Vernunft und Geschichte

Denkfigur Drei Bücher von Domenico Losurdo und Rudolf Burger über den Zusammenhang von Wertekampf und Geschichte. Insbesondere nach dem Mauerfall 1989

Bei dem ideologischen Wertekampf, der alle großen politischen Konflikte der Weltgeschichte begleitet, pflegen die streitenden Parteien meist die eigenen Werte als human und fortschrittlich und die des Gegners als inhuman und hinterwäldlerisch darzustellen. Populistisch effizient werden diese Debatten dann, wenn man die Kosten an Menschenrechtsverletzungen, die der Wertekampf historisch auf der gegnerischen Seite erzeugt hat, addiert und nach Bedarf übertreibt, während die eigene Bilanz verschönt oder verschwiegen wird. Diese Verdrängung ermöglicht es dann, ein angeblich notwendiges, "hartes Vorgehen" wie zum Beispiel gegenüber Irakern, Palästinensern und Iranern als unvermeidliches Vorspiel eines bald anbrechenden ewigen Friedens auszugeben.

Man sollte sich nichts vormachen: Bis 1989 hat nicht nur der Westen, sondern auch der Ostblock nach diesem Schema um Anhänger gebuhlt. Das Schema ist der unschöne geistige Ausdruck jener antagonistischen Widersprüche, die den Geschichtsverlauf immer voranpeitschen. Wenn eine Seite eine große historische Niederlage erlebt, wie es 1989 der Fall war, kann der Sieger behaupten, das "Ende der Geschichte" sei erreicht. So hat es damals der der amerikanische Politologe Francis Fukuyama formuliert. Gemeint hat er aber sicher nicht das Ende der konkreten Geschichte, sondern eher das Ende des Wertekampfes, also die Entideologisierung vergangener und künftiger Geschichte.

Dass Fukuyamas Idee ein frommer Wunsch war, legt die Studie Im Namen der Geschichte des Wiener Philosophen Rudolf Burger dar. Auch wenn Geschichtsschreibung und Geschichtserwartung keine eschatologische Perspektive vorgäben, sondern nur von einem bestimmten Blickwinkel aus konzipiert seien dürften wir sie, argumentiert Burger nachvollziehbar, nicht als "objektiv" missverstehen. Welche Blickwinkel sich bei gleichem empirischen Material jeweils durchsetzen, hängt für ihn ab "von den Machtverhältnissen in den Bildungsinstitutionen und Massenmedien; früher waren es die Kanzeln, heute sind es Lehrkanzeln, Zeitungen, Radio und TV." Er verweist auf die unvermeidliche Subjektivität der "Lehren der Geschichte", deren Formulierung zu erwarten ist, wenn das "amerikanische Imperium" weiterhin an "Ansehen und Kraft" verliert.

Es ist interessant, dass solch ein Realismus heute von einem rechtsgerichteten Philosophen geäussert wird, während viele Linke noch immer von einer idelogiefreien Zukunft träumen. Allerdings wird eine neue Linke, die die ideologische Auseinandersetzung wieder aufnimmt, nur erfolgreich sein, wenn sie sowohl mit der Verschleierungstaktik hinsichtlich der eigenen Menschenrechtsverfehlungen bricht als auch die Verdrängungstaktik der Gegenseite analysiert und öffentlich aufdeckt.

Das Bewusstsein dafür schärfen will das Buch Kampf um die Geschichte des italienischen Publizisten Domenico Losurdo, Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Es erschien bereits 1996 in Italien und löste auch in Frankreich heftige Kontroversen aus. In Deutschland fand es lange keinen Verlag: im Strom der Restauration nach dem Epochenbruch wurde die die Wende von 1989 als endgültiger Sieg des "natürlichen" Geschichtsverlaufs über die "Geschichtsphilosophie" ausgegeben, die verantwortlich sei für die größten Menschheitskatastrophen der letzten 250 Jahre.

Diese Denkfigur entstand freilich schon lange vor 1989. Sie sieht in der französischen Revolution von 1789 den verhängnisvollen Auftakt von Entwicklungen, in denen versucht wurde, eine "abstrakte Theorie" der Gleichmacherei in die Praxis umzusetzen, was mit Menschenrechtsverbrechen bislang unbekannten Ausmaßes einhergegangen sei. Die Rede von der widernatürlichen abstrakten Theorie, die die Aufklärung und die französische Revolution geprägt habe, geht auf Edmund Burke (1729-1797) zurück, wird aber auch im modernen Frankreich gepflegt.

