In einem neuen Klima

Kulturhegemonie Wer die Gesellschaft verändern will, muss Bildung und Kultur verzahnen

Kunst und Kultur dem Markt sowie den Stiftungen zu überlassen und den Ärmeren Senkungen der Eintrittspreise in Aussicht zu stellen, ist sozialdemokratische Kulturpolitik. Deshalb können ausgewiesene ALG II-Empfänger, Sozialhilfeempfänger, Grundsicherungsrentner und Asylbewerber in Berlin jetzt in 17 Theatern, Opernhäusern und Konzertsälen kurz vor Beginn der Vorstellungen nicht verkaufte Karten für drei Euro erwerben. Das klingt gut. Wer jedoch kein Ticket abbekommt und 4.40 Euro Fahrgeld verplempert hat, wird sich die Sache künftig genauer überlegen. Dass die kulturelle Teilhabe aller in Wirklichkeit nur über komplexere soziale Verhältnisse und eine essentielle Beteiligung der öffentlichen Hand erfolgt, zeigt unter anderem der desolate Zustand der öffentlichen Bibliotheken. In Berlin-Moabit beispielsweise wurde 2004 nicht nur eine stark besuchte Kinder- und Jugendbibliothek geschlossen, sondern gleichzeitig eine zweite auf die Hälfte ihrer Größe reduziert. Das geschah in einem Stadtviertel, das zu großen Teilen als "sozialer Brennpunkt" sowohl für zugezogene als auch für alteingesessene Familien erkennbar ist.

Abgesehen davon, dass nicht nur Eintrittspreise für kulturelle Events, sondern auch Bibliotheksgebühren für Jugendliche in den vergangenen Jahren grotesk angestiegen sind, greift das Konzept, punktuell für verbilligten Eintritt ins bürgerliche Kulturleben zu sorgen, zu kurz. Kultur erschöpft sich ja nicht nur in Augenblicksbefriedigungen in Form von Spaß oder bildungsbürgerlicher Statusbestätigung. Selbst heute kommen im Kulturbetrieb aufklärerische Kommunikationsprozesse vor. In nicht wenigen Segmenten der sogenannten Hochkultur findet auf intellektuell anspruchsvollem Niveau spielerische und doch rationale Auseinandersetzung mit den technischen Möglichkeiten und Herausforderungen der Zeit statt und zwar durchaus auch in der Perspektive der Teilhabe und Mitgestaltung. Dass gerade diese Kunst- und Kulturformen für Klein- und immer mehr auch für Normalverdiener unzugänglicher wurden, zeigt, dass sie wieder zum bürgerlichen Klassenprivileg gehören. Wichtig in der konservativen Kulturperspektive ist, dass solche Differenzierungen der Kunst- und Kulturkonsumtion erhalten, ja sogar verstärkt werden. Deshalb werden sie öffentlich gern als individuelle Geschmacksfragen banalisiert. Die Fähigkeit und die Freude, sich aufklärerischen Kunst- und Kulturformen - darunter auch denen mit historischer Dimension - zuzuwenden, wird jedoch erst durch einen hohen Bildungsstand ermöglicht.

Dass die großen Mehrheiten auf Kunst- und Kulturformen gelenkt werden, in denen die emotionalen Komponenten gegenüber den rationalen überwiegen, ist kein Zufall, sondern ebenfalls Absicht. Für die Richtung, in die der Kulturprozess momentan verläuft, ist es charakteristisch, dass sogar das Lesen zu einer elitären Form der Kulturrezeption zu werden droht, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Grundfertigkeit handelt, die vor jedwedem anderen ernsthaftem Lernen trainiert werden muss. Die Vernachlässigung der Lesekultur in unseren Schulen drückt - trotz scheinheiliger Gegenbehauptungen - aus, dass die Produktionsmaschinerie in ihrer gegenwärtigen Form auf die Entwicklung der Fähigkeiten vieler junger Menschen überhaupt nicht angewiesen ist. Sie sollen flexibel sein für Hilfs- und Gelegenheitsjobs, für die eine kurze Anlernzeit genügt. Friedrich Merz hat jüngst bei Sabine Christiansen ausgeplaudert, welche Art Arbeit künftig zur Verfügung steht: Berliner Hotels sollen nicht mehr ihre Schmutzwäsche nach Polen transportieren müssen. Dass die Hotelwäsche künftig in Berlin gewaschen wird, ist sicher wünschenswert. Die Frage aber, wie solche schwere Arbeit finanziell gewürdigt werden soll, kann neue Antworten nur in einem neuen Kulturklima finden.

