Agenten der Erlösung

Minenhunde In seinem Buch "Gewalt als Gottesdienst" untersucht Hans G. Kippenberg die Hintergründe religiös motivierter Gewaltanwendung

Ein Blödmann-Atheismus, der sich für "aufgeklärt" hält, verkündet mit gleichzeitig zunehmender Intensität und abnehmender Substanz pauschal, "die" Religionen seien intolerant, erzeugten Konflikte und riefen notorisch zu Gewalt auf. Das Buch des Erfurter Religionswissenschaftlers Hans G. Kippenberg wendet sich sowohl gegen diese hemdsärmelige Strategie der Erklärung religiöser Gewalt wie gegen die etwas verfeinerte Version, mit der religiösen Gemeinschaften, die sich auch politisch artikulieren, der Status als "echte Religion" schlicht aberkannt wird.

Kippenberg zeigt, dass der pauschale Verdacht, der Monotheismus sei kraft seines religiösen Alleinvertretungsanspruchs immer und überall gewaltbereit und auf die Vernichtung Andersgläubiger aus, nicht haltbar ist. Erstens predigen die monotheistischen Religionen in der Regel nicht Gewalt gegen Andersgläubige, sondern allenfalls gegen Abtrünnige, was das Problem natürlich nicht entspannt. Für die Juden des Alten Testaments aber war es reiner Götzendienst, "wenn die Gesegneten aus dem Partikularismus des Segens eine Quelle von Gewalt gegen die Nicht-Gesegneten machten".

Zweitens ist der Zusammenhang von Monotheismus und Gewalt in einem strikten Sinne historisch und situativ bestimmt. Der Kampf der mittelalterlichen Kirche gegen Ketzer und Juden entsprang weniger dem Monotheismus als jeweils ganz spezifischen und lokalen historischen Umständen. Einigermassen friedliche religiöse Koexistenz war im Mittelalter die Regel und nicht die Ausnahme. Kurzum: Der Zusammenhang von Monotheismus und Gewalt ist weder notwendig noch unmöglich - er ist zufällig und verlangt gerade deshalb nach Differenzierung.

Kippenberg demonstriert an acht zeitgenössischen Konflikten und Konfliktfeldern, unter welchen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und theologischen Umständen religiöse Gemeinschaften dazu übergehen können, ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. Sobald religiöse Gemeinschaften beginnen, ihre religiös unterlegte Brüderlichkeitsethik zu territorialisieren und alternative staats- und privatrechtliche, wirtschaftliche, moralische Ordnungen zu verbannen, entsteht ein Konflikt zwischen der Religionsgemeinschaft und dem Staat und seinen Monopolansprüchen. Treibt die Staatsmacht eine Religionsgemeinschaft mit Gewalt in die Enge, radikalisiert sich diese bis zum kollektiven Selbstmord.

Dies geschah zum Beispiel 1993 im texanischen Waco. Aufgrund von vagen, sich nachträglich als frei erfunden erwiesenen Gerüchten griff die Staatsmacht dort eine adventistische Sekte unter dem Vorwand an, "Geiseln" mit Panzern und Maschinengewehren zu befreien. Es gab 74 Tote, und die Staatsmacht sprach von "Massenselbstmord". Sicher haben solche Sekten oft eine endzeitlich gestimmte Situationsdeutung. Aber wenn der Staat - desinformiert von Abtrünnigen und medial angetrieben - in solchen Fällen mit Gewalt eingreift, bestätigt er nur die paranoide Selbstdeutung der Sekten und treibt sie zum Äußersten.

Ein ganz anders gelagerter Fall sind die Vorfälle im Iran zwischen 1977 und 1981. Das Schah-Regime sah in den Prozessionen der Schiiten "Umsturzrituale", intervenierte mit Armee und Polizei und machte so die dabei Erschossenen zu Märtyrern. Für deren Wohl musste 40 Tage nach ihrem Tod, traditionellen religiösen Bräuchen folgend, öffentlich gebetet werden. Das Regime schuf so die Basis für den Widerstand, unter dem es schließlich zusammenbrach. Im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak transformierten die Herrscher über Staat und Religion den Märtyrerkult: Er diente zur "Veredelung" des Kriegs zu einem "heilsgeschichtlichen Geschehen". Halbwüchsige Knaben wurden nun im Namen gottgefälligen Handels buchstäblich wie Minenhunde auf die Minenfelder geschickt, um diese zu entschärfen.