Der französische Historiker François Furet (1927-1997) war Protagonist einer weltweiten Denkrichtung, wonach sich der Jakobinismus in der Oktoberrevolution und dem stalinistischen Terror fortgesetzt habe. Furet begrüßte sogar den neuen Akzent, den der "historische Revisionismus" durch Ernst Nolte bekam: Danach sollten Hitlers Menschenrechtsverbrechen nur durch das Vorexerzieren der Menschenrechtsverbrechen Stalins ermöglich worden sein, dem sie damit auch indirekt anlastbar wurden. Diese Denkfigur ist wichtig für die Rückholung Deutschlands in die abendländisch-demokratische Wertegemeinschaft. Hitler wäre demnach nur ein Ausrutscher. "Zivilisatorisch" gehören wir in dieser Denkrichtung nicht der Tradition des Jakobinismus-Bolschewismus-Faschismus an, sondern dem entgegenstehenden Lager, der Demokratie. Als deren höchste Form gilt heute bis in linke Kreise hinein nicht die französische, sondern die angelsächsische. Losurdo stellt die blinden Flecken dieser Position heraus, die entgegen ihrer Selbstdefinition keineswegs ideologiefrei ist.

Die "abstrakte Denkfigur", aus der die Menschenrechtsverbrechen der Linken angeblich entspringen, ist nichts anderes als die "Geschichtsphilosophie" Hegels, deren Quintessenz - für Burger und viele andere - in der Annahme besteht, dass sich die Vernunft in der Geschichte selbsttätig durchsetze. Nach Losurdo aber rechnete Hegel nicht mit selbsttätiger Durchsetzung von Vernunft, sondern mit der immer stärkeren Wirkungskraft des "Allgemeinbegriffs vom Menschen", der sich in der französischen Revolution welthistorisch erstmalig praktisch durchsetzte und fortan aus dem Kampf der historischen Widersprüche nicht mehr eliminiert werden konnte. Tatsächlich hatte der Grundsatz der Gleichheit aller Menschen die Jakobiner zur Aufhebung der Sklaverei und zur Anerkennung der Menschenrechte der ehemaligen Sklaven gebracht - was die napoleonische Restauration freilich wieder zurücknahm.

Schon dem Staatstheoretiker Edmund Burke erschien Hegels Allgemeinbegriff des Menschen widernatürlich "abstrakt". Für ihn gab es in der Geschichte nur die realen Vertreter von Nationen und Ständen, deren Rechte, Privilegien und Pflichten sich vom Vater auf den Sohn vererben. Losurdo erinnert daran, dass die Idee natürlicher Ungleichheit nicht weniger abstrakt sei als die der oft auch naturrechtlich begründeten Gleichheit. Vor allem aber blendete ausgerechnet der Engländer Burke aus, dass sich zu seiner Zeit die amerikanischen Kolonisten von den feudalrechtlich fundierten Steueransprüchen der britischen Krone befreiten, indem sie Menschenrechte proklamierten, die keineswegs vererbt waren, sondern "mit einem Sonnenstrahl von Hand der Göttlichkeit im ganzen Buch der menschlichen Natur eingeschrieben" wären und "von einer Menschenmacht nicht ausgelöscht und verschleiert werden" könnten. Dass hier eine Quelle des heutigen Verständnisses der Menschenrechte und der Demokratie liegt, darf laut Losurdo den Blick dafür nicht verstellen, dass es die amerikanischen Kolonisten - im Gegensatz zu den Jakobinern - nur auf die eigene Gruppe bezogen. Sklaven zu halten und sich das Land der Indianer anzueignen, die zu diesem Zwecke beinahe ausgerottet wurden, sahen sie gleichfalls als ihr von Gott verbrieftes Recht an.

In seinem Buch Demokratie oder Bonapartismus verfolgt Losurdo die Realgeschichte des Allgemeinbegriffs vom Menschen: die Entwicklung des durch die französische und die amerikanische Revolution erstmals - freilich nur für Männer - durchgesetzten allgemeinen Wahlrechts. Er belegt nicht nur die oft vergessene Tatsache, dass die unteren Volksschichten durch Zensusbestimmungen rasch und für viele Jahrzehnte wieder ausgeschlossen wurden. Er zeigt auch, dass die schon von Marx im Ansatz analysierte Regierungsweise des Bonapartismus schließlich die Herrschaftsform wurde, mit der sich die Bourgeoisie auch unter allgemeinem Wahlrecht die Macht sichern konnte. Napoleon Buonaparte III. führte es wieder ein, konzentrierte - übrigens nach dem Vorbild der amerikanischen Präsidenten - die Exekutivgewalt aber ganz auf seine Person und seine Minister, was bis heute zu charakteristischer Schwäche der Legislavive führt. Der Bonapartismus entwickelte neue hegemoniale, beziehungsweise populistische Techniken, die den "Bürgerkönig" zum glanzvollen Vater der ganzen "Nation" erhoben. Zugleich machte er einige soziale Zugeständnisse. .Generalstreik, Gewerkschaften und jegliche Form der Selbstorganisation der arbeitenden Klassen wurden aber energisch unterdrückt. Durch hohe Lizenzgebühren wurde der Niedergang der volksnahen Massenpublizistik erreicht, die die Revolutionen von 1789 und 1848 vorbereitet hatte.

