An der Schnittstelle

Zeitschriftenschau Raoul Schrott zählt zu den produktivsten und umstrittensten Schriftstellern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wie kaum ein anderer unter den ...

Raoul Schrott zählt zu den produktivsten und umstrittensten Schriftstellern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wie kaum ein anderer unter den Jüngeren wird er bewundert und ebenso heftig beneidet. "Genie oder Scharlatan?" titelte im November 2003 die Zeitschrift Literaturen. Der 1964 geborene Tiroler wurde bereits 1988 promoviert; zehn Jahre später habilitierte er sich an der Universität Innsbruck über den Dadaismus. Er ist universell erfolgreich als Essayist, Übersetzer aus den verschiedensten Sprachen, als Anthologist, Lyriker und Erzähler - ein wahrer Poeta doctus, der sich gelegentlich sogar auf naturwissenschaftlichem Terrain bewegt.

Die jüngste Ausgabe der literaturwissenschaftlichen Zeitschrift Text + Kritik ist Raoul Schrott gewidmet. Eröffnet wird der Band mit neuen Gedichten Schrotts, einem Bert Brecht anrufenden Zyklus, in dem es recht handfest zugeht: "anders als für dich war ficken für mich keine / katzbalgerei sondern die schale milch ... / ablecken möchte ich sie ..."

Alles Poetische ruht bei Schrott in uralter, zumindest antiker oder biblischer Tradition, und die gelehrten Autoren des Heftes wollen mit ihren Beiträgen natürlich vor dem Hochgebildeten bestehen und demonstrieren ihr Wissen - lauter ambitionierte jüngere Dozenten oder Schriftsteller, die sich mit Theorien munitioniert haben, was eine Wiedergabe nicht gerade einfach macht. Doch Schrott ist ein so kluger und wandlungsfähiger Kopf, dass sich die Beschäftigung mit seinen Arbeiten allemal lohnt.

Iain Galbraith stellt zum Beispiel die poetologische Frage, wie ein Gedicht zustande kommt, worauf schon Hesiod um 700 v. Chr. zur Antwort gab, die Musen hätten ihn den schönen Gesang gelehrt. Mit Hesiod teilen erstaunlich viele moderne Lyriker bis in die Gegenwart die Erfahrung, "dass ein Gedicht sich nicht am Reißbrett planen lässt." Sie vertrauen weiterhin auf die (andernorts geschmähte) "Inspiration", auf die "Einmaligkeit des Schreibakts", dem stets etwas Unbewusstes, ja Geheimnisvolles innewohnt.

Auch Schrott wendet sich in seinen Essays, so Galbraith, immer wieder den Rätseln zu, die dem Entstehungsprozess des Gedichts nach wie vor anhaften. Erst im Gedicht, durch seine mehr oder weniger strenge Form, bilde sich ein "intensiver metaphorischer Raum", in dem sich "alles Private versachlicht." Aus subjektiven Erinnerungen und tagebuchartigen Notizen entwickle sich etwas "Exemplarisches". Das Gedicht ist für Schrott "eine Schnittstelle, wo sich die Koordinaten des Raumes und der Zeit, alle Kategorien des Wissens und der Augenblick der Intuition mit der historischen Dimension des Ortes und der Etymologie der Wörter überkreuzen."

Die Wüste als literarischer Ort in Schrotts Gedichten ist das Thema von Wendy Skinner. Auch hier knüpft der Literaturarchäologe bewusst an eine Tradition an, der zufolge der Ursprung der Poesie in der Wüste liegt, also in der Erfahrung der leeren ungestalteten Landschaft. Die Wüste setze geläufige Kategorien menschlichen Verhaltens außer Kraft und verweise auf eine "andere Poetik". Sie intensiviere die Grenzerfahrungen (Hitze, Kälte) und damit die Wahrnehmung dessen, was ist.

Weitere Heftbeiträge widmen sich etwa Schrotts 700 Seiten langem utopischem Roman Tristan da Cunha oder seinem "Dialog mit den Naturwissenschaften". Von Dorothea Dieckmann wird Schrott als "Kritiker seiner Kritiker" vorgestellt und kommt dabei nicht besonders gut weg. Richtig verrissen wird dann freilich seine Übersetzung des Gilgamesch-Epos, und zwar von einem Fachmann, dem Altorientalisten Michael P. Streck. Der konstatiert nüchtern, dass Schrott nachweislich die Keilschrift und das Babylonische des ersten und zweiten vorchristlichen Jahrtausends nicht beherrsche und sich damit begnügt habe, statt des Originals "Übersetzungen zu übersetzen", daher allzu oft nicht wisse, wovon er spreche. Ein Fehler folge dem anderen, das Ergebnis sei unbrauchbar.

Auch über Ilse Aichinger liegt seit kurzem ein Heft von Text + Kritik vor, das sich - ähnlich wie bei Schrott - aus germanistisch ambitionierten, daher meist komplizierten und fußnoten-bewehrten Beiträgen zusammensetzt. Am Eindrücklichsten wirken Aichingers eigene Texte, die in diesem Heft zum ersten Mal veröffentlicht werden. Es handelt sich um drei sehr frühe, noch seltsam mädchenhafte Tagebuch-Aufzeichnungen aus dem Jahr 1945 sowie um ein erstaunliches Rundfunk-Feuilleton über Adalbert Stifter von 1957. "Wer im geeigneten Augenblick Stifters Werk in die Hand bekommt, wird wieder ermessen, was es heißt, auf der Erde zu sein." Der Satz steht bereits am Ende des zweiten Absatzes und raubt einem fast den Atem. Aichinger sieht in Stifter weniger den Idylliker der Biedermeierzeit, sie rückt ihn vielmehr zu Recht in die Nachbarschaft Kleists und Hölderlins. Seine Worte, so vermutet sie, könnten "der Angst, der Todesnähe standhalten", woraus zu folgern sei, "dass Stifter selbst und seine Arbeiten sich in der Nähe des Todes, der Angst und an den Grenzen der Geschwindigkeit befinden." Er könne Trost spenden, "den Trost, der von der Untröstlichkeit weiß."

Geboren 1921 in Wien, wurde Ilse Aichinger, nachdem 1948 ihr Roman Die größere Hoffnung erschienen war (von dem auch eine zweite Fassung von 1960 existiert), Anfang der fünfziger Jahre mit parabolisch verknappten Erzählungen, Hörspielen, Szenen, Dialogen und Gedichten sehr bekannt und erhielt in der Folge zahlreiche Preise. In den siebziger Jahren schrieb sie immer weniger, auch immer abstrakter, bis sie schließlich verstummte. Erst viele Jahre später meldete sie sich mit wöchentlichen Zeitungskolumnen und Film-Feuilletons wieder zu Wort, in einer veränderten, präzisen und unerbittlichen Sprache.

Über Aichingers Verhältnis zu Wien, der Stadt, die für sie alles bündelt, berichtet Brita Steinwendtner. Wien ist Bezirk glückhafter Kindheit, später Schauplatz von Terror und Tod, seit 1988 Ort der Heimkehr und zugleich der Entfremdung. In Wien wuchs sie mit ihrer Zwillingsschwester auf, hier überlebte sie als "Mischling ersten Grades" die Naziperiode, hier begann sie, der Opfer eingedenk, zu schreiben. Hier starb 1998 ihr Sohn Clemens Eich. Und hier schrieb sie auch ab Herbst 2000 ihre angriffslustigen Kolumnen unter dem Titel Schattenspiele als Chronistin für den Standard und Die Presse.

Text + Kritik Nr. 176, 2007; über Raoul Schrott (Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen), 16 EUR

Text + Kritik: Nr. 175, 2007; über Ilse Aichinger (Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen), 16 EUR

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Geschrieben von

Michael Buselmeier

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