„Putin, hilf uns!“

Mali Die Regierung will Handlungsfreiheit – mit oder ohne russische Söldner
„Putin, hilf uns!“
27. Mai, Bamako, Demonstrierende schwenken Mali- und Russlandfahnen – der Westen droht mit Abzug

Foto: Michele Cattani/AFP/Getty Images

Mitte September wird der Westen durch ein Gerücht aufgeschreckt. Die im Mai aus einem Militärputsch hervorgegangene politische Führung des Staates Mali verhandele mit dem russischen Militärdienstleister „Wagner“, heißt es. Offenbar will Bamako externen Beistand beim Antiterrorkampf im Sahel. Bisher ließen nur westliche Streitkräfte, vor allem die US-Armee, heikle Operationen durch Private Military Contractors erledigen. Die Wagner-Gruppe – angeblich von einem in Argentinien lebenden russischen Oligarchen finanziert – soll bereits Missionen in Syrien, Libyen und – besonders intensiv – in der Zentralafrikanischen Republik nachkommen. Konkrete Informationen über diese Aufträge, die mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden, sind rar. Bislang hat die russische Regierung dementiert, mit der Wagner-Gruppe in irgendeiner Weise zu kooperieren, doch hat Außenminister Sergej Lawrow vergangenes Wochenende bestätigt, dass ein Einsatz dieser Kombattanten im Sahel nicht auszuschließen sei.

Militärverbände, die nicht unter dem Kommando der russischen Armee standen, hatten während der 1990er Jahre erstmals in Tschetschenien Dschihadisten bekämpft und später die syrische Armee unterstützt, islamistische Gruppen zu verdrängen. Obgleich die Präsenz von Wagner-Söldnern in Ostlibyen nie stichhaltig bewiesen wurde, könnten sie auch dort eine Rolle bei Operationen gespielt haben, zu denen Marschall Chalifa Haftar gegen islamistische Gegner ausholte.

Charisma aus dem Koran

Fest steht, der französischen Mission „Berkhane“ wie bei Einsätzen von UN-Truppen gelingt es seit Jahren nicht, den mit der Drogenmafia, dem Menschenhandel und ethnischen Konflikten verschwisterten Dschihadismus in der Sahara und im Sahel auszuschalten. Dass französische Soldaten am 16. September mit Abu Walid al-Sahraoui einen der Anführer in Mali töteten, wurde als Erfolg vermeldet, obwohl islamistische Netzwerke durch den Ausfall eines Emirs nie wirklich geschwächt werden. Ungern wird im Westen zugegeben, dass islamistische Kampfgruppen, solange sie keinen Staat aufbauen können, auf flache Hierarchien setzen, in deren Gefüge Führungskräfte leicht ersetzbar sind. Das Disziplin erzeugende Charisma kommt nicht von Personen, sondern strömt aus dem Koran.

Inzwischen stehen große Territorien in Mali nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung. Die dort lebende Bevölkerung wird drangsaliert. Mit Massakern muss rechnen, wer sich nicht unterwirft. Die fehlende Effizienz und Kampfbereitschaft der Regierungsarmee ist auch darauf zurückzuführen, dass sie von ihren westlichen Verbündeten nicht mit geeigneten Waffen und Fahrzeugen ausgestattet wird. Die einzige Erklärung für diesen absurden Tatbestand: Man will die eigene Präsenz unverzichtbar machen.

Da kann es kaum verwundern, dass die derzeit von Oberst Assimi Goïta geführte malische Regierung mitteilen lässt, ihre auswärtigen Beziehungen „mittelfristig diversifizieren“ zu wollen. Nachvollziehbar ist auch, dass ein durch den von Präsident Macron verkündeten Teilabzug französischer Kontingente hinterlassenes Vakuum nicht ewig bestehen bleibt. Ob es letzten Endes die Wagner-Gruppe auffüllt, ist noch nicht klar. Womöglich ging es Bamako mit dem Wagner-Gerücht nur um eine warnende Botschaft. Die Entrüstung in Paris und Berlin wäre zweifellos größer, hätte man offiziell beim Kreml um Beistand im Antiterrorkampf gebeten.

Genau das wünscht sich offenbar ein Teil der Malier. Unter Oberst Goïta mehren sich Demonstrationen, auf denen russische Fahnen zu sehen sind, dazu Plakate mit französischen und russischen Aufschriften wie: „Putin – hilf uns!“ Hier wirkt die Erinnerung nach an die friedlicheren und von ökonomischer Hoffnung geprägten ersten Jahrzehnte der 1960 erlangten Unabhängigkeit, als Mali mal mehr, mal weniger mit dem Ostblock verbunden war. Dem 1991 durchgesetzten Mehrparteiensystem folgte ein neoliberaler Umbau der Wirtschaft. Verschärft durch Dürreperioden führte das zu sozialem Chaos und gewalttätiger Konfrontation. Nun, so scheint es, wollen immer mehr Malier, dass mit militärischer Hilfe Russlands und ökonomischer Unterstützung Chinas die inneren Zerreißproben beendet werden.

Scharf gegen einen eventuellen Einsatz von Wagner-Söldnern stellen sich die in Nordmali aktiven Separatisten des Volkes der Tuareg. In Frankreich und Deutschland löste die Wagner-Option fast schon Panik aus. Präsident Macron präzisierte rasch, dass er seine Truppen in Mali zwar vermindern, zugleich aber umgruppieren und ihre Kampfkraft erhöhen wolle. Und die Regierung in Berlin ließ wissen, dass Militärmissionen an der Seite einer Söldnertruppe undenkbar seien. Dem schlossen sich auch die im Antiterrorkampf im Sahel stehenden Staaten Mauretanien, Niger, Burkina Faso und der Tschad, dazu die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft auf einem Gipfel in Ghana an. Dieser Position begegnete die malische Regierung am 19. September mit einem Kommuniqué. Darin wird auf das souveräne Recht eines Landes verwiesen, sein Territorium nach eigenem Ermessen zu schützen. Die Behauptung, man wolle Söldner ins Land holen, sei ein „mit bestellten Pressetexten erzeugtes Gerücht“.

Misstrauen ist angebracht

Vorstellbar, dass dieses Gerücht als gesichtswahrender Vorwand dient, die europäischen UN-Missionen in Mali schrittweise zu beenden. Denn die Empörung des Westens über einen Einsatz russischer Söldner in Mali ist ebenso wenig glaubhaft, wie sie es in Bezug auf Libyen oder Syrien ist. Bedient man sich doch selbst in ebendiesen Ländern nicht nur etlicher Private Military Contractors, sondern zugleich Zehntausender Söldner, die Demokratie durchsetzen sollen, sich aber nur allzu häufig in islamistische Terrormilizen verwandeln. Die mit immensen Geldern aus den Golfemiraten gekauften westlichen Waffen jener Gruppen geben allen Grund, den Zielen zu misstrauen, die mit diesen Kombattanten wirklich verfolgt werden. Wenn der Dschihadismus ernsthaft bekämpft werden soll, liegt eine militärische und ökonomische Kooperation mit Russland und China durchaus nahe – nicht nur im Sahel.

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06:00 03.10.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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