Tritt in den Spiegel

Die Schlacht gegen das "Böse" Der Westen attackiert seine Helfer von einst

Ein Krieg der USA gegen die Taleban hat begonnen. Damit soll eine Hauptquelle des Terrorismus in der heutigen Welt ausgeschaltet werden. Doch nichts wäre verfehlter, als zu glauben, dass mit Militärschlägen gegen terroristische Basen in Afghanistan die terroristischen Gefahren weltweit und endgültig gebannt wären. Es wird sehr darauf ankommen, ob Terrorismus nicht nur als "Menschenrechtsverbrechen" oder das "Böse" schlechthin gegeißelt, sondern in seiner sehr komplizierten Verflechtung mit sozialen und kulturellen Interessen begriffen wird. Bezogen auf Osama bin Laden und den afghanischen Islamismus kann nicht nachdrücklich genug darauf verwiesen werden, dass sie vom Westen selbst als Alliierte gegen die Sowjetunion hofiert, aufgebaut und benutzt wurden.

Allerdings waren die Taleban niemals nur Werkzeuge des Abendlandes. Sie waren vor allem die Speerspitze einer Macht, die es bis heute zu keiner modernen Staatlichkeit gebracht hat - sie waren Geschöpfe Saudi-Arabiens. Das Regime von Riad hatte seinen Scheichs stets erlaubt, selbst zu entscheiden, was sie wo auf der Welt mit Millionensummen stützen oder bekämpfen wollten. Dabei ging es vorrangig um Hegemonie in der islamischen Weltgemeinschaft, um die sich freilich zeitweise auch die theokratische Elite des Iran bemühte. Die meisten Moscheen, die während der vergangenen 30 Jahre im islamischen Raum errichtet wurden, finanzierten die Wahhabiten-Herrscher, einschließlich des Personals und der angegliederten Kultureinrichtungen - der Universitäten und sozialen Werke. Es war kein Zufall, dass solche Strukturen in Ägypten und Algerien äußerst intensiv entwickelt wurden. In beiden Ländern waren die Entmachtung der Feudalkräfte wie das Entstehen staatlich kontrollierter Volkswirtschaften und Solidarsysteme in der islamischen Welt am weitesten vorangeschritten. Da eine solche Entwicklung dem Westen missfiel, duldete er stillschweigend, dass während der achtziger Jahren gerade in diesen Staaten terroristische Netze geknüpft wurden. Ihre Urheber versprachen eine "Rückkehr zur Identität" und mobilisierten nicht nur gegen Staatlichkeit an sich, sondern gerade gegen jene Kräfte, die Staatlichkeit nicht abschaffen, sondern demokratisieren wollten.

In einer unheimlichen, öffentlich kaum zur Sprache gebrachten Allianz mit Saudi-Arabien verbreitete sich auch im Westen ein kulturalistisch ethnisiertes Weltbild, das die angebliche Demokratieunfähigkeit des Islam je nach Bedarf, einmal zum kulturellen Recht, einmal zum entscheidenden Makel erklärte. Es sei nur an das Jonglieren eines einflussreichen Autors wie Peter Scholl-Latour erinnert. Für ihn waren die Mudschaheddin einerseits Freiheitshelden, andererseits die Verkörperung einer dem Islam für immer und ewig verwurzelten Pflicht zum Heiligen Krieg.

Leider hat auch ein Großteil der im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts nicht mehr sehr analysefreudigen Linken bei diesem identitätspolitischen Mummenschanz mitgespielt. Nicht nur der Westen an sich, auch ein Großteil der Linken überließ die Demokratiebewegung in der islamischen Welt einem grausamen Schicksal. In Algerien kostete das Hunderttausende von Menschenleben. Es kamen aus Westeuropa unablässig zynische Ermahnungen, die Islamisten doch an der Regierung zu beteiligen. Auch andere Länder erlitten dank dieser Politik, was man neuerdings "Kollateralschäden" nennt: In Ägypten kamen nicht nur Ägypter um, sondern auch westliche Touristen. Und in der gesamten islamischen Welt führten Angst und Einschüchterung zur Lähmung des demokratischen öffentlichen Lebens.

