Weißer Phosphor, keine Bilder

Blockadebrecher "Al Djasira" Den Bürgern im Westen werden bei diesem Krieg viele Eindrücke und Informationen vorenthalten

Die Live-Übertragungen der US-Sender CBS und ABC von den Schlachtfeldern des Indochina-Krieges Ende der sechziger Jahre haben weder die amerikanische Bevölkerung noch die Weltöffentlichkeit darin bestärkt, den Siegeswillen der damaligen Regierung Nixon zu teilen. Als eher kontraproduktiv erwies sich auch die im Irakkrieg (2003) und im letzten Libanonkrieg (2006) verfolgte Praxis, Korrespondenten mit der amerikanischen beziehungsweise israelischen Armee mitziehen zu lassen, ihnen aber bei diesem Embedded-Journalismus letztlich nur zu erlauben, Militärbriefings wiederzugeben. Das Publikum hielt vom Informationswert eines solcherart "eingebettetem" Journalismus nicht viel, der an Methoden des Ostblocks und übrig gebliebener Diktaturen erinnerte.

Diesmal nun hat Israel beschlossen, überhaupt keine Reporter ins Kriegsgebiet zu lassen, um so die weltweite Information und Debatte einigermaßen steuern und die Version vom "verzweifelten Verteidigungskrieg" verbreiten zu können. In Deutschland spielten viele Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF, in den ersten beiden Kriegswochen auch brav mit: Weil Israel eine Nachrichtensperre verhängt habe, gäbe es keine Bildberichte aus Gaza, wurde willig kolportiert. Bestenfalls konnte etwa die Arte-Redaktion dorthin telefonieren. Vom Leiden und Sterben der Zivilisten erfuhr man nur indirekt, weil die Hilfsorganisationen erklärten, es sei unmöglich, Nahrung und Medikamente nach Gaza zu bringen. Dabei wurde einfach unterschlagen, dass die dortige Bevölkerung nicht erst seit Beginn der Operation Gegossenes Blei, sondern seit über zwei Jahren aufgrund des israelisch-ägyptischen Boykotts keinen normalen Zugang zu unverzichtbaren Lebensgütern mehr hat.

"Al Djasira" sendet - und zwar live

Die westliche Nachrichtenpolitik wuchs sich insofern zum Skandal aus, weil jeder Sender problemlos aktuelle Bilder und Videofilme aus Gaza erwerben konnte, obwohl das Gebäude des palästinensischen Fernsehens schon am 27. Dezember, dem ersten Tage der Bombardements, zerstört wurde. Die direkte Berichterstattung vom Kriegsschauplatz fand dennoch statt. Der seit 1996 im Emirat Katar stationierte Sender Al Djasira, der schon vor zehn Jahren in der Lage war, direkte Bilder der Operation Desert Fox zu liefern - es waren Szenen des siebzigstündigen Bombardements der Vereinigten Staaten und Großbritanniens auf 100 militärische Ziele im Irak - sichert auch jetzt eine rundum direkte Berichterstattung aus Gaza und zwar mit Hilfe seit langem dort arbeitender Journalisten wie Samir Schamali und Hiba Akela.

Sie haben mit ihren Teams die Einschläge von Bomben aus der Perspektive der Bombardierten gezeigt und zwar live. Ergänzt durch dramatische Bilder aus Rettungsstationen und Hospitälern, wo die Verwundeten mittlerweile auf Tüchern oder nur auf den Armen ihrer Retter hereingetragen und oft auf dem Fußboden behandelt werden müssen. Fast ausschließlich Zivilisten - die Hälfte der Toten sind laut Al Djasira Frauen und Kinder.

Wer in Gaza Häuser, Straßen oder ganze Viertel verteidigt hat, konnte vom ersten Tag der Bodenoffensive an nicht mehr geborgen und behandelt werden - das Sterben der palästinensischen Kämpfer sah und sieht man auch bei Al Djasira nicht. Der Sender zeigt immer wieder die Klagen von Menschen aus dem Gaza-Streifen, die ihre Familien verloren haben, als Panzer in die Vororte von Gaza-City vorstießen.

