Sabine Kebir
Ausgabe 0116 | 16.01.2016 | 06:00 27

Eine Frage des Niveaus

Humanes Zwei Bücher fragen: Ist es rassistisch, Entwicklungsstufen zu unterscheiden? Überhaupt von Ethnien zu sprechen?

Eine Frage des Niveaus

17. Jahrhundert: Gebildeter Mensch vermittelt Ungebildeten die Segnungen der Zivilisation

Abbildung: Three Lions/Hulton Archive/Getty Images

Im Bewusstsein der Europäer verbinden sich Begriff und Praxis des Rassismus mit einer Wissenschaftstradition des 19. Jahrhunderts, die sich auf biologistische Argumente stützte. Sie wurde durch die Shoah und mit den Fortschritten der Anthropologie und Genetik zunehmend obsolet. Der amerikanische Philosoph Thomas McCarthy untersucht nun eine ältere Wissenschaftstradition, die in den USA die Grundlage für rassistisches Denken darstellt. Wie der biologische Rassismus entstand dieses Denken in Europa, geht auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück und ist bis heute politisch wirksam – weltweit. Dieser „andere“ Rassismus argumentiert kulturell und basiert auf dem Paradigma von Entwicklung und Unterentwicklung.

Seit der Aufklärung gingen die Philosophen meist vom gemeinsamen Ursprung aller Menschen aus, sei es, dass Gott sie gleich geschaffen hat, sei es, dass man eine gemeinsame Abstammung vom Affen annahm wie Georges-Louis Leclerc, der Comte de Buffon, schon 100 Jahre vor Darwin. Unterschiedliche Lebensbedingungen hätten dann zu unterschiedlichen Entwicklungsniveaus geführt. Den vermeintlich kulturell höher entwickelten Menschen sprach man das Recht oder sogar die Pflicht zu, die weniger entwickelten Völker allmählich auf ihr eigenes zivilisatorisches Niveau zu heben. Das Niveau wurde vor allem durch die Staatsform definiert.

Moralischer Widerspruch

Uneins war man sich, wie die kulturelle Einheitlichkeit zu erreichen sei, es bildeten sich verschiedene Denkschulen. Für den christlichen Universalismus führt McCarthy Immanuel Kant an. Kant ging es um das Erziehen zu Vernunft, Demokratie und Rechtsstaat. Angesichts der von Gott angelegten Gleichheit der Menschen enthielt die Etappe der Bevormundung einen für Kant unauflösbaren moralischen Widerspruch zwischen Weg und Ziel; dem kulturell Überlegenen wuchs ein hohes Maß an Verantwortung zu.

Die andere Linie, die auf solche Skrupel verzichtete, unterschied zwischen Menschen im Naturzustand und Menschen, die sich in einer „politischen Gesellschaft“ zu organisieren wussten. Damit rechtfertigte etwa John Locke die Sklaverei von Afroamerikanern und deklarierte Indianerland als „leeres Land“, das von seinen Bewohnern bedenkenlos zu „befreien“ war. John Stuart Mill verkündete wiederum, dass das Prinzip der Freiheit nur auf den Menschen anwendbar sei, „der im Vollgenuß seiner Fähigkeiten“ sei. Für die „Behandlung eines rohen Urvolks“, sagte Mill, sei die „Gewaltherrschaft die rechte Regierungsweise, sofern sie seine Vervollkommnung zum Zwecke hat, und die Mittel durch Erreichung dieses Zweckes thatsächlich gerechtfertigt werden“. Die Sozialdarwinisten schließlich verbanden die Evolutionstheorie mit ultraliberalen ökonomischen Theorien, wonach auch im gesellschaftlichen Leben das Prinzip des „survival of the fittest“ gelten sollte, das Nichteuropäer von vornherein ausschloss.

Allerdings blieb auch die Kant’sche Linie als gesellschaftliches Ferment in der US-amerikanischen Gesellschaft wirksam und führte schließlich zum Bürgerkrieg. Der Sieg des Nordens beendete aber keineswegs die Ausbeutung und Unterdrückung von Afroamerikanern und indigenen Völkern.

Immer wieder befremdlich, hielt auch Karl Marx eine Phase der Kolonialisierung vorkapitalistischer Völker durch kapitalistische für unvermeidlich. Er war sich aber der moralischen Kosten bewusst. Im Gegensatz zu Mill beharrte er darauf, dass „schnödester Eigennutz die einzige Triebfeder Englands“ bei der Kolonisierung Indiens war. Die Frage sei jedoch, „ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht, so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewußte Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte.“ Kants skrupulöser christlicher Universalismus hatte sich zu einem Sozialismus gewandelt, der Ethnien durch ein „Weltproletariat“ ersetzte. Lange folgten ihm sozialdemokratische und kommunistische Parteien. Seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ist diese Idee nicht mehr besonders virulent.

