Themenabend EM 2004

Jogis Tagebuch 3 Heute berichtet Jogi, warum Gomez der Ball fast nicht auf den Kopf gefallen wäre. Außerdem verrät er, mit wem er sich während des Spiels SMS geschrieben hat
Themenabend EM 2004

Illustration: der Freitag

Samstag, 9. Juni

Das Schöne an einer Europameisterschaft im Ausland ist die Distanz zu den Fans in der Heimat. Es gibt keinen erschütternderen Anblick als einen Deutschen beim Public Viewing mit Schwarz-Rot-Gold-Riesenhut, einem Trikot, unter dem der Bauch sich nicht nur abzeichnet, sondern herausragt, und mit einem jeden Moment platzenden Döner in der Hand – und dann fällt ein Tor für meine Mannschaft. Klar, ein paar von diesen Exemplaren laufen auch in der Ukraine herum, aber die 38 Fans, die sowohl ein Ticket hatten als auch Lust, ans andere Ende der Welt zu fahren, ist kein Vergleich zu den 80 Millionen Kernassis zwischen Sylt und Zugspitze.

Wir sind vorhin in unser Hotel in Danzig zurückgekehrt, Hansi war noch bei mir und hat mir erzählt, dass Boateng gerade seine Unterhaltung mit dieser Gina-Lisa fortsetzt. Ich meinte zu ihm: „Schick ihn an die Tanke, um uns eine Flasche billigen Wein zu holen, und dann kann er von mir aus auch die Unterhaltung mit dem schwer verknallten Reinhold Beckmann fortsetzen.“ So geschah es dann auch. Zum Wein quarzten wir die Bude voll und sahen uns die Wiederholung des Spiels Dänemark gegen Holland an. Die Aussicht, am Mittwoch eine ehemals große Fußballnation zu zerstören, erfüllt mich mit einer gewissen Freude.

Es ist in der Berichterstattung der Eindruck entstanden, dass ich heute meine beste Mannschaft ins Spiel geschickt hätte. Nichts könnte mir ferner liegen. Warum sollte ich die Edelfußballer von Dortmund schon verheizen, wenn doch die Münchener und Madrilenen die Vorrundensiege souverän nach Hause rumpeln, auch wenn selbst mir diese Motto-Party „EM 2004“ leichte Sorgen bereitete. Ab dem Viertelfinale können sie dann die Bälle auf den Trainingsplatz schleppen und ihre Facebook-Profile aktualisieren. Seitdem Marco Reus sich nicht mehr auf der Stelle den Fuß bricht, sobald er für die Nationalmannschaft nominiert ist, habe ich so viele neue Möglichkeiten.

Nur ein Zugeständnis habe ich für das Spiel gegen Portugal gemacht. Nachdem Hansi mir ein paar Aufnahmen dieses Ronaldos gezeigt hatte, hielt ich es für ratsam, Per Mertesacker draußen zu lassen und einen professionellen Abwehrspieler aufzustellen. Ohnehin hatte ich ihn ja in den vergangenen Spielen nur gebracht, weil ich seinen Namen seinem Gesicht zuordnen konnte. Das kann ich nicht über jeden Spieler behaupten.

Dass Gomez auf dem Platz stand, war dem Versagen von Miroslav Klose geschuldet. Nachdem er mich heute Mittag ungefähr vier Stunden mit dem Satz genervt hatte „Trainer, wissen Sie, wer heute Geburtstag hat?“, schickte ich unseren Koch zum Backen in die Küche. Eine Stunde später kam er mit einem Kuchen wieder heraus, auf dem 34 Kerzen brannten. Ich sagte zu Miro: „Wenn du alle auf einmal ausbläst, dann spielst du heute von Anfang an.“ Miro holte Luft, verschluckte sich und am Ende brannten noch 31 Kerzen. Weder Mario Gomez noch ich waren allzu begeistert darüber, dass nun er von Beginn an spielte. Ich, weil ich um seine Fähigkeiten wusste. Er, weil ihm seine Frisur so gut gelungen war wie noch nie. Dass dann im Spiel ein Ball auf seinen Kopf fiel (man sieht in der Zeitlupe deutlich, wie er noch versucht, auszuweichen) und dann ins Tor prallte, konnte ja niemand ahnen. Nun muss ich ihn mindestens im nächsten Spiel wieder bringen.

Während des Spiels gegen die portugiesischen Betonmischer langweilte ich mich sehr. Meine einzige Maßnahme war es, in der Halbzeit mit dem Verbot des fröhlich-frechen Kaubonbons zu drohen, woraufhin Philipp feuchte Augen bekam und Mario Götze besorgt fragte, ob das auch für die Ersatzspieler gelte. Das Team dürfe doch nicht für das systematische Versagen der Bayern haften. Den Rest der Zeit schrieb ich mir mit José Mourinho SMS, der ein paar Meter entfernt von mir auf der Tribüne saß.
Er: „Hast du Khedira und Özil heute gar nicht aufgestellt?“
Ich: „Hab sie in der Toilette eingesperrt.“
Er: „Und spielt bei euch nicht auch dieser Schweinsteiger?“
Ich: „Ne, hab lieber Paulo Rink gebracht.“

Als ich ihm ein heimlich gefilmtes Video von Boatengs Unterhaltung mit Gina-Lisa in Berlin schickte, revanchierte er sich mit den schönsten Outtakes von Ronaldos Werbespot für Armani (Bremsspuren / auf Gel-Lache ausgerutscht, mit Gesicht gegen Bettkante geknallt, ab ins Krankenhaus). Mourinho ist ein wirklich toller Kerl, weil er die Arroganz, über die auch ich verfüge, öffentlich raushängen lässt. Ich hingegen setze ja immer meinen gewinnenden Dialekt auf, weil ich in meinem tiefsten Inneren doch geliebt werden möchte. Das ist meine einzige Schwäche.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

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11:00 10.06.2012
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Ausgabe 42/2021

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