Das Messer an der eigenen Kehle

So weit, so kompliziert Robert Wilson inszeniert am Berliner Ensemble Shakespeares "Wintermärchen"

"Ein traurig Märchen passt für den Winter", glaubte Shakespeare und schrieb Das Wintermärchen. Die Premiere am Berliner Ensemble fand zu Herbstbeginn bei sommerlichen Temperaturen statt. Zwar bringt das Wetter derzeit vieles durcheinander - an der Jahreszeit wird es aber kaum liegen, dass dieses Wintermärchen nicht so recht "passt".

Die Regel, dass sich an Kunst die Geister scheiden, kennt solche Ausnahmen, bei denen sich ein und derselbe Geist nicht einig wird. Dazu gehört Robert Wilson, der das Theater zwar nicht neu erfunden, aber an neue Grenzen getrieben hat. Unbe(f)leckt vom europäischen Aufklärungsgedanken, der von Schiller bis in die Gegenwart reicht, brachte der studierte Architekt aus Texas das Bewusstsein mit, dass sich das Theater durch die Beschränkung auf sprachliche Vermittlung selbst beschneidet. Dem setzt Wilson seit 40 Jahren Theater als sinnliches Erlebnis entgegen, das ohne benennbare "Bedeutung" auskommt.

So weit, so kompliziert. Doch die Zerreißprobe des Geistes fängt hier erst an. Denn was man, auch im moralischen Sinne, Bescheidenheit nennen kann, greift so ungeniert auf die technischen und finanziellen Ressourcen der Theater zurück, dass die bis ans Äußerste strapaziert werden: ein fester Stab an Mitarbeitern, eigens komponierte Musik von Größen wie Tom Waits und Herbert Grönemeyer, prominente Schauspieler als Gäste, opulente Kostüme und eine aufwändige Lichteinrichtung, die im genau getakteten Zusammenspiel mit der Bühnentechnik Gegenstände und Darsteller erscheinen und verschwinden lässt.

Dass Wilsons Wintermärchen trotz solcher Taschenspielertricks nicht zur Zirkus-Show à la Copperfield gerät, ist allein der Sprache zu verdanken, die bis in die Nebenrollen von einer selten zu erlebenden Präzision ist. Der Widerspruch zu dem Beschriebenen ist nur scheinbar, weil Sprache hier nicht den Sinn der Worte, sondern das Sprechen selbst meint. Dessen Klarheit verleiht den Worten eine Sinnlichkeit, die zwar nichts bedeutet, aber weitaus nachhaltiger wirkt als jeder kunstgewerbliche Effekt.

Deren wenig förderliche Wirkung zeigt sich schon im kurzen Vorspiel, das die Romanze wortlos zusammenfasst: Zwei Jugendfreunde zerstreiten sich als Erwachsene, um sich im Alter zu versöhnen. Dass Tote zu beklagen sind, macht den Frieden schal.

Vor einem blass-blauen Prospekt spielen zwei weiß geschminkte Jungen in schwarzen Badehosen in einem grauen Zuber. Ihr Streit beginnt, als einer dem anderen Wasser über den Kopf gießt. Das plätschert nicht auf der Bühne, sondern im Graben davor, aus dem eine sechsköpfige Band den Rhythmus des verlangsamten Spiels vorgibt. Dabei ist unübersehbar, wie sehr die kindlichen Laien auf die Töne warten, die ihrem Tun den Einsatz geben. Dieses Problem hat sich erledigt, sobald sich der Prospekt hebt und Profis die Bühne übernehmen. Doch bleibt die Live-Musik so dominant, dass der hoch artifizielle Abend vor allem im ersten Teil recht hausbacken gerät.

Das Königreich Sizilien besteht aus Säulen und einem Portal, vor dem sich Böhmens König Polixenes (Tillbert Strahl-Schäfer) von Hermione (Sonja Grüntzig) zum Bleiben überreden lässt. Ihr Mann Leontes (Stefan Kurt) reagiert mit einer Eifersuchtsattacke, in deren Folge die Frau vermeintlich, der Sohn tatsächlich stirbt und die eben erst geborene Tochter an Böhmens Küste ausgesetzt wird. Ehe ein Bär ihn zerfleischt, gibt Antigonus (Axel Werner) ihr den Namen Perdita, die Verlorene. Verloren ist auch Leontes, der Paulinas (Angela Winkler) Mahnen ignoriert und erst durch das Orakel Delphis zu Sinnen kommt.

Dass sich die Handlung erzählen lässt, wie sie im Buch steht, ist das zweifelhafte Verdienst der Musik. Die unterlegt das Geschehen mit Emotionen, die aus dem reduzierten Spiel der Darsteller nicht erwachsen. Erklärende Funktion übernehmen auch die Mikroports, wenn sie den Stimmen dramatischen Hall verleihen.

Nach der Pause und einem Sprung von 16 Jahren herrschen andere Gesetze. In Böhmen stehen kniehohe Wälder, und aus dem Graben erklingt stilecht Polka. In der Obhut eines Schäfers (Walter Schmidinger) ist Perdita (Judith Strößenreuter) zu einer Schönheit herangewachsen, die sich Prinz Florizel (Alexander Doering) versprochen hat. Als Polixenes davon erfährt, bricht er mit seinem Sohn, der mit der Verlobten nach Sizilien flieht.

An Bord des Schiffes, mit dem der König folgt, befinden sich der Schäfer, dessen tölpelhafter Sohn (Georgios Tsivanoglou) und Autolycos (Dirk Ossig), der aus jeder noch so vertrakten Situation Vorteil schlägt. Versöhnung zwischen den Geschlechtern und Generationen stiftet die "Auferstehung" Hermiones, die sich all die Jahre versteckt hielt. Ende gut, alles gut? Nach dem letzten Wort fällt ein Prospekt, der die sizilianischen Säulen um eine Villa ergänzt. Vor dieser ersten realen Kulisse des gut dreistündigen Abends serviert Leontes Schlachtermesser, die sich die Versöhnten willig an die Kehlen halten.

In Böhmen entkamen die Schlachtlämmer noch blökend übers Feld. Ob das etwas bedeuten soll?


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