Wüst trieb es der wilde Koba

Kolportageroman In seinem zweiten Buch "Der junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators" verwechselt Simon Sebag Montefiore Geschichtswissenschaft und Spekulation

Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore ist ein ausgewiesener Kenner des Kreml-Personals und der dort gepflegten Intrigen, Verbrechen und Machtspiele während der Herrschaft Stalins. Mit dem Buch Stalin. Am Hofe des Roten Zaren (Freitag 28/2006) landete er vor drei Jahren einen Weltbestseller. Auch die Machart des neuen Buches, das "das frühe Leben des Diktators Stalin" - die Jahre von 1878 bis 1917 - zum Thema hat, könnte bei Lesern durchaus Anklang finden. Montefiore verbindet quellennahe Lebensbeschreibungen, psychologische Alltagsdeutungen und Spekulationen auf eine Art, die seine Bücher von Romanen fast ununterscheidbar machen. Darin liegt die Stärke, aber auch die Schwäche seiner Bücher.

Dass Stalin ein abenteuerliches Leben führte vor der Revolution von 1917, ist schon längst bekannt. Wie abenteuerlich das Leben des 1878 geborenen Schuhmachersohnes tatsächlich war, zeigt erst die detaillierte Studie über das Beziehungsgeflecht rund um Stalin alias Jossif Wissiarionowitsch Dschugaschwili aus Gori in Georgien. Es sind nicht weniger als 52 Mitspieler - Familienmitglieder, Seminaristen, Ehefrauen, Geliebte, Ringer, Boxer, Schläger und Gangster aller Art, die das Netzwerk ausmachten, in dem der junge Stalin aufwuchs. Stalin nannte sich der künftige Diktator erst ab 1912 - vorher hieß er in seinem Clan und in seinen Banden Sosso oder Koba.

Wer Stalins Vater war, ist umstritten. Es könnte der Schuhmacher "Besso" gewesen sein, aber auch ein vermögender Freund der Familie, der dem jungen Stalin zuerst den Besuch der Schule und danach den des Priesterseminars in Tiflis ermöglichte. Als Schüler wie als Seminarist schrieb Stalin kitschige Gedichte. Er mischte in Banden mit, die sich mit Ringen und Boxen, aber auch im Straßenkampf und in Schlägereien übten. Gewalt gehörte zum Alltag. Die Mönche im Priesterseminar trieben den jungen Georgiern weniger ihre Neigung zur Gewalt aus als jene zur georgischen Sprache. Sie machten Stalin damit zu einem überzeugten Nationalisten. 1899 musste er wegen disziplinarischer Schwierigkeiten das Priesterseminar verlassen.

Nach seiner ersten Verhaftung bei der Maidemonstration im Jahr 1900, tauchte "Koba" - den Namen entlieh er sich aus einem Banditenroman von Alexander Kasbegi - in den Untergrund ab und arbeitete fortan mit dem legendären Gangster und Killer Simon Ter-Petrossjan zusammen. Montefiore nennt ihn "Stalins Lieblingspsychopathen". 1901 tauchte Stalin in Batumi auf. Er bekam eine Stelle in der Öl-Raffinerie der Rothschilds, legte dort Feuer und wurde erneut verhaftet und für drei Jahre nach Sibirien verbannt. Insgesamt kam er bis 1917 dreizehnmal in Haft und wurde acht Mal verbannt, aber mit List und Bestechung gelang ihm immer wieder die Flucht. Er war der Fluchtexperte unter den Bolschewisten der ersten Stunde.

Den größten Coup landete die Stalinbande am 13. Juni 1907 in Tiflis. Ob Stalin selbst dabei war, ist nie geklärt worden. Aber rund 20 seiner Leute überfielen einen Geldtransport, töteten rund 40 Soldaten und erbeuteten 250.000 bis 350.000 Rubel - nach heutigem Wert rund 3 bis 3,5 Millionen Euro. Ein Teil der Geldsscheine war nummeriert und tauchte in Westeuropa auf, was zu erheblichen politischen Skandalen führte. Offensichtlich finanzierte sich Lenins Fraktion innerhalb der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands" (SDAPR) auch mit Geld, das die georgischen Kriminellen bei Überfällen und durch Schutzgelderpressungen beschafften. Mehrere Parteitage der SDAPR hatten diese - im Jargon "Expropriationen" genannten - Aktionen seit 1905 vergeblich verurteilt.

