Gebrochenes Gezweig im "Berber-Frühling"

ALGERIEN Hinter den Unruhen in der Kabylei verbirgt sich ein Kulturkampf, bei dem eine arabisch-islamische Dominanz verteidigt wird

Neun Millionen Berber - knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung Algeriens - fühlen sich seit der Unabhängigkeit von 1962 von der arabischen Mehrheit diskriminiert. Bereits 1980 hatte es deshalb bei Unruhen während des ersten "Berber-Frühlings" Todesopfer gegeben. Seither wurde in der überwiegend von Berbern bewohnten Kabylei die Wiederkehr dieses Aufruhrs immer wieder mit Protesten gegen die nationale Degradierung begangen. In der Verfassung von 1996 wurde das Berbertum zwar der arabischen Kultur und dem Islam gleichgestellt, aber die brisante Forderung der Kabylei nach einer Anerkennung der Berber-Sprache als offizieller Amtssprache neben dem Arabischen verweigert. Die arabische Mehrheit fürchtete ganz offensichtlich das intellektuelle Vermögen der Berber, deren Wurzeln in eine Zeit weit vor der arabisch-islamischen Beherrschung Nordafrikas zurück reichen. Im "Berber-Frühling" des Jahrgangs 2001 hat die nach dem Tod eines Jugendlichen in der Gendarmerie des Dorfes Beni Douala Ende April ausgebrochene Revolte inzwischen weit mehr Todesopfer gefordert als jedes Aufbegehren seit 1962. Die soziale Not vieler Berber-Familien ist der Katalysator - kulturelle Autonomie das klare Ziel.

Zweckbündnis mit den Islamisten

Obwohl der Anteil kabylischer Studenten an der Universität von Algier nicht sonderlich hoch ist, tauchen derzeit auf dem Campus Parolen auf wie "Nieder mit den Generälen!" und "Bouteflika und die Regierung sind Terroristen!" Darin spiegelt sich nicht nur die Solidarität arabophoner Kommilitonen - das sind heute Losungen der meisten jungen Algerier. Seit Präsident Bouteflikas Amtsübernahme hat noch kein Ereignis so sehr den begrenzten Handlungsspielraum seiner Regierung offenbart wie der jetzige Aufstand in der Kabylei. Der Staatschef verfügt nicht über die Macht, die verantwortlichen Militärs für das fortgesetzt rohe Vorgehen öffentlich zu reglementieren.

Erst am 1. Mai kondolierte er den Familien der Opfer und kündigte an, eine Untersuchungskommission bilden zu wollen, was allseits Enttäuschung auslöste. Das einzige Mittel, das ihm zur Verfügung gestanden hätte, die Lage zu befrieden, wäre die Ankündigung gewesen, Tamazigh - das Berberische - neben dem Arabischen zur zweiten Nationalsprache zu erklären. Aber weil Bouteflika diesbezüglich vor kaum einem Jahr in Tizi Ouzou ein kategorisches "Niemals !" ausgerufen hatte, kam das nicht in Betracht. Deshalb auch sein Hinweis, die erwünschte Promotion des Berberischen bedürfe einer Verfassungsänderung. Und ein Referendum hätte kaum Chancen, da die Berber in der Minderheit sind.

Die desillusionierende Rede Bouteflikas führte denn auch zum Rückzug der beiden Minister des RCD (Rassemblement pour la Culture et la Démocratie) aus der Regierung. Said Sadi - Präsident des RCD und damit der neben dem FFS (Front des Forces Socialistes) wichtigsten in der Kabylei verwurzelten Partei - meinte dazu, die jüngsten Ereignisse seien ein letzter Anstoß gewesen. Das RCD hätte nicht nur die Präsenz islamistischer Minister in so wichtigen Ressorts wie Außenpolitik und Kultur als Zumutung empfunden, sondern vor allem das Ausbleiben versprochener Reformen im Justiz- und Bildungswesen. Dem wäre anzufügen, dass ein Verbleib im Kabinett das RCD seinen politischen Kredit bei den Kabylen und das Patt zum FFS gekostet hätte. Dessen Führer Ait Ahmed gehört zu jenen "historischen Führern" des Unabhängigkeitskampfes, die nach wie vor Prestige genießen. Schon 1963, ein Jahr nach der Unabhängigkeit, hatte Ait Ahmed vergeblich ein pluralistisches System gefordert. Nach dem Aufstand in der Kabylei von 1980 wurde er zum Tode verurteilt und musste in die Schweiz emigrieren. Erst die Demokratisierung von 1988 ließ Ait Ahmed zeitweise zurückkehren - unter anderem, um für die Präsidentschaft zu kandidieren.

