Ihr Söhne von Ottern

Religion Christentum wie Islam begreifen Jesus als Friedensstifter. Er könnte als Brücke dienen. Nur die Religionsführer weigern sich, das zur Kenntnis zu nehmen

Mit dem Hessischen Kulturpreis sollten in diesem Jahr ursprünglich vier Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich im interkulturellen Trialog zwischen Judentum, Christentum und Islam verdient gemacht haben. Drei der vier vorgesehenen Preisträger sind Funktionsträger ihrer jeweiligen Gemeinden: Karl Lehmann ist Kardinal, Peter Steinacker ehemaliger Präsident der evangelischen Kirche und Salomon Korn Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Während diese drei im interreligiösen Trialog Vorgaben ihrer Institutionen berücksichtigen, ist Navid Kermani, 1967 in Deutschland als Kind iranischer Einwanderer geboren, freier Autor. Dass er sich in klarer Sprache in den Trialog einbringt, hat ihm eine dankbare Leserschaft eingebracht. Mit seinem am 14. März 2009 in der NZZ erschienenen Artikel über das Altarbild von Guido Reni in der Kirche San Lorenzo in Lucina, der Kardinal Lehmann empörte und zur Aberkennung des Preises führte, rührte Kermani an heute auch von Christen bezweifelte Glaubensdogmen: die Folgerungen nämlich, die die christliche Theologie aus dem Kreuzestod von Jesus entwickelt hat; dass er die Sünden der Menschheit damit auf sich genommen habe.

Kermani hält die „Hypostasierung des Schmerzes“ in den gängigen Kreuzigungsdarstellungen für „barbarisch“, verweist aber darauf, dass die Schia Ähnliches kennt. Solche Körperfeindlichkeit stelle einen „Undank gegen die Schöpfung“ dar, über die der Mensch sich lieber freuen, die er genießen solle. „Ich kann im Herzen verstehen, weshalb Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. Der Islam sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.“

Das Altarbild von Reni hatte Kermani nun aber gefallen, weil der Maler auf die platte Darstellung des Schmerzes verzichtet und damit erreicht habe, dass das Kunstwerk auf den anhaltenden Schmerz verweise, der nach Jesus in der Welt geblieben sei. In diesem Sinne, schlussfolgerte Kermani, könne er vielleicht „an ein Kreuz glauben“. Wo viele Leser eine zarte Annäherung des Autors an christliche Vorstellungen vermutet haben, fühlte sich Kardinal Lehmann provoziert. Schließlich berührte Kermani einen der größten theologischen Streitpunkte zwischen Christentum und Islam, wenngleich das nur Eingeweihten klar ist.

Bislang wurde die Chance vertan, einer größeren Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass Jesus eine Brücke zwischen Christentum und Islam darstellen könnte. So hatte es sich jedenfalls der Religionsgründer Mohamed gedacht, als er bei der Austreibung der Götzenbilder aus der Kaaba in Mekka ausdrücklich befahl, die in dem uralten Pilgerheiligtum vorhandenen Wandmalerei von Maria und Jesus nicht anzutasten. Das schreibt der Straßburger Islamwissenschaftler Michel Reeber. Es sei ihm aber nur einige Augenblicke gelungen, sie vor der Zerstörung zu bewahren, behauptet der Theologe und Islamwissenschaftler Günter Lüling. Wie dem auch sei: Jesus – arabisch Isa – verkörpert im Islam wie im Christentum den Logos, das friedenbringende Wort Gottes. Allerdings nicht als dessen Sohn, sondern als Prophet in der Folge von Abraham und Moses. Seine Tötung von Menschenhand lässt Gott so wenig zu wie die Verbrennung Abrahams in Nimrods Feuerofen. Er ruft Jesus in der Nacht vor der Hinrichtung zu sich und statt seiner wird ein ihm ähnlicher Henkersknecht gekreuzigt.

Der Islam bemächtigte sich des Alten und des Neuen Testaments im Sinne eines erneuerten und rigiden Monotheismus: Die Trinität lehnte er ebenso ab wie die Kreuzigungstheologie. Er tat dies mit demselben Recht, mit dem sich zuvor das Christentum des Alten Testaments bemächtigt und es teilweise neu interpretiert hatte. In der dritten Koransure spricht der Engel Gabriel zu Maria: „O Maria, Gott verkündet dir das fleischgewordene Wort. Sein Name wird sein Messias Jesus, der Sohn der Maria. Herrlich wird er in dieser und in jener Welt sein und zu denen gehören, denen des Herrn Nähe gewährt wurde. [47] Er wird in der Wiege schon und auch im Mannesalter zu den Menschen reden und wird ein frommer Mann sein. [48] Maria erwiderte: ‚Wie soll ich einen Sohn gebären, da mich ja kein Mann berührte?‘ Der Engel antwortete: ‚Der Herr schafft, was und wie er will; wenn er irgend etwas beschlossen hat und spricht: Es werde! - dann ist es.‘ [49] Er wird ihn auch in der Schrift und Erkenntnis, in der Thora und dem Evangelium unterweisen, [50] ihn zu den Kindern Israels senden. Er spricht: Ich komme mit Zeichen von eurem Herrn zu euch.“

Um sich vom päpstlichen Kanon abzusetzen, stützte sich der Koran auf die Apokryphen, die nicht in die Bibel aufgenommenen Evangelien, überliefert auf Papyri, die zwischen Ägypten, Äthiopien und Totem Meer in großer Zahl gefunden wurden. Der Marienkult existierte zur Zeit der Schriftlegung des Neuen Testaments noch nicht, er entwickelte sich mit den Apokryphen und wurde im Jahre 411 vom Konzil in Ephesus offizialisiert. Dass Maria viel häufiger und ausführlicher als in der Bibel im Koran geschildert wird – sie wird über fünfzig Mal erwähnt und die ganze 19. Sure ist nach ihr benannt –, zeugt von der enormen Ausbreitung der Apokryphen im ganzen Orient. Auch die christliche Malerei des Mittelalters und der Renaissance ist von apokryphen Motiven geprägt, die erst das Konzil von Trient (1545-1563) zurückgedrängt hat.