Montefiore bedient sich zur Schilderung von Stalins Leben in Haftanstalten, an Verbannungsorten, auf der Flucht und im Untergrund in Tiflis, Baku und Petersburg verschiedener, zum Teil neuer Quellen aus Geheimdienstarchiven, aber auch aus unveröffentlichten Memoiren, Interviews mit Nachkommen von Stalins Genossen und Briefen. An quellenkritischer Vorsicht im Umgang mit solchen Informationen lässt es der Autor freilich fehlen. Oft sitzt er einfach dem Familienklatsch auf, den Stalin verherrlichende oder Stalin dämonisierende Enkelinnen und Urenkelinnen und andere Verwandte und Bekannte lange nach dem Tod des Diktators verfassten. Ein paar Beispiele: Montefiore bezeichnet Stalins ersten Biografen Essad Bey alias Lew Nussimbaum (dessen Buch in der Bibliografie nicht auftaucht) als "notorischen Fantasten". Trotzdem muss dieser als Quelle dafür herhalten, dass sich ein dreizehn Jahre altes, sibirisches Mädchen nachts zu Stalin ins Bett schlich mit Wissen ihrer Brüder. Auf dieser Basis wächst bei Montefiore der "arktische Sexskandal".

Eine Zeitzeugin von stattlichen 109 Jahren will sich im Jahr 2005 noch "deutlich" daran erinnern, wie Stalins erste Frau am 22. November 1907 gestorben ist. Der Leser hat auch keine Chance zu prüfen, woher der Autor weiß, dass sich Stalin und Lenin "nur über ... den bevorstehenden Banküberfall in Tiflis" unterhielten" oder dass der spätere Diktator "knurrte, dass alle Allilujew-Frauen ›ihn nie in Ruhe ließen‹ und immer ›mit ihm ins Bett wollten.‹" Die heiklen Probleme, die sich aus der Verwendung der Akten der notorisch korrupten Geheimpolizei "Ochrana" ergeben, diskutiert der Autor mit keinem Satz, sondern verwendet sie einfach, wenn sie in sein Puzzle passen.

Gravierender ist ein anderer Mangel der deutschen Ausgabe. In der englischen Ausgabe gibt es über 30 Seiten kleingedruckte Anmerkungen, die wenigstens summarisch belegen, worauf sich der Autor bezieht, der die Bestände von 23 (!) Archiven und jede Menge von autobiografischer, also in ihrer Beweiskraft höchst problematischer Literatur ausgewertet hat. Diese Anmerkungen sind zwar im Internet zugänglich, aber der Verlag hat dem Autor einen Bärendienst erwiesen, als er sich dafür entschied, die Anmerkungen im Buch nicht zu publizieren - im Unterschied zum vorangegangenen Buch Stalin. Am Hof des Roten Zaren.

Hilflos wirkt der Hang Montefiores, Wissenslücken mit freihändigen Spekulationen zu füllen: "Im Untergrund waren die Revolutionäre ... sexuell aufgeschlossen. Nicht miteinander verheiratete Genossen und Genossinnen fanden im Fieber ihrer revolutionären Arbeit immer wieder zueinander." Oder: "Während die Lichter überall in Europa ausgingen, war Stalin - irrelevant, vergessen, frustriert und gegen seinen Willen verlobt mit einem schwangeren Bauernmädchen." Derlei Anleihen bei Kolportageromanen finden sich in dem dicken Buch auf Schritt und Tritt. Ein Ärgernis sind auch Formeln wie "beduinenhafte Formlosigkeit" für Stalins ruppige Umgangsformen oder die aus der Schlüssellochperspektive herbeiphantasierte Rede von der "inzestuösen Welt des Bolschewismus".

Montefiore zeichnet den jungen Stalin als rücksichtslose Sex-Maschine, die ständig hinter "kurvenreichen, hinreißend hübschen Schwarzhaarigen" her war, was vielleicht sogar wahr ist, aber gar nichts beiträgt zum Verständnis der historischen Figur und ihrer Bedeutung. Inkonsistent sind auch Montefiores historische Urteile: Die Verbannung in entlegene sibirische Dörfer nennt er einmal "Leseferien", an anderer Stelle Orte für "Sauferei und Geschlechtsverkehr", aber durch Stalins Anwesenheit werden die Dörfer über Nacht zum "Mikrokosmos seiner Diktatur über Rußland".

Auch simple Fakten bringt Montefiore eigenwillig durcheinander. Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajewo verlegt er auf "Ende August" (tatsächlich 26. Juni 1914). Von Lenin behauptet er, dieser habe 1906 den Parteitag verlassen, als das heikle Thema der "Expropriationen" diskutiert worden sei. Tatsächlich hielt Lenin das Schlusswort. Trotz gelungener Passagen ist das Buch als historische Arbeit misslungen. Uneingeschränktes Lob verdienen dagegen die zum größten Teil erstmals veröffentlichen Fotos.

Simon Sebag MontefioreDer junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. S.Fischer Verlag, Frankfurt 2007, 608 S.,
24,90 EUR

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