Eine Frage des Niveaus

Humanes Zwei Bücher fragen: Ist es rassistisch, Entwicklungsstufen zu unterscheiden? Überhaupt von Ethnien zu sprechen?
Sabine Kebir | Ausgabe 01/2016 27
Eine Frage des Niveaus
17. Jahrhundert: Gebildeter Mensch vermittelt Ungebildeten die Segnungen der Zivilisation
Abbildung: Three Lions/Hulton Archive/Getty Images

Im Bewusstsein der Europäer verbinden sich Begriff und Praxis des Rassismus mit einer Wissenschaftstradition des 19. Jahrhunderts, die sich auf biologistische Argumente stützte. Sie wurde durch die Shoah und mit den Fortschritten der Anthropologie und Genetik zunehmend obsolet. Der amerikanische Philosoph Thomas McCarthy untersucht nun eine ältere Wissenschaftstradition, die in den USA die Grundlage für rassistisches Denken darstellt. Wie der biologische Rassismus entstand dieses Denken in Europa, geht auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück und ist bis heute politisch wirksam – weltweit. Dieser „andere“ Rassismus argumentiert kulturell und basiert auf dem Paradigma von Entwicklung und Unterentwicklung.

Seit der Aufklärung gingen die Philosophen meist vom gemeinsamen Ursprung aller Menschen aus, sei es, dass Gott sie gleich geschaffen hat, sei es, dass man eine gemeinsame Abstammung vom Affen annahm wie Georges-Louis Leclerc, der Comte de Buffon, schon 100 Jahre vor Darwin. Unterschiedliche Lebensbedingungen hätten dann zu unterschiedlichen Entwicklungsniveaus geführt. Den vermeintlich kulturell höher entwickelten Menschen sprach man das Recht oder sogar die Pflicht zu, die weniger entwickelten Völker allmählich auf ihr eigenes zivilisatorisches Niveau zu heben. Das Niveau wurde vor allem durch die Staatsform definiert.

Moralischer Widerspruch

Uneins war man sich, wie die kulturelle Einheitlichkeit zu erreichen sei, es bildeten sich verschiedene Denkschulen. Für den christlichen Universalismus führt McCarthy Immanuel Kant an. Kant ging es um das Erziehen zu Vernunft, Demokratie und Rechtsstaat. Angesichts der von Gott angelegten Gleichheit der Menschen enthielt die Etappe der Bevormundung einen für Kant unauflösbaren moralischen Widerspruch zwischen Weg und Ziel; dem kulturell Überlegenen wuchs ein hohes Maß an Verantwortung zu.

Die andere Linie, die auf solche Skrupel verzichtete, unterschied zwischen Menschen im Naturzustand und Menschen, die sich in einer „politischen Gesellschaft“ zu organisieren wussten. Damit rechtfertigte etwa John Locke die Sklaverei von Afroamerikanern und deklarierte Indianerland als „leeres Land“, das von seinen Bewohnern bedenkenlos zu „befreien“ war. John Stuart Mill verkündete wiederum, dass das Prinzip der Freiheit nur auf den Menschen anwendbar sei, „der im Vollgenuß seiner Fähigkeiten“ sei. Für die „Behandlung eines rohen Urvolks“, sagte Mill, sei die „Gewaltherrschaft die rechte Regierungsweise, sofern sie seine Vervollkommnung zum Zwecke hat, und die Mittel durch Erreichung dieses Zweckes thatsächlich gerechtfertigt werden“. Die Sozialdarwinisten schließlich verbanden die Evolutionstheorie mit ultraliberalen ökonomischen Theorien, wonach auch im gesellschaftlichen Leben das Prinzip des „survival of the fittest“ gelten sollte, das Nichteuropäer von vornherein ausschloss.

Allerdings blieb auch die Kant’sche Linie als gesellschaftliches Ferment in der US-amerikanischen Gesellschaft wirksam und führte schließlich zum Bürgerkrieg. Der Sieg des Nordens beendete aber keineswegs die Ausbeutung und Unterdrückung von Afroamerikanern und indigenen Völkern.

Immer wieder befremdlich, hielt auch Karl Marx eine Phase der Kolonialisierung vorkapitalistischer Völker durch kapitalistische für unvermeidlich. Er war sich aber der moralischen Kosten bewusst. Im Gegensatz zu Mill beharrte er darauf, dass „schnödester Eigennutz die einzige Triebfeder Englands“ bei der Kolonisierung Indiens war. Die Frage sei jedoch, „ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht, so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewußte Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte.“ Kants skrupulöser christlicher Universalismus hatte sich zu einem Sozialismus gewandelt, der Ethnien durch ein „Weltproletariat“ ersetzte. Lange folgten ihm sozialdemokratische und kommunistische Parteien. Seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ist diese Idee nicht mehr besonders virulent.

