Die Angstlust der Bürger am Knall

Literatur In „Kürzere Tage“ erzählt Anna Katharina Hahn mit trockenem Witz und kühler Distanz von braven Frauen, falscher Idylle und von der Leere hinter schmucken Fassaden

Judith aus der Stuttgarter Constantinstraße sorgt dafür, dass ihre Kinder behütet aufwachsen. Naturkost, Holzspielzeug, Stoffservietten. Und selbstverständlich gibt es in der Küche keine feindliche Spülmaschine – wie sollen Kinder lernen, freudig „mitzutun“, wenn überall seelenlose Geräte herumstehen?

Judith hat den sauberen und ungefährlichen Hochschullehrer Klaus geheiratet, nachdem ihr Freund Sören, ein Medizinstudent, sie lang genug fertiggemacht hat und es auch mit ihrer eigenen Magisterarbeit (Kunstgeschichte) nichts wurde. Jetzt geht sie ganz in den Regeln und Ritualen der Anthroposophen auf. Sie weiß aber heimlich: Klaus und sie selbst sind „der gute Junge und das Biest“, denn sie trägt mindestens ein hässliches Geheimnis mit sich herum: Judith schluckt mothers little helpers, die dezente Tablettendroge.

Leonie ist keine Vollzeithausfrau- und Mutter; sie arbeitet bei einer Bank und lässt ihren Kindern Plastikspinnen und abwaschbare Tatoos durchgehen. Ihr Mann Simon ist schon recht, aber ganz ernst kann sie diesen ehrgeizigen Aufsteiger nicht nehmen; bei allem Erfolg fehlt es ihm an gesellschaftlichem Schliff; außerdem überlässt er ihr zu Hause die meiste Arbeit.

Der fremde Türke von nebenan

Das kinderlose alte Ehepaar Posselt empfindet diskretes Wohlwollen für die jungen Familien – selbst die alleinerziehende Hanna mit krankem Kind ist mehr oder weniger akzeptiert. Fremd sind randalierende Youngster wie der zwölfjährige Marco aus dem benachbarten „Problemviertel“. Fremd bleibt auch der türkische Nazim, obwohl sein Feinkostgeschäft um die Ecke durchaus die Bedürfnisse der begüterten Bürger erfüllt.

Katharina Hahn, Jahrgang 1970, hat schon in vorausgegangenen Büchern hiesige Milieus auf detailgenaue, scharfblickende Weise dargestellt. Kürzere Tage nun untersucht verschiedene gesellschaftliche Lebensentwürfe- und Realitäten, wobei die der bürgerlichen Frauen um Mitte Dreißig im Mittelpunkt stehen. Das Resultat ist so ernüchternd wie rätselhaft.

Ernüchternd, wenn auch nicht unbedingt neu: Hinter der schmucken Fassade sind die Frauen unbefriedigt, leer, dabei voll Lebensangst und/oder Lebensgier. Rätselhaft: Was ist etwa bei Judith schief gegangen? Hahn umreisst deren Vorgeschichte leider nur, aber trotzdem hat man den Eindruck: Diese Judith hat das Privileg des Studiums nicht sonderlich klug genutzt.

Kräuter im Mund

Ein braves Mädchen: Brav gab sie ihren Kommilitonen das Flittchen, ebenso brav trug sie den intellektuell und universitär gebotenen grundsätzlichen Zweifel an allem vor sich her. Brav hat sie die Magisterarbeit über den ungeliebten Max Beckmann begonnen, obwohl sie doch die friedfertigen Bilder des Hans Thoma bevorzugte. Eine abgrundtiefe Angst löste schon früh den Wunsch aus, doch bitte sehr eine Mumie zu sein, „mit trockenem Kräuterbüschel im Mund“. Vielleicht hat sie das ja geschafft.

Was ist ihr eintöniges, bemühtes Hausfrauendasein? Wenn man freundlich gesonnen ist, könnte man sagen, Judith ist „angekommen“ in einer überschaubaren Welt; ihre Ziele gehen nicht über den unmittelbaren Nahbereich hinaus; sie bemüht sich, das Familienleben leidlich verantwortlich zu gestalten. Und doch ist sie sich selbst verdächtig, sieht sich oft mit Sörens Augen: Lebt sie in einer abscheulichen Idylle, hat sie resigniert und sich in eine aussterbende Lebensform geflüchtet?

Es ist einfach und ziemlich wohlfeil, in einer Zeit des durchdrehenden Kapitalismus über anthroposophisch orientierte Alltage zu lästern, aber Hahns Darstellung ist derartig subtil und spitzzüngig, dass man durchaus sein hämisches Vergnügen hat. Das Mitleid der Autorin gilt Marco. Mit einer behutsamen Empathie, die an Theodor Weißenborn erinnert, nähert sie sich diesem verwahrlosten, mißhandelten Heranwachsenden, einem Stiefkind der Gesellschaft, einer überforderten apathischen Mutter und eines brutalen Stiefvaters namens „Pornostar.“ Marco will weglaufen, nach Estland, zu einem früheren Freund seiner Mutter; zum einzigen Mensch, der sich je mit ihm abgegeben hat.

Das Durcheinander von Schmerz, Hass und Sehnsucht in diesem Jungen wird unsentimental und doch nahegehend geschildert. Die Autorin hat ganz offensichtlich auch Sympathien für das alte Ehepaar Posselt. Die Frau findet ihren Mann morgens tot auf; und die Szene, in der sie sich an ein langes gemeinsames Leben erinnert, in der sie mit ihm spricht und ihn wäscht, ist bewundernswert in ihrer Intensität, Emotionalität, in einer Zärtlichkeit, die mit keinem Satz in den Kitsch abstürzt.

Das Problem dieses Romans liegt in der sich langsam zuspitzenden Handlung, die Hahn ihren Protagonisten aufgezwungen hat. Gegen Ende knirscht die Konstruktion etwas zu sehr. Als reiche es nicht, die Milieus so unverbunden nebeneinander stehen zu lassen, wie es ja überwiegend dem hiesigen Alltag entspricht, muss das Buch in diversen Katastrophen münden, bei denen sich alle irgendwie treffen. Judith begleitet Hanna und ihr anfallgeschütteltes Kind ins Krankenhaus und begegnet Sören, der mittlerweile Arzt geworden ist – ein Anlass für Judith, erneut ihre Identität infrage zu stellen. Ehekrise bei Leonie und ihrem Mann; Marco überfällt das türkische Feinkostgeschäft, in dem sich die halbe Nachbarschaft aufhält; es ist voraussehbar, dass er in seinem Stress gleich den ganzen Laden abfackelt. Diverse vom Getümmel verwirrte Kinder werden zu den alten Posselts geschickt und halten eine eigene Totenwache für den Verstorbenen ab – ach ja.

Feuer und Flamme

Hahn ist nicht die Einzige, die gegen Ende ihres Romans auf Action und den großen Knall setzt; erst unlängst hat Olga Flor in ihrem Roman Kollateralschaden eine vergleichbare Strategie verfolgt. Was soll das? Warum traut Hahn den innerlichen Dramen ihrer Gestalten so wenig? Warum inszeniert sie den kinotauglichen Rausch äußerlicher Zerstörung, mit Feuer und Flamme, Rettungswagen, Polizei?

Hinter den gepflegten, denkmalgeschützten Fassaden bewegen sich gut situierte und doch verunsicherte und unbefriedigte Existenzen; deren Alltag ist so kleinkariert und banal, dass man ihnen die „Angstlust“ an der Katastrophe zutraut.

Deren Verursacher ist in Hahns Roman einer der „Überflüssigen“ aus dem Prekariat, Opfer und Täter gleichermaßen. In der Realität „gibt es das“ haufenweise, natürlich. Und doch kann man bedauern, dass der Roman seiner Konstruktion nach die Perspektive der Reste des Bürgertums letztlich wiederholt: Horror und Schrecken gehen bei aller Anteilnahme für Marco hier einmal mehr vom Schwächsten aus – ein Begriff wie „strukturelle Gewalt“ ist für Judith und ihresgleichen ein Fremdwort. Aber wahrscheinlich hätte es den Roman überfrachtet, wenn die Autorin ihren Figuren mehr analytischen Durchblick gegeben hätte.

Es mag ein subjektiver Eindruck sein: Aufregend ist das Buch, wo es auf dem Nicht-Aufregenden insistiert. Die minutiöse Darstellung unterschiedlicher Milieus, mal mit trockenem Witz und kühler Distanz, mal leidenschaftlich einfühlsam, machen den Roman zu einer guten Lektüre.

Kürzere Tage Anna Katharina Hahn, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 2008, 223 S, 19,80

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