Anders als der Entwicklungsgedanke im Sendungsbewusstsein der USA, die weiterhin den Export von Demokratie und Rechtsstaat als ihre außenpolitische Mission deklarieren. Weil dahinter andere Interessen erkennbar sind (Rohstoffhunger, Kämpfe um Absatzmärkte oder die Suche nach billiger Arbeitskraft) und weil die USA ihre Ziele auch mit kriegerischer Gewalt durchsetzen, erklärten postkoloniale Theorien das Entwicklungsparadigma für grundlegend falsch und plädierten für die Gleichwertigkeit aller Kulturen und Zivilisationen. McCarthy sieht diesen Ansatz skeptisch: Die globalisierte Welt ist kulturell, ökonomisch und politisch schon zu weit vereinheitlicht, als dass sich Einzelne aus ihrem Gefüge noch zurückziehen könnten.

Er fordert jedoch eine Rückbesinnung auf Kants moralische Skrupel, setzt auf Gewaltverzicht und das Zugeständnis, dass sich jedes Land mit eigenen Kräften und im eigenen Rhythmus in Richtung Rechtsstaat und Demokratie bewegen dürfe. Für die Herstellung des inneren Friedens in den USA hält McCarthy die Herausbildung einer bislang kaum vorhandenen öffentlichen Erinnerungskultur für die Opfer des Rassismus der vergangenen Jahrhunderte für erforderlich. Als Vorbild gilt ihm die Erinnerungspolitik der Bundesrepublik.

Die Völker sollen also alle gleichgestellt werden, aber ergibt es überhaupt Sinn, von Volk zu sprechen, auch dann wenn man stattdessen lieber Ethnie sagt? Der Österreichische Essayist, Autor, Kabarettist und Romancier Richard Schuberth veröffentlichte jetzt seine brisante, vor 20 Jahren verfasste Diplomarbeit, die sich die Kritik des in den Postcolonial Studies vorherrschenden Begriffs der Ethnizität zur Aufgabe gemacht hatte. Seine These: Der Begriff wurde umso wichtiger, je blasser der Begriff des Proletariats wurde, je weniger Menschen sich mit dieser Klasse identifizieren konnten. Weltweit fand eine Reethnisierung statt, die oft auch religiöse Formen annahm. Schuberth meint nun, dass es sich nicht um kulturelle Verschiebungen handelte, sondern um soziale Neuordnungen in den jeweiligen Gesellschaften, in denen der Sozialstaat zurückgedrängt wird und mehr und mehr ethnische Kriterien über Teilhabe entscheiden – wie es zum Beispiel in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in den baltischen Ländern oder bei der Diskriminierung von Sinti und Roma weithin zu beobachten ist.

Motor der Reethnisierung wäre also ein Kampf um Ressourcen. Deren Verteilung werde nicht nur vom Staat verfügt, sondern auch von bestimmten Gönnern innerhalb der eigenen Gruppe, wodurch sie auch zu einer Art Wärmestube gegen die kalten Stürme der Globalisierung diene. Hier kann man an die Almosenverteilung an Muslime denken, die sich verpflichten, öffentlich traditionelle islamische Lebensregeln zu demonstrieren. Wo das Bekenntnis zu einer bestimmten Kultur Vorteile verspricht, kapituliert der Gleichheitsgrundsatz, und das Prinzip des „Teilens und Herrschens“ gewinnt an Raum.

Soziale Defizite

Hohn gießt Schuberth über eine Ethnologie, die die Reethnisierung als Rückbesinnung auf echte historische Wurzeln sah, als das „Zu-sich-selbst-Kommen“ ehemals akkulturalisierter, entfremdeter Individuen. Sein Argument: Die von früheren Völkerkundlern beschriebenen „echten kulturellen Wurzeln“ sogenannter Naturvölker waren zu bedeutenden Teilen Konstrukte der Kolonialverwaltungen, die aus Herrschaftsinteresse Stämme und Stammesgebiete selbst definiert hätten. So wurden die in den vorkolonialen Gesellschaften vielfältigen Austauschbeziehungen zwischen den Stämmen unterbunden.