Deshalb sollte die hoffentlich in der neuen Legislaturperiode entstehende Linksformation "Kultur" nicht als Luxus ansehen. Es genügt nicht, einige Rockgruppen zu den Wahlkämpfen einzuladen und die Künstler insgesamt zu bitten, sich dem Wandel zu verschreiben. Die grundlegende Neuorientierung auf ein solidarisches, ökologisches und wirklich demokratisches Gesellschaftssystem braucht ein weitergehendes Kulturverständnis.

Kultur muss als Kommunikation verstanden werden, in der spielerisch und experimentell mit Zukunftsfragen hantiert wird. Die Teilhabe am Kulturleben soll nicht nur von individuellem Einkommen oder punktuellen politischen Zugeständnissen abhängen, sondern über den Zugang zu hohen Bildungsstandards ermöglicht werden. Sie hängt jedoch auch entscheidend von Umfang und Gestaltung des öffentlichen Raums ab. Wenn eine neue Linksformation die rechte Hegemonie über Herzen und Hirne brechen will, kommt sie nicht umhin, die Kulturfrage auch in dieser materiellen Tiefe zu stellen. So sehr sie darauf angewiesen ist, möglichst viele wissenschaftliche Spezialisten für ihre Programmbildung zu gewinnen, kann ein nachhaltiger Wandel nicht nur von Technokraten und Bürokraten sowie einer neuen politischen Klasse in Gang gehalten werden. Die Kluft zwischen gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen und den Wegen der Wissenschaften ist gewaltig. Die großen Mehrheiten verfügen höchstens über einzelne, ihre Interessen auch öffentlich vertretende Spezialisten, kaum aber über Lobbys und Netzwerke, die ihre Ansprüche politisch verfechten. Die Kommunikation mit den Mehrheiten braucht ein radikaldemokratisches Kulturklima. Wie aber müsste es beschaffen sein? Genügen musikreiche und farbenfrohe Demonstrationen? Linke Love-Paraden oder linke Kirchentagsevents?

Die Sozialdemokratie hat in ihrer Geschichte nicht nur das Konzept vertreten, den Mehrheiten Zutritt zum bürgerlichen Kulturbetrieb zu ermöglichen. Mit den Arbeiterkulturvereinen und den Volkshochschulen gab es auch Ansätze, der Bevölkerungsmehrheit (mittels ihrer eigenen Steuergelder) die materiellen Strukturvoraussetzungen zu schaffen, in denen sie selbst kulturell kreativ werden konnte. Dem lag die Erkenntnis zugrunde, dass Kultur nicht nur Dekor des Lebens ist, sondern dass ein neues Gesellschaftsmodell wie die Demokratie auch neue Kultur- und Kunstformen benötigt. Harmonie und Disharmonie sind keine rein ästhetischen Größen. Über vielerlei Vermittlungen, Querverbindungen und Verfremdungen drücken Kunst und Kultur die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen aus. In Zeiten tiefgreifender Veränderungen verschwimmen deshalb auch die Grenzen zwischen den sogenannten Kunstproduzenten und dem sogenannten Publikum. Heute ist dies in relevantem Maße aber nur möglich, wenn dafür öffentliche Räume, adäquate Materialien und Apparate sowie Kommunikations- und Vertriebswege zur Verfügung stehen. Es war kein Zufall, dass öffentliche Kultureinrichtungen ihre Blütezeit erlebten, als Kapitalismus und Kommunismus weltweit konkurrierten. Wir sehen heute deutlicher, dass dies keiner Systemlogik entsprang, sondern nur Ausdruck eben dieser Konkurrenz war. Dass im Zuge der Restauration nach der Wende Bibliotheken, Kulturhäuser, Jugendclubs, Volkshochschulen sowie die Sport- und Erholungsstätten geschleift werden, ist nicht als reine Budgetfrage zu verstehen, sondern durchaus als politische Machtfrage. Man schleift damit die öffentlichen Räume, in denen die großen Mehrheiten spielerisch und experimentell über die Zukunft nachdenken könnten.

