Mensch Banker

Kapitalismus Aus 200 Interviews mit Finanzmanagern der City of London hat Joris Luyendijk ein Buch gemacht. Was bleibt, ist Mitgefühl
Sebastian Puschner | Ausgabe 27/2015 2
Mensch Banker
Linke blicken auf Banker wie Rechte auf den Islam, sagt der Buchautor Luyendijk

Foto: Shaun Curry/AFP/Getty Images

Da sitzen Leute an einem Essenstisch, von denen die meisten sich nicht kennen. Einer stellt sich als Chirurg vor, ein anderer als Banker. Dem ersten fliegen die Sympathien zu, der zweite muss sich gegen Angriffe verteidigen. „Die Frau neben mir explodierte fast“, erzählt der Banker, „,Ihr seid Parasiten‘ und so weiter. Sie ließ alle Hemmungen fallen, und unter dem Tisch rieb sie gleichzeitig mit der Hand über die Innenseite meines Oberschenkels.“

„Happy Banker“ hat Joris Luyendijk diesen Mann genannt, „glücklicher Banker“. Er ist einer von 200 Angestellten des Finanzdistrikts der City of London, die Luyendijk interviewt hat für sein Blogprojekt auf der Seite des Guardian zwischen 2011 und 2013. Damit hat sich Luyendijk, einst Kriegsberichterstatter in der arabischen Welt, nebenbei um eine journalistische Innovation verdient gemacht – in der Kommentarfunktion unter dem Blog explodierte eine Diskussion zwischen Autor, Protagonisten und vor allem Lesern. Deren Anregungen griff Luyendijk für die nächsten Artikel und Schwerpunkte auf, immer neue Banker meldeten sich zum Interview, um sich hernach heiße Debatten mit dem Guardian-Publikum zu liefern, meist geprägt von der Verachtung dieses Publikums für dieses böse, mächtige Reich des Londoner Finanzdistrikts. Zeitungsjournalismus inmitten der Digitalisierung kann großartig sein.

Perfekte Meritokratie

Vom analogen Kondensat all dieser Recherchen, von Luyendijks neu erschienenem Buch Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt, lässt sich das zunächst nicht sagen. Wen will man noch hinter dem Ofen hervorlocken mit der Erkenntnis, dass es nicht die Gier der Banker war, die die Finanzkrise 2007 losgetreten hat? Dass sich nichts ändern würde am unkontrollierbaren, gefährlichen Spiel der Finanzialisierung, würde man alle 250.000 Banker der City auf eine unbewohnte Insel verbannen und durch neue, unverbrauchte Leute ersetzen? Es ist das System, stupid! Wissen wir doch alle. Und schnauben verächtlich, wenn die G7-Finanzminister, wie neulich in Dresden, über einen neuen Verhaltenskodex für Banker beraten, um die Finanzmärkte sicherer zu machen.

Und doch ist mit der Lektüre dieses Buchs und seinem Anspruch, eine anthropologische Annäherung an die umstrittenste Berufsgruppe unserer Zeit zu bieten, ein gehöriger Erkenntnisgewinn verbunden. Was bleibt, ist Mitleid. Mit Bankern.

„Happy“ ist der Banker mit der Oberschenkel-Geschichte bald schon nicht mehr. Gerade noch hat er alle Vorwürfe Luyendijks abgewehrt: die Skrupellosigkeit, das Risiko und die Krisenanfälligkeit, den Mangel an gesellschaftlichem Mehrwert des Sektors und die obszönen Millionen-Boni. „Fast jeder in meiner Bank ist anständig und okay“, sagte der Happy Banker. Ein paar Tage später ist er entlassen worden, mit allem, was dazugehört: Sofortige Sperrung von Telefon, E-Mail-Adresse und Zugangskarte, der Gleichgültigkeit der Kollegen, der Frage, wie sich jetzt Haushypothek und Privatschule der Kinder bezahlen lassen sollen und vor allem: unter völliger Abwesenheit irgendeines eigenen Verschuldens, eines Fehlers, mit dem sich seine Entlassung rechtfertigen ließe. Der Mann wird wegen angeordneter Einsparungen von einem System ausgespuckt, das er, ohne Diplom eingestellt, selbst gerade noch für die perfekte Meritokratie hielt: „Es geht einzig darum, was du kannst.“ Jetzt ist der Happy Banker ein Häufchen Elend.

