Damit es jede Sau versteht

Hunger und Profit Wie genau Deutsche Bank und andere mit Spekulationen Hunger verursachen, durchblickt kaum einer. Darum erklärt Foodwatch nun ein komplexes Problem auf einfache Weise

Zumindest haben ihnen die Spekulanten nicht die Lust auf das Essen geraubt. "Wir schließen das demnächst in einem schönen Restaurant ab", verabschiedet sich der Journalist Harald Schumann von Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode. Was die beiden kulinarisch abzurunden planen: Ihre Recherchen zur Verantwortung von Finanzspekulanten für steigende Nahrungsmittelpreise - und damit für das Hungern von Millionen Menschen in den Entwicklungsländern.

"Wie das läuft, versteht doch keine Sau", sagt Bode. Das zeige vor allem die Sprache, in der von den Nahrungsmittelspekulationen gesprochen wird: "Wer weiß schon, was zum Beispiel Futures sind?" Um das zu ändern, hat die Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch Schumann verpflichtet - für ein halbes Jahr hat der sich von seinem Arbeitgeber Tagespiegel freistellen lassen, um die Folgen der Wetten auf Getreide- oder Zuckerpreise zu untersuchen. Das Ergebnis ist der Report "Die Hungermacher - Wie Deutsche Bank, Goldmann Sachs Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmittel spekulieren". Und ein Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann.

Der persönlich trage Mitschuld daran, dass allein 2010 die Nahrungsmittelpreise um ein Drittel gestiegen und so 40 Millionen Menschen zusätzlich in Armut getrieben worden seien. Auf "allermindestens 20 Milliarden Dollar" veranschlagt Schumann die Summe, mit der die Deutsche Bank sich an der weltweiten Spekulation auf die Preisentwicklung von Lebensmitteln beteiligt. Wie sie und andere Branchengrößen wie Goldmann Sachs, Morgan Stanley, Barclays und JP Morgan dabei vorgehen, beschreibt die Studie auf 86 Seiten.

Spekulationen auf Nahrungsmittel machen Sinn - in gewissem Maße

Die für Laien überraschende Erkenntnis zu Anfang: "Ein gewisses Maß an Spekulation ist nützlich." Denn ihre "Futures" genannten Verträge schließen Verkäufer und Käufer zum Beispiel von Weizen teils Monate vor der tatsächlichen Lieferung ab. Indem sie sich dabei auf genaue Menge und konkreten Preis verständigen, sichern sie sich gegen Preisschwankungen ab. Terminbörsen wie die Chicago Mercantile Exchange (CME) oder die Pariser Marché à Terme International de France (MATIF) fungieren als Mittler und lassen sich bei Abschluss eines Vertrags vom Käufer etwa zehn Prozent des Vertragswertes als Sicherheit überweisen. Bis zu einem gewissen Maße sorgten die rein in spekulativer Absicht handelnden Banken und Fonds dafür, dass die Börse liquide ist, erklärt Schumann. Die Börse kann also die Schwankungen von Preisen oder Liefermengen abfedern oder vereinfacht gesagt: Ein Bauer bleibt nicht auf seinem Getreide sitzen, wenn der Bäcker einmal nicht kauft. Doch der Anteil der Spekulanten an den Termingeschäften ist rasant gestiegen: Betrug er bezogen auf den in Chicago gehandelten Weizen 1999 noch 30 Prozent, lag er 2006 schon bei 80 Prozent.

Verantwortlich dafür war der Run der Finanzindustrie auf Anlagen in Rohstoffe, der zur Jahrtausendwende einsetzte – also, nachdem der Handel mit Aktien eingebrochen war. Dagegen versprachen das Wachsen der Weltbevölkerung zum einen und das der Wirtschaft in Schwellenländern wie China zum anderen ein kontinuierliches Steigen der Nachfrage nach Rohstoffen und damit der Preise. Nachdem die Lobby der Finanzbranche im Jahr 2000 die Deregulierung des Handels mit Futures besorgt hatte, wuchsen die Anlagen ins finanzielle Rohstoffgeschäft: Der Foodwatch-Report veranschlagt sie heute auf weltweit 600 Milliarden Dollar. Banken, Versicherungsfonds und Privatanleger kaufen Futures auf Nahrung, die es physisch gar nicht gibt: Das 8,5-fache Volumen der Jahresernte einer bestimmten Weizensorte wurde allein im März dieses Jahres an der Chicagoer Börse gehandelt, zeigt Schumann in dem Report. Weltweit sorgten Spekulanten wie die Deutsche Bank so für eine Verteuerung von Lebensmitteln, fügt Foodwatch-Geschäftsführer Bode hinzu: "Bei Menschen in Entwicklungsländern, die 80 Prozent ihres wenigen Geldes für Essen ausgeben, entscheidet eine Preissteigerung von einem Prozent über Leben und Tod."

Deshalb fordert Bode neben dem Rückzug der Banken aus der Nahrungsmittelspekulation von EU-Kommission und Bundesregierung den Erlass von so genannten Positionslimits: "Maximal 30 Prozent aller Futures dürfen zum Zweck der Spekulation gehandelt werden", heißt es in dem Report. Um überhaupt zwischen Händlern mit physischer Nahrung und Spekulanten unterscheiden zu können, sollen die Kapitalquellen letzterer trockengelegt werden: Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungen sollen nicht mehr in Rohstoffpapiere investieren dürfen, ebensowenig wie Privatanleger. "All diese Investitionen machen volkswirtschaftlich überhaupt gar keinen Sinn", meint Bode.

Doch setzt er offenbar wenig Hoffnung auf die zuständige Bundesverbraucherschutzministerin: "Frau Aigner ist nach vollmundigen Ankündigungen zur Regulierung im Januar inzwischen jämmerlich vor dem Bauernverband eingeknickt". Die Bauern profitierten von steigenden Nahrungsmittelpreisen. Doch eines hält er nach dem Foodwatch-Report für erwiesen: "Die Behauptung der Spekulations-Gewinner, sie seien für die Preissteigerungen nicht verantwortlich, ist nicht mehr haltbar. Das kann jetzt jeder leicht verstehen."

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Ihre Freitag-Redaktion

17:35 18.10.2011
Geschrieben von

Sebastian Puschner

stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Politik
Schreiber 0 Leser 62
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