschlechter gebe?

Es wird immer diese Auffassung geben, dass es genau zwei Geschlechter gibt, die genetisch, hormonell oder wie auch immer festgelegt sind. Das Problem ist, dass Leute damit Trans- und Interpersonen diskriminieren, ihnen deren Lebenswirklichkeit absprechen. Auf meiner Homepage steht ja übrigens nur, dass ich selbst als Professx angesprochen werden will. Ich sage weder, dass alle Leute sich so anreden lassen sollen, noch, dass es keine Frauen und Männer gibt. Trotzdem ist das schon zu viel für manche Leute. Das Problem sind nicht unterschiedliche Auffassungen – sondern dass es diesen unbedingten Wunsch nach vermeintlicher Normalität gibt, und die Neigung, alles andere gewaltvoll abzulehnen.

Lann Hornscheidt, geboren 1965, Linguistin und Skandinavistin, lehrt an der Berliner Humboldt-Universität (HU). Dort hat sie die Professur für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien inne. Auf ihrer Homepage lannhornscheidt.com stellt sie ihre Arbeit vor

Zurück zu den Sprachformen: Wie kamen Sie auf das X?

Ich habe die x-Form zum ersten Mal von Personen gehört, die bei mir studiert haben, als eine feministische Form, die in Argentinien gefunden worden ist. Ich fand diese Form sehr spannend, weil sie tatsächlich versucht, Zweigeschlechtlichkeit herauszufordern. Sie sollte eine Ergänzung zu den Unterstrichformen sein, weil die ja doch immer Männlichkeit und Weiblichkeit aufrufen. Also bei der Schreibweise Student_in liegt der Unterstrich zwischen weiblicher und männlicher Endung. Und in der Mitte? Gibt es eine Lücke. Ich hänge aber nicht an der x-Form. Es ist toll, wenn andere Leute sich andere Sachen ausdenken. Es geht mir darum, Sprache als kreatives und wichtiges Handlungsinstrument zu verstehen. Denn das, was ein Mensch für normal und natürlich halten mag, ist gar nicht normal und natürlich, sondern immer gesellschaftlich hergestellt.

Was einen an der x-Form stören könnte, ist, dass sie an „Terra X“ oder „Tag X“ erinnert, an mysteriöse, unschöne Zusammenhänge. Wäre auch ein Y denkbar?

Klar ginge das. Wobei Y schwieriger auszusprechen wäre, aber ich finde: Alles ist möglich. Ich würde auch nicht dafür plädieren, gar keine Genderformen mehr zu benutzen, weil das Geschlecht in dieser Gesellschaft extrem wirkmächtig ist. Eine neutrale Form generell für alles einzuführen würde Sexismus und Genderismus unsichtbar machen. Das Wort „StaatsbürgerInnenschaft“, beispielsweise, ist an die verfassungsmäßig festgelegte Zweigeschlechtlichkeit gekoppelt. Es würde überhaupt keinen Sinn machen, da einen Unterstrich einzuführen. Da könnte aber eben ein Binnen-I benutzt werden. Die x-Form ist für Kontexte gedacht, wo ich sage: „Aha, hier wird eine zweigeschlechtliche Norm über die Sprache hergestellt und Trans- und Interpersonen werden ausgeschlossen.“

Viele Versuche, die Sprache zu verändern, klingen erst einmal sehr akademisch.

Politische Sprachveränderungen wurzeln in kleinen Communities. Die Akademie springt später auf solche sozialen Bewegungen auf. Es handelt sich um Vorschläge: Ich kann schauen, ob ich damit was anfangen kann oder nicht.

Werden solche Fragen in anderen Sprachräumen ähnlich debattiert? Oder ist das einfach ein sehr deutsches Problem?

Also wie das hierzulande in der Öffentlichkeit behandelt wird, halte ich für sehr deutsch – dieses Zusammenbringen von Sprache und Nationalismus. Das ist hier sehr ideologisiert. Und das betrifft nicht nur Genderformen. Auch die N-Wort-Debatte oder die Auseinandersetzungen, ob es Migrationshintergrund oder Migrantin oder Ausländerin heißt, zeigen, wie stark sich die Öffentlichkeit aufregt, sobald es um Diskriminierung geht. Auch im Englischen sind Trans-Formen eine große Herausforderung. Da wird viel „they“ benutzt, das Pluralpronomen als Singularpronomen, wie es auch im Mittelenglischen schon gebraucht wurde. Im Schwedischen gibt es die Form „hen“ als drittes Personalpronomen neben „han“ und „hon“ für „er“ und „sie“. Das „hen“ kommt aus einer Transbewegung, da gab es auch große Debatten. Sobald es um Sprachveränderungen geht, reagieren viele privilegierte Personen persönlich sehr angegriffen oder irritiert.

Warum eigentlich?

Ich glaube, es ist in dieser Gesellschaft angelegt, Diskriminierung zu individualisieren. Dabei handelt es sich um übergeordnete gesellschaftliche Strukturen. Das heißt, ich transportiere die Diskriminierung die ganze Zeit mit, etwa durch die Sprache, ohne mir dessen bewusst zu sein. Da kommt dann sehr schnell diese Abwehrhaltung: „Wieso, ich bin doch gar nicht diskriminierend, weil ich das doch auch gar nicht sein will!“ Was nun mich angeht: Ich gehe davon aus, dass niemand mich persönlich ausschließen möchte. Das heißt aber nicht, dass es nicht konzeptuell doch der Fall ist, vom gängigen Sprachmuster her. Warum kann ich also nicht aus Gründen des Respekts eine andere Form wünschen?

Klappt das? Werden Sie wirklich als Sehr geehrtx Professx Lann Hornscheidt angesprochen?

In den Hass-E-Mails natürlich nicht, aber sonst: Ja, auf allen Verwaltungsebenen. Wichtig ist, es immer wieder zu versuchen.

06:00 27.11.2014

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