Wenn die Leitkultur zur Märchenkultur wird

Gewalttat in Potsdam Dem Interpretationsfieber scheinen ebenso wenig Grenzen gesetzt wie dem Hang zur Verdrängung

Obwohl die Unschuldsvermutung gegenüber Tatverdächtigen zu einem der wichtigsten Grundsätze des Rechtsstaats gehört, verleitet die Gewalttat gegen den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. in der Nacht zum Ostersonntag in Potsdam sowohl Politiker als auch die Presse zu teils sehr unvorsichtigen Äußerungen. Sie offenbaren einen vorschnellen Interpretationswahn, von dem zumindest anzunehmen ist, dass er sich weder um Wahrheit noch um wirkliche Ursachen schert. Ein Vorfall wie dieser bedient, ehe er geklärt ist, offenbar vielfältige Interessen. Bundesinnenminister Schäuble räsonierte öffentlich über die Binsenweisheit, dass auch blonde und blauäugige Deutsche Opfer von Gewalt werden können, die von Ausländern ausgeht. Wenn man von vornherein Verbrechen mit rassistischem Hintergrund auf eine Stufe mit allen anderen denkbaren Hintergründen stellt, mindert man jedenfalls die Mitverantwortung der Politik. Schäuble setzte noch eins drauf, indem er für den Fall, dass sich ein rassistischer Hintergrund dennoch erweisen sollte, die Abschottung der - Gott hab sie selig - ehemaligen DDR dafür verantwortlich machte.

Brandenburgs Innenminister Schönbohm, der vor wenigen Monaten ebenfalls der DDR eine Mitschuld daran gab, dass eine Brandenburger Mutter ihre neugeborenen Kinder umgebracht und in Blumenkästen vergraben hatte, sah in dem vorösterlichen Ereignis die Chance, den Fehler einer so engherzigen Interpretation auszubügeln und verkündete, dass eine solche Tat durchaus auch in New York, London und Paris passieren könnte. Und er fand es übertrieben, dass sich gleich die Bundesanwaltschaft damit beschäftigte.

Kay Nehm sollte sich allerdings lieber einmal zuviel als einmal zu wenig begangener Straftaten dieses Kalibers annehmen. Ihre öffentliche Wirkung ist nicht nur wegen der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft besonders fatal, sondern auch und gerade, wenn sie zur kriminellen "Normalität" ohne politisches Motiv herabgestuft werden soll.

Am vernünftigsten hat die Potsdamer Zivilgesellschaft reagiert, indem sie auf die Straße ging und vor dem offenbar immer stärker werdenden Milieu gewaltbereiter rechter Subkulturen warnte. Denn selbst wenn sich herausstellen sollte, dass das Opfer in der Osternacht wie die Täter unter Alkohol gestanden hat, bleibt schwerste Körperverletzung trotzdem ein Verbrechen. Und auch wenn es sich nicht um einen von langer Hand geplanten Anschlag gehandelt haben sollte, ist ein rassistischer Hintergrund der Tat dank des Handy-Mitschnitts eines der mutmaßlichen Täter doch zu erkennen. Dieser Hintergrund scheint sich auch durch die Verankerung von zumindest einem der Verdächtigen in der neonazistischen Szene zu bestätigen.

Politik und Medien sind dankbar, wenn sie alle 14 Tage eine neue Sau durchs Dorf treiben können. Auf diese Weise gelingt es, mit wenig durchdachten Betroffenheitsgesten zu erreichen, dass die stets dringlicher werdenden Fragen nach Ursachen und tieferen Gründen aufs Neue vertagt werden. Da in den Wochen zuvor die Berliner Rütli-Schule ins Licht der Öffentlichkeit geraten war, scheint es gegenwärtig logisch, dass nicht alle Migranten Engel sind. Und es wurde auch schon oft bewiesen, dass nicht jeder Neonazi arbeitslos ist. Da sich die meisten Benachteiligten dieser Gesellschaft - wenigstens in der Öffentlichkeit - nichts zuschulden kommen lassen, scheint erwiesen, dass die bislang "mit der Gießkanne" über sie ausgegossenen Präventionsinitiativen ohnehin nicht dort wirksam wurden, wo es nötig gewesen wäre.

Seit nicht zuletzt durch die Pisa-Studien klar wurde, das bundesdeutsche Bildungssystem ist keineswegs - wie bis dahin allgemein angenommen - Weltspitze, hat sich der Trend durchgesetzt, viele Missstände im Land dem Erziehungswesen anzulasten. Es ist mittlerweile zum Objekt des Reformeifers der Regierenden geworden, die dabei unter Beweis zu stellen suchen, dass eine Verbesserung auch und gerade durch Sparen möglich ist. So rief vor Tagen die Bundesfamilienministerin von der Leyen ein Bündnis für Erziehung ins Leben, in dem die beiden größten christlichen Kirchen des Landes für den Wertekanon zuständig sind und später vielleicht einmal mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und Glaubensgemeinschaften darüber einen Dialog suchen sollen. Man sieht: Die Leitkultur bringt sich auch auf dieser Ebene in Stellung. Vielleicht ist es ja wirklich eine gute Sache, wenn das Wahlvolk glaubt, die Kinder der Neonazis - soweit sie welche haben - könnten in christlichen Kindergärten und Gesamtschulen ethisch-moralisch evaluiert werden. Etwas mehr Christentum - wie es zum Beispiel durch das Kreuz in Bayerns Schulklassen immer noch gewährleistet wird - wäre gewiss auch für die Kinder der Muslime das Beste. Von den Vorteilen für die leider so große Nachkommenschaft der Atheisten ganz zu schweigen.

Wie lange eigentlich soll noch damit fortgefahren werden, dass in dieser Republik sämtliche sozialen Konflikte und Ängste einfach negiert und ihre Opfer und Täter auf ein künftiges Wunderreich der political correctness verwiesen werden, das mit Sicherheit nicht von dieser Welt ist?


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Ihre Freitag-Redaktion

02:00 28.04.2006
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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