Selbst schuld? Augen auf bei der Berufswahl? So einfach ist es nicht. Linke blicken auf Banker wie Rechte auf den Islam, sagt Luyendijk im Gespräch nach einer Lesung in Berlin: „Sie wissen nichts darüber, zimmern sich aber aus Berichten über abgehackte Hände, zerstörte Kulturgüter, die Taliban und den IS das einheitliche Bild von einem Muslim zusammen.“ Ebenso haben Linke eine genaue Vorstellung von Bankern, aber die basiert auf nicht viel mehr als darauf, American Psycho und Michael Douglas’ Gier-ist-gut-Rede in Wall Street gesehen zu haben. „Damit tun wir uns als Progressive keinen Gefallen“, sagt Luyendijk.

Denn die Banker seien nichts anderes als „die bestbezahlten Opfer eines Systems, das uns alle zu Opfern macht“. Drei Viertel des Lebens vor Bildschirmen in einem Glasbunker hängen, den eigenen Partner und die Kinder nur vom Telefon kennen, die Beerdigung der Großmutter wegen einer Geschäftsreise verpassen, alle alten Freunde verlieren in der Hoffnung auf ungebrochenen beruflichen Aufstieg. Alles in einer Branche, in der es angeblich so egal ist wie nirgendwo sonst, welchen Geschlechts man ist, aus welchem Land und welcher Klasse man kommt, welche sexuelle Orientierung man lebt. Deutsche mit türkischen Wurzeln gehen in die City, weil sie zu Hause auch noch als Türken gelten, wenn sie schon längst kein Türkisch mehr sprechen, studiert haben und als deutsche Staatsbürger wählen dürfen. Wenn es heute eine Perfektion des liberalisierten Arbeitsmarkts gibt, dann ist es die Bankenbranche, zumindest die in London und an der Wall Street, denn dort kommt man ohne jeden Kündigungsschutz aus.

Und natürlich ist all das eine Scheinwelt, eine große Lüge: Oder wo sind all die Frauen, Schwarzen, Schwulen und Arbeiterkinder in den obersten Chefetagen des internationalen Finanzkapitals? Und was sind die Banker, die sich jeder einzeln für eine Ausgeburt an Individualität halten, anderes als Konformisten in Reinform? Konformisten, die moralische Fragen verdrängen oder strikt egoistisch beantworten, meist aber allein die Existenz einer moralischen Kategorie schlichtweg ablehnen.

Anonymisiert

Fast jeder von uns kann im Berufsbild des Bankers ein Profil erkennen, das wir rundherum ablehnen, dem wir aber meist doch irgendwie, zumindest ein bisschen, ähneln. Was den Umständen geschuldet ist, in denen wir leben und arbeiten. Diese Umstände sind im Finanzsektor so stark wie nirgendwo sonst von falschen Anreizen und vor allem vom Gebot der Verschwiegenheit geprägt. Was einen niederdrückt, darüber spricht man nicht, oder zumindest nicht offen – fast alle seiner Interviewpartner musste Luyendijk aufwendig anonymisieren. Immer mehr Leser berichteten ihm jetzt aufgewühlt, erzählt er, dass es in ihrer Branche ganz ähnlich amoralisch sei, in einem Krankenhauskonzern, in einem Industriebetrieb, im Journalismus.

Wenn es also nicht die Gier der Banker ist, die uns immer noch in ständiger Ahnung vom drohenden nächsten Crash, in wachsender Ungleichheit und Amoralität gefangen hält, so lohnt es sich trotzdem, sich mit den Akteuren dieses Finanzsystems zu beschäftigen, ihnen mit Interesse und Empathie zu begegnen. Es gäbe dort mehr Alliierte als gedacht, ist sich Joris Luyendijk sicher, für den radikalen Umbau dieses Sektors, ganz abgestorben ist die Moral noch nicht. Darum brauche es für die Definanzialisierung nicht nur Reformen und politischen Kampf, sondern vor allem die Kultur – Filme, Bücher, die uns dafür sensibilisieren, dass die Welt der Banken kein hyperkomplexes, unauflösbares Gebilde sei. Sondern etwas, das man verändern kann. „Durch Holland tourt gerade eine Gruppe mit einem Theaterstück über Geldschöpfung“, sagt Luyendijk. „So ein abstraktes Thema, aber 150.000 Leute haben es schon gesehen!“

Info

Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt Joris Luyendijk Anne Middelhoek (Übersetzung), Tropen 2015, 267 S., 19,95 €

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