Für eine wirklich breite und nachhaltige Linksentwicklung greifen das sozialdemokratische Kulturkonzept und das Hoffen auf die Unterstützung von Künstlern ebenso zu kurz wie die gängigen Klischees über Charakter und Funktion von Hoch- und Popularkultur. Letztere transportieren zwar oft diffuse Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit, vermitteln sie jedoch auf einer emotionalen Ebene, die sie nicht konkreter werden lässt als die Versprechungen der Religion. Sie erfüllen auch ähnliche Funktionen, nämlich die von Rauschmitteln. In der Hochkultur dagegen werden die technische Entwicklung und die menschliche Perspektive durchaus in Form der aktiven Teilhabe reflektiert, wenn auch unter meist unausgesprochenen Klassenvorbehalten.

Wer heute die politischen Weichen für eine demokratisch-solidarische Gesellschaft stellen will, kommt nicht umhin, die gemeinsamen Schnittmengen von Bildungs- und Kulturpolitik zu definieren. Damit die Mehrheiten nicht nur emotional, sondern auch rational an diesem Projekt mitarbeiten, ist die Wiederherstellung beziehungsweise Erweiterung der öffentlichen kulturellen Infrastruktur bis in die Stadtteile und bis in die Dörfer hinein eine ebenso dringliche Aufgabe wie die demokratische Umsteuerung im Bildungswesen. Das Projekt der Ganztagsschule, das gegenwärtig mit minimalen Mitteln und unter Vertiefung der sozialen Spaltungen realisiert wird, muss zum Exempel der notwendigen Durchdringung von Kultur und Bildung werden.

Wie auch die Freizeiteinrichtungen der Ganztagsschule dürfen die Kulturzentren und Jugendclubs nicht als Notbehelf und Schmuddelecken für den Teil des Nachwuchses konzipiert sein, dem die Eltern keinen privaten Club bezahlen können. Sie müssen schön und großzügig ausgestattet werden. Öffentliche Bibliotheken, Jugendzentren und - warum nicht auch Kirchen oder zum Beispiel leer bleibende Teile des Lehrter Hauptbahnhofs? - stellen nämlich die Versammlungsräume dieser neuen Zivilgesellschaft dar. Stehen sie einmal zur Verfügung, werden Bürger und Jugendliche sehr schnell die entscheidenden zivilisationskritischen Fragen sowohl in trockener, als auch in künstlerisch-spielerischer Form zur Diskussion stellen:

Wie und was soll künftig in Europa als Arbeit bewertet und verteilt werden, um zu einer gerechteren Gesellschaft zu kommen? Wie sollen die Konsequenzen der ökologischen Herausforderung gesellschaftlich gerecht gezogen werden? Welche Prinzipien sollen das Verhältnis zu anderen Völkern unter uns, in der Nachbarschaft, auf anderen Erdteilen regeln? Was ist Generationengerechtigkeit? Alle diese Fragen können nicht nur mit einem guten solidarischen Gefühl gelöst werden, sondern enthalten echte, sogar antagonistische Widersprüche, die nur durch umfassendes und experimentelles Durchspielen zu gerechten Lösungen geführt werden können. Die alten Fragen von Kunst und Kultur bleiben erhalten - wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem Rest Unerklärlichem, das sich der menschlichen Erkenntnis eben entzieht. Deshalb sollte sich die neue Kultur nicht frontal gegen die Religionen stellen. Aber sie muss die sogar bei Atheisten bislang unzureichend ausgebildete Anschauung stärken, dass Moral und Ethik keineswegs nur über religiöse Überzeugungen funktionsfähig werden. Es geht also nirgendwo um eine Verengung, sondern um eine Erweiterung des kulturellen Feldes. Die Finanzpflicht der öffentlichen Hand bedeutet keine Bevormundung. Außer Kriegsverherrlichung, Völkerverhetzung und Sexismus kann alles erlaubt sein.

Wenn aus der Bezahlkultur von heute eine für alle bezahlbare Kultur wird, kann sich ihre multikulturelle Dimension besser gegen die massiven Angriffe von rechts durchsetzen, denen sie augenblicklich ausgeliefert ist. Unabdingbar ist eine Parallelentwicklung in den Schulen, eine substantielle Hebung ihres Niveaus. Wenn der Friedenspreis des deutschen Buchhandels demnächst an den türkischen Autor Orhan Pamuk verliehen wird, dessen Bücher in deutsch vorliegen, aber keineswegs in den Schulen diskutiert werden, drückt sich hier nur wieder die verhängnisvolle Spaltung aus in einen Sektor der Hochkultur für die Eliten und einen Sektor für Arme, deren ethisches Verhalten angeblich nur über Religion erzeugt werden kann.


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Geschrieben von

Sabine Kebir

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