Auch spätere Entwicklungen der westlichen Demokratie sehen keineswegs so ideal aus, wie sie heute oft geschildert werden. Ihr größter Makel im 20. Jahrhundert bleibt der ziemlich in Vergessenheit geratene oder gar schön geredete Kolonialismus. Den sogenannten "Ureinwohnern" wurden von den demokratischen "Mutterländern" nicht nur die Bürger- und Menschenrechte versagt. An ihnen wurden bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein auch schwerste Menschenrechtsverbrechen begangen, als deren Fortsetzung ein Großteil der nachfolgenden Kriege zu betrachten sind.

Aber selbst innenpolitisch ist die Bilanz für die Demokratien keineswegs lupenrein. Abgesehen von der späten Durchsetzung des Frauenwahlrechts gab es zum Beispiel in England noch bis 1948 circa 500.000 Männer, die doppeltes Stimmrecht besaßen. Den Schwarzen der USA wurden die vollen Bürgerrechte erst unter Präsident John F. Kennedy zuerkannt. Was nun die Geschichtsphilosophie anbetrifft, die die Demokraten angeblich nicht benötigen, so verweist Losurdo darauf, dass die von Präsident Wilson im ersten Weltkrieg eingeleitete und bis heute fortgesetzte Politik des Demokratieexports sicherlich nicht weniger auf einer Geschichtsphilosophie beruht wie zum Beispiel der Export der Revolution, der den Linken angelastet wird, obwohl zentrale Figuren wie Robespierre, Lenin und sogar Stalin ihn ablehnten.

Zur Geschichtsphilosophie der Demokratien gehören zweifellos auch die verschiedenen Formen der Abwertung, um bestimmten Gruppen die Menschen- und Bürgerrechte zu verweigern, beziehungsweise um mit Gewalt gegen sie vorzugehen. Losurdo erinnert daran, dass zum Beispiel die Engländer die Iren einst mit den nordamerikanischen "Wilden" gleichsetzten, um ihre Ausrottung, beziehungsweise Aushungerung zu begründen. Es ist auch kein gutes Zeugnis für die nordamerikanische Demokratie, wenn Hitler in Mein Kampf für die Germanisierung der Landschaften bis zum Ural das Vorbild der weißen Kolonisten bei der systematischen Aneignung der indianischen Stammesgebiete proklamierte. Eine weitere bedenkliche Parallele zwischen Despezifikationen des deutschen Faschismus und der amerikanischen Demokratie sieht Losurdo darin, dass in der Endphase des 2. Weltkrieges Pläne zur Sterilisierung aller Deutschen ausgearbeitet wurden, deren Verwirklichung auf einen "sanften" Genozid hinausgelaufen wäre wie die Ausrottung der Indianer durch Hunger und Rum.Solche Pläne wurden aufgegeben, weil Stalin dem deutschen Feind mit einer ganz anderen Denkfigur entgegentrat: nach einer schon auf Lenin zurückgehenden Theorie gäbe es in kapitalistischen Nationen zwei Kulturen, nämlich die der Herrschenden und die der Beherrschten. Damit wurde die These einer gleichen Kollektivschuld aller deutschen Individuen abgelehnt und auf die Hauptverantwortung der kapitalistischen Wirtschaft und des preussischen Adels an Faschismus und Krieg verwiesen. Mit diesem Gegenparadigma für die Rekonstruktion des europäischen Raums mussten die Pläne harter Kollektivstrafen aufgegeben werden. Statt dessen durften die Westdeutschen verhätschelte Bündnispartner werden.

Losurdo betont, dass auch der reale Sozialismus seine "Despezifikationen" produzierte. Sie entsprangen meist der Klassenkampflogik, trugen aber manchmal auch rassistische Züge. Für die Millionen Betroffenen war es gleich, ob sie aus rassistischen oder aus politischen Gründen diskriminiert und ausgelöscht wurden. Dennoch gehört es in die historische Bilanz, dass es das Festhalten, beziehungsweise die Wiederaneignung des Allgemeinbegriffs vom Menschen war, wodurch die Sowjetunion zur Hauptstütze der antikolonialen Weltbewegung im 20. Jahrhundert wurde, die die Emanzipation von vielen Millionen Menschen einleitete.

Domenico Losurdo Demokratie oder Bonapartismus. Triumph und Niedergang des allgemeinen Wahlrechts. PapyRossa, Köln, 2008, 402 S., 20,50 EUR

Domenico Losurdo Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen. Papyrossa, Köln 2007, 304 S., 17,90 EUR

Rudolf Burger Im Namen der Geschichte: Vom Missbrauch der historischen Vernunft. Zu Klampen, Springe 2007, 128 S., 14 EUR

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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