Aber wer Feldzüge durch Stellvertreter führen lässt, darf sich nicht wundern, dass die ihre Eigendynamik entwickeln. Nach 1989 kam dem Westen und der Wahhabiten-Dynastie wie ihrer Gefolgschaft der gemeinsame Hauptfeind Kommunismus abhanden. Jetzt zeigte sich klarer, dass der Allianzpartner tatsächlich vorhatte, einen Teil der Menschheit in eine patriarchalisch gegliederte Vormoderne zurückzutreiben. Dabei erschien auch westlicher Einfluss nicht nur ein hinderliches, sondern feindliches Ansinnen. Bill Clinton erkannte diese Gefahr. Schon 1994 wollte er die Saudis zwingen, ihre finanziellen Zuwendungen für terroristische Gruppen einzustellen. Weil staatliche Autorität in Saudi-Arabien nur höchst selektiv zur Anwendung kommt, gelang es zumindest Osama bin Laden, seine Ziele fortan als Privatmann zu verfolgen. Clinton hatte auch angeregt, die Konten einschlägiger Vereinigungen weltweit aufzuspüren und zu sperren. Es bleibt bis heute ein Rätsel, weshalb selbst die engsten Bündnispartner der USA diese Aufforderung ignorierten und ihr auch vor drei Jahren nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam nicht nachkamen. Stattdessen blieben Deutschland, Großbritannien oder Skandinavien weiter Ruheräume global agierender islamistischer Strukturen.

Gerade weil diese an keinen Staat gebunden sind, sondern die Form supranationaler, eigenständiger Verbindungen haben, geben sie nun eines der diffusesten Feindbilder ab, das die Geschichte je kannte. Sicher kann man diese Geflechte schwächen. Aber es darf bezweifelt werden, ob man sie vernichten kann.

Linke haben allen Grund, die militärischen und geheimdienstlichen Reaktionen der USA und schließlich des gesamten Westens auf die Anschläge vom 11. September nicht mit "uneingeschränkter Solidarität", sondern Skepsis zu verfolgen. Aber sie müssen ebenso wissen: Es ist nicht nur gegenüber den Terroropfern - auch gegenüber der islamischen Welt - fahrlässig, solche Maßnahmen von vornherein abzulehnen. Mögen die Islamisten behaupten, sich der sozialen und teilweise der politischen Probleme der muslimischen Völker anzunehmen, so sind sie doch keineswegs eine Kraft, die diese Probleme emanzipatorisch lösen will. Ganz im Gegenteil. Vielmehr ist ein Vergleich mit dem deutschen Nationalsozialismus durchaus angebracht. Auch er instrumentalisierte soziale Konflikte, beseitigte die Demokratie und errichtete zunächst ein Terrorregime im eigenen Land, um den Marsch in eine rassisch und ständisch hierarchisierte Vormoderne überhaupt in Gang setzen zu können. Damals glaubten die westlichen Demokratien zunächst ebenfalls, diese archaische Macht für den Kampf gegen den Kommunismus gebrauchen zu können. Mit dem Münchener Abkommen wurden dafür sogar die Lebensinteressen verschiedener nichtkommunistischer Staaten in Osteuropa geopfert. Aber der Westen hatte sich getäuscht. Hitler begann damit, alle Zivilisationsformen zu vernichten, die sich auf die englische und die französische Revolution beriefen. Doch erst, als sein ebenfalls größenwahnsinniger Verbündeter Japan Pearl Harbor angegriffen hatte, kam es zur vorher fast undenkbaren Allianz des Westens mit der Sowjetunion. Wie jede historische Parallele hat auch diese ihre Schwächen. Das Vorgehen gegen Islamismus und Terrorismus verlangt von der Weltöffentlichkeit allergrößte Wachsamkeit, mehr denn je besteht die Aufgabe, wieder ein für alle verbindliches Völkerrecht zu schaffen.

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02:00 12.10.2001
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 41/2021

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