Dass die Instrumentalisierung kultureller Differenz nicht nur den alten Rassismus prägte, sondern auch die Ambiguität der modernen multikulturellen Bewegungen, ist Schuberths beunruhigendste These. Eine solche Instrumentalisierung erfolge nicht nur durch harmlose Selbstzuschreibungen von Individuen und Gruppen, sondern würde durch Bevorzugungen und Benachteiligungen von den jeweiligen politischen Hegemonialkräften nach wie vor benutzt, um soziale Defizite zu verdecken und Konflikte in ethnische Konflikte umzuwandeln. Erbärmliche Zweige der Sozialwissenschaften seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dabei behilflich gewesen, die Reethnisierung den Reethnisierten schmackhaft zu machen.

Dabei sprechen sich weder Schuberth noch McCarthy pauschal gegen die multikulturellen Bewegungen aus. Ethnische und religiöse Zuordnungen werden dann erst problematisch, wenn sie als Vorwand für die Zuordnung ungleicher bürgerlicher und sozialer Rechte dienen.

Info

Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung Thomas McCarthy Suhrkamp 2015, 402 S., 28 €

Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind. Ethnizität, Nation, Kultur. Eine (antiessenzialistische) Einführung Richard Schuberth Promedia 2015, 224 S., 19,90 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/16.

Kommentare (27)

Moorleiche 16.01.2016 | 11:57

Das Thema ist nicht neu, aber wichtig.

Es ist ein performativer Selbstwiderspruch von der Basis einer sehr reifen – oder abgeschwächt: sich selbst als nur sehr reif betrachtenden oder bewertenden – Stufe eines intelligenten Pluralismus aus zu argumentieren und gleichzeitig gehen Hierarchien oder Entwicklungsstufen zu sein.

Plakativ: Es gibt kein höher/niederer oder besser/schlechter, das sagen wir euch, weil es besser wissen und höher entwickelt sind.

Dieser implizite Anspruch, diese Selbstzuschreibung steckt auch im Pluralismus und nun auch nicht so sensationell gut versteckt, dass man es nicht bemerkten könnte.

Vor allem, weil ich immer lese, dass hier Deutschlands geistige Elite schreibt - ganz ohne hierarchischen Hintergedanken natürlich. ;-)

Moorleiche 16.01.2016 | 12:39

Übrigens, liebe Frau Kebir, finde ich Ihren Artikel sehr gut und informativ, was auch nicht untergehen soll.

Interessant in dem Zusammenhang ist glaube ich noch ein Buch, was ich aktuell lese und bisher (etwa 100 Seite) mit reichem Gewinn:

Larry Siedentop, "Die Erfindung des Individuums - Der Liberalismus und die westliche Welt", Klett-Cotta 2015.

Siedentop schreibt aus einer sehr umfassenden, auf hisotrischen Quellen beruhenden Perspektive und erklärt uns u.a., dass im Rationalismus von je her der hierarchische Gedanke enthalten ist. Erst Paulus (der Typ mit dem Christentum) brachte den Gedanken an mehr Gleichberechtigung mit, wir denken, es sei genau umgekehrt.

janonmac 16.01.2016 | 22:34

Wie wäre es denn wenn man Völker - nicht Individuen - schlicht nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt?

Die nächste Frage die sich stellt ist ob es denn tatsächliche immer Völker sind - und wie werden die definiert. Landesgrenzen z.B. in Afrika sind komplett willkürlich und deshalb kein Kriterium. Religionen könnten ein Merkmal sein was zu einer Klassifizierung verwendet werden kann statt Völker. Eigentlich denke ich macht ein Vergleich oder eine Klassifizierung von Völker kaum Sinn eher schon von Ideologien oder Religionen. Das sind die eigentlichen Treiber oder Verhinderer von Entwicklung.

miauxx 17.01.2016 | 13:41

Selbst dann.

Ich meine, es ist generell falsch, Völker oder Ethnien nach "besser" oder "schlechter" skalieren zu wollen. So verstehe ich auch den Tenor des Artikels von S. Kebir.

Auch wenn sie als Werte verführerisch positiv, gutmeinend und erstrebenswert klingen - 'Menschenrechte', 'Glück' oder 'soziales Engagement' sind keinesfalls einfach universelle und global gleichermaßen anwendbare Werte. Heißt: Positiv belegt bzw. belegbar - im Sinne von wünschenswert - sind sie dabei sicherlich überall. Jedoch sind sie begrifflich und auch, wie sie erreicht werden können und sollen, nicht so universell, wie man vielleicht leicht glauben mag. Dabei ist aber auch nicht der Universalität des Kants - wie auch oben im Text beschrieben - widersprochen. Dieser kann und sollte eher als eine Art Framework verstanden werden; so, wie es wohl auch die Deklaration der Allgemeinen Menschenrechte sein mag.