Zweifel an der Trinität

Die Parallelen zwischen dem Koran und verschiedenen christlichen Traditionen zeigen, dass die Abgrenzung der volkstümlichen religiösen Traditionen nicht so strikt war, wie die Dogmatik es später behauptete. Die von Jesus’ Bruder Jakob geleitete Urgemeinde in Jerusalem glaubte noch nicht, dass Jesus Gott verkörpere. Auch die christliche Sekte der Arianer hielt wie der Islam die Trinität für ein falsches Dogma. Die Monophysiten, mit denen Mohamed in Verbindung stand, verneinten den Kreuzestod ebenso wie das apokryphe gnostische Thomas-Evangelium, das übrigens Gerald Messadiés Roman Ein Mann namens Jesus angeregt hat. Der von Kermani angesprochene theologische Bruch, den der Kreuzestod zwischen Christentum und Islam darstellt, war auch die sensible Stelle eines Risses in der Christenheit, an die sich die offizielle Kirche freilich nicht gern erinnert.

Im Gegensatz zu den christlichen Gebieten, wo die Untertanen die Religion des Herrschers annehmen mussten, gestand der Islam Christen und Juden Religionsfreiheit zu, was mit verminderten Bürgerrechten einherging. Die religiöse Koexistenz hat über lange Perioden eine gegenseitige Befruchtung der populären Mythen ermöglicht. So hielten sich in islamischen Gebieten die Apokryphen auch deshalb, weil sie durch den Koran gestützt und in der Oralität gemeinsam weiterentwickelt wurden. Das zeigen die drei Jahrhunderte nach Mohamed in Bagdad entstandenen Chroniken des Tabari. Er schildert die – in der Bibel fehlende – Erziehung Marias im Tempel von Jerusalem, angelehnt an das Proto-Evangelium des Jakobus, ausführlicher als der Koran. Tabari, der zur aufklärerisch-wissenschaftlichen Tradition des Islam gehört, überschritt – in heute noch vorbildlich zu nennender Weise – den theologischen Horizont, indem er oft auf mehrere Varianten der Überlieferung hinwies.

Zugeschüttete Gräben

Annemarie Schimmel zeigte, dass wiederum die Sufi-Mystiker dem Neuen Testament näher standen als der Koran. Abu Nucaim-al Isfahani ließ Jesus ausrufen: „O ihr Söhne von Schlangen und Ottern – habt ihr die Stätten, wo Gott angebetet wird, zu Märkten gemacht?“ Das verweist auf das Verjagen der Händler aus dem Tempel. Der im 12. Jahrhundert lebende Al Ghazzali lässt Jesus sagen: „Ein Reicher kommt nicht ins Himmelreich.“ Solche Sätze hätte Mohamed den vom interkontinentalen Handel reich gewordenen Mekkanern nicht zumuten können. Wahb Ibn Munabih (gestorben 732) erzählte vom letzten Abendmahl und übernahm sogar Teile der Leidensgeschichte von Jesus. Vielen Sufis erscheint das Leiden des 922 hingerichteten Halladsch wie ein zweites Leben Jesu. So findet sich in der Schia die Idee der Sinnhaftigkeit des Martyriums, das laut Kermani „exzessiv bis hin zum Pornographischen zelebriert“ werde. Aus seiner Sicht ist das „Aberglauben“, der dazu verführe, den Zustand der Welt nur zu beklagen, anstatt ihn zu verbessern.

Micha Brumlik hat darauf hingewiesen, dass die intoleranten Reaktionen vieler Muslime auf die dänischen Mohamed-Karikaturen im Westen als Kampf gegen die Freiheit der Kunst gedeutet wurden. Die hessische Landesregierung müsse sich nun den Vorwurf gefallen lassen, einem Autor mit islamischem Hintergrund die Freiheit des Wortes streitig zu machen. Die Reflexionen Navid Kermanis in der Kirche von Lucina sind aber nicht nur gegenüber der christlichen Dogmatik provokativ, sondern auch gegenüber dem islamistischen Fundamentalismus, der die Existenz von Jesus im Koran am liebsten beschweigt.

Der Dissens über die Kreuzigung von Jesus hat über viele Jahrhunderte auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen belastet. Durch die beiderseitige Anerkennung des Judentums von Jesus – zu erinnern ist an die großartigen Bücher von Schalom Ben-Chorim und die neu übersetzte Bibel in gerechter Sprache – wurden die Gräben zu einem Gutteil zugeschüttet. Eine ähnliche Verständigung muss zwischen Islam und Christentum geschehen. An Vorarbeiten von Wissenschaftlern, aufgeklärten Theologen und freien Schriftstellern fehlt es nicht. Es ist an der Politik und den Religionsführern, das endlich zur Kenntnis zu nehmen.

Von Sabine Kebir erschien 2007 bei Peoples Globalization Edition: Maria und Jesus im Islam. Für Kinder, Jugendliche, Eltern und Erzieher.

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16:45 04.06.2009
Geschrieben von

Sabine Kebir

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