Anders als der Entwicklungsgedanke im Sendungsbewusstsein der USA, die weiterhin den Export von Demokratie und Rechtsstaat als ihre außenpolitische Mission deklarieren. Weil dahinter andere Interessen erkennbar sind (Rohstoffhunger, Kämpfe um Absatzmärkte oder die Suche nach billiger Arbeitskraft) und weil die USA ihre Ziele auch mit kriegerischer Gewalt durchsetzen, erklärten postkoloniale Theorien das Entwicklungsparadigma für grundlegend falsch und plädierten für die Gleichwertigkeit aller Kulturen und Zivilisationen. McCarthy sieht diesen Ansatz skeptisch: Die globalisierte Welt ist kulturell, ökonomisch und politisch schon zu weit vereinheitlicht, als dass sich Einzelne aus ihrem Gefüge noch zurückziehen könnten.

Er fordert jedoch eine Rückbesinnung auf Kants moralische Skrupel, setzt auf Gewaltverzicht und das Zugeständnis, dass sich jedes Land mit eigenen Kräften und im eigenen Rhythmus in Richtung Rechtsstaat und Demokratie bewegen dürfe. Für die Herstellung des inneren Friedens in den USA hält McCarthy die Herausbildung einer bislang kaum vorhandenen öffentlichen Erinnerungskultur für die Opfer des Rassismus der vergangenen Jahrhunderte für erforderlich. Als Vorbild gilt ihm die Erinnerungspolitik der Bundesrepublik.

Die Völker sollen also alle gleichgestellt werden, aber ergibt es überhaupt Sinn, von Volk zu sprechen, auch dann wenn man stattdessen lieber Ethnie sagt? Der Österreichische Essayist, Autor, Kabarettist und Romancier Richard Schuberth veröffentlichte jetzt seine brisante, vor 20 Jahren verfasste Diplomarbeit, die sich die Kritik des in den Postcolonial Studies vorherrschenden Begriffs der Ethnizität zur Aufgabe gemacht hatte. Seine These: Der Begriff wurde umso wichtiger, je blasser der Begriff des Proletariats wurde, je weniger Menschen sich mit dieser Klasse identifizieren konnten. Weltweit fand eine Reethnisierung statt, die oft auch religiöse Formen annahm. Schuberth meint nun, dass es sich nicht um kulturelle Verschiebungen handelte, sondern um soziale Neuordnungen in den jeweiligen Gesellschaften, in denen der Sozialstaat zurückgedrängt wird und mehr und mehr ethnische Kriterien über Teilhabe entscheiden – wie es zum Beispiel in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in den baltischen Ländern oder bei der Diskriminierung von Sinti und Roma weithin zu beobachten ist.

Motor der Reethnisierung wäre also ein Kampf um Ressourcen. Deren Verteilung werde nicht nur vom Staat verfügt, sondern auch von bestimmten Gönnern innerhalb der eigenen Gruppe, wodurch sie auch zu einer Art Wärmestube gegen die kalten Stürme der Globalisierung diene. Hier kann man an die Almosenverteilung an Muslime denken, die sich verpflichten, öffentlich traditionelle islamische Lebensregeln zu demonstrieren. Wo das Bekenntnis zu einer bestimmten Kultur Vorteile verspricht, kapituliert der Gleichheitsgrundsatz, und das Prinzip des „Teilens und Herrschens“ gewinnt an Raum.

Soziale Defizite

Hohn gießt Schuberth über eine Ethnologie, die die Reethnisierung als Rückbesinnung auf echte historische Wurzeln sah, als das „Zu-sich-selbst-Kommen“ ehemals akkulturalisierter, entfremdeter Individuen. Sein Argument: Die von früheren Völkerkundlern beschriebenen „echten kulturellen Wurzeln“ sogenannter Naturvölker waren zu bedeutenden Teilen Konstrukte der Kolonialverwaltungen, die aus Herrschaftsinteresse Stämme und Stammesgebiete selbst definiert hätten. So wurden die in den vorkolonialen Gesellschaften vielfältigen Austauschbeziehungen zwischen den Stämmen unterbunden.

Dass die Instrumentalisierung kultureller Differenz nicht nur den alten Rassismus prägte, sondern auch die Ambiguität der modernen multikulturellen Bewegungen, ist Schuberths beunruhigendste These. Eine solche Instrumentalisierung erfolge nicht nur durch harmlose Selbstzuschreibungen von Individuen und Gruppen, sondern würde durch Bevorzugungen und Benachteiligungen von den jeweiligen politischen Hegemonialkräften nach wie vor benutzt, um soziale Defizite zu verdecken und Konflikte in ethnische Konflikte umzuwandeln. Erbärmliche Zweige der Sozialwissenschaften seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dabei behilflich gewesen, die Reethnisierung den Reethnisierten schmackhaft zu machen.

Dabei sprechen sich weder Schuberth noch McCarthy pauschal gegen die multikulturellen Bewegungen aus. Ethnische und religiöse Zuordnungen werden dann erst problematisch, wenn sie als Vorwand für die Zuordnung ungleicher bürgerlicher und sozialer Rechte dienen.

Info

Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung Thomas McCarthy Suhrkamp 2015, 402 S., 28 €

Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind. Ethnizität, Nation, Kultur. Eine (antiessenzialistische) Einführung Richard Schuberth Promedia 2015, 224 S., 19,90 €

06:00 16.01.2016
Geschrieben von

Sabine Kebir

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