Niemals aber kann und sollte es einen Universalismus geben, anhand dessen eine, eben universelle, Messlatte zum Vergleich von Völkern angelegt werden. Das ist ein grundsätzich falscher Weg, der zur Anmaßung gerinnen würde und in der Realpolitik ja auch tatsächlich eine solche wird. Und zwar top-down, auch wenn in der Realpolitik freilich eine ganze Menge anderer Faktoren hineinspielt: Es wird seitens Polit- und Wirtschaftsmächtiger erklärt, irgendwo für Menschenrechte einzutreten. Dabei ist es i.d.R. aber so, dass genau dieser Wert nur zuer Bemäntelung tatsächlicher Absichten dient. Das könnte man zwar noch als Okkupation und Korruption des Wertes 'Menschenrechte' erklären und sich darüber als Falschheit einig sein. Doch auch abseits solcher Vortäuschung falscher Tatsachen kann es nur schwerlich einen Weg geben, die von Ihnen genannten Werte von A nach B transferieren zu oder auch "nur" einen Vergleich von A und B, dem eine Hierarchisierung im Sinne des im Artikels besprochenen gesellschaftlichen Fortschrittsbegriffs, herstellen zu wollen. Was bei A funktioniert hat - etwa auch als jahrhundertelange Entwicklung -, muss bei B keinesfalls so funktionieren und auch im Zweifel so gar nicht gut sein. Sich das zu vergegenwärtigen ist leider auch allzu oft bei solchen, die es nur gut meinen und tatsächlich das Beste wollen, nicht hinreichend ausgeprägt. So können auch die besten Absichten wahre Verheerungen oder wenigstens nicht das, was beabsichtigt wurde, anrichten. Und schon gar nicht kann man sich eine "Beurteilung" von Völkern, von der Janonmac spricht, voranstellen. Denn dann ist man ziemlich exakt bei der Weltsicht von Kolonialisten und Missionaren.

(Die Schwierigkeit der Begriffe, insbesondere "Volk", und ihre Übertragbarkeit und vermeintliche Universalität gehört hier genauso dazu; damit fängt es im Grunde an.)

Moorleiche 17.01.2016 | 14:06

Hallo Miauxx.

Ich meine, es ist generell falsch, Völker oder Ethnien nach "besser" oder "schlechter" skalieren zu wollen. So verstehe ich auch den Tenor des Artikels von S. Kebir.“

Naja, die einen sagen so, die andern so. Ich als Hierarchiefetischist bin natürlich für diese Bewertungen.

Auch wenn sie als Werte verführerisch positiv, gutmeinend und erstrebenswert klingen - 'Menschenrechte', 'Glück' oder 'soziales Engagement' sind keinesfalls einfach universelle und global gleichermaßen anwendbare Werte.“

Doch, Du kannst sie ja auf jeden anwenden, der des Weges kommt. Die Frage ist, was diese Aussagen letztlich bedeuten. Solche Aussagen sind immer deskripitiv/beschreibend und daraus werden dann gerne Schlüsse gezogen, die normativ/bewertend sind. Das geht nicht so ohne Weiteres.

Dabei ist aber auch nicht der Universalität des Kants - wie auch oben im Text beschrieben – widersprochen.“

Universalität ist nicht das entscheidende Kriterium. Denn Universalität kann die Untersuchung der Körpergröße auch beanspruchen. Heißt nur nichts. Kant will eine Gleichheit aus der Vernunft ableiten, sein Kriterium ist die Symmetrie, aber es bleiben Fragen.

Niemals aber kann und sollte es einen Universalismus geben, anhand dessen eine, eben universelle, Messlatte zum Vergleich von Völkern angelegt werden.“

Dann könnte es also richtig sein, jemanden der Linkshänder ist oder nicht an Gott glaubt oder Augen hat wie David Bowie zu Tode zu foltern? Der Werterelativismus klingt oft netter, als er ist.

Und zwar top-down, auch wenn in der Realpolitik freilich eine ganze Menge anderer Faktoren hineinspielt: Es wird seitens Polit- und Wirtschaftsmächtiger erklärt, irgendwo für Menschenrechte einzutreten.“

Ich glaube Werte können nur top down sein. Regeln die für alle gelten außer für Grünäugige und freitags sind irgendwie merkwürdig und nicht gerecht, da asymmetrisch. Kant wäre dagegen.