Gezeigt werden im Programm dieses Kanals die pro-palästinensischen Demonstrationen in Kairo, Amman oder Damaskus ebenso wie in London, Paris oder Berlin, dazu die Statements von israelischen, arabischen und europäischen Politikern zum Kriegsgeschehen. Da Al Djasira auch die jeweils aktuellen Briefings von Premier Olmert, seiner Minister Barak und Zipi Livi in arabischer Übersetzung präsentiert sowie Berichte über die Einschläge von Kassam-Raketen in Israel, kann von Einseitigkeit keine Rede sein. Dass die stets von Neuem schrecklichen Bilder aus den Bombenzonen in Gaza emotional aufwühlen, ist nicht Schuld des Senders.

Das westliche Publikum wird von den Realitäten dieses Feldzugs abgeschirmt

Eine bewusst einseitige Berichterstattung ist diesmal eher dem Westen anzulasten, der 1998 die Bildsequenzen von Al Djasira über Desert Fox noch gern übernommen hatte oder im Oktober 2001 die Aufnahmen von US-Luftangriffen auf Kabul, bei denen die Sendestation und Redaktionsräume des arabischen Senders zu guter Letzt zerstört wurden. Jetzt soll das Fernsehpublikum in Deutschland, Österreich oder Italien vor den Realitäten dieses Feldzugs offenbar abgeschirmt werden. Zwar wird verbal eingeräumt, dass es in Gaza eine humanitäre Katastrophe gäbe, aber im gleichen Atemzug erklärt, dies sei von den Palästinensern selbst verschuldet. Was geschieht - wird unterschwellig suggeriert - sei die Strafe dafür, sich nicht widerstandslos in einem Freiluftgefängnis aushungern zu lassen.

Der nur durch seine eigenen Medien informierte Bürger in West- und Mitteleuropa hatte zu Beginn der Woche noch nichts davon erfahren, dass die israelische Armee seit dem 10. Januar über Gaza-City und dem Lager Jebaliya Bomben abwirft, die weißen Phosphor enthalten. Der Einsatz dieser starken Rauch entwickelnden Waffen dient der Deckung vorrückender Truppen, die dadurch selbst keine Sichtbehinderung erfahren. Der Einsatz dieser Waffen ist international geächtet, sobald durch die stark ätzenden Substanzen auch Zivilisten getroffen werde können. Seit dieser Woche haben nun die Hospitäler in Gaza eine erhebliche Zahl von Frauen und Kindern zu behandeln, die mit schwer verätzten Augen eingeliefert wurden. Andere Verletzte litten unter schweren Schusswunden, die von Streubomben herrühren sollen. Ärzte und Helfer in den Rettungsstationen, die ohnehin kaum noch Medikamente haben, erklärten gegenüber Al Djasira, dass ihnen diese Art von Verwundungen vollkommen neu seien und sie keinerlei Behandlungsmöglichkeiten hätten.

Um die israelische Version vom ordentlich geführten und legitimen Verteidigungskrieg zu stützen, werden in deutschen Medien auffällig wenig Menschen und Meinungen präsentiert, die daran erinnern, dass die Entwicklungen im Konflikt mit den Palästinensern jetzt allem zuwider laufen, was die Friedensforschung seit Jahrzehnten als Allgemeingut etabliert hat. Die permanente militärische Abstrafung eines Gegners führt in der auf Gleichheit aller Menschen orientierenden Moderne nicht zur Unterwerfung oder gar zum Frieden, sondern provoziert Märtyrertum und Terrorismus. Friedliche Nachbarschaft von Völkern kann sich nur durch die gegenseitige Anerkennung gleicher Rechte entwickeln - also sollte den Palästinensern ein lebensfähiger, rundum souveräner Staat zugestanden sein.