Es war jene Zeit, in der auch das RCD legalisiert wurde, das im Gegensatz zum FFS beim bald darauf ausbrechenden Konflikt zwischen der Regierung und den Islamisten eine strikt republikanische - das heißt gegen die Islamisten gerichtete - Position bezog. RCD-Politiker gehörten zu denen, die 1992 die Armee aufriefen, den für die Islamisten günstigen Wahlgang abzubrechen. Völlig anders optierte der FFS, der zwar nicht in programmatischer Hinsicht, wohl aber hinsichtlich der tatsächlich erfolgten Annullierung der Wahlentscheidung zum Verbündeten des verbotenen FIS (*) wurde. In Algerien - speziell in der Kabylei - hatte dieses Arrangement tiefgreifende Folgen. Als die islamischen Terroristen, die für den FFS eine Art Volksbefreiungsarmee darzustellen schienen, 1994 in den "befreiten Gebieten" zum Schulstreik aufriefen, bis Schülerinnen und Lehrerinnen verschleiert, Sport für Mädchen sowie die Fächer Musik und Französisch abgeschafft seien, rief auch der FFS in der Kabylei zum Schulstreik auf. Der verband sich dort jedoch mit der Forderung, Tamasigh als Unterrichtssprache einzuführen.

Doch die von FIS und FFS gemeinsam versuchte Delegitimierung der Schule als staatlicher Institution gelang nur unvollkommen. Während der Streik in den arabophonen Gebieten nicht befolgt wurde, was eine Abkehr der bis dahin mit den Terroristen sympathisierenden Bevölkerung markierte, blieben Kinder in der Kabylei tatsächlich ein Jahr lang zu Hause. Das FIS/FFS-Bündnis bewirkte auch, dass sich immer wieder Terroristen in der Region etablieren konnten und in den vom FFS dominierten Orten die Formierung antiterroristischer Milizen verhindert wurde. Bei der jetzigen Konfrontation mit der Regierung ein nicht zu unterschätzender Umstand.

Vorwurf der Demagogie

Obwohl die Demokratisierung 1988 eine Aufwertung des Berberischen brachte, setzten die Kabylen den Kampf für die Anerkennung ihrer Sprache als Nationalsprache seither unvermindert fort. Ein solcher Durchbruch ist allein schon deshalb so wichtig, weil es ohne umfangreiche staatliche Mittel völlig illusorisch ist, die Sprache im öffentlichen Raum zu erhalten. Es kommt als Schwierigkeit hinzu, dass Kabylisch zwar die verbreitetste, aber nicht die einzige Berbersprache in Lande ist. Das Berberische der Chaoui, der Bewohner des Aurès, der Touareg im extremen Süden und der Mozabiten in der Sahara weist enorme Variabilitäten auf - ein "Hochberberisch" gibt es nicht. Bei den kleineren Berbervölkern ist das Arabische als zweite Verkehrssprache durchaus üblich, während in der Kabylei das Französische diese Funktion hat. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Zugang zu attraktiven Arbeitsstellen in erster Linie über die Kenntnis des Französischen möglich ist - viel weniger über das Arabische -, lässt sich ermessen, welcher Konfliktstoff vorhanden ist. Die arabophonen Algerier unterstellen kabylischen Intellektuellen seit eh und je, den Kampf für das Kabylische nur deshalb zu führen, um den eigenen Vorsprung im Französischen zu sichern. Der Vorwurf der Demagogie erscheint auch deshalb nicht ganz unbegründet, weil die radikalsten Funktionäre und Minister einer Arabisierung stets aus der Kabylei kamen.

(*) Front Islamique du Salut

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02:00 11.05.2001
Geschrieben von

Sabine Kebir

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