Dabei ist es i.d.R. aber so, dass genau dieser Wert nur zuer Bemäntelung tatsächlicher Absichten dient.“

Ja, das gibt es. Man kann gegen Werte verstoßen, aber die Tatsache, das jemand lügt, heißt nicht, dass die Forderung die Wahrheit zu sagen damit entwertet oder falsch wäre.

Was bei A funktioniert hat - etwa auch als jahrhundertelange Entwicklung -, muss bei B keinesfalls so funktionieren und auch im Zweifel so gar nicht gut sein.“

Das ist durchaus möglich, gerade darum ist die Frage wichtig und spannend, ob es Werte gibt, die prinzipiell verbindlich sind. Freiheit oder Gerechtigkeit, Symmetrie oder Autonomie vielleicht.

So können auch die besten Absichten wahre Verheerungen oder wenigstens nicht das, was beabsichtigt wurde, anrichten.“

Ja, das ist Kants Argument gegen den Utilitarismus.

Und schon gar nicht kann man sich eine "Beurteilung" von Völkern, von der Janonmac spricht, voranstellen. Denn dann ist man ziemlich exakt bei der Weltsicht von Kolonialisten und Missionaren.“

Und muss doch nicht zwingend falsch sein, nur weil es nicht zwingend richtig sein muss. Was spricht denn gegen Bildung oder für den Kannibalismus?

Moorleiche 17.01.2016 | 14:42

Hallo denkzone8.

„"hierarchie-fetischist"? stufen-folgen-fan? Progress-ersehner?“

3x Ja.

„kultur-erleider?“

Nö.

„menschen-erforscher?“

Etwas.

bildungs-erstreber! als bemängler von erscheinungen in der eigenen kultur,scheint es mir nicht ab-wegig, andere kulturen zu be-äugen, erstaunlich-bekanntes und -fremdes zu finden, akzidentielles und systemisches zu scheiden, mir un-passendes zu bemerken.“

Geht mir ähnlich.

wie andere aufklärer(z.b. seume) monierten: das grund-übel ist das privileg. das vor-recht vor dem allgemeinen recht. die un-rechtmäßige sonder-stellung, durch was auch immer gegründet. das läßt uns kriminelle und despoten ver-urteilen(das wort symmetrie ersetzend?).“

Durch was ist das Vorrecht denn legitimiert? Das ist es ja, was uns dazu bringt, uns die Köppe einzuschlagen.

miauxx 17.01.2016 | 16:15

"Die Frage ist, was diese Aussagen letztlich bedeuten. Solche Aussagen sind immer deskripitiv/beschreibend und daraus werden dann gerne Schlüsse gezogen, die normativ/bewertend sind. Das geht nicht so ohne Weiteres."

Das ist der Punkt! Wir reden hier ja von ideellen und weltanschaulichen Werten. Das ist etwas anderes, als zu sagen, dieser Mensch ist 1,78 m groß.

"(...) darum ist die Frage wichtig und spannend, ob es Werte gibt, die prinzipiell verbindlich sind. Freiheit oder Gerechtigkeit, Symmetrie oder Autonomie vielleicht."

Das stimmt schon. Genauer müsste man aber sagen, die als prinzipiell verbindlich erklärbar wären. Dass sie es nicht sind, zeigen uns ja auch heute noch die großen Unterschiede auf der Welt (siehe etwa die Strafsanktionen in Saudi-Arabien, die Todesstrafe auch in den USA, das Eherecht in vielen Teilen Afrikas und der islamischen Welt usw. usf.) Allein mit den Begriffen hinter den Bezeichnungen der Werte wird es schon arg schwierig. Etwa 'Freiheit', aber auch 'Gerechtigkeit'. Da wird es ganz fies; man könnte schon nur innerhalb "unseres" Kulturkreises, der sich gerne als "freiheitlich" tituliert, endlose Tage und Nächte debattieren und philosophieren, was das je genau sei, wo es anfange und aufhöre, ob wir eine wirklich so zu nennende Freiheit haben. Für können wohl höchstens die Unterschiede in der Entwicklung im Vergleich zu vorangegangenen Epochen unserer Geschichte festhalten und das Erreichte als Fortschritt deklarieren. Aber das ins Universelle und Globale zu projizieren wird garantiert nicht funktionieren. So wird es auch global gesehen immer nur relative Wertevereinbarungen und ein, möglichst, vereinbartes Treffen auf halber Strecke geben (können). Dazu wird etwa gehören, dass es in einer globalisierten Welt nicht als hinnehmbar gilt oder zu relativieren ist, wenn, um in Ihrem Bild zu bleiben, Linkshänder oder nicht an Gott Glaubende deswegen zu Tode gefoltert werden.