Gaza-Chronik

September 2005 - Abzug
Israel zieht nach 38 Jahren Besatzung die Armee aus dem Gaza-Streifen zurück, auch die Siedlungen werden geräumt. Gleichzeitig wird das nur 360 Quadratkilometer große Territorium völlig abgeriegelt, nicht nur zu Lande, sondern gleichfalls durch eine See- und Luftblockade. Auch für israelische Zivilisten gilt nun ein Einreise- und Aufenthaltsverbot.

Januar 2006 - Wahlsieg
Wie im Westjordanland siegt Hamas bei den ersten freien Wahlen nach den Autonomieabkommen von 1993/94 auch im Gaza-Streifen mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit und erhebt Anspruch auf die Regierungsbildung.

Mai/Juni 2007 - Bruderkrieg
Nach einem Putschversuch der Fatah gegen die von Hamas geführte Regierung kommt es zu einem mit Waffengewalt ausgetragenen innerpalästinensischen Konflikt. Im Ergebnis herrscht die Fatah unter Mahmud Abbas in der Westbank - die Hamas-Führung als Regierung in Gaza.

September 2005 - Feindesland
Das israelische Kabinett erklärt den Gaza-Streifen zum "feindlichen Gebiet" und kürzt die bereits limitierten Strom-, Lebensmittel- und Treibstofflieferungen an die Zivilbevölkerung.

November 2007 - US-Bürgschaft
Israel und die Fatah vereinbaren in Annapolis (USA) eine Wiederaufnahme der Verhandlungen. Der Gastgeber USA verbürgt sich für eine bis Ende 2008 zu treffende "Rahmenvereinbarung" für eine Zwei-Staaten-Lösung, zu der es jedoch nicht kommt.

Januar 2008 - Totalblockade
Israel riegelt den Gaza-Streifen so hermetisch ab, dass eine vollständige Blockade die Folge ist und die Stromversorgung für 800.000 Palästinenser zusammenbricht. Kurz darauf stürmen Tausende Gaza-Palästinenser die Grenze zum Nachbarland Ägypten und decken sich eine Woche lang mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten ein.

März 2008 - Generalprobe
Massive Kämpfe im Gaza-Streifen mit 125 Toten auf palästinensischer Seite und zwei Gefallenen der israelischen Armee - die Operation Heißer Winter fordert in Gaza innerhalb von 48 Stunden die höchste Opferzahl seit dem Sechs-Tage-Krieg vom 1967.

April 2008 - Kommandoaktion
Hamas-Anschlag auf den Grenzübergang Kerem Schalom, bei dem drei der Angreifer getötet und 16 israelische Soldaten verletzt werden. Bei einer Kommandoaktion der Luftwaffe Israels werden daraufhin zehn mutmaßlich militante Palästinenser gezielt getötet.

Juni 2008 - Waffenruhe
Die Regierung Olmert und zwölf palästinensische Organisationen aus dem Gaza-Streifen, darunter Hamas, vereinbaren eine sechsmonatige Waffenruhe, von deren Verlauf es abhängen soll, ob die Abriegelung der Region gelockert wird.

August 2008 - Flucht
Nachdem die Kampfhandlungen zwischen verschiedenen palästinensischen Fraktionen wieder ausbrechen, fliehen die noch im Gaza-Streifen verbliebenen Reste der Fatah-Führung in die Westbank.

November 2008 - Tunnelkampf
Trotz der Waffenruhe kommt es zu einem gezielten Militäreinsatz Israels gegen einen Tunnel in der Nähe der Grenze zu Ägypten, bei dem sechs Palästinenser getötet werden.

Dezember 2008 - Kriegsausbruch
Hamas erklärt, der Waffenstillstand werde nach seinem Ablauf am 19. Dezember nicht verlängert, da sich an der Isolation des Gaza-Streifens durch Israel nichts geändert habe. Hamas beginnt kurz darauf mit dem Beschuss südisraelischer Grenzstädte, die israelische Luftwaffe am 27. Dezember mit der Bombardierung des Gaza-Streifens - die erste Phase der Operation Gegossenes Blei.

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01:00 16.01.2009
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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