Unsichtbare Macht in sichtbaren Worten

Ausstellung Jeder Satz ein Körnchen Wahrheit: Barbara Kruger zeigt einen "Circus" in der Frankfurter Schirn

Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt liegt auf dem Römerberg. Und da kam zusammen, was zusammengehört: Auf dem Römerberg fand bis vor kurzem ein Weihnachtsmarkt statt mit dem obligaten Gemisch aus kitschigen Weihnachtsliedern und penetranten Geruchswolken von Bratwurst, gebrannten Mandeln, Glühwein und Currywurst. Passend dazu präsentiert die 1945 geborene amerikanische Konzeptkünstlerin Barbara Kruger in der vorgelagerten Rotunde der Schirn ihre Installation „Circus“. Barbara Kruger arbeitete früher als Fotografin und Werbegrafikerin und beschäftigte sich schließlich als Künstlerin mit der Markt- und Warenwelt. Ihre bildlich spartanischen Installationen sind Kommentare zum ersten Satz von Marx’ Kapital: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung“. Die Künstlerin fasste das in einer Installation von 1987 mit dem Satz zusammen: „Ich kaufe, also bin ich.“ Diese Einsicht beflügelt ihren kritischen Blick auf den Markt wie auf dessen unsichtbare Macht und Herrschaft über uns.

Weil Macht und Herrschaft von Märkten überall spür-, aber unsichtbar bleiben, arbeitet Barbara Kruger in ihren Installationen mit sichtbaren Worten und Sätzen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um griffige antikapitalistische Parolen, sondern um einfache Sätze, um Stereotype, die – suggestiv-rhetorisch verpackt – genau jenes Körnchen Wahrheit transportieren, das den Betrachter direkt anspricht, irritiert und zum Nachdenken anregen kann.

Der zentrale Satz in der schwarz ausgekleideten Schirn-Rotunde mit ihren 13 Metern Durchmesser lautet in großen weißen Buchstaben: „Belief + Doubt = Sanity“ („Überzeugung + Zweifel = gesunder Menschenverstand“). Barbara Kruger deklamiert nicht, sondern überredet sanft zum Nachdenken über alltagssprachliche Kalendersprüche und vermeintliche Alltagswahrheiten: „What you hate deserves it“ (Was Du hasst, verdient es“). Sie polemisiert nicht, sondern irritiert durch Selbstkritik und stellt deren Angemessenheit ebenso zur Debatte wie das Bedürfnis nach Abgrenzung: „What you believe is truer than what I believe“ („Was Du glaubst, ist wahrer als das, was ich glaube“).

Selbst wenn die Künstlerin einzelne starke Thesen formuliert – „Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind“ oder „Blinder Idealismus ist reaktionär, beängstigend, tödlich“ – konterkariert sie diese und lässt Platz für einen Meinungspluralismus, denn entgegen den schwarz-weißen, gelegentlich roten Schriftbildern ist Barbara Kruger keine Predigerin von Dogmen und angeblich unausweichlichen Alternativen, sondern eine engagierte Aufklärerin, die sich an das bunt gemischte Publikum auf dem Marktplatz wendet und nicht verleugnet, dass sie daran glaubt, Kunst könne nicht gerade die Welt, aber wenigstens die Köpfe der Betrachter verändern. Dieses ganz und gar nüchterne Pathos gibt der Installation, eingebettet in den ordinären Rummel des Weihnachtsmarkts, etwas fast Sakrales.

Gelegentlich appelliert die Künstlerin an den Betrachter, zum chaotischen Mit- und Durcheinander von Erinnerungen, Emotionen und Verrat Stellung zu nehmen: „Du bist verliebt. Du kannst einfach nicht aufhören zu lächeln. Dein Herz hüpft. Du läufst davon.“ Liebe erweist sich hier als egoistischer Identitätsanspruch - also substanzloses Ich-Theater. Rudolf Walther

Barbara Kruger Circus. Kunsthalle Schirn, Frankfurt. Bis 30.1. Der Katalog kostet 14,90

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