Moorleiche 17.01.2016 | 20:13

Hallo Miauxx.

Das ist der Punkt! Wir reden hier ja von ideellen und weltanschaulichen Werten. Das ist etwas anderes, als zu sagen, dieser Mensch ist 1,78 m groß.“

Klar.

Das stimmt schon. Genauer müsste man aber sagen, die als prinzipiell verbindlich erklärbar wären. Dass sie es nicht sind, zeigen uns ja auch heute noch die großen Unterschiede auf der Welt (siehe etwa die Strafsanktionen in Saudi-Arabien, die Todesstrafe auch in den USA, das Eherecht in vielen Teilen Afrikas und der islamischen Welt usw. usf.)“

Das ist bei Werten immer so, es sind eben keine Naturgesetze. Gegen die Schwerkaft kann man nicht verstoßen, gegen ethische Prinzipien schon. Das ist aber kein Nachteil, sondern ein Ausdruck der Freiheit.

Da wird es ganz fies; man könnte schon nur innerhalb "unseres" Kulturkreises, der sich gerne als "freiheitlich" tituliert, endlose Tage und Nächte debattieren und philosophieren, was das je genau sei, wo es anfange und aufhöre, ob wir eine wirklich so zu nennende Freiheit haben.“

Klar, niemand sagt, dass das leicht ist. Aber ne Mondrakete baut man auch nicht mal eben so.

Aber das ins Universelle und Globale zu projizieren wird garantiert nicht funktionieren.“

Kant hat es getan. (Und der Punkt ist nicht zu glauben oder nicht zu glauben, dass Kant es gut gemacht hat, sondern es selbst begründen zu können. Meckern oder feiern tun viele, beides ist belanglos. Man muss sagen können warum, das macht die Philosophie aus.)

Dazu wird etwa gehören, dass es in einer globalisierten Welt nicht als hinnehmbar gilt oder zu relativieren ist, wenn, um in Ihrem Bild zu bleiben, Linkshänder oder nicht an Gott Glaubende deswegen zu Tode gefoltert werden.“

Das würde dann aber wieder absolute Werte voraussetzen. Es ist halt schwer.

Moorleiche 18.01.2016 | 11:48

Man muss sich gar nicht einigen. In der Philosophie ist klar geworden, dass es immer Bedeutungsverschiebungen gibt und die sind sogar prinzipieller Natur. Also fängt man an, Begriffe zu klären – das Kerngeschäft der Philosophie – indem man einfach fragt, was jemand unter „Freiheit“ versteht. Mit diesem Begriff versucht man dann zu arbeiten, denn niemand hat eine ausdrückliche Definitions- oder Deutungshoheit über Begriffe.

juergengojny 19.01.2016 | 05:58

Der Begriff Rassismus nutzt sich immer mehr ab. So lange, bis er kaum mehr eine tatsächliche Bedeutung hat. Er wird zu einer bloßen Bezeichnung, die kaum mehr die brutale Realität, die hinter dem Begriff Rassismus steht, abbildet. Diese wachsende Wirkungslosigkeit des Begriffes Rassismus läßt sich kaum verhindern, wenn Verbrechen und Schwerstverbrecher mit verordneten Sprachanomalien als "Ereignisse" bzw. "Angreifer" verharmlost werden. So wird auch der Begriff Rassismus immer harmloser.

Nil 19.01.2016 | 08:46

Das gehoert auch hierher und muss im Zusammenhang betrachtet und bewertet werden.

Oxfam-Studie: Sechs Gründe, sich zu empören

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist skandalös groß. Das ist nicht nur ein moralisches, sondern ein ganz praktisches Problem. Warum Ungleichheit allen schadet.

Ein Kommentar von Alexandra Endres18. Januar 2016, 21:08 Uhr

Diese Zahlen beschreiben eine Obszönität. Die reichsten 62 Personen des Planeten besitzen zusammen 1,76 Billionen Dollar – ebenso viel wie die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,5 Milliarden Personen. Und die Ungleichheit wächst sehr schnell. Das zeigt ein Report, den die Entwicklungsorganisation Oxfam gerade vorgelegt hat.

Eine derartige Ungleichverteilung von Vermögen ist ein Skandal. Es hat nichts mit Neid zu tun, sich darüber zu empören, denn die große Konzentration von Reichtum ist schädlich für uns alle. Sechs Gründe:

1. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

An dieser Stelle die Menschenrechte zu bemühen, mag pathetisch sein. Aber ab und zu muss an sie erinnert werden. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", hält die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fest, Artikel eins, erster Satz. Er enthält die zentralen Werte, auf die westliche Gesellschaften sich berufen.