Krippenbergs drittes Beispiel ist der Libanon. Die Religionsgemeinschaften der Christen, der Sunniten, Maroniten und der Ostkirchen waren dort traditionell auch politisch gut verankert. Eine Ausnahme bildeten die Schiiten in den ländlichen Dörfern. Für sie bot der libanesische Staat wenig und vor allem keinen Schutz gegen israelische Angriffe und palästinensische Provokationen. Schiiten gründeten deshalb die amal ("libanesische Widerstandsbewegung") und nahmen unter der Parole "jihad" die "Arbeit am Selbst und an der Gesellschaft" selbst in die Hand, um eine "gerechte Ordnung" zu begründen. Eine Abspaltung der amal nannte sich 1982 hizbollah (Partei Gottes). Außer Schulen, Krankenhäusern, Jugendclubs und Zeitungen unterhielt sie auch bewaffnete Einheiten.

Zwischen 1982 und 2000 fielen 1.281 Hizbollah-Kämpfer - zwölf davon als Selbstmordattentäter. Religiöse Skrupel - der Koran verbietet Selbstmorde - bildeten vorerst eine Grenze. Erst als Geistliche das Selbstmordattentat als fromme Tat autorisierten, stiegen die Zahlen. Dennoch ist Kippenbergers Resümee beachtlich: "Die Jihad genannte Glaubenspraxis von Hizbollah ist nicht auf militärische Angriffe auf Israel oder andere Ungläubige zu verengen; sie umfasst alle Handlungen, die zur Einrichtung einer islamischen zivilen Ordnung beitragen." Israel und die USA verweigerten sich konsequent dieser Einsicht und erklärten die Hizbollah zur reinen Terrororganisation.

Als Spiegelbild dazu erweist sich in Krippenbergs Darstellung die israelische Politik nach 1967. Die UN-Charta wie die UN-Resolution 242 von 1967 verbieten Annexionen. Religiös motivierte Zionisten erklärten trotzdem die Besiedelung der Westbank als "eine Etappe im messianischen Prozess der Wiederherstellung Israels." Seit 1991 gelten die völkerrechtswidrigen Siedlungen nach israelischer Auffassung als "befreite Gebiete" und US-Präsident G. W. Bush erklärte die faktische Annexion von Teilen der besetzten Gebiete am 14.4.2004 als "unwiderruflich". Für den einflussreichen Rabbi Zwi Yehuda Kook (1891-1982) wurde der Staat Israel zum "Agenten der Erlösung". Mit solcher "Geotheololgie" (Kippenberg) geriet der Konflikt in eine sich immer schneller drehende Spirale der Gewalt, denn die Zahl der Siedlungen verdoppelte sich zwischen 1993-2004 auf 140, und deren Einwohnerzahl stieg auf 231.000.

Auch die palästinensischen Widerstandgruppen PLO (1964) und Hamas (1988) betteten ihr Kampfprogramm "in ein heilsgeschichtliches Skript" ein, indem sie Palästina zum waqf-Land erklärten, das heißt in bis zum Jüngsten Gericht den Muslimen übertragenes Land, von dem einen Quadratmeter aufzugeben eine Sünde sei. So wurde der palästinensische Nationalismus von säkular wie von religiös orientierten Gruppen im Islam verankert.

Kippenbergs materialreiche Studie enthält sich jeder Polemik und bietet auch keine Patentrezepte, zeigt aber, dass religiös motivierte Gewalt nur zu unterbrechen ist, wenn drei Minimalanforderungen erfüllt sind. Erstens dürfen politische Parteien Religionsgemeinschaften nicht instrumentalisieren. Zweitens darf im Konflikt mit Religionsgemeinschaften nicht mit pauschalen Zuschreibungen wie "Fundamentalismus" oder "Terrorismus" jede Brücke für Verhandlungen abgebrochen werden. "Die Geschichte des Judentums ist ... ein Bespiel dafür, wie trotzdem mit Heiden Verträge abgeschlossen werden konnten." Drittens ist zu unterscheiden zwischen Religionsgemeinschaften, die auch für Sozialwerke verantwortlich sind und "Gruppen junger Männer, die zum Kämpfen wild entschlossen sind."

Hans G. Kippenberg Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung. C.H.Beck, München 2008, 272 S., 19,90 EUR

#ff0000>Wenn Sie dieses Buch bestellen möchten: Zum Shophref>

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare