Davon griech ich nie genug

Jogis Tagebuch 12 Heute berichtet Jogi, warum seine Spieler Fritten essen mussten und weshalb Angela Merkel ihn mit Anrufen terrorisiert. Außerdem quält er Oliver Bierhoff
Davon griech ich nie genug

Illustration: der Freitag

Montag, 18. Juni

Unabhängiger Journalismus gehört zu den Nebenwirkungen der Demokratie, die ich gelernt habe hinzunehmen. Fußballreporter überbieten sich gegenseitig darin zu fragen, wie man sich gefühlt habe, wie man sich gerade fühle und wie man sich fühlen werde. Heute Morgen aber sprach ich mit einem jener Exemplare, die in der Politikredaktion keinen Platz gefunden haben, aber trotzdem denken, sie könnten etwas verändern.

„Herr Löw, finden Sie es nicht bedenklich, dass McDonalds und Coca-Cola die Hauptsponsoren der EM sind und dass auch Spieler Ihrer Mannschaft Werbung machen für Lebensmittel, die nicht gerade gesundheitsfördernd sind?“
„Das sind doch alles ganz tolle Produkte, die zur Basisernährung eines jeden Sportlers gehören.“
„Cola, Cornflakes, Burger, Bier, Schokopudding und Nutella sollen gut für einen Sportler sein?“
„Sie tun ja gerade so, als sei das Gift. Wollen Sie, dass die Spieler den ganzen Tag Streuwiesenobst essen?“
„Na ja, es gibt ja auch noch was dazwischen.“
„Sie reden vielleicht einen Unsinn daher. Wenn Sie mir nicht glauben, dann werden meine Spieler in den nächsten Tagen nur essen, wofür sie und die Uefa auch werben.“
„So war das nicht gemeint. Ich will ja nicht das Projekt von nationaler Bedeutung gefährden.“
„Nein, nein, das machen wir jetzt.“

Als ich der Mannschaft den Entschluss verkündete, regte sich Widerstand.
„Trainer“, sagte Manuel Neuer, „Wir machen ja nicht dafür Werbung, weil wir die Produkte so toll finden, sondern weil wir Geld dafür bekommen. So wie Sie für diese Hautcreme.“
„Aber Ihr werdet doch trotzdem für nichts Werbung machen, von dem ihr nicht überzeugt seid. Ihr spielt doch auch nicht bloß wegen der Prämien für die Nationalmannschaft, oder?“

Es folgte nicht gerade das angenehmste Schweigen.

„Wie dem auch sei, ab heute nur noch Cola, Bier, Nutella, Cornflakes, Hamburger, Pommes. Und Olli – für dich nur Schokoladenpudding. Denn: Dany Sahne von Danone, davon kriegt der Olli nie genug. Los geht’s. Mittagessen!“
Olli schluckte. Koch Stromberg tischte widerwillig auf. Ich hatte ihn mit dem Versprechen überzeugt, dass er in der nächsten Woche all seine geliebten Biovollkornnudel- und Fairtradereisrezepte kochen dürfe.

Beim Mittagessen setzte sich Wolfgang „die graue Maus“ Niersbach zu mir. „Hat die Kanzlerin Sie schon erreicht?“
Ich sah auf mein Handy. Vierundneunzig nicht angenommene Anrufe.
„Nö, kein Anruf.“
„Merkwürdig… auf jeden Fall ist es dringend. Rufen Sie sie bitte zurück.“
„Wieso? Sie will doch was von mir.“
„Sie ist die Kanzlerin.“
„Ich bin der Bundestrainer.“
Wolfgang verdrehte die Augen und zog ab. Er spurt allmählich.

Um zu sehen, wie sich die neue Ernährung auf die Leistungen der Spieler auswirkte, begutachtete ich sie ausnahmsweise mal wieder beim Training. Das klingelnde Handy ignorierte ich. Sie schleppten sich über den Platz, einige schwankten bedenklich, Lahm ging zum Kotzen hinter einen Baum.
„Ihr habt wohl nicht ausreichend gegessen“, sagte ich, „dann mal ab in die Küche, da wartet noch ein leichter Snack auf euch. Olli, das gilt auch für dich. Dany Sahne von Danone, davon kriegt der Olli nie genug.“

Alle fluchten laut, leisteten aber keinen Widerstand und zogen Richtung Küche.

Ich sah auf mein Handy. SMS von Ron-Robert Zieler. „Hallo Trainer, bin noch in Charkow, kann mich jemand abholen?“ Da kam mir eine Idee.
„Marco und Per, Schluss jetzt mit dem Gefresse. Ihr schnappt euch ein Auto unseres Prämiumpartners und holt Ron-Robert in Charkow ab.“
„Trainer, wir haben jeder vier Cola-Bier getrunken“, sagte Marco.
„Na und? Ohne drei Klare hätte ich meine Führerscheinprüfung niemals bestanden. Abfahrt!“
Die Schlangenlinien, die sie fuhren, hielt ich für unbedenklich.

Nun ist es bereits kurz nach Mitternacht, sie sind bisher nicht zurückgekehrt, aber das sind schließlich auch 1500 Kilometer. Die Weinrunde fiel heute aus, Hansi und Wolfgang entschuldigten sich mit Magenverstimmung. Schlechtes Frittenfett. Hansi war schon im Stadion relativ still gewesen, als wir uns den spanischen Finanzbeamtenfußball angesehen hatten.

Aus Langeweile habe ich deshalb eben die Kanzlerin angerufen.
„Sie wollten mich sprechen?“
„Herr Löw, welch Freude. Ich wollte nur fragen, ob alles okay ist mit dem Team. Sie wissen, wie wichtig es ist, dass wir diese undankbaren, dreckigen Griechen aus dem Turnier werfen.“
„Och ja, die halbe Mannschaft ist betrunken oder hat es am Magen, zwei Spieler fahren gerade in Schlangenlinien in die Ukraine, aber machen Sie sich mal keine Sorgen. Gegen Griechenland wollte ich sowieso die Uwe-Seeler-Traditionself auf den Platz schicken. Das reicht völlig.“
„Wollen Sie sich das nicht nochmal überlegen? Die Griechen, diese verfluchten, müssen vernichtet werden, dass sie um Gnade winseln. Das letzte Selbstbewusstsein muss ihnen ausgetrieben werden, damit wir ihnen unseren Siegfrieden aufdrücken können.“
„Entschuldigung, Frau Merkel, da ist gerade eine Störung in der Leitung. Ich rufe Sie später noch mal an.“

Danach aß ich meinen Dany Sahne. Die Leute von Bayer haben es wirklich drauf.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

10:54 19.06.2012
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