Niemand aber kann sich mit leerem Magen frei entfalten. Oxfam schätzt in der aktuellen Studie, dass wesentlich mehr Menschen der extremen Armut hätten entkommen können, wäre die Ungleichheit nicht so groß. Gleichheit bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Staat jedem die gleichen Lebensbedingungen garantieren muss. Aber jeder muss die Chance bekommen, sich zu entwickeln und sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Irgendetwas läuft sehr, sehr schief, wenn das Wirtschaftssystem und die Machtverhältnisse in der Politik das verhindern und zugleich einem winzigen Teil der Weltbevölkerung die Anhäufung enormer Reichtümer ermöglichen.

2. Zu große Ungleichheit bremst Wachstum und Entwicklung

Für alle, die mit Pathetik nichts anfangen können, hier die nüchterne ökonomische Perspektive. Bislang war umstritten, ob Ungleichheit der Wirtschaft schadet oder nützt. Sie könne den Einzelnen zu mehr Anstrengung motivieren und so das Wachstum ankurbeln, glaubte die eine Seite. Sie nehme den Ärmeren Bildungs- und Entwicklungschancen und schade damit der gesamten Wirtschaft, sagte die andere. Möglicherweise liegt die Wahrheit in der Theorie irgendwo dazwischen. Dann wäre Ungleichheit motivierend, so lange die Kluft nicht unüberwindbar groß wird.

ALEXANDRA ENDRES

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

In der Praxis scheint aber gerade genau das zu passieren. Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank Fed, warnte schon vor anderthalb Jahren vor einer Ungleichheit, die Aufstiegschancen zunichte mache. Die Industrieländer-Organisation OECD sieht Wirtschaftswachstum und sozialen Frieden in Gefahr. Der Weltwährungsfonds kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es sind Institutionen, die nicht gerade sozialistischer Umtriebe verdächtig sind. Ihre Expertise muss man ernst nehmen.

3. Es liegt nicht an der Leistung

Wer viel leistet, hat sich sein Vermögen eben verdient, oder? Das ist die meritokratische Verteidigung der Ungleichheit. Doch sie funktioniert nicht mehr, weil die Kluft zwischen den Einkommen zu groß geworden ist. Oxfam zufolge bekommt der Chef von Indiens größter IT-Firma 416mal so viel wie einer seiner typischen Angestellten, und in den USA sind die Gehälter der Konzernbosse seit dem Ende der 1970er Jahre um 90mal schneller gestiegen als die ihrer durchschnittlichen Mitarbeiter.Mit ihrer Leistung hat das wohl nur begrenzt zu tun, vermutlich viel mehr mit der Entwicklung der Börsenkurse in den vergangenen Jahrzehnten.

Ein Blick in die jüngste Forbes-Liste zeigt: Viele Superreiche haben ihr Geld mit Technologie gemacht (Bill Gates, Mark Zuckerberg), in der Finanzbranche (Warren Buffet, George Soros), mit Konsumgütern oder Billigmode (Amancio Ortega von Zara, Stefan Persson von H&M). Vermutlich arbeiten viele von ihnen hart. Vor allem aber hatten sie einfach Glück, in einer lukrativen Branche unterwegs zu sein. Viele Arbeiter aber schuften bis zur Erschöpfung und erhalten dennoch einen Hungerlohn. Die Näherinnen in Myanmar, die Oxfam nennt, sind dafür nur ein Beispiel. Fragen Sie die Wanderarbeiter in deutschen Schlachthöfen, die können es bestätigen: Harte Arbeit macht nicht automatisch reich.

4. Das Geld fehlt anderswo

Oxfam zufolge haben die Vermögenden der Welt derzeit rund 7,6 Billionen Dollar in Steueroasen wie der Schweiz, Luxemburg oder Singapur geparkt. Die reichsten Unternehmen und Privatpersonen beschäftigen ein Heer von Investmentberatern und Anwälten, um ihr Vermögen vor dem Fiskus in Sicherheit zu bringen. Die Steuern, die sie nicht zahlen, fehlen dann in den öffentlichen Kassen: für Bildung, Investitionen, Krankenversorgung, Sozialhilfe.

Geld kauft Macht

Das betrifft nicht nur die Industriestaaten. Auch die reiche Elite aus den Schwellenländern nutzt Steuerschlupflöcher. Der Ökonom Gabriel Zucman hat ausgerechnet, dass den Regierungen der Welt dadurch jedes Jahr insgesamt 190 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen entgehen. Das ist mehr als die gesamte globale Entwicklungshilfe.

Zwar wird es für den extremen Reichtum der 62 noch andere Gründe geben als Steueroptimierung. Manche der Ursachen liegen in der nationalen Politik ihrer Herkunftsländer und sind durch internationale Initiativen wohl kaum zu beeinflussen. Doch sollte man deshalb den Kampf gegen die Steueroasen lassen?

Sicher, das zusätzliche Steuergeld würde nicht automatisch sinnvoll eingesetzt. Korruption und Verschwendung würden allein durch bessere Steuergesetze nicht verschwinden. Aber mit ihnen bekämen die Regierungen wenigstens eine Chance, eine bessere Politik zu gestalten – und im Idealfall würden sie dabei von ihren Bürgern kontrolliert.

5. Ungleichheit schadet der Demokratie

Demokratische Kontrolle ist ein gutes Stichwort. Die philanthropischen Stiftungen von Bill Gates und anderen tun zwar viel Gutes. Aber sie setzen ihre Schwerpunkte ganz ohne die Mitsprache und Einflussnahme der Bürger, für deren Wohl sie sich doch einsetzen wollen. Wie wäre es, wenn ihre Unternehmen auch die fälligen Steuern zahlten, statt Vermögen ins Ausland zu verschieben?

Viel gefährlicher aber: Geld kauft Macht. Zum Beispiel in den USA. Von dort stammt fast die Hälfte der 62 Superreichen aus der Forbes-Liste, die Oxfam als Basis für seinen Report nutzt. Die Wohlhabenden zwischen Neuengland und Kalifornien finanzieren den Kandidaten beider Parteien den Wahlkampf, und selbstverständlich erwarten sie eine Gegenleistung. Zum Beispiel in Form von Steuerschlupflöchern, wie dieNew York Times kürzlich ausführlich berichtete.

Auch in vielen anderen Ländern sind die politische und wirtschaftliche Elite sich herzlich verbunden. Je enger ihr Verhältnis, desto schwerer wird es für Außenstehende, in ihren Kreis aufzusteigen (siehe Punkt 2). Und in manchen Staaten, wo die Ungleichheit besonders groß ist, fühlen sich die Reichen eher ihren Klassengenossen im Ausland verbunden als den Armen zu Hause. Sie haben einen Wohnsitz im Norden und schicken ihre Kinder dort zur Schule. Ihre Lebensperspektiven sind anderswo. Warum sollten sie sich um bessere Verhältnisse zu Hause kümmern? So erodiert durch die enorme Ungleichheit die Demokratie.

6. Wir können uns nicht abschotten

Lange lebte Europa wie eine gated community. Aber in einer globalisierten Welt funktioniert das immer weniger, wie die Flüchtlingskrise zeigt. Global gesehen gehören die Einwohner der Industrieländer zu den Reichen. Wenn die wachsende Ungleichheit dazu führt, dass die Armen zu Hause immer weniger Perspektiven für sich sehen, dann werden sie zu uns kommen.

Alleine das sollte Grund genug sein, sich um gleichere Verhältnisse zu bemühen. Ob der Eliten-Treffpunkt Davos dafür der richtige Ort ist, wie Oxfam es fordert, sei dahingestellt. Ohne öffentlichen Druck wird sich vermutlich wenig ändern.

miauxx 21.01.2016 | 22:29

Spät kommt noch eine Antwort - ging leider wegen techn. Probleme nicht eher.

"Man muss sich gar nicht einigen. In der Philosophie ist klar geworden, dass es immer Bedeutungsverschiebungen gibt (...) denn niemand hat eine ausdrückliche Definitions- oder Deutungshoheit über Begriffe."

Nun ja, wir waren ja bei Werten und ob oder wie diese als verbindlich und universell erklärt und evtl. so auch ihre jeweilige Ausprägung und/oder der Grad ihres Vorhandenseins/Nichtvorhandenseins bewertet werden kann. Und das ginge eben nur, wenn Werte klar definiert sind.

Sie haben klar recht, wenn sie die Aufschlüsse oder die Ethik der Philosophie hier herbeizitieren. Ein stets offen bleibender Diskurs hilft nur in o.g. Problematik nicht weitert. Und daher kommt eben meine Skepsis, die ich seit meinem ersten Kommentar hier äußere. Das heißt jedoch bei weitem nicht, dass Philosophen und genauso - wenn nicht noch mehr - Anthropologen und auch Ethnologen (die dialektische Kritik an ihnen aus dem Artikel trotzdem in Ehren) nicht viel mehr in der Politik und Gesellschaftsgestaltung - vor allem in Vergleichen - gehört werden sollten.