Geht Klara

Bühne Jorinde Dröses inszeniert "Maria Magdalena" am Gorki Theater Berlin

"Das zweite Jahr ist das schwerste." Im Sport ergeht diese Warnung an Teams, die vor Jahresfrist den Aufstieg in eine höhere Spielklasse geschafft haben. Der tiefere Grund für die eigenwillige Zeitrechnung ist der schlichte Umstand, dass mit dem Reiz des Neuen auch Elan, Willen und Einsatzbereitschaft der ersten Saison, des Premierenjahres nachlassen und Platz für Routine machen. Diese Dynamik gilt nicht nur für die Akteure, sondern auch für das Publikum. Dessen Sympathie für den Außenseiter ist nahezu grenzenlos. Doch sind ihm die Stärken des Neulings erst einmal bekannt, bestraft es die Schwächen umso härter und verschenkt sein Herz an einen neuen Underdog.

An der Schwelle zum zweiten Jahr steht das Berliner Maxim Gorki Theater, und wenn man den Auftakt als Maßstab nimmt, ist es dafür gut gerüstet. Unter neuer Leitung und mit neuem Ensemble hat es eine bravouröse erste Spielzeit absolviert, die ihm bei der alljährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute den dritten Platz der besten deutschsprachigen Bühnen eingetragen hat. Erreicht wurde dieser Erfolg durch einen wahren Kraftakt, in dem das kleinste Berliner Staats- und Stadttheater auf zwei Bühnen Premieren im Wochentakt, Werkstattprojekte mit Beteiligung der Öffentlichkeit und einen theaterpädagogischen Jugendklub stemmte.

Wie die Fülle des Angebots machte auch dessen Qualität staunen. Denn je weiter die Spielzeit voranschritt, desto deutlicher bildeten sich Schwerpunkte der Arbeit, mit ihnen Konturen eines Stadttheaters heraus - womit nicht die Art der Finanzierung, sondern die Verankerung in der Bevölkerung gemeint ist. Dieses Ziel hatte der Intendant Armin Petras im Wissen um die hohen Hürden ausgegeben, denn Berlin ist eine junge Stadt, die drastisch altert.

Der inhomogenen Zielgruppe entsprechend, lag ein Schwerpunkt auf der Dramatik des 19. Jahrhunderts. Gepaart mit einer Spielweise des 21. Jahrhunderts, formten die alten Stoffe von Kleist bis Ibsen ein Kaleidoskop bürgerlicher Selbstfindung und -zerstörung. An diese "Tradition" des ersten Jahres knüpft die Eröffnungsinszenierung des zweiten an, und mit Hebbels Maria Magdalena dringt sie ins Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft vor: die Kleinfamilie. Im Haus des Tischlermeisters Anton kündigt sich Unheil an. Seine Frau ist von einer schweren Krankheit nur bedingt genesen, den Sohn Karl (Jörg Kleemann) zieht es aus den Fußstapfen des Vaters hinaus aufs Meer. Des Diebstahls verdächtigt, wandert er aber erst mal ins Gefängnis - und die Mutter vor Gram ins Grab. Bleibt die Tochter Klara, die Friedrich liebt und mit Leonhard verlobt ist. Und weil der ihr ein "Weiberschicksal" eingebrockt hat, ist sie auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden.

Schuld und Schande sind die Kategorien, um die es im Stück vor allem geht. Weil mit den Begriffen auch die Werte fragwürdig geworden sind, versagt sich die Inszenierung schon vorab jeden falschen Ernst: Dem Tischler Anton (Andreas Leupold) hat Susanne Schuboth ein Bühnen-Haus aus Tischlerplatten gebaut. Angemessenen Ernst versprechen der schiefe Boden und das dunkle Furnier mit Wohlfühlfaktor null. Prompt mag Klara (Anika Baumann) den Platz unterm Rock der Mutter (Ruth Reinecke) nicht räumen. Dem Alter, da Verstecken keine Wunder wirkte, ist sie aber auch im Matrosenkleidchen unwiderruflich entwachsen.

So rollt die Tragödie ab, wie sie geschrieben steht: Zwar auf 90 Spielminuten gekürzt, aber stets nah an Hebbels schroffer Sprache, die zudem nicht immer der gültigen Grammatik folgt. Doch statt am Text herumzudoktern, entwirft die junge Regisseurin Jorinde Dröse adäquate Bilder: Wenn auf die Frage, was es Neues gibt, die Zeitung aufgeschlagen wird, dient das der wünschenswerten Leichtigkeit, wie es die erforderliche Bitterkeit erzeugt, wenn ein Zungenbrecher-Spiel mit den Adjektiven braun und blau zum Streit um die Augenfarbe der Tochter und deren Demütigung durch den Vater führt - "Weiberschicksale" erfüllen sich heute eben anders als zu Hebbels Zeiten.

Und heute gibt es andere Wege, ihnen zu entgehen. Denn zwar hält der Abend am tödlichen Duell von Leonhard und Friedrich (Gunnar Teuber, Julian Mehne) fest, für Klara selbst öffnet er jedoch einen anderen Ausweg: Ein winziger Spalt in der Rückwand, der sich auf ihr Kommando auftut, reicht ihr, um dem Los der biblischen Büßerin zu entkommen. "Du bist tot!", ruft ihr der Vater zwar noch hinterher. Doch um in den Freitod zu gehen, hätte seine Tochter wohl kaum den Koffer mitgenommen.


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